Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners

aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie

verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht

sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor,

möchte aber womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das,

damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm

vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da

ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen,

wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe,

wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde,

und kurzum, er habe nun geredet.

Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so

daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den

weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren

Schatten wir nun hingingen.

Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun

als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: »Oder sind Sie am Ende

schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles

ändern von Grund aus.«

Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles

überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die

Sache zu überlegen.

Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das

Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser

sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins

reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das

Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.

* * * * *

Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den

Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte

ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war,

dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte

ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon

gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war.

Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und

als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und

stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem

Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun

nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle

Stimme riefe.

Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen,

daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen

Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen

Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen

haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht,

daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch

zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere

Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte

Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und

zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an

guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das,

daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen hätte, da er mir so

sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch

einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen

Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich

nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt

hineinging.

Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal

wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich

bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu

treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir

vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch

die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und

dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so

unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus

von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte

freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit

der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit

ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte

leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.

An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen

hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß

ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im

stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas

Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und

das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im

Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte,

das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich

nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten,

dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte,

daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden

benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht

gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt

betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen,

es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im

Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.

Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem

Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon

wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu

singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe

und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte

Eleonore lächelnd: »Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage,

daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,« und Herr

Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein,

sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh

wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu

begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in

einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den

Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich dachte, sie werde

bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand,

der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund

geflogen kam.

Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge

geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der

Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber

mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben

dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die

Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer

wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und

Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi:

Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in

Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages

verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub

anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen

zu können.

Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe

bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei

Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie

geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich

mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in

die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete,

sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft

gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen

spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes

geleistet hätte.

Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir

nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er

merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein

unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut

gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein

Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte,

es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und

wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in

die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne.

Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es tat, etwas, das mich

ebensogut hätte von der begonnenen Bahn zurücktreiben können, wenn ich

nicht schon das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens und Wollens

auf diese Seite gelegt gehabt hätte. Es war ein Brief von meiner Schwester

Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, daß ich so

lange nichts von mir hören lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude

meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie

etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei

doch ihr Segen über mir; sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut

mit mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in eine gute und

sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen

könne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ich denke.

Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch?

Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte,

um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete

Familiengrab mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen und sich einiges aus

der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies

konnten freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi

hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, daß sie meine Schwestern

hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. In dem Briefe

stand das freilich nicht ausdrücklich, aber es ging für mich aus dem

Folgenden hervor. Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir

gesprochen hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren geläutet hätten?

Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit

längerem nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, sie sei

nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche Zusammensein mit mir, so daß

es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr

aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das

müsse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen

nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt

habe.

Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben ihr zweites Kindchen an der

Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber

gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe Gruppe mit

entzückten und zärtlichen Augen angesehen, so daß man wohl gemerkt habe,

wie sie sich auch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief war voller

Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude

damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es

stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann

einmal alles zu erzählen, was sie geredet hätten -- hoffentlich an

Weihnachten, wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, was ja

natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einsähe.

Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel mich aus dem Brief heraus

alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete,

und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb.

Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schönen, sommerheißen Tage.

Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wäre gern

gelaufen, so weit mich meine Füße trugen, denn es war alles vorbei und

umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet mit

ganz andern Fesseln, als sie wußte, und so, daß ich nicht mehr heraus

konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach

ihr wie ein verlorenes Kind.

Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher

Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin

ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen für eine

Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte

soeben das Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter

geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem

steinernen Tisch auf der Terrasse sitzen mit einem Haufen abgeschnittener

Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weißen

Hände lagen unbeschäftigt mitten in den Blüten; sie sah aus, als erleide

sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer

verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine

jagende Röte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah

mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie

jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier

sei. So oft ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht hatte, wie ich

es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener

Leidenschaft für eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe,

weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mußte sie

aus der drängenden Glut meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender

Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht mehr auf Antwort

warten könne, für sie entbrannt sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in

den Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: du lügst, und den

ich übertäuben mußte, da er mich sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß

Eleonore tief erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie

gebannt in die Augen sah, und daß ein schluchzender Laut aus ihr

hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von

Feuer in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten

in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer

Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte,

und die sie unterdrückte: »Sie sind anders, als ich meinte. Ich wußte, daß

Sie kommen würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.«

Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schloß aber plötzlich die

Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog,

wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines

Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste stärker. »Willst du mein

sein?« fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit

geschlossenen Augen, so daß es mir fast unheimlich war.

Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und löste

sich aus meinen Armen. »Man muß mich nehmen, wie ich bin,« sagte sie, und

zwang sich zu einem Lächeln, »ich kann keine Zärtlichkeit geben; sie liegt

mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten.« Da bezwang ich mich, aber ich

dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben können

mit der neuerwachten und ungebändigten Glut meines Innern?

Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei

meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte,

aber doch in der Haltung einer Herrin: »Ich brauche Zeit zu dem allem; es

kam so plötzlich.« Auf ihrem weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst

hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich

an den Steintisch nieder, so daß der Tisch zwischen uns war, und bedeutete

mich, es auch zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung etwas wie

Mattigkeit, so daß es mir recht war, wie es geschah.

Wir fingen an, dies und das von der Zukunft zu reden, indes Eleonore

fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre

Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise

zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah.

Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache

einen andern Menschen an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn die

steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich

zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte

zu meiner Tat finden können.

* * * * *

Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein

Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns

gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten

viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns

ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend

sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen

zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei,

und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus

verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde.

Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit

seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen

hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen.

Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man

nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns

keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir

unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart

ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um

Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns

nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er

wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine

Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme,

da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir

fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch

in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten,

wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere

Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre

Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige

und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen.

Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu

ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu

zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes

zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich

traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und

tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich

hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei

zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl

der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, uns die Wege

zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns

Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts

sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder

zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf

dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ,

um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch

verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde,

da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und

bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen

wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil

seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.

Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden

solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum

doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu

bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in

ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten

werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute

sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders

gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen

über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie

darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und

es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und

Erfindungsgabe zugleich.

»Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,« sagte

sie, »das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein;

aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja

auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach

herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im

Sinn.« Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne,

und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war;

sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte

ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es

jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich

schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit

schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was

immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt

es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war

mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen

Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der

letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine

andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen

voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun

inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das

immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte

es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner

Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betracht kommen durfte.

Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen

können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte

Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die

von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen

ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und

schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht.

Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und

von der ich nun geschieden war.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 18 / 24 段