ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast
erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte
das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor,
wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll oder wie der Saft aus einem
zurückgeschnittenen Baum, der übermächtig treibt und die Wunden zudeckt mit
neuen grünen Trieben. Es mußte ja nicht immer so düster kommen, man hatte
ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag und in dem es gut
und hell zugehen mußte, allem Dunklen zum Trotz.
Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und
den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt,
weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu können,
wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick.
Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint
hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu
Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte,
war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus
reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war
stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, daß es einmal wieder gut kam im
Leben.
Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung nur das Äußerlichste, so
viel ungefähr, daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das
nach eigener Wahl und aus innerem Müssen den schönen Künsten nachfolge,
sondern mit einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu stehen
und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mußte das Brot auf einem
Acker gewachsen sein, dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn und
blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit wäre sie geistig oder
seelisch Hungers gestorben.
Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da
noch etwas Zeit übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das
Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens
doch als solche, die einander etwas angehen. »Ist es nun nicht wunderbar,«
sagte Maidi, »daß wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde
zusammentreffen? Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach
einer andern Richtung hinwehen und absetzen können, wo dann keines etwas
vom andern gewußt hätte?« Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher
Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich
mußte mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen
Richtungen getragen und niedergelassen hätte, und Maidi fiel so herzlich in
mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht hätte und
nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder
die Züge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, daß ich sie auch in
der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.
»Ja,« sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekümmernis, »es
hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft
selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, besonders wo es wichtig
auftritt und sich breit macht, überwältigt und ich dann alle Kraft brauche,
um die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder
bei einem an sich traurigen Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen.
Es darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene
aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwänzelnd hinter einem
Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es
ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so
hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann nur einen
Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln
zuckt, so weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos in sich
hineinlacht, und dann bin ich verloren.«
Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war
vielleicht auch der Fall, aber es saß doch ein Schelm in ihren
Augenwinkeln, und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen
Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht
eine Sache für mich. Das Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz
rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu
meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit.
Wenn -- weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angeführt habe, für
das Zusammenfließen so vieler und starker Tonmassen -- im großen Weltmeer
hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrönlein einander
von weitem erblicken und grüßen und darnach wieder untersinken in die
weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und
ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben
an dasselbe, andächtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas,
das mit Zunicken und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, daß es
nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der
Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die
Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurückreichte; und
so, erwärmt und heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend und
wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte Wonne hinein, wie sie mir
später einmal mit aufleuchtenden Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor
einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getöne
anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket -- und
singet -- und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein großes
allgemeines Frohlocken entstand, das die Wände zu eng machte und in die
Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und
sangen -- und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den
starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles,
lustiges Glöcklein neben einem vollen Domgeläute für sich bimmelt, als ich
auf einmal sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das
ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Großen
her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf den
hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann war sie köstlich anzusehen.
* * * * *
Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt an öfter mit Maidi zusammen
kam, die mich mit einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit an
ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand
in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen
Grundlagen erschüttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst
besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht
verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit dem es sich leben ließ.
Ich muß etwas aus mir selber machen, wußte sie, und muß auf eigenen Füßen
stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wußte, was sie wollte und
was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit
nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wußte ich auch, wenn
man das Wollen heißen kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles
Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit
aufgewachsen, daß ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der
Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfüllten
Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte Dinge
für erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte
ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte sich
nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es
nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte,
war nicht genug.
Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts:
ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war
in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und
in einem schönen Hause wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen
Frau und was mehr zu dem allem gehörte.
Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, war nicht seither auch eins
aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen war?
Also mußte es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich
freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich viel Selbstgefühl
hatte, dachte ich doch nicht daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben
durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete sie von
glücklichen Zufällen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen
mußten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die
der Bescheidenheit den Tod schwor und große Männer dabei zum Zeugen
aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem
niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, wer es aber in sich
habe, den treibe es hinauf. Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir
um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wäre, und
wenn mich ein inneres Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines
Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie ich es zu brauchen meinte,
und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht müde
wurde.
Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht
habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hieß ich
Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit
geworden war, und Aufwärtsstreben, was erst recht am Boden klebte.
Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.
Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja
gerade ein Beispiel dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte
Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles
Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte,
ohne mir aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohl meine Zuflucht
als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog
mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von
ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie nicht nur das Ziel,
sondern auch den Weg wollen ließ, und die mir Respekt einflößte.
* * * * *
Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern müßte und mich
glücklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern
Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir
wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis war? Und mußte sie nicht ihr
schönes junges Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf ein
Pflichtendasein ausgehen?
Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham über unser
ärmliches Häuschen, auf dem besten Wege zu einer allerschönsten Villa
(wenigstens in meinen Tagträumen)?
Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar
nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschütterungen äußerer und
innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu
gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie
wenig riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst zum Guten oder
Bösen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glücklichen
Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen
behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, und denen das eigentliche
Glück, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu
rechter Zeit erkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch,
was ich versäumt und gesündigt habe, habe ich bezahlen müssen. Und -- wie
ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich
liebte.
Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken
und bin gewiß, daß Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan
habe, sagen würde: »Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wußte wohl, was
ich tat, als ich dich liebte.«
Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schützen, und Maidi kann ihn
nicht über mich halten. Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste und
traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so höhnt etwas in mir: Kann
auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die Sonne
selber gering achtete, sich trösten, daß er doch von ihr beschienen worden
sei und es also wert gewesen sein müsse?
Dann aber sagt eine liebe Stimme: »Gräme dich nicht länger. Wir tragen alle
unser Schicksal in uns selber und müssen es vollenden. Das war das Liebste
an meiner Liebe, daß ich dich vor dir selber schützen wollte; nun tue du es
selbst.«
Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu machen für das, was ich nun
aufschreiben will, und was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun,
wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife
machen, ehe sie mit der Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück
verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem Geschrei des guten
Gewissens.
Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was
ihr ebenso nützlich war, wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar
Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht
verborgen bleiben, daß sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die
Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne
Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes
schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie besitzt, das
Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das
geistige.
Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis Maidi den Anweisungen der
Lehrer in den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie sich, zwar
bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte,
eine kleine Änderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung
nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewöhnlich zu sehen
sein, wie sie bei Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium
betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die
nötigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem
einverstandenen Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen
hört, dasaß. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt
nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Großvaters
nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste
untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei
Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi
ihrerseits in den Singverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber nicht
als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen
Anlässen an den Chorgesängen. Auch benützte sie ganz selten die
Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer größeren Geselligkeit
beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wäre. Beidem aber entzog
sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen
setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wußte, was sie wollte und auch was
sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer
Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach
verwendete, sagte sie lachend: »Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann,
aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, so würde ich
ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie.« Das traf mich
einigermaßen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige Pflege
angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein
Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und
sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: »Es ist verschieden, was man unter
nötig versteht. Mancher hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut,
und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer dem einen tun muß, es
kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist.« »Und Sie
also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als
ich es mit meinen Büchern bin?« sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf
keine Weise unten durch sein. »Dann lassen Sie sich nur sagen, daß ich mir
an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde und
vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Künste
verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.«
Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und flegelhafte Gerede
entfahren war und hätte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im
Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi ihrer Sache so
sicher war.
Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge
Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön
und lieb und bewunderungswürdig genug.
Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebückt Dasitzenden langsam
von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso
langsam wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber ihre Hände
zitterten ganz leise, fast unmerklich.
Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: »Sie ist doch
auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber
bin ein Esel von der besseren Sorte,« und das letztere sprach ich auch
reumütig aus.
Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen
Brauen, dann mit einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und sagte:
»Stimmt,« worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsäglichen
Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich
diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte,
und plötzlich sagte Maidi nachdenklich: »Eigentlich, wenn ich's recht
überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich weiß
nicht, was Sie wollen,« und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht
darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir mußten nur gute Freunde
sein.
* * * * *
Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie
wir öfters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge
leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten
uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der
meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemäßigteren hemmte.
Ich hatte nie daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich sein
könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf los zu steigen, wie ich ja
überhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu
fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von
einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber
nicht besaß, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen
aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi eine helle Röte im Gesicht
hatte und viel kürzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch
diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte,
damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr
sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, hinzu, sie habe einen
kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene
Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. »Und ich
denke auch alt damit zu werden,« sagte sie triumphierend, »denn ich habe
eine solche Lebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken muß. Ich
glaube, man kann es überwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch
die Übung aller Kräfte,« und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den
Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurück, daß ich tatsächlich
dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu
leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen über ihren
Herzfehler nicht zu unterdrücken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb
ärgerliches Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige Wesen da
neben mir eine Beschädigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim
Anstoßen an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren hört, das
von einem noch verborgenen Riß zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen
wahrnehmbar, aber man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines Tages in
Stücke gehen. Doch kam ich schnell über das dunkle Unlustgefühl hinüber, da
ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt
erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns herging.
Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: »Sie müssen dann nur Ihr
Herz vor großen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden,« und meinte
damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber
es fiel doch uns allen dreien ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten
würde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Stürmen
des Schicksals abzuschließen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und
Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schüttelte auch den
Kopf und sagte: »Schonen, würde ich nicht leben heißen,« und brachte das
Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich
und mir, der ich nicht viel mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches
Haus von außen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten
Geländer, den großen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flügeltüren, was
alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut
und ausgeschmückt und die es bewohnt hatten. »Wir selbst waren andere, als
sie, und nun wohnen wieder andere darin,« sagte Maidi, und obgleich ihre
ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt
plötzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh und Trauer
nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah
Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit auf ihr liegen;
Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die
Treppe hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den grünen Garten
hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber
lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen
zurück, und sie sagte: »Auf dem oberen Boden ist noch eine große
Rumpelkammer voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem Bruder und mir:
Bilder und Geräte, Zinn-und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein
paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe voller Teppiche und
Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die
Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schönen Bilder, die
mit dem Gesicht an der Wand lehnen und die wohl gar nicht begreifen
können, wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich unter ihnen
herumgingen.« Sie lächelte uns an, wie entschuldigend, daß sie von solchen
Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich
wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, da sie weich und fein und
verletzlich war, von sehnlichem Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und
freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte
mich gar nicht ersättigen, sie reden zu hören und sie anzusehen, und ich
wunderte mich nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit
zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder.