bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein
in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der
Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will,
und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber
eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin,
denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme
zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich
gewünscht hat, aber es ist zu spät.
Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben
und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm
Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat
ich manche Nacht.
Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend
sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon
gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er
sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen,
die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem
er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein
grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu
wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja
auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus
Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen
als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier
das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte
Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich
daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich
bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte,
in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er
ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein,
denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel,
der war ja nicht ans Bleiben gebunden.
Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer
Verlobung gemacht, voller Süße und voller Weissagung des Schönsten und
hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, daß
er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte
mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore hatte er eine
stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob
mir das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatte schon eine
Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken ließ; am liebsten hätte
er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm
gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er hing an mir, aber es kam nun
auf einen, den ich kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der
Welt.
* * * * *
So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden
sollte. Eleonore wollte eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie
gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen,
wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden
Hochzeitsfeier gewissermaßen die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei dieser
Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither
in allem so gut als möglich entgegengekommen und hatten darum friedlich
gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, daß ich selber in vielen Dingen
meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig
waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen
aufzählten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste
überlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß es
Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß hier zwei wichtige Namen
ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich
hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu reden versucht; sie
wußte aber immer das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ
mich auch dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzung
geben müsse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts
von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn
ich nicht blind und taub gewesen wäre, so wäre es mir wohl ein sicheres
Zeichen gewesen, daß sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den
Hochmut überwunden, der in ihr groß und mächtig war.
Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken getan sei und sagte
gleichmütig: »Ach, ich dachte, du würdest sie nicht einladen wollen, was
sollen sie denn dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.« Dabei
sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein Stäubchen von meinem Rock,
weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt
gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung zu sagen, was mir
ganz selbstverständlich und mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: »Wie
kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind
meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen
kommen, es geht gar nicht anders.« Vielleicht polterte ich das, weil es mit
einem Anlauf geschah, ein wenig gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore
gegenüber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errötend an und
sagte kühl verwundert: »Was ist das für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß
ich sie nicht bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu der übrigen
Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen
etwas dankst, so ist das deine Sache.«
Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich überkam ein Trotz und ein
Elend zugleich; ich fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt in
meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich
entgegenwallte; ich hätte meine Braut am liebsten in ihr weißes Gesicht
geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wußte, daß
ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben würde, obgleich ich dachte: »Du
Affe, du bist sie ja gar nicht wert.« Da änderte sie auf einmal den Ton und
das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte sich an mich. »Sei doch lieb,«
sagte sie, »verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich
nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt Rücksicht darauf nehmen.
Wir können sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile
besser, du siehst es später selber ein.«
Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatsächlich
besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich
aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu
allem gewinnen, was sein mußte und recht war.
Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in
einem Blumenladen in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha
gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Gärtner
geheiratet und also ihren Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu
bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den
alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs
hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es
nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut
mehr dazu hatte, kam ich von ungefähr dazu.
Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte
eine anständige Würde in ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl
freundschaftlich begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, und sie
schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, denn sie sah mich mit
herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß
nichts von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend an die Dame. Es
wurde ausgemacht, daß bei unserer Trauung die Kirche geschmückt werden
solle, und es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei
dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir übel
zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in
ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, wählte und verwarf, an
einen Tag, da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut den
Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und
ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen
Blick nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich einen von Hertha auf,
der schien mir spöttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an
mir vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Gärtnersfrau
selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie
heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen
blühenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich
selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen
und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine
hohe sein sollte.
Es war meine niedrigste.
Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz
mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte
Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie
ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im
Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber
mit einem Bübchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken,
kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein paar Gärtnerburschen
anwies; sie waren beide große, stattliche Leute und sahen fest und freudig
aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. Es brannte in mir,
daß ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch
einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das
war drüben am andern Ufer. Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es
gehe, obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen und
freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß ich nicht glücklich sei, und
es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und
sagte, daß er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er gedacht
habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich
stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und
sagte: »Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wünsche
ich Glück.« Er hatte für mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern
aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem
ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, früher hatte ich
das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollte ich
sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende
Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war über allem draußen und hatte es
gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen in ihrer schönen und klaren
Freudigkeit. Herr Kasimir saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben
dem Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, und daß sie
irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir
ein, daß der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister
wußte, und ich dachte, daß gewiß alle Menschen irgendwie miteinander
zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam.
Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends
kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte
nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr
Kasimir, daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er
hätte es weiter bringen können, da er von guten Gaben und guter Bildung
sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine
leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe
umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt habe, während deren ihm dann die
Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschätzt.
Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe sündige, lebendiger sei, als wer aus
kalter Tugend gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, die
wissend geworden seien durch heißes Verschulden. Wissend und verstehend.
Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu
dem Zeitler gehen wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber
gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; denn ich sündigte weder
aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen
und durfte niemand fragen.
* * * * *
Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, später wieder
gelesen, als ich ihn in ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin,
so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es war kein freies und
trotziges Sündigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er
tut, im Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet
ohne Reue, sondern ich litt, während ich tat, was ich verurteilte, und tat
es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und den
Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet hätte, nicht bezahlen
konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir
selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir
beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig
handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine
Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die
mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach,
mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm
und zerschlagen, in die Hand gab.
Es war über allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem
Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: »Heute kehrt Maidi in die
Stadt zurück.« Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand
bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich
erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen
Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, in dem es mir aber seltsam wohl
gewesen war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das
Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.
Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das
gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der
Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in
herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saßen
dichtgedrängt auf den Telephondrähten. In wenigen Tagen würde auch ich mit
Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und mußten
uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag dann
noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, ich wußte es. Würde es
mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen
Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschähe? Es war so
lieb und so leidvoll zugleich. Draußen war eine warme, föhnige Luft; die
Höhen und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz und Klarheit; ich
fühlte mich sonderbar laß und müde und hätte am liebsten meinen Gedanken
freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir
das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben,
denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie es
nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehört
hatte, daß ich verlobt sei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten
nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wußte, dann wußte
sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und
verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich
wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es
führte keine Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde ich gewahr,
daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwürdig
grellen Licht; ihre Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von
einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und um diese Jahreszeit
ungewöhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus
gegrüßt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und
es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht
habe? Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als warte sie
draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle
die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie
hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und war unerbittlich und
furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das
Tagträumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da
sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch
mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten
hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr
Kasimir wollte mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und nagelfest
machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bündel
schnüren und ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschäft
und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit
aller Kraft und allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn es doch
etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte mich, an Eleonore zu
denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und
hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen
zurückhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und
sah blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr
lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah,
kleine bräutliche Zärtlichkeiten für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß
sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe und das im Kampf mit
ihrer kargen Natur sich verwunde und abmühe, um leben zu können. Es schien
mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben
hatte. Gestern abend war sie so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie
hatte mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte Lippen gegeben und
gesagt: »Ich wollte, wir wären schon weit fort, und es wäre alles vorüber.«
Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glänzende
Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun können, alles bis ins
kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie
sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht
gereuen. Es gab wohl viele Männer, die eine Jugendliebe in sich begruben,
wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich,
der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und Übermalen meines Innern
geworden war, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß ich als ein
Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verließ mit straffen
Schritten. Sie waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und Herr
Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in
guten Händen, und daß es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und
Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht
erschauernd, sagte.
Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal,
Eleonores Geigenspiel gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. Sie
hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen
war, so hatte sie mich auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und
Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich
riefe mit feurigen und verheißenden Tönen und mit hinströmender Klage über
ihre eigene eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, bis ich
von den Geschäften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig,
ihr zu zeigen, daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte
aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und
verwahrt und schien sich zu wundern, daß ich mitten im Vormittag
heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und
gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich sie gehört habe, zog Eleonore die
Brauen leicht zusammen, wie unwillig. »Ich habe etwas geübt,« sagte sie,
»was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen
versprochen habe.« Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine
bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus über den sonnigen Rebbergen
der Stadt in Waldeshöhe stand. Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter
Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu
spielen, freute mich, daß sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spät
genug zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das mich so angezogen
hatte. Denn ich konnte des Geschäfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend
nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine
rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend zugleich, ich wolle aber alle
Rätsel in ihr auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange,
wie ich sicher zu wissen glaubte.
Der Nachmittag war noch schwüler, als es der Morgen gewesen war. Die Luft
lag still und stickig über der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen,
machte ich früher Schluß, als ich eigentlich im Sinn gehabt hatte, und ging
den Rebbergen zu. Ich hatte ein lähmendes Kopfweh, das ich auf die Föhnluft
schob und das mich veranlaßte, einen kleinen Umweg im Freien und in der
Einsamkeit zu machen, um nachher vor den Leuten besser bestehen zu können.
Daher ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen Staffeln in die
Höhe, sondern blieb auf der Straße bis da, wo der Wald in einer schmalen
Zunge zu ihr herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch goldbraunes,
raschelndes Buchenlaub, das hier und da den Boden bedeckte, anfing
hinaufzusteigen. Das Rauschen unter meinen Füßen weckte irgend eine
Erinnerung in mir, der ich nachspürte, bis es mir einfiel, wie ich als
kleiner Bube im heimischen Stadtwald an der Hand meiner Mutter gegangen war
und glückselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her aufgehäuft hatte, was
genug war, mich mit Lust und Wonne zu erfüllen. Es schien mir aber um
hundert Jahre zurück zu liegen, oder vielmehr in einem vorigen Dasein
geschehen zu sein, und ich konnte auch nicht lange bei der lieben
Erinnerung bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windstoß von der
Höhe herunter mir entgegen, der die schlaffe Schwüle zerriß und sich als
Vorbote eines Unwetters ankündigte. Ich beschleunigte daher meine Schritte,
um nicht draußen zu sein, falls es schnell hereinbreche. Es wurde zusehends
dunkler unter den Bäumen, was noch nicht vom Einnachten kommen konnte,
sondern von heraufziehendem Gewölk, das der Wind vor sich herjagte. Ich war
auf der Höhe angelangt, wo der Garten des bekannten Hauses sich in den Wald
verlor, von demselben nur durch ein dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter
getrennt, und wollte gerade auf die schmale Tür zugehen, als ich hinter der
grünen Wand, aber dicht an derselben, sprechen hörte. Und zwar war es die
Stimme meiner Braut, die, als ich ganz nahe war, in hörbarer Erregung
sagte: »Du hättest nicht mehr kommen sollen. Wir hätten uns nicht sehen
dürfen. Es ist genug, daß ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes
Sein hindurch lüge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, solang ich denken
kann. Ich will es nicht noch durch die Tat tun. Es muß das letztemal sein.«
Ich fühlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, als ich diese Worte
hörte. Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen und mußte nun weiter
mitanhören, was mich und den Bau, den ich mir errichtet hatte, in Scherben
schlug.
Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben gestanden, im heftig
wehenden Wind, der die Kronen der Bäume herumriß und mir die gesprochenen
Worte zutrug wie auf Flügeln, und unter den jagenden Wolken, die stets
tiefer zu hängen kamen. Doch wird es wohl nicht lange gedauert haben, nach
menschlicher Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein können, daß sie von
Leben oder Tod überfließen. Ich will es mir sagen, wenn ich meines
Gerichtstags gedenke, daß es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Güte,
was dort unter den Bäumen auf mich wartete. Wo nähme ich sonst den Mut her,
es noch einmal heraufzuholen? Da es ja lange her ist seitdem und ich es
könnte ruhen lassen.