Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten

und ein mitgenommenes Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so

heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien

anfeuerte, in denen die ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging.

Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine,

steil abfallende Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin ging der

Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit

dunklen Wäldern bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert;

es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der

Fluß, der hier ein geringes Gefälle hatte, schien ganz still in seinem

Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrängte; auf einer der

ferneren Höhen lag ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten einer

alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern von dunklen Bäumen beschattet

waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge

heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der

goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns

herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn

damals waren unsere Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und Fernen.

»Ach, ich weiß nicht,« sagte Maidi, »von nahem ist es vielleicht nicht mehr

so schön, wir können uns aber von weitem alles Schönste hinter den alten

Mauern denken.« Sie hatte sich im blühenden Heidekraut ausgestreckt und

sah, die Arme unter dem Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum

blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schloß mit einem

wohlig tiefen Seufzer die Augen.

Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen.

Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen

Gesang vernehme, der verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt

mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir

unsäglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug,

sah ich Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten Rande des Abhangs

stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hörte sie ein Lied singen in

einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und von der mir jetzt noch

hie und da verwehte Bruchstücke in der Erinnerung anläuten, lieblich und

voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühen Abendnebel um den Fluß

und das junge Erlengebüsch an den Ufern, die Häuser und Türme auf dem Berge

aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang:

»Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.« Aber ob sie in Wahrheit

eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wußte ich nicht, und nun

kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir

stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die

Abendschatten.

* * * * *

Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich noch viele beschreiben; es

sähe dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile jung

und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht,

sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in

sein Verhängnis hinein.

Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste Kamerad bei allem

dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so müßte es immer

fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den

liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das

Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte.

Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genießerisch

gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen

läßt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne

gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns

wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen

Gespräch aus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise

den Kopf schütteln, denn sie wußte gut genug, was es mit den unbegrenzten

Lebensmöglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte

plötzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig

zu sein und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen

und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit.

* * * * *

Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr

ausgeflogen; jetzt hatten kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet,

und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch zu machen und zugleich

einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er

mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters grün geworden sein, und

ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber

unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. »Vielleicht ist

sie noch auf, und wir können sie fragen,« sagte ich; denn es war

selbstverständlich, daß sie an dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster

in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien

noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten

wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her,

und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen

Pfarrerswitwe, der das Häuschen gehörte, und bei der Maidi in Kost und

Wohnung war. Sie kannte uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die

Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wußte,

daß ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb

vertraulicher Gruß.

Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Fräulein sei unten in der

Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf

zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen müssen, um

ein Mittel, das die Frau gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht

im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen bei den Kindern

geblieben, die ohnehin an ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch

wenigstens wie an ihr, der Rosa.

Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran

interessierte, daß Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der

Rosa, wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber sie sich trotz der

späten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und

ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer Schritte und Stimmen

kam Maidi aus dem anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie

hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke

eingewickelt und hatte das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber

auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem kläglichen Weinen, das

wir eben noch gehört hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick

sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst an Maidis erstaunten und

etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spät noch

gebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser Stunde nicht üblich sei,

und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen

triftigen Grund dafür angeben zu können. Da brach Maidi in ein herzliches

Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft in

ähnlichen Fällen, und sagte: »Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein

Unglück gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe

nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natürlich gehe ich

mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gespürt.«

Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, aber nur das eine aus Maidis

Rede entnommen, daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue

in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und

schluchzte: »Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,« welche

Worte es nun unaufhörlich wiederholte in immer kläglicheren Tönen. Maidi

setzte sich mit dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Schoß

und sagte tröstlich: »Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei

dir,« und trocknete das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein,

fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb

sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich

lieblich anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, hellblaues

Morgenkleid an, in dessen Falten das Bübchen lag wie in dem Mantel einer

Muttergottes auf einem Altarbild, und ich hätte mich am liebsten behaglich

niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es

kam aber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder des Schoßkindes aus dem

Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: »Geht doch fort, geht doch

heim,« denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir hätten den ganzen

Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien

Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, es seien lauter

gute Leute hier, wir fühlten uns aber dann doch überflüssig und nahmen

Abschied. Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und

Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als

Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm

zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der

kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er

Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir überlassen.

Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie

beiläufig: »Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die

erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat.

Sie ist auf Dauer; ich müßte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.«

»Und?« fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, daß sich der

Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht würde

anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wäre.

»Ach, ich weiß noch nicht,« sagte er, und es war, als unterdrücke er eine

heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. »Frage mich nicht.

Wenn ich es dann selber weiß, sage ich's dir. Es hängt noch von einer

Sache ab, die zuerst entschieden sein muß.«

Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir

seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse.

Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie

gedankenabwesend, lässig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen,

herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen

wieder alles von sich warf, um lustig und übermütig zu sein, so daß ich

mich nicht recht mit ihm auskannte.

Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich

bald von mir, so daß ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg

nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein

verändertes Wesen war mir noch nicht eingefallen.

Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich so blind gewesen sei, nicht zu

merken, wie er ganz in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte es mir

dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei früheren Liebessachen so ganz

anders gesehen hatte: spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die

nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, da ihn noch nichts

recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine

Maidi dabei gewesen.

* * * * *

Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult herüber, an dem wir beide

arbeiteten: »Wartet morgen früh nicht auf mich, ich habe anders über den

Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.« Ich sah enttäuscht und etwas

geärgert auf und hatte eine scharfe Entgegnung über seine schwankenden

Launen auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein bleiches,

überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus

brannten. »Bist du krank?« fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte den

Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein

ganzes Herz gewann.

»Armer Kerl, ich plage dich,« sagte er gedämpft, daß die Herren im nächsten

Zimmer es nicht hören sollten, »doch auch mich selber. Warte noch ein

Weilchen, es wird dann schon wieder recht.« Und ich war zufrieden und

dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm

stören; es tat mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen,

denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nähe

hatten.

* * * * *

Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verändertem Wesen zu reden; ich

wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, sie

konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja so gut, daß ich schon

manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn

sich ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen

geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es

immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den

Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.

Es kam aber ganz anders an diesem schönen Morgen, als ich gedacht hatte.

Ich traf Maidi zwar sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßig

gerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich nicht dabei sei, der

das Warten nicht gut ertragen könne. Er gehe nämlich nicht mit.

»Ja, ich weiß,« sagte Maidi, »er hat es mir mitgeteilt. Sie müssen aber

heute den schönen Wald auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch nicht

ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau

Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. Und

das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und

ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe.« Sie sah mich dabei lieb und klar an,

aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom

ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber plötzlich an

Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang

damit zu haben schienen. Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung,

die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den ich darüber empfand, ein

ungewohntes Mißtrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte

bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen.

Das Kind werde so gefährlich krank nicht sein, und je nachdem Leute

mitgegangen wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine

Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es

verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr wohl nicht

geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen übermüdet

gewesen wäre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall

nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich blaß und hilflos an; aber

ich spürte plötzlich eine brennende Eifersucht in mir, die mich blind

machte gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da sie nichts

erwiderte, als ob ich recht hätte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe,

ja es dämmerte mir, die beiden hätten sich verabredet hinter meinem Rücken,

heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel

und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß,

Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und

Zutrauen. Ich wußte mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles

neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich

erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht

Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen hätte.

»O still,« sagte sie leise und mit zitternder Stimme, »so dürfen Sie nicht

reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.«

Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Röte, und es liefen ihr ein

paar Tränen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß

sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch.

Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn

ich mußte ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie

konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre Hand, die eiskalt war,

und sagte bestürzt: »Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts

gewußt, es ist auf einmal gekommen.« Denn ich meinte, sie habe alle meine

Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein.

Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte an der Wand und wartete eine

kleine Weile, dann sagte sie: »Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir

denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.« Ich sah sie verlangend an,

denn es mußte noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen:

»Maidi!«, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Kränkung jetzt, wie mir

schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es

durfte unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch

bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mußte gehen und

meiner selbst Herr werden, es half mir niemand.

Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wäre ich

heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als draußen, ich

mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, und das war nicht

leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es läutete auch in

die Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam ich vorbei, dort

hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in

Sonntagskleidern durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen

Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und

vielleicht konnte ich das üble Gefühl, das ich von mir selber hatte, dort

drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in

langem Ausschreiten durch ein Wiesental und über einen Bach, dessen Ränder

ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den

Wald, der richtig im festlichen lichten Grün prangte und mit den

grausilbernen Stämmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es

standen Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen und die

lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begrüßen wollen

nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frühling feiern. Der war

auch da und war so schön wie je. Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und

riefen mir zu: »Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,« wie wir bei uns

daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: »d' Zit isch do, d' Zit

isch do.«

Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst

je erfahren hatte. Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem Haus ging

mit ruhigem und freudigem Gemüte und einen schönen Tag vor sich zu haben

glaubte mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es gab, und daß auf

einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser

ausströmten, und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller

Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, daß man einem Menschen, dem

man alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust?

Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frühlingswaldes und war

unglücklich genug und hätte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran

hätte geben können. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir

alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fände, und es fielen

mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in plötzlichem

Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein

abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich gewesen war.

Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in

acht nehmen, das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein

oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen

Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.

Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was für dunkle Ungetüme

noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht

mußte ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwören,

obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber

ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mußte

ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es

verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber,

die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr

Wissen. Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das

fühlte ich durch alles hindurch, sie gehörte zu mir und meinem Leben; ich

mußte Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon

das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht

fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde

und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein,

daß sie mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika glückliche

Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es

war alles ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte,

und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen

hat und rote Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche daran

aufgeblüht.

Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie bitte der Mutter nun alles

ab, was sie je bitteres über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach

ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder

rechte Mensch müsse das tun. »Obgleich ich hoffe,« hatte sie hinzugesetzt,

»daß es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.«

»Ja,« dachte ich nun im Weitergehen, »dir wird es wohl leichter gemacht

werden, denn wer einmal etwas so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der

läuft nicht mehr davon.«

Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen Kräften und aller Einheit

meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das

ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als

alles Äußerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an

ihr hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher war und so frei und

vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und

ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte.

Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, die später in meinem Haus und

Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den

schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis

Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstück war. Das konnte ich

mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen

Abend in ihrem hübschen Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen

zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an

die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war.

Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt,

das man am besten noch lange so ließe. Aber der war von irgend etwas

verscheucht und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt und beiden mißtraut;

da überfiel es mich von neuem, daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß

ich mich gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus

mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr käme, und brach ein

paar hellgrüne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen.

Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend und doch auch

gesänftigt und mit frischen Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das

Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der

Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte

den Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer hinein. Ich hörte

gedämpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm

antwortete. Oben war es dunkel.

Da überfiel mich von neuem das grimmige und wütende Mißtrauen, als ob sich

die beiden über mich hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und

belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch

nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lügen

konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte,

wenn sie etwas wollte.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 14 / 24 段