»Ich bin nur froh, daß ich's mit den Blumen habe, es ist, wie wenn ich dazu

auf die Welt gekommen wäre, daß ich das Kranzbinden treibe. Das kann ich

nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's auch in den Fingern. Meine Frau

paßt nicht dazu, sie hat erst in das Geschäft hineingeheiratet, das ist der

Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn sie hat ein saures Gemüt. Sie

hat als Kind einmal in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr

geblieben. Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. Die Leute

kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin und gern lache. Es gibt auch

nichts Schöneres, als den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig

sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schöneres, und man weiß es

bloß nicht. Heute habe ich eine Girlande machen müssen um ein

Kindersärglein aus lauter Monatröschen und mit Immergrün. Da habe ich

weinen müssen, weil es mich so gedauert hat, zu denken, ich könnte als Kind

gestorben sein und wäre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das muß ich

sagen; von mir aus könnte jeder Tag hundert Stunden haben, es wäre mir

keine zu viel.«

»Du Närrlein,« sagte der Zeitler, »was wär's denn dann mit dem Feierabend

und dem Sonntag, wenn du so lange Tage haben willst?«

»Jaso, ja,« gab das Mädchen zu, »es ist nur gut, daß ich's nicht machen

muß, es käme etwas Schönes dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag müßte

geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist mir auch ganz recht, wie

es ist, ich will es gar nicht anders haben. Gestern war das bucklige

Fräulein Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, und ich trug

ihn hinüber. Da saß sie in ihrem schönen Wohnzimmer in einem seidenen

Sessel, und ihr Bruder saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, und die

alte Magd Salome trug den Kaffee herein. Die haben's schön, aber ich möchte

sie nicht sein, um kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergnügt

und gerade Glieder hat, dann freut's einen, und alles kann noch kommen, was

es Gutes gibt. Ich möchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.«

»So sei jetzt auch einen Augenblick still,« sagte der Zeitler, »man kann ja

mit keinem Steckelein dazwischenfahren, wenn du einmal anfängst, es läuft

wie aus einem Brunnenrohr. Was weißt denn du davon, wie es gehen kann auf

der Welt, und was weißt du von Glück und Unglück? Verheiratetsein kann ein

Glück oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt drauf an, wie man

es erlebt.« Er sagte es ein bißchen scharf und streng, und Hertha dauerte

mich, denn ich dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher.

Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, denn sie lächelte vor

sich hin und dann zu mir herüber, als ob wir beide besser wüßten, wie es

wäre.

Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: »Die Brigitte tauschte mit

niemand, wenn man es ihr anbieten wollte. Heißt das, was sie in sich selbst

und aus sich heraus geworden ist, gäbe sie nicht hin, wenn sie noch einmal

ein Leben leben dürfte in einem schlanken Körper und mit allem, was man so

gemeinhin Glückseligkeiten heißt.«

Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das Fräulein beim Vornamen nannte

und weil er über ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie überhaupt zu kennen

schien.

»Er ist bei Hagenaus,« sagte Hertha und deutete mit dem Kopf nach mir hin.

Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhältnissen gefragt, nun sah er

mich aufmerksam an und sagte: »Sie sind da in guten Händen«; er zögerte ein

wenig und fügte dann hinzu, »zum wenigsten, was die Schwester betrifft,

obgleich ich Herrn Kasimir nichts zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger

als sie, die ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.«

Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und

besonders von Fräulein Brigitte zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler

bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zögern wirklich

an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wußte,

verlautete nicht. Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt

oder mindestens Zuschauer gewesen war; er vermied es aber, sich selbst zu

nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich.

Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er

verfiel im währenden Erzählen in eine seltsam reiche und blühende Sprache,

die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer Welt gelebt habe und sie

noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als

einer Hinsicht.

Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders

herauskommen.

»Dort drüben,« sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das

zwischen einer Baumgruppe heraussah, »liegt oder lag eine junge, feine

Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag erwürgt hat. Sie

hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr,

sie waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, und es sah

erschütternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem

Kinderhäuflein hinschauten, dem sie noch lange hätten scheinen sollen. Das

war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter

gewesen, gesund, schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich und

von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld

aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres

sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten Tochter Brigitte

aufbehalten gewesen zu sein, während die älteste und der um weniges jüngere

Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich belesen und

mit allgemeiner Bildung versehen, aber etwas trocken und unlebendig war.

Oder wenigstens so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau

unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch

nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem Tode

der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte ihre Schulbildung, wie es

recht und üblich war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung und Kleider

und für das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung

nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit

heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen wäre. Die arme Frau und Mutter

hatte allen Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen noch traurig

anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit

und Kinderglück im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im Äußeren

das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu

tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war

von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und Freude an ihr habe, und

dieses glückliche Wissen um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen

Leuten strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, dem sich in

Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen

dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen als stille, brave,

pflichttreue Schülerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle

Unterrichtsstoffe gründlich und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der

Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne

sich dessen bewußt zu sein, als knurriger und verdrießlicher Sohn seines

unfrohen Vaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. Er ärgerte

sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf

die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und genoß,

ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der

Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur,

um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut

gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelächter zu hören,

wenn ihr sein nörgelndes Wesen komisch erschien.

Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher Zeit; er ließ aber weder das

eine noch das andere merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm zu

wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften Jahr war Brigitte ein

schlank aufgeschossenes Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang

herabhängend trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden Gesichtchen, als

ob sie von weitem die vollen Ströme des Lebens rauschen höre und sich

anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber

wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein

herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte

und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im Mittag stand.«

Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick aus der

Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, daß er in einer Weise zu uns

redete, die wir nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm selbst

zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und

es war mir plötzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem

Bild so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht

ein.

»Kurzum,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler

nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite

aufgezogen, »die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem

verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben

umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht

mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem

Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, die zwischen zwei Bäumen

angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte

daneben mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die

Schaukel zu stoßen, daß sie hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht

gefiel es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, vielleicht auch

hatte er sein unholdes Vergnügen daran, daß die Brigitte rief: >Laß sein,

ich will nicht so hoch!<, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die

Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen Kronen der Bäume anstieß

und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß und bekam

Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhören,

aber der fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genüge getan,

oder was es war; als die Brigitte außer sich herunterrief: >Laß los, oder

ich springe heraus!<, gab er, der es natürlich nicht glaubte, noch einen

letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, und in dem Augenblick flog

das Mädchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die

Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich, in den Ringen knarrend,

noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt.

Da war dann nun eine Zerstörung geschehen, die jedem weh tun mußte, der sie

sah. Es wäre fast leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse

Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen nicht mehr aufgemacht hätte. Es

wäre dann in aller seiner sonnigen Schönheit dahingegangen, und jedermann

hätte es als einen Liebling bei Gott und Menschen in der Erinnerung gehabt.

Aber freilich, der Kasimir wäre dann sein Mörder gewesen in aller tapsigen

Dummheit, und so konnte man es wieder nicht wünschen, auch wenn es etwas

geholfen hätte. Das Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege,

legte das schöne, unglückliche Geschöpf auf ein jahrelanges schmerzhaftes

Siechbett, drohte zuweilen, es nachträglich noch hinweg zu nehmen und ließ

es dann zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. Die

Wirbelsäule war verkrümmt und wurde es immer mehr, und unaufhaltsam sank

der schöne, feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der aufrechte

Wuchs, den das heranblühende Kind gehabt hatte. Da war die Brigitte kein

Sönnchen mehr, sondern eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen

Schmerzen gewiß kaum ein Mensch recht wußte, und die eine Mutter hätte

brauchen können, wenn sie, die draußen schlief, irgend zu erwecken gewesen

wäre. Denn als das lange Siechtum überstanden war, regten sich von neuem in

dem lebensvollen Mädchen die Kräfte des Blutes und der überschwängliche

Lebensdrang, den sie von der Mutter ererbt hatte, und der nun in einem

verwachsenen Leibe gefangen lag. Die Schwester heiratete in all ihrer

dünnblütigen Zahmheit einen Privatdozenten von der Universität, der in

früheren Jahren die kleine Brigitte sein Bräutchen geheißen hatte, und dem

auch jetzt unglücklicherweise ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen

entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen Norden hin und wurde

eine Berühmtheit in seinem Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschöpf

aber blieb in dem unfrohen Vaterhause zurück. Die zweite Frau des Vaters

war auf einer Erholungsreise in ihre Heimat gestorben und auch dort

begraben worden, und es verstand sich von selbst, daß Brigitte die Führung

des Haushalts übernahm, der aus dem Vater und dem Unglückswurm Kasimir

bestand. Dieser war über den Unfall, den er herbeigeführt hatte, außer sich

gewesen, was sich darin zeigte, daß er, wie er ging und stand, von der für

sterbend gehaltenen Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal lief und

sich dort verschiedene Tage und Nächte lang umhertrieb, bis ihn endlich das

Verlangen, etwas Näheres zu erfahren, wieder in die Stadt führte, und zwar

zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob sich das Muttergrab

geöffnet und über einer neuen Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er

nun sah, daß nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, übermüdet von

Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, auf den mütterlichen Hügel

nieder und schlief ein, bis er spät am Abend verwirrt emporfuhr, weil

jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war dies sein Vater, der, gleichfalls

aufgestört aus seiner gewöhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein

Lieblingskind empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen kaum je

gezeigt hatte, und der nun fast instinktmäßig den Ruheplatz seines Weibes

aufsuchte, um ihr als Mutter zu sagen, daß sie eigentlich jetzt am Platze

sein müßte. Als er nun an dieser Stelle den Sohn fand, dem er

begreiflicherweise heftig zürnte, und dem er eine gehörige Strafe, er wußte

nur noch nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung mit ihm

vor, deren er sich nicht erwehren konnte. Der Missetäter hatte nämlich,

vielleicht um bequemer zu ruhen, vielleicht aber auch in einem

ausbrechenden Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen den

aufrechtstehenden Marmorblock umfaßt und den Kopf auf den mütterlichen

Namen gelegt, und erschien dem Vater wie ein alttestamentlicher Flüchtling,

der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den Tempel eindrang und die

Hörner des Altars umklammerte. Auch zeigte sich im Schlaf eine so

unverstellte Herzensnot und Bekümmernis auf dem sonst gleichgültigen

Gesicht des Sohnes, daß sich der Vater des Erbarmens und der Rührung über

das Leiden, das noch größer war als seines, nicht enthalten konnte und den

Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, wie dieser meinen mußte, sondern

um ihn ans Herz zu schließen. Das ist freilich nicht buchstäblich zu

verstehen, denn Liebkosungen waren in der Familie nicht Sitte und waren

bisher nur von dem jetzt verdunkelten Sönnchen ausgegangen, aber dennoch

ging von da an ein stilles Einverständnis zwischen Vater und Sohn einher.

Für diese beiden war überhaupt das Unglück der armen Brigitte ein freilich

noch tiefverschleiertes Glück. Denn die Reue, die der Kasimir, und das

Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, ihrer kargen Natur einiges an

Zartheit, Güte und Fürsorge abzuringen, um der armen Kranken das Leben zu

erleichtern, was alles ihnen selber wieder zugute kam. Es geschah aber das

Wunderbare, daß das gequälte Geschöpf, die Brigitte, in aller ihrer Leibes-

und Seelennot dennoch wieder etwas von dem alten Lachen fand, zuerst nur

selten und fast widerwillig, aber später sich selbst unwiderstehlich. Das

war, als sie sah, wie die beiden Männer, der alte und der junge, ihre

ungeschickten Versuche machten, sie aufzuheitern und das düster gewordene

Haus zu erhellen. Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie unerfahrene

Hände sich mühen, verquollene Fensterladen aufzumachen, um Licht in einen

dunklen Raum zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu tun, da

doch keine Aussicht ist, daß es anders hell werde. Denn die ursprüngliche

und gottbegnadete Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte

allein, und es wurde ihr nach und nach klar, daß es alles nichts helfe, sie

müsse den verschütteten Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben

könne, und auch die andern darnach dürsteten. Das ging freilich nicht ohne

blutende Hände ab und nicht ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es

wurde ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glück und vollem

Menschenleben, besonders wenn sie andere in aller Ruhe und Gottergebenheit

erleben sah, was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wäre, mit

Seelenjauchzen und Wonnestürmen in sich ausgetragen hätte.

Doch,« unterbrach sich Zeitler, »es hat schließlich niemand das Recht,

davon zu reden, da sie selber es nicht tat. Wenn sie aber,« fuhr er fort,

»von einem Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und des sich

Genügenlassens ermüdet zurücksank, so malte sich ein so ehrlicher und

ratloser Kummer in den Gesichtern der Männer, daß sie es nicht mitansehen

konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn sie ein heiteres Gesicht

und einen kleinen Scherz zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen

und verlegenen Mienen so sehr, daß es ihr ein beständiger Reiz war, die

Verwandlung zu sehen und hervorzubringen.

Was aber zuerst nur kraftlose und gequälte Versuche waren, das entwickelte

sich im Lauf der Jahre durch ehrliche und anhaltende Übung zu einem

lebendigen und ungestörten Besitz, um den sie die meisten Menschen, in

deren Dasein es immer glatt und eben zugegangen ist, beneiden könnten, wenn

sie dazu die Fähigkeit hätten, ja zu einer Quelle, nach der es verstäubte

und müde Wanderer hinzieht und niemals umsonst. Natürlich steckt da noch

allerlei darin und dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen

Brunnenstube, sie allein den Schlüssel hat. Doch kann man immerhin an einem

frisch und unermüdlich sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe

steigende Quelle beschaffen sein muß.

Der Kasimir hatte schon längst bei sich selber beschlossen, unverheiratet

zu bleiben, um der Schwester ein dauerndes Heim bieten zu können. Das hätte

unter Umständen ein schweres Opfer sein können, das wohl auch die klare und

natürlich empfindende Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen hätte.

Aber sie sah bald, daß sie dem Bruder mehr geben könne, als er ihr, ja, daß

der etwas trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel mitteilende

Lebenskraft habe, daß es um die Ehe, die er hätte führen können, schade

gewesen wäre. Sie ließ ihn ruhig gewähren, ohne es ihm auf die Nase zu

binden, wie sie die Sache auffaßte, so daß er das erwärmende Gefühl

behielt, ihr zur Sühne für einen ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben

zum Opfer zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es hie und da

bedachte, erhebend anrührte. Oder vielleicht auch noch anrührt,« schloß der

Zeitler, dem es plötzlich einzufallen schien, daß die Personen, die er aus

der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er ihnen irgendwie näher gestanden

sein mußte, noch da waren, ja, daß ich begierig Horchender jeden Tag um sie

war.

Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, aber nicht eigentlich dunkel,

denn am wolkenlosen Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und

flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein eines Lichtes liegt; auf

dem weiten Gräberfeld webte und rührte sich allerlei, aber es waren nur die

Gebüsche, die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, langen Zweige

der Trauerweiden, die sachte hin und her wogten; Düfte kamen in weichen

Wellen heran und umgaben uns, und ich dachte an meine Mutter und daß sie

gesagt hatte: Die Toten haben keine andere Sprache, um uns zu sagen:

Vergeßt uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von Grausen dabei, denn

es hüllte mich ein großes Wohlsein ein. Ich fühlte eine quellende Liebe im

Herzen und wußte nicht, galt sie der siegreichen Brigitte oder dem kleinen

Sönnchen, das sie früher gewesen war, oder dem Zeitler, der mir so

wunderbar bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel hielt, wenn er

von den andern erzählte. Wer war er denn, wenn man fragen durfte? Aber man

durfte nicht fragen, man mußte sich ganz still halten.

Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen Seufzer: »Ach, daß die arme

junge Frau die Augen offen gelassen hat! Aber ich ließe sie auch offen,

wenn ich sterben müßte, man dürfte sie mir nicht zudrücken. Ich möchte

wissen, ob meine Mutter auch noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot

gewesen ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon vorher

hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn ich nicht so vergnügt wäre, so

wäre ich gewiß recht traurig; ich habe es aber in mir, daß mich das Leben

freut, ich kann nichts dafür.«

Der Zeitler stand auf und führte uns zum Ausgang; es war mir, als sei ich

in einer andern Welt gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurück.

Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustür waren: »Ach, es ist schad, daß man

die Nächte verschläft, aber es wird so sein müssen, scheint mir. Ich möchte

einmal eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen hinein, durch den Wald

und über einen Berg hinüber, aber nicht allein, es müßte zu zweit sein. Und

wenn es hell würde, ständen wir oben auf einem andern Berg und wären froh,

daß wir schon auf sind, eh' die Sonne kommt, weil es schad' ist um alles,

was schön ist, und man sieht's nicht.«

Da hätte ich doch nicht übel Lust gehabt, sogleich mit ihr fortzuwandern

durch schlafende Wälder und an schwatzenden Bächen hin und in den Morgen

hinein. Aber sie schlüpfte ins Haus, und ich ging allein vollends in die

Stadt hinein, und nach einer Weile hatte ich das Gelüste schon vergessen,

denn es war so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war gut, daß ich

mit keinem Menschen reden mußte.

* * * * *

Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von meiner Schwester Luise,

der mir viel zu schaffen machte. Er weckte mich, der ich ganz im Hier und

Heute lebte und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, für eine

Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die mich nur ungern und nach ihrem

Dafürhalten nur leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen und

stillen Kräften unermüdlich spendete, was ich bedurfte oder auch nur zu

bedürfen glaubte und die nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir

selbst, ein Zugehören, ein Heimdenken und freilich auch hie und da ein

Zeichen davon.

In der Kürze: ich schrieb wenig genug nach Hause; es war mir alles entweder

zu groß oder zu klein, als daß ich es hätte mitteilen mögen. Auch war das

Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, und so kam es, daß

meine Schwestern nur nichtssagende Zettel von mir bekamen. Ich brauchte

Wäsche oder Stiefel, oder mußte mir dies und das anschaffen; sie hatten mir

einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, er war gut gewesen, aber ich

stand gut im Futter und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen zu

schicken; ich machte einen Ausflug und grüßte sie mit einer Ansichtskarte;

im übrigen ging es mir gut und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte,

sie seien damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in ihren

Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber hatte Luise den Plan gefaßt,

mich zu besuchen und sich zu dieser Reise, die ein großes Ereignis in ihrem

Leben werden konnte, nach und nach ein Sümmchen zurückgelegt. Sie wollte

sich ein besseres Kleid dazu anschaffen, ein Reiseköfferchen und

dergleichen, und sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl

sein zu lassen und auch mir die oder jene Güte anzutun. Dabei rechnete sie

meine Freude, mit der ich sie empfangen würde, mit der ihrigen, mich

wiederzusehen, zusammen, und es schien ihr eine Summe, die es wert war, das

Ersparte daran zu wenden, besonders wenn sie ihr Verlangen nach einer

kleinen Unterbrechung des arbeitsreichen und einfachen Lebens, das sie

führte, noch dazu tat. Denn ich hatte die Freude am Schönen und Freien, das

es auf der Welt gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute,

denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite hin zu tun war.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 8 / 24 段