war ein Posten für ein Fahrrad eingelaufen, und zwar für ein gutes, da die
billigen nichts aushielten. Dafür hätte man einige Reisen machen können,
aber es war jetzt nichts zu wollen, das Geld mußte zuerst abbezahlt werden
so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hübschen Hut kaufen oder einen
Schirm, was beides man unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu
denken, solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? Also das war nichts
gewesen für diesmal; man mußte es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber
schade, denn es wäre doch an der Zeit gewesen, einander wieder zu sehen.
Nicht daß mir das Rad nicht gegönnt war, aber wenn es noch ein bißchen Zeit
damit gehabt hätte, so wäre es besser gewesen.
Das alles war so ungefähr aus dem Brief zu lesen, einiges davon ergänzte
ich auch in meinen Gedanken, denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen,
wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne Büchschen von der
Mutter her, das Luise in einer Schublade aufbewahrte, und das ihre
Extragelder barg. Sie hatte es gewiß oft herausgenommen und die Stücke
gezählt, die darin lagen, und hatte dann mit Helene ausgerechnet, was alles
zusammen kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam auch so schnell
nichts mehr hinein, und das hing mit mir zusammen. Ich ärgerte mich nicht
wenig, als ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wußte nicht
recht über wen oder was am meisten. Freilich über mich mußte es eigentlich
sein, ich war der schuldige Teil, und es half mir nichts, daß Luise mir gar
keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Hätte sie es getan, so hätte
sich mein Grimm einigermaßen gegen sie wenden können, denn sie hätte dann
unrecht gehabt auf irgend eine Weise. Ich mußte es aber selber tun. Aber
wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller als andere junge Leute, die
ich kannte, nicht eher im Gegenteil? Und hätte ich nicht studieren können,
wenn ich gewollt hätte? Das aber hätte dann noch viel mehr gekostet. Und
hatte ich nicht die bestimmte Absicht, später das Rad zu bezahlen? Ich ging
um den wahren Kernpunkt der Sache herum, der darin bestand, daß die
tüchtigen, liebevollen und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, ich
möge mein junges Sein und Wesen in etwas mit ihnen teilen, da sie es so
unermüdlich nährten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. Vielmehr
glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit zu verspüren, die mir unleidlich
war. Obgleich ich keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich mich
doch nicht verpflichtet fühlen, sondern dachte, wenn man dankbar sein
müsse, so könne einem schon alles gestohlen werden, und war mir nicht
bewußt, daß der Stachel, wider den ich löckte, in meiner eigenen Brust
saß, da mich ja sonst niemand angriff. Ich wäre am liebsten auf ein paar
Tage heimgefahren, das wäre das einfachste gewesen; doch, begreiflich,
gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt kostete die Reise auch
Geld. Im stillen aber wußte ich: wenn ich gekommen wäre, sie hätten mich
dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wäre etwas ganz anderes
gewesen.
Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde ich inne, daß ich ihn erst
zur Hälfte gelesen hatte; es lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand
geschrieben, daß meine Schwester Helene im Lauf des nächsten oder
übernächsten Jahres zu heiraten gedenke, nämlich wenn die Aussteuer
beieinander sei. Denn auf Abzahlung wolle sie kein Stück anschaffen. Sie
habe einen guten und tüchtigen Verlobten, der ein Schreiner sei und es wohl
einmal zum Meister bringen werde. Er sei überaus sparsam und fleißig und
fange schon an, in den Abendstunden das eine oder andere Stück für den
einstigen Haushalt zu schreinern. Helene bekomme es einmal nicht schlecht;
der Bräutigam habe schon gesagt, nach der Hochzeit dürfe sie nicht mehr um
Geld nähen, er könne selber eine Frau erhalten, sie müsse dann nur das Haus
imstand halten und vielleicht ein Stück Gemüseland, denn er esse gern
selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, für jetzt nähe sie um so
eifriger, sie möchte vier Hände haben, um nur viel fertig zu bringen, denn
alles koste Geld, es sei nicht zum Sagen.
Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was mich angehe, allein
bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, daß ich mich in allem an sie
wenden solle. Helene wolle es nicht, natürlich. Sie sage, es dürfe in
nichts anders werden, aber sie werde schon froh sein, wenn ihr Geldlein
sich schneller aufrunde, daß der Schatz nicht so gar lang warten müsse. Ich
solle mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und gut. Das
Bügelgeschäft gehe gut, es sei keine Not. Wenn sie nicht so altväterisch
erzogen wäre, so hätte sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse
ja, wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, als einen
Pfennig Schulden. Von der habe sie es auch, sie könne nichts dafür. Ich
solle nur freudig sein in meiner Jugend, es sei gut, daß ich aus dem Engen
hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, sie wäre es. Wenn sie nur
wisse, daß es mir gut gehe und daß ich in das Hohe und Feine hineinkomme,
so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal ein gutes Buch für sie
zum Lesen, denn das sei ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und
Sonntags habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder habe, der mitten in
den Büchern sitze, so sei es ja zu machen.
Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. Denn Luise war viel zu
gut und zu lieb, und man mußte ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht,
ja, an ihr hängen von Herzen, so oft sie einem einfiel, was freilich oft
lange anstand. Und Helene war Braut und steuerte auf das
Frau-Meisterin-sein hin. Aber daneben war da ein Schwager, der ein
Schreinergeselle war und von dem ich nichts wußte, als daß er sparsam sei
und fleißig. Das war noch lange nichts Besonderes, man konnte daneben
unausstehlich sein. Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich
noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt, gar nichts anging. Es
war immer so schön gewesen, als die beiden Schwestern miteinander hingelebt
hatten und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam mich an wie Heimweh,
aber nach dem, was sich ändern wollte, nicht nach dem, was neu entstand.
Und heimfahren wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, den ich
schrieb, steif und hölzern aus, weil ich eine Verlegenheit in mir trug.
Wenn aber Luise hätte in mir lesen können, was ich eigentlich gern gesagt
hätte, sie hätte sich nicht beklagen müssen.
* * * * *
Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten Jahr meiner Lehrzeit, als
diese fast zu Ende war, kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte
Meister. Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen wäre, und
besser als damals. Denn ich war mittlerweile ein junger Mann im
zweiundzwanzigsten Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte und sich
in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumführen, wo es schön war, und
ich konnte ihnen sagen, was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich
himmelweit von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere Berge als
bei uns. Die Wälder sahen dunkel in die Stadt herein, aber die Stadt selber
war heiter und hell. Doch hatte sie im Innern alte Straßen und Tore, und
das Münster war ein Bruder von den unsrigen daheim. Die Leute hatten eine
andere Aussprache als bei uns; was vom Land hereinkam, trug eine schöne und
ehrenfeste Tracht, und die beiden hatten kein höheres Lob dafür, als daß
sie sagten, so habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel anders.
Sie schauten alles genau und ausführlich an, denn sie mußten nachher davon
zehren und daheim davon erzählen können; sie sahen in fünf Tagen mehr als
ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und gesammelten Gemütes und machten
die Tore weit auf, um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches erst
auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, wo ich meine Augen gehabt
hatte, aber ich ließ es nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es
waren zwei stattliche, tüchtige Frauenwesen; Lotte war immer noch schön,
obgleich das Leben nicht oben über sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und
heiteres Gesicht behalten, wenn auch kleine Fältchen dazwischen hinliefen;
ihre Zöpfe lagen groß und schwer am Hinterkopf, und daß die Gestalt etwas
an Fülle gewonnen hatte, paßte ganz gut zu ihr. Luise hatte ich eigentlich
größer in der Erinnerung gehabt, das machte, daß sie ein wenig in die
Breite ging, da sah sie kürzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug einiges
nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der losen, kurzärmeligen
Bügelbluse hübscher gewesen als in dem fest anliegenden und verzierten
Kleid, das gut und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht an ihr
gewöhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich darin zu sein. Aber
wenn sie den Hut abnahm, sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes,
großes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem Kranz aufgesteckt,
und ihre blauen Augen waren so treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so
wußte man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie sagte es auch,
wenngleich mit andern Worten.
»Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,« bat sie, »du bist mir doch
wichtiger als die ganze Stadt. Wir sind keine Briefschreiber, einmal du
nicht; ich verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner Haut
heraus. Aber das weißt du doch, daß wir daheim davon leben, wie dir's geht
und was aus dir wird. Und überhaupt. Du bist doch unser Einziges. Darum bin
ich doch gekommen, ich hätte ja auch sonstwohin reisen können.«
Das hätte sie aber nicht sagen sollen, denn es drückte mich. Man mußte mir
nicht nachlaufen; es würgte mich im Hals, daß sie so liebreich mit mir
redete. Geschwister mußten es einander nicht sagen, wenn sie einander gern
hatten. Ich hatte sie auch gern, aber ich sagte es nicht, sonst spürte ich
das Gegenteil in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, und wäre sie noch
so zart und fein gesponnen. Ich schwieg und machte ein störrisches Gesicht.
Aber Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, sie hatte
noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie durfte auch reden, denn sie
brachte mir keine Opfer das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und
ich vor ihr. Sie nahm mich gehörig her, sie fand eine Gelegenheit unter
vier Augen.
»Ludwig, Ludwig,« sagte sie, »lauf die Welt aus und ein, du findest keine
solche Treue mehr. Du hast Hörner aufgesetzt und mußt sie dir verstoßen,
denk' an mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst und merkst,
was du dir selber verhunzt hast. Ich seh' dich wie in einem Spiegel, du
brauchst gar nichts zu sagen. Du nimmst es den Mädchen übel, daß sie für
dich schaffen und daß sie arm und einfach sind; du willst hoch hinaus und
willst niemand etwas zu danken haben dabei, und bist dennoch ein Genießer,
der sich nichts versagen kann. Ich könnte dir noch vieles sagen, aber du
verstehst es nicht, du hast noch Scheuleder auf, die müssen dir zuerst
herunterfallen, vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: vergiß
nicht, woher du kommen bist, und daß du ein goldenes Kleinödlein daheim
hast.«
Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? Was tu' ich denn
Unrechtes? Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es bös ausgefallen. Aber
Lotte sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem Kriegerdenkmal; ich
war ein kleiner Bub ihr gegenüber. Und doch brach dabei ein so heller und
wahrhaftiger Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der klopfte bei mir an,
daß ich auftun mußte. Sie wartete auch zum Glück auf keine Antwort, sondern
fing an, kleine Dinge von daheim zu erzählen. Daß ihre alte Mutter das
Nervenzittern noch verloren habe, es sei wie ein Wunder, sie sei fast
wieder jung; daß das lustige Mädchen Hermine seinem Feldwebel angetraut
sei, und daß ihre, Lottens, Kinder wie die Tännlein heranwachsen, es sei
schade, wenn ich sie nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.
»Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,« sagte ich und lachte. Da lachte
sie auch, und als Luise zu uns trat, waren wir in einer Fröhlichkeit, an
der sie unverzüglich teilnahm, denn sie spürte freudig, daß ein Riegel
aufgegangen sei.
Ich hatte denn auch, angestoßen wie ich war, vieles mitzuteilen, das mir
die beiden Getreuen begierig abnahmen; ich hätte noch mehr haben können, es
wäre ihnen nicht zu viel gewesen.
Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehört bei einem Geschichtsprofessor. Es
war ein Prachtsmensch mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei
dabeigewesen, als Napoleon seinen Leuten unter den ägyptischen Pyramiden
sagte: »Jahrtausende schauen auf euch hernieder.« Manchmal schloß er die
Augen, wenn er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten Hand in
die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand in Fülle um ihn herum. Er
kannte mich; er hatte zu Herrn Hagenau gesagt, ich hätte Augen gemacht wie
ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, sagte er: »Mein lieber
Fugeler.«
Literaturvorträge hörte ich auch. Und ich las viel, aber davon war nicht
anzufangen; es gehörte zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man konnte
ein Buchhändler sein so oder so, ich hatte aber im Sinn, etwas Rechtes zu
erreichen. Ich sprach mit ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen
hörten mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen Zweifel, ob man der
Sache in allem richtig trauen könne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit
Achtung begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war ja dennoch froh,
wenn etwas Rechtes mit mir los war, denn sie hatte mich gern, und sie
gönnte es den Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.
Luise saß still und freudig dabei. Wenn ihr etwas das Herz regte, so nannte
sie den Mutternamen. »Das möchte die Mutter freuen,« sagte sie, als ich
preisgab, man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten und habe mich
ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft im Laden mir zugetan. Herr
Kasimir hatte vor kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein Jahr
im Hause bleiben und dann mich in der Welt umsehen, er wisse mir schon
Plätze. Nachher sehe man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen
gesicherten Weg vor mir, und außerdem tat es meiner jungen
Selbstherrlichkeit gut, daß der schweigsame und zugeknöpfte Herr auf
einmal anfing, mit mir ins Benehmen zu treten. Er sprach über das und das
mit mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bücher zu lesen, lobte oder
kritisierte, was ich tat und ließ hie und da unverhofft bei Tisch oder
sonstwo die Blicke auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.
Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen über mich aufgegangen und er
fange an zu merken, daß er gut mit mir fahre. Auch sei er längst nicht so
trocken, wie man von weitem meine, sondern ein feiner und zurückhaltender
Mensch, der sich seine Leute zuerst ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein
mache.
Das alles ließ ich vor den beiden spielen, fing aber unversehens einen
Augenwink von Lotte Meister auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch
und durch, mach' mir nichts weis. Es lag ein bißchen gutmütiger Spott darin
bei aller Freundschaft, das stach und streichelte mich zu gleicher Zeit.
Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen goldenen Becher, denn ich
kam immer mehr aus ihren Sorgen, und man sah, daß kein Grund vorhanden war,
über mich zu kümmern, denn ich wurde recht, man konnte mich ruhig laufen
lassen. Sie war es nicht gewöhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit
von der Mutter ein Bündel übernommen und es bis hieher getragen, nun lachte
etwas im Grund ihres Herzens: es ist dann nicht so, daß ich nicht auch
lustig sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her mit den guten
Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. Sie fing an auszuladen, was
sie von daheim wußte.
Helene wäre gern mitgekommen, aber es mußte ihr ums Geld sein. Der Schwager
Schreiner hatte große Rosinen im Sack; nämlich es war eine Schreinerei
feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, aber nicht teuer und
mit einer Kundschaft darauf, die nicht zu verachten war. Sie wollten noch
ein Jahr mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was jedes verdiente,
dann war dem schweren Anfang schon etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise
mit und mietete den unteren Stock für ihre Bügelei, es half den
Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung machen und
beisammen bleiben. Sie zog ein Bild des Brautpaars aus dem Ledertäschchen,
das sie am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte ein zartes
Gesicht mit einem lieben, aber etwas müden Ausdruck. Das sei immer so bei
den Bräuten, die lange warten müssen, erklärte Luise, es sei begreiflich
und habe gute Gründe. Sie sei aber gesund und munter, nur schaffe sie zu
viel; es sei gut, wenn das später anders komme. Im Haus herum schaffen sei
gesünder als das ewige Sitzen bis spät in die Nacht hinein.
Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem Schnurrbart und mit
Besitzermiene. Ich konnte ihn nicht leiden, seit ich von seinem
Vorhandensein wußte, und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas
Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, sonst mochte er ein
guter Kerl sein, und er war auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm
und aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte nicht sagen, was mir
durch den Kopf ging, es war aber oft so bei mir.
Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, daß er Zither spiele und nie ins
Wirtshaus gehe und auch nicht rauche. Da war mir eines so verhaßt wie das
andere, denn man sah an allem, daß er ein Leimsieder war und sich etwas
darauf einbildete, daß er sparsam und fleißig sei. Mit solchen Leuten maß
ich mich von vornherein nicht, denn es gab höhere Eigenschaften, man sprach
aber nicht davon.
Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung mit ihm auf mich, das
spürte ich sogleich, aber ich ließ mir nichts gefallen und sah schon dem
Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; sie tat mir leid, weil
sie dazwischen stehen mußte, es war aber so der Lauf der Welt.
Von dem allem wußte Luise nichts. Sie war voller Lobpreis über eine
Begegnung mit Fräulein Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. »Sie wär's
allein schon wert, daß man hierher reiste, so gibt's nicht viele Leute. Du
hast nie geschrieben, wie sie ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit
unsereinem, oder wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, was das
für ein Mensch ist, lauter Güte bis auf den Grund. Man sagt sonst den
Krummen nichts Gutes nach. Je krümmer, desto schlimmer, heißt's im
Sprichwort. Aber die ist über ihren Berg hinübergestiegen, mag sie's
gemacht haben, wie sie will, es mag nicht leicht gewesen sein.«
Da ließ ich meine Wissenschaft auffahren, die ich von dem Zeitler hatte;
denn es sollte niemand meinen, daß man mir erst den Star stechen müsse, was
Fräulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles heimschreiben, es war
besser, auch noch etwas zum Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer
als die meisten Menschen, ich hatte es aber seither für mich behalten.
Lotte Meister saß dabei und dachte sich ihr Teil, man konnte es ihr
ansehen, sie hatte nichts zu verstecken in ihrem offenen Gesicht. Sie wußte
auch, wie es war, wenn man über Berge hinübersteigen muß, sie hatte es
erlebt. Und sie dachte, für mich könne es vielleicht noch kommen, bis jetzt
wisse ich alles nur vom Hörensagen. Aber sie hatte es doch anders als
Fräulein Brigitte. Denn diese mußte ihre Last lebenslänglich mit sich
herumtragen, aber Lotte war aus der Trübsal hervorgegangen wie aus einem
Bad: gesund an Leib und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war
eine Kindermutter, während die andere mit leeren Händen im Leben stand und
nur einen geheimnisvollen Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein aus
ihren Augen glänzte.
* * * * *
Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die Bahn geleitete, stand ich mit
zufriedenen Sinnen bei ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir
hinwegnahmen. Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen Geschenke
austeilen, die sie hier am Orte mit Bedacht ausgewählt hatten, die
Reisekleider versorgen und in die alltäglichen schlüpfen, und hörte sie
erzählen, wie schön die Gegend und die Stadt sei, in der ich lebe, wie ich
bei rechten und guten Leuten sei, die mich gern hätten und etwas auf mich
hielten, wie ich als einziger Junger unter lauter älteren Herren mich
munter und als einer, der sich zu regen wisse, bewege, und so mehr, was ich
mir alles in Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schönen Platz, den ich
ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge herab auf das Flußtal, auf
die Stadt mit ihren vielen Türmen und das von leichtem Dunst umwallte
Gebirge gehabt hatten, die Fröhlichkeit, in der wir beisammen gewesen
waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk an, das sie von mir empfangen
hatten, und ich fühlte mich reich und froh, daß alles gut ausgefallen war,
so daß ich mit gehobenem Mut von einer zur andern schaute. Denn ich mochte
gern in gutem Andenken zurückbleiben, aber mitzufahren verlangte es mich
nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu leben. Da, als wir so standen
und auf den Zug warteten, kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich nach
Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs nannte. Er ging mit einem
kurzen Gruß vorüber, kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, noch
rechtzeitig eingefallen sei, daß dies die Meinigen sein werden, von deren
baldiger Ankunft ich ihm schon erzählt hatte. Denn jener abendliche Besuch
mit Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm machte inmitten
seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte ihn aber immer nur in der losen
Joppe mit Hirschhornknöpfen gesehen, die er im Dienst trug, und in der
Mütze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun trug er, da er eine kleine Reise
vorhatte, einen dunklen Anzug nach feinem, aber älterem Zuschnitt und einen
weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verändert aus, so daß ich ihn
erstaunt betrachtete. Zum Staunen war es mir aber auch, mit welch
ritterlicher und herzlicher Höflichkeit er die beiden Frauen begrüßte und
mit ihnen redete ein paar Minuten lang, so daß diese ganz erwärmt
zurückblieben und sich wunderten, was das für ein Freund von mir sei, denn
als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit aus.