Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als

ich am Montag abend zu ihr kam, war sie selber voll von einer großen

Neuigkeit, die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer an der

Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, den neuen und prächtigen

Landsitz eines Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge

lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte Maidi mit noch ein paar

andern Schülern und Schülerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht,

ihm dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters mit ihnen dahin

ausrücken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in

die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit

als praktische Vorbereitung auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll

brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung auseinanderzusetzen.

Sie hatte schöne Entwürfe für Vorhänge und Wandbekleidungen im Kopf, und

auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal

für ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren:

Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen

und Hummeln, die auf Blumen saßen.

Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mußte, so

kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Veränderungen und

Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch

freudig angeregt aus und kam mir höchstens etwas schmäler vor, und als ob

sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein

konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte,

meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal ein Duett,

in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und

wichtig, und jedes mußte dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben,

und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, aber welches am

meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei

Gelegenheit der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits eine schöne

Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prüfung,

die im Herbst stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer Lehrerin

an derselben Anstalt, für die sie sich nach der Ansicht des Professors

besonders gut eignen würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich

bescheidenen Grund unter die Füße gab. Das war es ja, was Maidi gewollt

hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle

anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt

weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, träumerisch vor sich

hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter

Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet

habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich

an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort

getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: »Sehen Sie

jetzt, wie schön es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen

kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so

behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.«

Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte

leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: »Ich habe es ein bißchen

anders gemeint,« und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah,

obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen

machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie

sie mir schon erzählt hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das

geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer

lieblich anzusehen, und ich hätte es gern häufig hervorgerufen, um sie dann

betrachten zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir

erzählt hatte und was über all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund

gestanden war.

Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgärtlein, in das

durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille für mich

erblühte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir heiß dabei, aber

auch seelenwohl, und ich machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf

Maidi zu, denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles von ihr und

von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen

das neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, und beugte sich, noch

tiefer erglühend, über eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das

dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und

eifrig beschäftigt dem Anschein nach: »Jetzt wird einmal vor allen Dingen

das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand

behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu

sagen.« Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber

mir machte sie nichts mehr weis. Es mußte heißen: »Warte noch ein

Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.«

Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und

Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer

sie bekam, der mußte froh sein an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und

selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es

war begreiflich, und man mußte ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin

die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß Maidi sich

ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne leise in den Arm genommen und

geküßt und mußte mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in

mir, wie noch nie zuvor.

Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches Gespräch zustande. Maidi

mußte schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu

tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein

Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den

Schülern ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von

jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte

keinen Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, die mir

öd und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte.

Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch gleich abreisen und meine

neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi

und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht

vielmehr noch eine Zeitlang in der schönen Entschlußfreiheit leben wolle?

Und wie es dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Da würde dann wohl

die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das

komme noch auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich habe sagen

hören, das Examen gemacht werden, und sie könne dann auch immer noch

hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei

vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht

frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und

wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, daß ich fort

kam, denn ich war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu

vieles zu stark in mir um.

In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi am nächsten Sonntag ein

gutes Stück weit begleiten konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis an

eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu

ihren Gefährten stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und

mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am liebsten noch einmal ausgegangen, um

es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, und sie war

nicht Olbrich, sondern ein feines und köstliches und vornehmes Frauenwesen,

das jetzt hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf Pfeifen ans

Fenster kam.

Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so

daß es weiter nicht verwunderlich war, daß auch meine Traumgebilde auf

Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in die dortige Gegend,

sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich

folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle Tannenfront da,

die den Weg begrenzte. Die Bäume waren aufrecht und in Reih' und Glied

gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten

mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weißen Kleidern und mit

grünen Seidentüchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz

hellen und hohen Stimmen, so daß es mehr gesungen als gelacht war. So

gingen sie an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren konnten. Es

waren aber eigentlich Männer, die ums Leben gern die feinen Mädchen, die

die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert hätten. Sie zwirbelten

ihre Bärte mit düsteren Gesichtern und ließen die Augen herumlaufen, als

wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da

wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die

größte und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier wehen. Da war

es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich

konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. »Ich

bin gewiß nicht schuldig,« sagte sie zärtlich und traurig und hatte die

leuchtenden Augen voller Tränen.

* * * * *

Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte,

so zittert mir aufs neue das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die

Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu haben, was mich im

tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist

ineinander verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ich mir

vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort der Selbstbespiegelung und der

Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was mache

ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und

Schmerzen, die sich stets erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte

daraus hervorgeht?

Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt

neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem

Frühlingstag, der über uns blaute, und der alles sprossen und blühen ließ,

was nur im Lichte webte und sich drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie

eine glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, und überall, wo er

seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes,

frisches Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blühende

Bäume uns entgegen. Sie war so voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem

Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grüßte, Mann, Weib

oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre,

dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit

zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und

einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen

Lebensunterhalt bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig aufgestanden an

diesem Morgen, weil mir die nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen

schien, und vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung

weiter gepflegt, aber das war nicht möglich neben dem freudigen Leben, das

erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur

Stelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen

Bauernhöfen vorbei, die übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe

erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm

dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es

unter den mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr geübt

hatten, und besonders Maidi brachte alles Mögliche hervor, das sie gedacht,

erlebt und geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen

sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch

nicht so leicht tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung

sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem

Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das

wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen

Holzknechtshütte vorübergingen. Es wären alle diese Orte wie Blätter eines

Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich

brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin

stehen, aus- und inwendig.

Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte,

in deren früherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten

Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus bäuerlichen Verhältnissen

stammte. Sie mußte es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war

und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene

Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles

Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mir nun wiedergab. Wenn

ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, daß ein Menschenleben, das

sonst wohl schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, noch einmal

eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberfläche des Stromes, der uns

alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich

vergangen sein werde. Wer weiß?

Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr längere

Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs

gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefühlen hing, als nach

einer Reihe von Jahren noch ein Nachzügler erschien und das ganze

Zukunftsbild durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, da in jener Gegend

die Erbschaftsgebräuche dem Jüngsten den Besitz zusprachen, während die

älteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel

umzustoßen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen

geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines

regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den Tag vor sich, an dem er

den geliebten Hof verlassen mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es

durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er

nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich

war. Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er aber so gut als

möglich zu verbergen und auch zu überwinden trachtete, wovon ihm aber nur

das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schönes

und zutrauliches Kind war, hing an dem großen Bruder und ging ihm auf

Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßend

behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu

erringen. Der Ältere wurde auch manchmal gerührt, wenn der kleine

Lockenkopf sich an ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam

wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf ihm durch sein bloßes

Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen,

die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er den Tod des Bruders

wünschte.

Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, und zwar

durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die

beiden Buben spielten, und das sie für entladen hielten, losging und den

Kleinen niederstreckte, ohne daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der

Große war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im Tiefsten wach

geworden und sah sich als den Mörder seines Bruders an, der er ja freilich

auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber

hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er verfiel in eine schwere

Gemütskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein

Rest dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann in den Besitz des

gewünschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich

war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und

neben der er gleichgültig hinlebte, ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller

Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein Erbe, und auch

diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hände

kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die

Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres Mannes zu erwerben gehofft hatte,

hinweg, und auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, als

sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber

nichts mehr versäumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so

guter Vater zu sein, als irgend möglich, und auch nicht mehr zu heiraten,

um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das von

sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege

friedlich schlummerte. Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, fand

es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun auch dieser teuer bezahlte

Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu

und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind

und trotz des großen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit

war, wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. Die Sonne habe der

Blinde, der sie nur vom Hörensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und

Hände ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu

umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie

gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen

feinen, beweglichen Händen leise, träumerische Melodien auf dem Harmonium,

das der Vater ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen und zu

hören gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und

doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen

sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller

Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber auch sein Verhängnis

gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal

und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun.

Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher

Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen

wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und

ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht

besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der

kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten

Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte,

der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich

sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch

nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art

Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das,

was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und

eine Verpflichtung auf Ferneres schien.

Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind

nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier

umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste

Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen

hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in

solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er

sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt und habe also leben

müssen, bis er sein Werk getan habe.

Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets

Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen

stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite

gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals

wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher

erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er

erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles

geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse,

aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück,

das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und

noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man

dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen

wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben,

nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die

Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen

erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht

gesehen und seine Seele sei genesen.

Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es

das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu:

»Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne

solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und

gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchte ich, aber vor

Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte

ich mich entsetzlich.« Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis

befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus,

daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig

und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und

schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen

müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz-und Augenweide für die

andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein,

es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich

angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische

hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer

dazwischen hinein, sagte: »Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen

Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich

inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.«

Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und

hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so

recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in

der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns

ausgebreitet lagen. »Ich will es einmal versuchen,« sagte Maidi

träumerisch, »mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf

Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden

Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir

dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.«

Ludwig Fugeler: Roman · 第 16 / 24 段