Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: »Es ist

schade, daß der Ludwig es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch

ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.« Und sie erzählte eine

Geschichte davon, daß dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz

zu jüngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte

Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen

habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine

Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit großen, offenen

Augen betrachtet und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln verzogen habe.

Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, wie einer, der eine Erschütterung im

Innern verspürt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine

Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im

Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft

an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich

jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu

versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine

Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewußt; der alte Herr sei

aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es

also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als

ob mich die Geschichte aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im

stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte

Gesicht, das sich über mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie

es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja

freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so

weit nicht zurückreicht. Ich blieb aber doch in wunderlich aufgerührter

Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen ging, als

kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit

großen Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft konnte er aber

empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben?

Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die

mich zärtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war,

um ein eigenes Leben zu führen?

Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs

gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet

hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und

Jungen sprach: »Kommet wieder, Menschenkinder,« und die ihn nun beim Namen

rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht weiter darüber, da ich

ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte

den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer,

der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tür

legt und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann aber wieder weiter

geht, weil genug fröhliche Bäche am Tageslicht springen.

* * * * *

Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das

Blumenmädchen Hertha ein solches Bächlein, das über allerlei Steine

hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser,

soviel auch Gelegenheit zur Trübung um den Weg gewesen wäre. Was mich

betrifft, so war ich nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so

herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich

hätte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da

ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer

unverstellten und heiteren Natürlichkeit. Ich machte ein paarmal

Abendspaziergänge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich

darnach gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in

der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem

Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich

wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem Frühlingsabend gewesen. Wir

hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen,

mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre

schlanke Gestalt und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah,

angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich

keine Übung darin hatte, halb zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen

an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem

kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir

herüberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: »Nein,

das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe

ich schon lang im Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht zu

machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen.

Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen

Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher bist du nicht. Du

nimmst eine Feine und Vornehme, ich weiß es für sicher, und wenn es eine

Rechte ist und die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich

gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen

habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin

nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du

mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, ein mancher wär' froh, er wäre

her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst

immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das muß

alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Küssen und Lieben eine schöne Zeit

hätten, so ließe ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es

vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schönen und

feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhören können. Ich habe oft dran

denken müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein

Vater unter ihnen herumlaufe, der schönste und nobelste könnte es sein. Ich

bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht geworden bin, es

dünkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.«

Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Tränen übers

Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Händen weg und schlenkerte die

Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.

Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm genommen und geküßt, sie

war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei

gewesen, jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas Köstliches zu sein,

hold und zärtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit

keinem Finger anrühren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges

stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem

von mir Bescheid und könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei,

ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer

ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: »Wir

wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. Vielleicht heirate

ich einmal einen Gärtner; er führe gut mit mir, denn ich könnte ihm das

Geschäft in die Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's

vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich

hätte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es

nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine

Gärtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir für deine Frau

Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig gekannt

habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz

und gut. Ich wollte, du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben

sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein

Bruder sein, das wäre das beste.«

Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich einen Kuß und stand auf,

weil es anfing, dunkel zu werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder

etliche gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar geworden, daß sie

recht habe und daß ich es nicht dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für

allemal gewesen, das spürte ich.

Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir

vier Wochen lang nicht mehr spazieren.

Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt waren wir im Zug

miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal

selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, daß mich eine Lust nach

der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der

ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere

Fröhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem

Grund nachzufragen.

Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: »Jetzt weiß ich erst,

was mir fehlt von klein auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute

nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und Luise müßte meine Schwester

sein. Wenn ich mir's nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben

oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem

Paradiesgärtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen

Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.«

Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber die Zärtlichkeit galt nicht

mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom

Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege

gegeben habe, in einer großen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei.

Da ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene bäuerliche

Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber

auch ein Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt hatte, eine

Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer

Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blühte aus ihr

heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will,

einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen

Rosenstock im Garten aber kränkeln lassen kann.

* * * * *

Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an

sich, das ihn plötzlich viel jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte

sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und mit dem er

sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte das Tier durch Pfeifen und

Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß es

ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen Ärger bereitete. Es

war ein ungewöhnlich schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu

genießen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der

eine Ahnung hat, daß seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch

den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem

Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße

hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab

Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und

Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler Land. Und überall war

mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich

kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut,

nicht mehr so väterlich oder gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast

kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte

mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: »Ja, nicht wahr, wir

Jungen, wir schaffen es schon,« oder dergleichen. Ich wußte nicht recht,

was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er führte vielleicht

etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither

und hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das schöne Wetter

allein konnte den Umschwung nicht vollbringen.

Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: »Es hat

ihn wieder einmal,« und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der

trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet

sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die

allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft

sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen,

und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und

tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.

Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr

Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen

gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei

nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder

mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue,

als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte,

der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich

mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber

und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und

die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. Man sei aber dann

auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden

Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter

die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich

ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört

habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich

nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte

nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald

geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum

Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige

Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert

werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig

gewöhnt war.

Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch

gegenübersaß. Man konnte ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte,

da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige Wochen in der Stadt

war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und

feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mußte er

wieder bescheiden zurücktreten und anderen Platz machen, die jung und mit

allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem

leid tun. Fräulein Brigitte saß in ihrer schönen, gelassenen Würde da und

war ihm weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung nach dem Hut

und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn

an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der üppigen

und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen

Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach

lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzählung

von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch

auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der

sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte.

Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er

angezündet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und

im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir wieder am Abend in seiner

Ecke und hörte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung

oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche und war in allem ein

Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er

hatte sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer

und sagte: »Ach ja,« oder er lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf

dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen

kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das

linke Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen

mußte, sagte: »Es träumt ihm.« Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder

den Hund meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, denn sie sahen

ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rüstete mich, in die Welt

hinauszugehen.

Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt

für mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war

geebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich

weiß nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafür

danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es war mein

Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem

unerhellten, selbstsüchtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen

zu Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht hätte mich eine

arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, dem Schläfer gleich, den unter

dünner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine

Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht.

* * * * *

Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen öfters krank gewesen, was neu

an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen,

freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie

hie und da am Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit leide, die

ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir saß dann in

einer halb verlegenen Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht oder raffte

sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher

nicht mehr dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. Wenn aber

Fräulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand

ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie

die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn

sie gehörte ohne Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie da war,

fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle, in denen sie zurückgezogen

leben mußte, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine

schmerzenvolle Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich saß am

Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte:

»Meine Schwester läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es

geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl

sagen.« Ich ging mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen lichten

Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir plötzlich alles Leben

des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der

aus die andern Räume irgendwie gespeist würden und ohne die alles öde und

leer wäre. Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, im Bett. Ihr

Gesicht war blaß und trug die Spuren überstandener Schmerzen, und mehr noch

taten das die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen und hie und da

leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schöner als je zu sein, ich

mußte sie verstohlen betrachten, während ich ihr gegenüber saß. Das

Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um

und um eingehüllt in ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und der

Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde Blume. Aber das war es nicht

allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in

den großen glänzenden Augen und ein Lächeln um den feinen Mund, zu was

beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt hätte.

»Wir sagen uns nun Lebewohl,« sagte die Kranke, »und es wird auf immer

sein. Sie kommen wieder, mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht

mehr da.« Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren

Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder längeren

Ortsveränderung spräche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte

Bewegung machte, hob sie eine der weißen Hände wie abwehrend und ließ sie

müde wieder fallen. Dabei lächelte sie mich gut und bekannt an.

»Sie müssen nicht erschrecken,« sagte sie. »Ich weiß, daß meine Zeit

herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht

sagen. So darf ich es wohl.« Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich

hin, dann fuhr sie fort: »Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das

müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine große und

köstliche Sache, und weil ich seine Schönheit habe hart erstreiten müssen,

drum liebe ich es um so mehr.«

Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter die Haare stieg. Denn ich

glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen und

Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie so königlich vor mir war,

als eine Unüberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen

ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der

Abschied.

»Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir,« sagte sie, »davon

könnten diese Wände reden; draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich

gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle

gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich

bliebe gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag

zu leben und nicht an dem herumzuspüren, was nachher käme. Das reut mich

nicht. Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, das etwa unser

harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir

brauchen auch alle Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme der

jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich davontragen werden auf

ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne

und Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja

das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.«

Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige Tapferkeit in ihrem

Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben

zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. Denn es war, als ob

eine Königin aus Glanz und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte

davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den

Altar niederzulegen, da doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben

sich dem Ende zuneigte.

Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war

ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich

merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurücklasse, da ich

doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt

hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber

auch draußen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band.

Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, und nun auf einmal

sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Großes,

ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist draußen so

wichtiges wie das?

Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wänden

hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die

Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, die vor dem Welken so

starken Glanz und Duft verbreitete.

Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Häupten des

Bettes und an der Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter,

Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße ohne Wanken und ließ einen, wie

mir schien, spöttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den

Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsäglich liebliches

Bildchen in Wasserfarben: Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen Kind

auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt hielt und auf dessen weiches

Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mußte wohl die

Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzählung noch im Tode die Augen nicht

hatte von ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal wohl begriff.

Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der

wenigen, vielgelesenen Bücher entfallen war, die bequem erreichbar auf

einem hängenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von

purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken

eines schwerfälligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah,

daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie

es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen

Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie ließ

das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu

verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die

Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen,

da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich

einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll

triumphierende Lächeln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem

Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat

und ich, widerstrebend genug, gehen mußte nach einem kurzen Lebewohl, das,

wie ich wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles auszusprechen

gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und

konnte nie mehr nachgeholt werden.

Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen

lassen.

Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Fräulein Brigittens

Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den

einen oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die Hand zu nehmen.

Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel

von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung

widerstehen, ihn für mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das

Wort, das sie für mich auf den Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen

mögen, als ich ihn las.

Er fing mitten in einem Satz an und lautete: »Doch nahm ich zu allem, was

mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen,

so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe

ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich

bin dennoch« -- da endete die Schrift auf dem Blättchen, dessen unendlichen

Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu

bedürfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch

Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen

mußte.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 10 / 24 段