Vetters, überkam mich, vielleicht in dem Wohlgefühl über den zärtlichen
Abschied mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte Luise, die
gerade ein bißchen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit
mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darüber
mußte sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine höchst
behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schönen Abend
miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen
Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir
saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin in einem kleinen, erhöht
gelegenen Tempelchen, abseits von den übrigen Gartengästen und genossen ein
gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal in meinem Leben meine
Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen
leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei mit eiligen Wellen,
und wir saßen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut,
weil alles so schnell vorüberging, beisammen und plauderten von allerlei
Dingen. Unter anderem sagte Luise: »Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr
Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben,
und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei
ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die hätten doch
ihrer Lebtag beisammen sein können. Es heißt, er habe es mit einer andern
gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber,
was rechte Frauen sind, die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum
Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, daß er sie wieder
zu sich ruft.«
»Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?« fragte ich. »Ist die auch mit nach
Amerika gegangen?«
»Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Großvater
geerbt, daß sie malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, ich
habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich dir wünschen, sie ist so
fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer
noch mehr solche geben.«
Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine Mädchen, das war gut
eingerichtet; ich konnte aber nicht unterlassen, die Frauen zu belehren,
daß die Maidi darum doch heiraten könne, wenn sie auch Malerin sei, das
komme oft vor. Sie könne ja dann das Malen aufgeben, oder man könne ihr
eine gute Köchin halten. Darüber nickten sie einverstanden, und wir lachten
alle drei, daß wir so schön einig waren, während doch keines von uns wußte,
wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch gleichgültig war.
An diesen Abend und den darauffolgenden Tag dachte ich jetzt und hätte gern
das freudige und stolze Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal
aufleuchten gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen hatte. In der
Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich vergessen gehabt.
Damals, als ich ging, stand sie am Bügeltisch unter ihren Gehilfinnen; sie
konnte mich nicht begleiten, denn es war über die Hochzeit viel versäumt
worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: »Gelt, komm' auch
wieder, daß man warm bleibt miteinander,« und in diesem Augenblick dachte
ich auch, daß ich es tun wolle, ja, ich hätte sie gern geküßt, wenn es
wegen der Bügelmädchen angegangen wäre. Und alles in mir war voller
Zugehörigkeit, Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da so tüchtig und
wacker an ihrem Platz, als eine ganze Person, aber mich liebte sie über
alles, und in mir wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man konnte es
nur freilich nicht aussprechen, denn so etwas sagte man nicht, auch saß mir
etwas Ungewohntes im Halse, und ich drückte ihr nur die Hand, das mußte für
alles gelten und galt auch.
Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick an mir vorüber, im nächsten
war ich wieder hier am Platze, doch blieb noch etwas in mir zurück, was
mich heute noch wundert. Ich dachte nämlich: wenn ich nun gefragt worden
wäre, wie meine Liebste heiße, was hätte ich dann gesagt? Und es antwortete
in mir zu meiner Überraschung: Maidi. Das erschien mir als ein Unsinn, denn
ich hatte ja das Mädchen nur als halbes Kind und dann nie mehr gesehen, und
es war jetzt irgendwo in der Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir
auch gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte immer noch Maidi
und erinnerte mich daran, daß ich schon einmal ihr Bräutigam gewesen sei,
da mußte ich in Gedanken daran ein bißchen vor mich hinlachen. Das fiel
aber nicht auf, da es ohnehin heiter und traulich zuging, und ich dachte
weiter: Nun, ein Unding wäre es nicht, sie war hübsch und fein und lieb
genug, und ich spielte ein wenig mit ihrem Bilde. Wir stießen auch gleich
darauf an mit hohen, feinen Stengelgläsern, in denen blaßroter
Stachelbeerwein war, und da es einen hellen Doppelklang gab, läutete das
Stimmchen in mir mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwärmte.
Denn es schien mir plötzlich, als hätte ich einen heimlichen Schatz.
Frau Olbrich war so einfach mütterlich und natürlich mit mir, als habe sie
mich längst gekannt und füllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen aus
ihrem Garten, wie einem großen Buben, und ihr Sohn stand befriedigt dabei.
»Siehst du,« sagte er auf dem Heimweg, »siehst du, meine alte Herzensdame
hat schon auf dich angebissen, ich habe es wohl gewußt. Du hast so etwas an
dir, was alten Frauen gefällt, sie möchten dann die Hände über dich
breiten, daß du ein braves Kind bleibst; so etwas tun sie gern. Meine
Mutter hat gesagt, du seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrücke an
dir, es könne noch alles aus dir werden. Du müssest nur die richtige Frau
haben, das sei der entscheidende Punkt.«
Ich knurrte ein wenig, und er lachte: »Das ist ihr bei mir auch das
Wichtigste; sie weiß aber wohl, daß ich keine nehme, die nicht zu mir paßt
und vielleicht auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, finde ich
doch nicht.« Das alles brachte er in leichtsinnig sein sollendem Tone vor,
man merkte aber gut, wie stark er am Herzbändel seiner Mutter angebunden
und wie wohl es ihm dabei war, alles andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast
beneiden, es ging aber noch etwas Frohes in mir um von meinem Gedankenspiel
mit dem Kinderbräutchen her, es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf
mich zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in ihren hübschen
Schuhen und unter dem Margeritenkranz.
Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte mir dann etwas aus bis
ins einzelne und war verwundert, wenn ich um mich schaute, und alles anders
war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei von ihr, die so stark in mein
Leben treten sollte, und die mir näher war, als ich wußte, schon eine
Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns ein junges Mädchen, das
ihr, wie ich meinte, so sehr glich, daß ich erschrak und sie anstarrte, und
es rief eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit langgezogenem Ton
den klingenden Namen, den ich sonst nie gehört hatte. Aber das alles traf
und berührte mich nur, weil sie in mir selbst aus dem Dunkel der
Vergangenheit emporgetaucht war.
Ich habe oft in meinem Leben den Frühling vorausgespürt und voll
herzklopfender Ahnung sein Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blühenden
Seidelbast und frühe Vogelstimmen vorausschickte, aber von dem kurzen und
holden Frühling meines Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann
nicht sagen, wie es kam, daß ich ihn dennoch vernahm, wie ein liebliches
Geläute, von dem man nicht weiß, woher es tönt und was es bedeutet.
* * * * *
Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen für ein großes Musikfest im
Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes,
beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen bloßer Namennennung
alle Herzen der Sänger und der Hörer höher schlugen, war angeworben, um
unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der Musik, die sonst für sich
allein dahinplätscherten oder strömten, in ein einziges großes Meer von
Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die einzelnen Vereine mit mehr
Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz
hervorzutreten, sondern um die Fähigkeit zu erwerben, völlig im ganzen
untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen.
Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich
zusammen, weil es galt, und ließen die Allotria, die sie sonst wohl
danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt
mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr
die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten auch
einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um
daheim in ihren Häusern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer
Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die
Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr für sich selber sein
wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei;
es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so
das Ich versank um eines Höheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie
damals. Die Zeichen mehrten sich, daß die Zeit erfüllet werde. Schon nahm
ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um einzelne
Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in
einer großen Halle, die eigens für das Fest aus leichten Balken und
Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte.
Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tücher,
Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig
erklangen darin die Chöre und versprachen schön zu werden, wenn sie, von
aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes
durch die Halle fluten würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen.
Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein des Dirigenten fiel
oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die
Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung zum Vollkommenen hin noch lange
nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern wie bei
den Frauen, ja es dünkte mich, als seien die letzteren noch härter
mitgenommen als wir. Als nun einmal der Sopran für sich allein eine Stelle
vier- oder fünfmal wiederholen mußte und ich müßig zusah, wie die
angespannten Sängerinnen sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein
Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten
noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien,
woher ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht hervorbrachte und
mit einem weichen, taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers begleitete.
»Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt
wie jetzt?« dachte ich mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick
sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar
Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes
Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die Augen wieder in ihre
Versunkenheit zurückgingen. Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur
deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig
fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner
andächtigen Hingabe an die Musik störte. Aber während in mir der brennende
Wunsch entstand, sie möchte das hübsche Schauspiel noch einmal aufführen
und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sängerin immer bekannter vor.
Sie trug ein loses Kleid von grüner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte
unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes
Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt
wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen
Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das Mädchen die Züge
her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt
einmal einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie in Ruhe betrachten
konnte, das feste Kinn und den blühenden Mund und die Augen, die vorhin so
heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die
Beschreibung, so sagte das schon einmal angeführte Stimmlein in mir halb
zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die
Sängerin sei größer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der
Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene
auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natürlich, begreiflich, denn es
sei fünf Jahre her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, daß ich
mich in dieser Zeit nicht auch verändert habe. Ich erwiderte hierauf, falls
es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber für mich noch nie
Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem grünen Garten ausgenommen), so habe
das weiter für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle
und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt
herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es
sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das
sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand
ein heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur obenhin geschweiget
wurde, als auch wir Männer wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir
überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nähere Beziehung zu
mir zu denken. Sie sang gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andern
den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die
meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging
sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schönes
daraus, daß mir die Brust vor Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht
ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre Stimme mit
der meinigen zusammenklang, es war eine schönere Gemeinschaft, als ich sie
je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich
spürte ihr auch nicht nach, denn auf der Straße wäre sie nicht mehr
dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste
Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte.
Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus
ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide und einem
Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln
herausdrängte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere.
Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich aufmerksam und prüfend ansah
in einer Pause, und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges Staunen und
dann ein kleines Lächeln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum
Menschenkind, das mich zögernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem
Augenwink grüßte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt.
Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam
befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch
die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in
einer Gruppe junger Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und
dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich
gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die
schöne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der
es mir so wohl gewesen war, sie ließ sich aber nicht erjagen und war
vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt
aufgetaucht, nach der ich hinsehen mußte, wie nach einem anderen Ich.
Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Großes und nach meinen
Begriffen unirdisch Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten
Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester
erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch
und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle
stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in
guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu
ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schönen Zweck
und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen
aber gab es mehr davon.
Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gäste aufgestellt, die
nicht von der Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in
ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu,
denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben
verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der
Bäume und stiegen, langsam einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel
auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach
Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu
trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war,
um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich
mich sonst gern beteiligte, mitanzuhören. Ich summte leise die und jene
Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte
Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hören ließen,
und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre
Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller
Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis
einer Bogenlampe, die in dem grünen Geäst eines Ahorns hing, eine
Gesellschaft junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten,
und als ich näher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien
mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn
wen suchte sie wohl, und warum mußte ich hier allein sein? Sie trug immer
noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich
hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war
zugeschlossen und ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte nicht
warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen
Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die
von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saßen ein paar stille Zecher
darin, jeder für sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an ein
Ende des Tisches und bekam einen gefüllten Römer vor mich hingesetzt. Ich
betrachtete einen graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem
Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt
den Kopf tief gesenkt.
»Dem geht's wie mir,« dachte ich. »Auch er ist allein und muß alles in sich
selbst verarbeiten.« Und es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der
Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam alt werden; ich trank
ziemlich viel von dem guten und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den
Alten sagen: »Liebeskummer?« Aber als ich ihn zornig ansah, lächelte er in
sich hinein, als wisse er gar nichts von mir.
Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnsüchtig und heimwehig
zumute.
Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei;
sie hätten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben,
was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie
auch früher ohne mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte noch
frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.
Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte
etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, daß
heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so.
Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich
ging meiner Wege und ließ sie laufen. Eins oder das andere.
In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht,
daß der kleinste Zweifel darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß mir
das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald
auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken?
Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in
die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die
für die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig erkennend an und sagte:
»So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und
von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und finster, daß ich dachte,
ich hätte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt
ist weder das eine noch das andere wahr.«
So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr
nicht verbarg, und den festen Druck spürte, mit dem ich in der
Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte.
War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen,
in welches das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich verwandelt
hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im
Sinn hatte, das heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang,
sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei
königlich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater
ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs
erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie hatte
in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht
gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt und
mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. Schicksale waren vor ihr
aufgestanden, die ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach,
gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit
Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen,
und es konnte dann dennoch das Wunder über einen geschehen, daß im tiefsten
Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war es
bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die liebste Liebe verraten und
zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein
bedecktes Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. Aber wenn dann
ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie
andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So
war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem
alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glück und ihr Unglück gewesen
war. Und es konnte kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen
stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im
stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der
Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß sie gehe. Sie hätte sie
gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte
sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch küßte sie die
bleichen Lippen, die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn niemand?,
und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles Rätsel war. Voller Rätsel war
das Leben und auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seiner
prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemäht, und auch sein
Glanz war nicht ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft gesorgt,
weder für sich, noch für die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine
geringe und hausbackene Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger recht,
aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert
gewesen, geliebt von Frauen und Männern, heiter, freigebig und voll gütiger
Launen, aber es blieb nichts übrig für die geliebten Kinder seiner Tochter,
die in Fülle und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen
waren. Das alte Haus und der grüne Garten waren verkauft, es war nicht
leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn
ganz strahlend hell im Herzen zu haben.
Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meißelte weiche,
jugendliche Züge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es ließ
lachende Augen, die überall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in
den Tag sehen.