Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren

eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie

offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich

vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre

blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen

Weile: »Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?« Es waren aber erst zwei,

und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden

Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte

ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen

sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne

Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht

darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein

Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden

einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen

hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief,

entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und

vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit

der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst

gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand,

tief atmend: »Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es

alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei

selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn

man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.« Sie breitete wie zur

Entsühnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der

vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen,

das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund,

unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen

Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen

könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen

gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.

Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen

Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt

und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben,

das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als

Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück

weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam

noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden

Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis

gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser

Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der

Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der

Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen

den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu

blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen

dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es

war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich

beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir

hatte; und Maidi sagte: »Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.« Sie

meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut

für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus,

denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte

und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich

hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus,

denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die

letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen,

wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug,

der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend

einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich

brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse,

die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange

Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und

flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß

ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in

meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art

war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.

* * * * *

Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte

ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu

besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs

Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles

dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe,

dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir

stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem

nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr,

wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die

Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich

dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer

wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer

Gemeinschaft, Maidis und meiner.

Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es war unsäglich schön,

rückwärts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort,

einen überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht so darauf

geachtet, so lange ich immer neue, schöne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich

vom Vergangenen zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und

beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus

dem Dunkel taucht, bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht,

so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz

beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe.

Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Riß in dem

festen Gefüge ihrer Pläne und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder

zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere Hingabe an ihre

Arbeit. Und doch immer wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen

Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht mehr anders zu helfen

wußte, als daß sie ihn einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs

Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam verborgen habe, daß sich

ihr Herz mir zuwende, so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft

geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das

machte, daß mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich

vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich

andern vorzog.

Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft zu entscheiden, denn

ich war nicht mehr frei und unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich

Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich aber, so ließ ich

die erwünschte Gelegenheit zum schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um

nicht das eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich mich immer

wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder

übermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte.

In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal

dem Zünglein der Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen neigte. Er

fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen und bat, ich möchte mich

rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er

habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, die er im Sinn

habe, in möglichster Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat,

steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und Herdenken fahren und

schrieb ihm, daß ich komme, da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund

dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den

Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem

dunklen Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein könnte und hatte,

wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum.

Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und

setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen

Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er

etwas von seiner Starrheit verlieren möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu

erzählen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan hätte oder

zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah

mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: »Da will

ich dich lieber gleich totschlagen,« und er tat es auch.

Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, als ich zu mir kam. Ich

schüttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie

ich meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem ich beschloß, nun

einmal ohne nutzlose Quälerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi,

mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den ich immer noch

nicht ganz los war, -- Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten

und sie auch mir gelassen.

Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines

Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte

ich nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der

Zukunft und ging guten Verhältnissen entgegen, die ich schon ausnützen und

immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes

um den Weg sein sollte.

Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf ein, der gehörig zu

imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich

einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir heute schon Freude

bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das

ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und ließ uns

hinein? Aber es gehörte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen.

Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue

Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu

sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung

Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich

rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei

Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glück zu machen.

Und nichts und niemand sagte mir, daß ich von meiner besten und

glücklichsten Zeit Abschied nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein

verlorenes Paradies zurückschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt.

Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Stätten zurückzukehren,

um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum von

außen und innen sei, und wußte nicht, daß ich in mir selber gefangen sei,

unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein

selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.

* * * * *

Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng,

niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der

probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der

Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe

rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng

gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige

Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der

menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in

menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger

Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und

Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem

ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den

Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der

geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern,

wo der Segen schließlich landete.

Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald

zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge,

Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich

dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar,

der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte.

Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark

zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem

ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt

hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt

zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die

Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten

Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem

Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte

mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und

je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu

haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er

freudig und verschämt und sagte flüsternd: »Ja; und diesmal ist es etwas

nach dem Leben,« worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich

wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und

ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges

zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern

ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im

Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als

nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den

Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.

Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für

dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens

herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu

zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit

ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er

auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam,

wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor

mir ausbreitete.

Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen

Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft

hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu

haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse.

Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des

Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als

Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem

Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern.

Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte

man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die

aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt

hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und

auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise

noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden

Himmel auftauchten.

Fräulein Bitterolf -- von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich

nicht mehr verschieben läßt -- verstand es in der Tat gut, ein Haus zu

machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich

nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens

kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte,

und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher

auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen

Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens

für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene

Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die

zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der

Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem

warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem

geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend

aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen

Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung

fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und

nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick

nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war

nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen

merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere

Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines

Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches

Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung

desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein

wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in

Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich viel im

Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als

Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in

dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und

Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt

hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die

Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr

verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich

dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die

richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi

zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den

Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste

lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir

nur der Widerhall.

Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht

geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens

wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und

selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens

gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle

erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen,

wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in

einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte.

Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in

ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz

selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnete sich alles für

mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand

mein unersättliches Verlangen immer nach mehr.

Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da

mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte,

aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft

Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt,

ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht

nicht die Augen, was mich wunderlich quälte.

An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von

weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute

Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend

vorweisen mögen.

Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der

Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der

Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen

waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich

damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit

ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich

erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den

Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig

war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von

Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in

der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich

mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich

ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.

Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen

kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit

Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel

Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der

Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt

wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken,

gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe,

und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber

doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze

Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt

aus Lust an dieser Art von Musik.

Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt

war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann

ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn

ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf

sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine

Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und

wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine

Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel.

Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an

und sagte: »Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben

Sie etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese

nach und nach erst zu genießen geben?« Und Herrn Kasimir hörte ich zu

seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr

jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen,

die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne

weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber

überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich

auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich

bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte

Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte

nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung

meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den

Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor

entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir

anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er

nun nicht mehr hinausschieben wolle.

Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus

und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu

machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er

hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten

geschehe.

Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und

wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der

Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände kommen lassen wolle. Wenn

er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen

natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne

Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so

einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze.

Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen

gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch

die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie

ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit

seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit

allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das

heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch

noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln

würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach

gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie

wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er

mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben

hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich

sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich

gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 17 / 24 段