Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tür war verschlossen, und

als ich den großen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und

schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nicht hineingehen, sondern

meinen Strauß an die Tür stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und

alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte

ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein

wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Straße. Ich ging auch nicht

heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da saß ich allein an einem

Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die

ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und

Gefühlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, Maidi

und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und daß sie von

Kindheit an große Vorsprünge vor mir hätten, die ich nie einholen konnte.

Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz

einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend

beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht

angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem

jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der

man reden und die man aufzählen konnte mit guten Namen und Titeln.

Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch

verbieten, und sie würden es mir morgen mitteilen und sagen, daß ich der

Nächste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war

übel und nicht auszuhalten.

Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, daß Maidi

oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und

hie und da aufgesucht hatte, und daß sie mich antrieb, ihnen oft zu

schreiben und sie sogar grüßen ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen

sei, welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, wenn wir allein

gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst

besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns

beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam

immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir

zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jämmerlichste und Quälendste waren, da

sie lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen und zertreten wurden.

Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle.

Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und

hoffte, ich würde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch

die menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte

unruhige Träume, und kam am andern Morgen bedrückt und armselig ins

Geschäft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden,

wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war aber gar nicht da, und als er

den Tag über nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm

wüßten, und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und habe den Chef um

ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten.

Es handle sich um eine auswärtige Stelle als Privatsekretär bei einem

politisch großen Tier, für die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen

trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufällig

aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein

anderer Herr vorgemerkt, Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein

anderer ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch eigentlich wissen,

da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da

konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi

auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf

irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie schrieb aber nur,

ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas

überanstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule

habe, und fügte dann hinzu: »Ich freue mich, bis wir wieder einmal

miteinander wandern, in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege noch der

ganze Winter auf mir. Maidi.«

Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach

Glückseligkeit und triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe

gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder unvergebener Kränkung.

Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht

war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute

sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen

mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht

getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei

Maidi zu finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze Wirrnis

hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme.

Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie

vorher, und ich wünschte fast, er möchte mich wieder mit wechselnden Launen

quälen, zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene

Augenblicke herausgeschienen hatten.

Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen und gepanzert,

arbeitete rastlos und wie für drei und betrieb daneben die Vorbereitungen

für seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich

beworben hatte, und mußte sie bald antreten. Im Geschäft ließ man ihn

ungern gehen, und doch mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte,

denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht

mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben

oder in weiter Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder

herbeizuholen.

Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich zu mir hersandte, und wußte

mir auch den nicht zu deuten; denn er war spöttisch oder bitter und ein

wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, ihn zu fragen: Warum

siehst du mich so an, und was ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext

und verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche lang. Abends war

ich immer allein. Da nahm ich das eine oder andere Buch in die Hand, las

eine Weile darin und stellte es wieder zurück und schrieb einmal an meine

Schwestern. Helene hatte voriges Jahr ein Kind bekommen und erwartete das

zweite. Und Luise bügelte, wie immer. Ich schrieb, daß ich im Sinn habe, an

Weihnachten heimzukommen, und es lief mir allerlei Anhängliches, Warmes in

die Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl noch aus und kehrte

bald wieder zurück und kam mir wie auf einem fremden Stern vor. Denn so

wenig ich es schwer nahm, einmal rücksichtslos und gleichgültig gegen die

zu sein, die mich liebten, und die auch ich zu lieben meinte, so wenig

ertrug ich es, wenn es mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu

Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es kam ein Briefchen von ihr

mit wenigen Worten. Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern zu deren

Verwandten aufs Land und kam erst Montags wieder. »Es ist ein

Genesungsausflug,« schrieb sie, »nun bin ich bald wieder die Alte.« Ich

hatte mir aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; es war

unwürdig und ging nicht länger, wie es war.

Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem Fenster, ganz wie sonst. »Machst

du einen Lauf mit mir?« fragte er. »Es ist so schön stürmisch.« Das war es.

Der Wind trieb die Wolken vor sich her und sang sein Lied in den Bäumen des

Gartens, auf den jenseits der Straße der Blick aus meinen Fenstern ging. Es

war eine laue und lebendige Nacht. Der Wind kam aus Südwesten, und

vielleicht regnete es morgen oder auch heute noch. Ich war in einer Minute

unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander her; geredet hatten wir

noch nichts; es hatte ja Zeit. »Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,«

sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstraße waren. »Das ist ein gutes

Stück zu gehen und nachher ein gemütlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will

der Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer gut zu mir

gestellt.«

Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander her, lange. Es ging zuerst

auf der Landstraße hin zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre

langen Haare schüttelten, dann durch ein Dorf und dahinter eine Anhöhe

empor. Ganz oben sah uns ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne

in der Hand und ging damit um ein Haus herum, das schwach erhellt zwischen

Bäumen lag. Da sagte Olbrich: »Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut

gewesen, daß du es nicht getan hast. Wir feiern aber heute meinen Abschied,

und es ist mir lieb, wenn du gut an mich denkst, denn ich habe dich gern,

trotz -- hm, trotz manchem. Ich muß dir etwas sagen, so lang es noch dunkel

ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf eine Karte gesetzt, und sie hat auf

Gehen entschieden. Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und,

kurzum, es hat mich ein Mädel ablaufen lassen, das ich gern geheiratet

hätte. Das hätte mir nicht passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir

gesagt, ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht sicher sei, kein

Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. Es ist ein verdammtes Gefühl. Aber

was will man machen, wenn man eine Entscheidung braucht und wenn man spürt:

Die will ich, oder keine? Ich habe gemeint, es könne mir nicht fehlen. Sie

will aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt und vielleicht auch

meint. Es sei ihr noch lang wohl so. Es ist aber anders, so viel ich

gemerkt habe, und es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie

vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand beizeiten den Star

sticht. Denn er ist sonnenblind, und es muß gut gehen, wenn es gut geht mit

ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist vom Kopf bis zu den

Füßen ein rares Mädchen und gäbe eine feine Frau. Aber die Mädchen sind

manchmal so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben herein, wenn sie

den König haben könnten. Na, sie müssen's ja wissen. -- Da ist die Friedel

mit der Laterne. Grüß Gott, Friedel! -- Du, höre, drinnen reden wir dann

nicht mehr davon, gelt? Es verträgt noch nicht viel bei mir.«

Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns an den großen Tisch in der

Ecke beim Ofen, wo wir schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch

anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige Friedel trug Wein auf, wie

sie es gewöhnt war, und Olbrich machte ein paar Späße mit ihr, es war aber

nicht viel damit los, und er ließ es bald wieder sein. Und ich saß stumm

und geschlagen daneben, denn es war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft

gefahren und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich wußte und sah

alles. Ich hätte so gerne gesagt: Gelt, es ist Maidi! Aber ich durfte

nicht, und es war ja auch nicht nötig, ich wußte es ohnehin. Und der Bube

war ich, der König aber Olbrich. Denn er war voll hohen Selbstgefühls und

von rasendem Stolz, aber er durfte es auch sein, denn er hatte Kraft und

Willen und Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt,

und -- es quoll etwas Süßes und Holdes in mir auf -- meinetwegen?

meinetwegen? Vielleicht täuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.

Da hob Olbrich das Glas und stieß mit mir an. »Laß das Nachdenken,« sagte

er. »Es kommt nichts dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen

sein, wie früher, und dann sehen, was wir aus uns machen. Vielleicht

begegnen wir uns wieder, und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden

ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straßen auf der Welt, und

man kann immer nur eine gehen. Hör' du, da habe ich, glaub' ich,

versehentlich etwas gesagt, was für dich ins Stammbuch paßt. Man kann

immer nur eine Straße gehen und muß wissen, welche man will. Du denkst

immer noch, es stehen einem alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern

man hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn man eine andere

einschlägt, so muß man umkehren, falls man noch kann. Es ist meistens eine

teure Sache. Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt

vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. Aber ich denke jetzt ein bißchen

anders. Denn du hast die Augen überall und willst rechts und links zu

gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dümmsten Streiche, wer

weiß? Na, -- du mußt es dann selber zahlen. Du hast auch kein rechtes

Augenmaß für groß und klein, und vielleicht kommt dir bei einer Gelegenheit

das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel nicht aufpaßt.«

Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich gut an ihm kannte, aber

heute tat er mir weh. Denn wir waren nicht beisammen, wie früher, obgleich

er es verheißen hatte; es stand etwas zwischen uns, das auf keine Weise zu

entfernen war; es stiegen bittere Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf

der Zunge, und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, daß er litt, und

vielleicht hatte er auch in etwas recht gegen mich, und ich legte ihm die

Hand auf den Arm und sagte: »Vielleicht wird es nicht so schlimm mit mir.

Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und voneinander wissen? Warum sollen

wir uns künstlich meiden, da wir einander doch nichts getan haben? Es wird

ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber haben und auch seine

Wegweiser. Du hast doch auch nicht aus dir selber gewußt, was du mußt,

sondern hast ein Mädchen gefragt.« Als ich das gesagt hatte, erschrak ich,

denn er konnte nun auffahren und es sich verbitten; aber er lächelte trübe

und sagte: »Ja, ja, die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir wollen

einander aber nicht anpredigen, du hast recht, und auch nicht verlieren.

Wer weiß, ob wir einmal froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar

Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute ist.«

Wir saßen noch lange und redeten noch allerlei, aber nichts mehr von der

Liebe. Er kam in eine größere Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich

ziemlich viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte Dame, wie er

seine Mutter nannte in der Art, wie die Studenten von ihrem Vater als dem

alten Herrn sprechen (sie war nämlich noch nicht alt, sondern hatte etwas

mädchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches blondes Haar). Sie vermißte ihn

natürlich, und ich sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ängstlich,

ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbändel etwas länger, der

nie zerreißen konnte. Ich war froh, ihn von dem allem reden zu hören und

sagte selber nicht viel. Denn wovon hätte ich reden sollen? Ich hatte genug

zu denken. Ich hätte eine ganze Nacht hindurch gehen können und hätte noch

nicht alles bedacht, was in mir stürmte durcheinanderhin. Wir waren kein

Kleeblatt mehr, und Olbrich ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir

selber aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzückte und

schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund neben mir saß und daraus

verwiesen war.

Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging mit Tränen in den Augen hin

und her und setzte sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer gut

Freund mit Olbrich gewesen, und er küßte sie zum Abschied und hängte ihr

einen Achatstein an einem Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da

an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Türrahmen und weinte leise und

herzlich; wir aber gingen durch die brausende Frühlingsnacht den Berg

hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; ich sah meinem Freund

nach, so lang ich konnte und hörte dann noch im Dunkeln seinen Schritt

hallen; es wäre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. Er war in

allem anders als ich und war oft schroff und launisch gegen mich gewesen;

ich konnte niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag in unserer

Natur und war unser Schicksal, daß unsere Wege sich trennen mußten. Aber

mein Herz hing doch an ihm, und es ging ein Stück Leben und Jugend von mir

fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, der kam durch die Lücke,

die er gemacht hatte.

Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Tisch, die war von Herrn

Kasimir Hagenau, meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt gekommen

und war nun dagewesen und lud mich auf morgen in sein Gasthaus zum

Mittagessen ein. Da trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich

meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. Doch hatten wir

immerhin manchmal Briefe gewechselt, und ich wußte, daß Herr Kasimir eine

Vorliebe für mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber nicht weiter

verwunderlich war. Jetzt, da er wieder auftrat, freute es mich, mit ihm

zusammen zu kommen, denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und

anschlußbedürftig, und es war doch ein gutes Zeichen für mich, daß er mich

noch aufsuchte und einlud. Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, daß

er mich ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert hatte, und

ich war neugierig, ob er darauf zurückkommen würde. Aber das letzte, was

mir in den Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein grünes Kleid an

und ein weißes Schleiertüchlein am Ausschnitt und lächelte mich an. Sie war

ein Königskind, aber ohne Schloß und Land.

* * * * *

Herr Kasimir saß im Lesezimmer des Gasthauses hinter einer Zeitung, als ich

ihn aufsuchte. Er sah noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht

etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch einen kleinen Bauch angesetzt.

Als er mich erblickte, ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander,

daß es mich an den Abend erinnerte, an dem die Bitterolfschen Geschwister

angekommen waren; er stand auf und schüttelte mir beide Hände, so daß ich

fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wärme anfangen solle, denn

ganz so herzlich hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand

sich aber, daß es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine Schwester

zusammenhing, die er sehr vermißte, und die mir doch gut gesinnt gewesen

war, und als die Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein wenig weich,

denn es stieg ein liebes und wertvolles Bild vor mir auf, wenn ihr Name

genannt wurde, und es war etwas von Heimat für mich um sie her gewesen.

Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, als er mir während der

Mahlzeit ungefragt noch dies und jenes aus Fräulein Brigittens letzter Zeit

erzählte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans Essen und Trinken, so

daß es mir fast komisch vorkam, ihn so die Rührung mit hinunterschlingen zu

sehen. Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir auf; denn ich

konnte ja meine Gedanken nie verstecken, und er sagte wehmütig: »Ja, was

wollen Sie, man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich muß ja sagen, es

kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: es schmeckte mir trotz alledem, wenn

ich so allein am Tische saß in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr als

früher, weil ich nicht viel anderes hatte, was mich freute oder anregte bei

den Mahlzeiten. Ich bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle

vielleicht das Bild eines gleichgültigen Selbstlings vor, was aber nicht

ganz stimmt.«

Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir den einsamen Mann, dem es aber

dennoch trefflich schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den

Perücken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie sie ihm alle teils

mißbilligend, teils wohlwollend zusahen, bis er sich den Mund wischte und

gesegnete Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, zu dem er es

sagen konnte, und nun tat er mir wieder leid, so daß Lachen und Mitleid in

mir kämpften. Ich sagte irgend etwas davon, daß ich mir wohl denken könne,

wie still es nun in seinen Zimmern sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen

und halb triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar bis vor kurzem so

gewesen, aber nun nicht mehr, denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte

Eleonore, die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle nun alles

auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus machen, was sie auch ausgezeichnet

verstehe.

Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden Schmunzeln, wie etwa ein

Vater von seinem Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe Geld

auszugeben wie ein Alter, wobei man aber doch merkt, daß das Wohlgefallen

daran seine Grenzen hat.

Ich war sehr überrascht, die kühle Blonde aus dem Norden als Dame des

Hauses Hagenau vorgestellt zu bekommen und fragte, ob sie auf längere Zeit

dableiben werde, worauf Herr Kasimir sagte: »Ja, wohl für immer.« Sie sei

Waise geworden, schon voriges Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger

Jurist, der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die Vaterstadt

verlassen habe, um das übliche Wanderleben der ersten Dienstjahre

anzutreten, so sei sie zu ihm übergesiedelt, was für beide Teile das

Natürliche sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich von der

Sache rede, doch forschte ich nicht weiter darnach. Es fiel mir wieder ein,

wie mühsam ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung der jungen

Dame gestrebt hatte, und es schwellte mich ein stolzes Gefühl, zu denken,

daß es damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter und vielseitiger

Mann geworden, soviel ich von mir wußte. Ja, es reizte mich in diesem

Augenblick, ihr unter die Augen zu treten und eine hübsche Unterhaltung

leicht und spielend mit ihr zu führen.

Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, sagte da Herr Kasimir: »Erinnern

Sie sich eigentlich noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb

ausgemacht haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? Und ist es Ihnen noch so,

daß Sie es gerne täten? Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein

Geschäft eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie

jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzüge. Man ist

nicht auf eine bestimmte Arbeit beschränkt, sondern übersieht das Ganze und

hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und außerdem -- ich

hätte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich

leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu hätte ich Sie im

Sinn. Es hängt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und

nach einrichten ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich

hätte lieber die Hände noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue

Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. Überlegen Sie es

einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, daß Sie gar kein Kapital

brauchten, sondern vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe man dann

wieder.«

Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und zu

Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder

Gefügte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, daß es bei mir so

gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich

dennoch ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi hätte nur zuhören

sollen: »Und kurzum, Sie passen mir.« Und so weiter.

Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß etwas Glückliches

irgendwoher kommen konnte, es mußte immer alles erworben sein. Was mich

betraf, ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das Haus Hagenau war

vornehm, alt, angesehen und das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schon

hatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben

sprach Herr Kasimir weiter. »Wohnung und Tisch im Hause könnte ich Ihnen

freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände sind nicht so gelegen

dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich stets willkommen als Abendgast

und etwa Sonntags. Ich würde mich immer freuen.« Jetzt fuhr wieder er mir

zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier

auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich

machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es müsse

überlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes,

indessen könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im

Geschäft gebe es ohnehin auch zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle

Aussicht, vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse doch nicht

heute entschieden sein? Nein, das müßte es nicht, doch sollte es auch nicht

mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen dürfe,

Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, ja, das war es; wenn

er nur schon abgereist wäre, daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es

brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trübseligen

Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem

letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit

trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern

nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir alles

miteinander besprechen würden.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 15 / 24 段