sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit
bedrückter Stimme: »Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie
schnell sie vergehen und wie sich alles ändert,« was ich freilich ebensogut
als Ausdruck der Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit der
Dinge überhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir
tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem
Gehör nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das
Haus verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken und Gefühlen
beschäftigt, einige Sätze in mir zu formen, die ich gern der Fräulein
Brigitte noch gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem
Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des
Lebens, und er müsse auch mich gleichgültigen und unbewußten Burschen
segnen, da ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die
Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch hier den Augenblick über
meiner Herzensunruhe. Es ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich
Herrn Kasimir sagen: »So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hören und
vielleicht kehren Sie uns einst zurück«; ich fühlte seinen Händedruck und
sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurück,
ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit ausgesprochen zu haben,
wozu ich immerhin Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein
weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun
ferner nicht mehr angehörte, mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte als
ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen.
* * * * *
Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn und mit der Herzbewegung bei
mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen,
Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte meine Jugend andere Ströme
brausen, als die, von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie
auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr später, als ich
die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends in
meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin
zurückkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom
Disputieren, an dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß der
Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen
beteiligt hatte.
Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefühl
der Freiheit und daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelüste
nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen Leben teil, indem ich
Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles
unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knüpften, und
gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter
nicht viel Mühe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder
goldenen Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer
Liebe oder Frömmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wußte ich es nicht
oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und
die Lampe anzündete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch
gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige Flügelschläge um
das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden,
selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick
niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er saß. Er war von Herrn
Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene,
würdige Schnörkel angehängt waren und freilich auch, ihm selbst unbewußt,
hie und da kleine, lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines
graphologischen Seelenkündigers gewesen wären. Nun, ich verstand nichts
davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr
mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und
machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach und ernsthaft.
Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten können, da es sich um
die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich
nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage
später, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen
Bewußtsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war.
Es ging eine rührende Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug
erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem
vollen Wert geschätzt habe, daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel
leiden lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht
mehr nachholen könne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: »O
lieb', so lang du lieben kannst,« aber man beachte sie zu spät.
Das alles kam mir unrichtig vor für seinen Fall, da ja die Geschwister
stets einträchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich
nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.
Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles
Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid,
erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und
neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher
Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß er nichts
versäumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das
Vergangene zurückwünscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte
zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst
und des andern stets bewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den
die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im
Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer
hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue.
So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt
war, weiß ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er
mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich
setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die
mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn während
des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich etwas
verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht
nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre,
die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, soweit Fräulein
Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und
siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie mit so viel
Würde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schön
und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen
konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst über
derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht
nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; ich legte den Kopf auf
den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als
mich etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war aber nur der
Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte
ich in diesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich war und irgend
werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt hätte zu aller Zeit, und daß
sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im
Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schläfer zwischen zwei
Träumen in die Höhe fährt und sich der Wirklichkeit bewußt wird.
* * * * *
Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie
zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch
nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie sich versteht, auch dies nur
in rein geschäftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich
nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut für mich allein sein.
Es war nun in dem großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, ein
junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre,
der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war
aber wegen übermütiger Streiche, die er auf der Universität verübt haben
sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus
seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den
Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten
Existenz. Im Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher etwas
herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und ließ gelegentlich
durchblicken, daß er seinen jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern
ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine große Zeitung
redigieren oder dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war,
als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es
blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, daß einer nur
hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wünschen mußte. Wir gingen
öfters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener
Stimmung ließ er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du
an. Es wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner
von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich hätte indessen
etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein
Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend
hinzu. Er müsse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue
Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn
er mich vorweise.
Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft
mich beglücken wollte. Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen
Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves Kind, das man seiner
Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben,
denn er sagte gutmütig: »Du mußt das nicht schwer nehmen, im Gegenteil.
Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die
ihr gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen sollte, so müßte
er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch
sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr
bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu
beißen zugemutet habe.« Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst
nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne dazu gehört hätten, alles zu
beißen, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er
bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit sein könnte, da man im
Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise genieße.
Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: »Du
hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal
gebahnten Weg weitergehen läßt, während in mir ein Feuer ist, das noch
allerlei anstellen kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein wäre,
käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der Welt herumgeworfen zu werden,
denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie hätte
es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus brächte und sie selbst Sonntags
am Arm spazieren führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber ehe das
geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer fließen, und kurz und gut, sie
sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir
kenne.«
Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir für eine Tugend
hielt und weil er der starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz
froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig in meinen Beruf hinein
gegangen, es hätte ebensogut irgendein anderer sein können, und ich hätte
dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute
Gaben und viel Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke Neigung
nach einer andern Seite. Auch hatte ich ein lebhaftes Verlangen nach
äußerem Vorwärtskommen und ein anererbtes Respektgefühl vor dem jeweilig
als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig und arbeitsam sein ließ. Das
war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so füllte
er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines
Glücks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen
standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben sollte, im Zentrum
meiner Lebensarbeit.
Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wußte es auch damals noch
nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen lag,
vergangen ist und der nüchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl
als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der
seinigen sprach, und daß ich ihr auch hätte gönnen mögen, mich so
wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das
Gespräch ging auf allgemeine Dinge über.
Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzuführen, in denen
er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptsächlich
klassische Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner Weise
musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, oder wenn ich in
meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehört
hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben war. Darüber wurde ich von
Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine Stimme habe
und musikalisch sei, und der nicht nachließ, bis ich in den Sängerchor
eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine
Einwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach
Noten singen könne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam,
ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles
nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut,
und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch
starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem
Brausen des Männergesangs kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war
die Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen
eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein
mischte und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund der Bässe und
Tenöre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme,
herzandringende des Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines
Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmütigen
Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen
hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den
singenden Damen Bekannte, die sie nach Schluß der Proben heimbegleiteten,
und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, und es
schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wäre. Dabei
konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es
war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, daß mir auf einmal in ein
ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war,
der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfüllte. Es
wurde mir jetzt nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheit
mich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen
hören und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über alle
Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die geistige Welt, in der sie
lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorübergehen lassen.
Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die
scherzhaften Gespräche, die in den Pausen und nach dem Schluß hin und her
flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man müsse mir zu
einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich
so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir
heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und
gleich geselle sich gern.
Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur daß
er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner
Meinung und meinen Wünschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne
Übung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen
und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit
ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, und
hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er unter leichtem Spott und
Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und
unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit die Zügel schießen lassen
konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und
nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre richtige Lage
zurückkehrte. Ich dagegen horchte viel nach allen Seiten und bemühte mich,
zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll und richtig
hielten, und es ist nur ein Wunder, daß ich bei alledem doch so ungefähr
auf dem Wege blieb.
Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und
lebendigen Sorte, die dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir hatte,
entgegen kamen und es einstweilen für eigen und für bare Münze nahmen, ja
mich liebten, ohne daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. Ich war es
aber so gewöhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders
darüber. Es mußte alles so sein, wie es war.
* * * * *
Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort
ein kleines Landhaus allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer in der
Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, aber auch, um sich ganz
ungehindert bewegen zu können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war.
Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn,
den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang
genug, um nichts von Unfreiheit spüren zu lassen. Sie war seine Freundin
und ging mit großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie
hatte einen so guten und glücklichen Humor, daß er sich eines spaßhaften
Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit
ihm darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er habe diese Woche
einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heißt?
geantwortet: Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe, denn man
sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe
in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln
können. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, daß es sich bei dem
geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle
zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, daß sie
einander im Lachen, ich möchte sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich
sah auch den vollen Glücksblick, den die Mutter während des Lachens auf den
Sohn warf, und der mich wunderlich aufrührte. Ich hätte etwas darum
gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines
Anlasses, der um einige Zeit zurücklag.
Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus
gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um
meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten
alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen,
es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus
umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet
hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch für mich eine Kammer
bereit, die Luise so wohnlich als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es
hingen Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte,
daß sie mir gefallen würden, an den Wänden, und Luise hoffte auf mein
freudiges Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten
Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wänden, als die
blaue Tapete scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts Gutes,
und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten und widerwärtigen
Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte,
einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung
willen an sich gezogen hätte, noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es
meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren
Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in
die Räume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen
nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das mißratene (nach meinem
Dafürhalten) in der Ausführung.
Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja
vorausgesehen hatte, und daß sich Helene darüber betrübte. Nachträglich
spürte ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das machte die
Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein
Büchergestell mit einigen Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene
kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete Brett auch sogleich im
sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine
lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen
sollten, und die ihr der Bräutigam gekauft hatte. Letzteres wußte ich
nicht, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: »Laß' doch die
Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen möchte; viel
besser nichts, als solche Greuel.« Ich sagte es etwas heftig, denn es
entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber
bekam eine dunkle Röte ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder
vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der
er eben las, und sagte scharf: »Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure
Sachen zu kaufen und aufzustellen,« worauf er wieder weiter las oder doch
dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht,
indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war
vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den längst
erwarteten Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und
ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der
Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren und hätte es
vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das
es erregt hätte, und schließlich doch auch um die Schwestern, denen ich das
Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und faßte mich auch
einigermaßen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war
auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, Festordner und Tänzer am
andern Tag, stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wußte, was er
angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde,
und küßte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten
reiste. Unter diesem Kuß fing das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die
sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß ich es nicht unterlassen
konnte, sie noch ein paarmal tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter
Tränen lachend sagte: »Ach, du bist doch ein guter Kerl,« und sich nach
einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die
Augen abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte
aber ihr festliches Spitzentüchlein für beide Schwesterngesichter, die sich
noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, die freilich
so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander
fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, da er schon
lange dabei gewesen war. Ich muß auch bekennen, daß er meine beiden
Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er
konnte, viel mehr als ich in bösen Zeiten.
Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter
den glücklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich tat.