Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß Maiblumen und einer höflichen

Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich zu

sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das hoch und nobel auf seinem Rad

saß in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich

und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen,

der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und

ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war

meiner Dame nicht recht, daß der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte

ich ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, daß sie auch nicht

alle Trümpfe in der Hand hatte, und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing

an, vom schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden und, als das nicht

recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich

verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch

davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter

und belehrte mich aufs beste.

Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Fröhlichkeit

eine Suada, als ob ich süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein

einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie

sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich

nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja,

schau nur, du wirst dann später schon noch das Nähere von mir erfahren,

nämlich, daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus

Preußen oder Schwaben seien.

Da mußte aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner

dazwischenfahren, der mit einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und

uns meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht

zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf

die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: »Oder haben Sie eine

dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.« Da

fuhr dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger Schuß

Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: »Ich wüßte

nicht,« und gab ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher im

Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns

stob die weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin

war etwas lebendig, nämlich eine Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade

vor uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hübschen,

farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumensträuße in den Händen, die

sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor

dem Überfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Küchlein, in die der

Habicht stößt. Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha darunter

war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten

lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und

ließ mir einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war mit

allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und

in dem Augenblick fuhr das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr

blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterung beider

Parteien, bei welcher die Blumen in den Straßenstaub fielen, das blauweiße

Kleid einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem Sitz schwankte.

»So machen Sie doch die Augen auf,« herrschte sie das Mädchen an, das

verwirrt, erschrocken und in Staub gehüllt dastand und seinen verdorbenen

Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches

und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am Sonntag die

Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem Volk. Daß man eigentlich besser

täte, werktags zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen sei. Das

heißt, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur

immer das Mädchen vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und seine Blumen

am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich

hätte etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: ein bißchen traurig

und ein bißchen schelmisch und in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte

es nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem

herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemüt hinein. Mir war nicht gut

zumute, aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu

wissen, daß ich das Mädchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein

den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrückte, pfeifend in den

Wind schlug, da ich es doch nicht ändern konnte.

* * * * *

In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als

gehe meine Tür auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht in der

Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu

deren Öl ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel

kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr

Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring

schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah

samt dem Ring, wußte ich, daß sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das

ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch

und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefühl von einer lieben

Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die

Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und

kümmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen

Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und ich erkannte durch die

geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie

er sich leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen Buben recht

werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges Weib. Es ging mir durch und

durch, ich hätte ihr gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir,

aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine große Träne heiß und

schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich stöhnte und

wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich

versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen

mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus

finden: Alle Kindlein, bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber es

war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühte mich vergebens, und als ich

es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das

Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich zumachte, trat mir das

Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und

ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal liefen mir die

Tränen stromweis übers Gesicht.

Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Münster,

ein Luftzug wehte über mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit

offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen

Tränen des Traumes.

Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn

auf den Fußboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden,

an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie

wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir

auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich

auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestörte

Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die

weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich.

Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an

einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang in

den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blümlein

mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an

einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien

und eine Drossel singen gehört, hatte Eichhörnchen ihre Sprünge machen und

ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und hatte

etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter

machte ein Kränzlein aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte

Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. »Sieh,

Ludwig,« sagte sie, »man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind.

Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß wir sie lieb haben.

Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie

an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen

gehört hat, oder ein Spiegel, und anders können sie nicht sagen, was sie

gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von

unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt

freut's vielleicht die Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.«

Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein

Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige

Gedanken, und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in

der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, die Großmutter war gar nichts für

mich, ich hatte sie nie gekannt.

Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tönen und

Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das

schüttete es aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es um mich

herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte

sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen

konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht

irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf

irgend eine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, wie, und daß sie

zur Tür hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie

mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es

mir eng und schwül zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte,

und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische

Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. Da geschah es, daß mir beim

Vorübergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach

beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam

davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich

prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch,

einer, der zu meinem Ich du sagen könne, und der mich durch und durch sehe,

und es war mir nicht im mindesten möglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm

das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom

Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du für einer?

schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich.

Schon von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir

gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde

befreundend, es näher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich

auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein

Selbst erkennen mußte; es war, als ob aus den glänzenden Punkten meiner

Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins

Unendliche so fortgehen, man wußte nicht mehr, wer man selber war und wer

sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeiten und Fragen

auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen für sich hinlebte und vor

denen es einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit Gewalt von mir

selber los und flüchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im

Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für sich

hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche

Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle

ihre Blumen, Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig in

ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen

Bäumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne

sich zu rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus verdunkelt und

ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wäre gern gut, einig mit

mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen

konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerührt. Und ich hätte auch

gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund oder so. Aber

das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich

am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurück, den

Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.

* * * * *

Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause

wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß

sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei

Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel

konnte ich auf der Straße hie und da den Hut abziehen vor angesehenen

Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grüßten mit

Höflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter den Hut schauen

mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen

etwa das Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es

Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gespräche zu führen.

Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als

der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler

oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich strengte mich an,

in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen

wollte.

Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem

Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit

ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut,

daß er vorüber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den

Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas

mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen großgezogen worden, das

ich kaum vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war

vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre

Kinder geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei und ohne Mühe

sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit

oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören lernten,

gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem

reichlich umging. Vielleicht waren schöne Bilder und Musik, und Frauen in

feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Männer von aller

Kunst und Weisheit reden hören; das war ihnen alles gewesen wie das

tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da

wuchsen sie heran und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. Und

es war so, daß man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte,

wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da

von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmütig, wie es mir

schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte,

zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, sahen sie

einander an und lächelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, daß sie

hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache

nicht, du bist aus einem andern Land.

Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz recht, aber unsereiner

kannst du ja nicht sein.

Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause

Hagenau zusammen lebten.

Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein Brigitte auch eine von

derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber

und vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last auf dem Rücken und hat

eine stolze Würde, als wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine

Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig mit allen und auch mit

mir. Was also ist besonders an ihr -- und wie kommt es, daß man Vertrauen

und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?

Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, stolz über die Formel,

die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt

sich erst.

Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr?

Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund

trat, weil die Gegenwart fortwährend Neues an den Tag brachte.

Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha zusammengekommen, was sich bei

unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch

wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für gewöhnlich meines Weges ging,

so ertrug ich doch nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir böse oder

von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck

machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen,

sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann mir wohlgesinnt und

zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte.

Das gute und natürliche Mädchen machte es mir auch leicht, meine

Entschuldigung anzubringen; es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für

den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen

konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas

griesgrämlichen Frau wenig Gelegenheit hatte.

Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich

zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute

Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie

sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir

gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und

da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen

eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen

fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst

verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von

den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort

immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und

die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der

längst Gewesenen entsprossen waren.

»Sehen Sie,« sagte Hertha vorstellend, als müsse sie mir die Bekanntschaft

der Ruhenden vermitteln, »hier liegt ein alter Junggeselle oder doch

wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er

gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal

einen Syringenstrauß gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man

sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu

spät, und man läßt nichts hinter sich.«

Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die Lebensgeschichte dessen, der

unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu

bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und

blühenden Munde solche Erfahrungsweisheit?

»Da, sehen Sie!« Sie schob ein paar Zweige des Efeus, der von der Mauer

hergekrochen war und das Grab umarmte, zurück.

»Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno

1799, dem Gott gnädig sei.«

So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden,

das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend

ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf.

»Das hat der Zeitler getan, der über den Ort hier gesetzt ist. Er kennt

alle Begrabenen hier und weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er

ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert,

aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat

angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so friedlich, sagt er, und hätten

alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut

mit ihnen auskommen. Da ist er,« unterbrach sie sich und strebte vorwärts

nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort

saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern

vorgeneigt und hatte die lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar

rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als

ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit,

ich wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage,

wo ich ein ähnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort

oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als sähe ich

etwas Altbekanntes und ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit

so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zu sagen: Du wirst es noch

von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich

wußte nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und dachte auch nicht

tiefer darüber nach.

Der alte Mann ließ ein paar ruhig betrachtende Augen auf mir liegen, und

ich gab es ihm in meiner Verwunderung über das vermeintliche Wiederkehren

von etwas längst Gewesenem heim, so sahen wir einander ins Gesicht,

vielleicht nur ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in der

Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns herzustellen.

Hertha sagte: »Ich bringe einen Besuch mit. Er ist mir unterwegs begegnet,

er ist mein Nachbar,« und wir ließen uns links und rechts von dem

Friedhofswächter auf der Bank nieder. Er reichte Hertha eine seiner Nelken,

die sie begierig riechend an die Nase führte. »O, die sind von der jungen

Frau Maibom,« sagte sie, den Duft erkennend, er aber schüttelte den Kopf:

»Falsch geraten, sie sind von der Familie Gutekunst,« und ich merkte, daß

sie von Gräbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. Der Abend war noch

im Verlöschen mild und schön. Am Horizont waren Tücher ausgebreitet von

bunten, allmählich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke läutete, im

Gebüsch fing eine Nachtigall an zu schlagen, neben mir saß der Mann mit dem

schmalen, bekannten Gesicht und drüben das junge, starklebendige Mädchen,

es hätte alles heimelig und warm sein können. Aber unfern von uns war ein

altes Grab aufgemacht, und es lag ein Häufchen gelber halbvermoderter

Knochen dabei, die der Totengräber herausgeschaufelt hatte, und es war ein

Gerüchlein von welkenden Kränzen vorhanden, die in der Nähe auf einem

Haufen lagen, das alles mahnte mich diesseitigen Menschen an die Gegenden

jenseits der Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten

sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte keineswegs die Absicht, Geister

zu beschwören oder Vergänglichkeitsgedanken nachzuhängen, sondern sie stand

blühend und freudig im Leben und hatte nur ein freilich merkwürdiges

Mitleid mit den Toten, weil sie von dieser Welt fortgemußt hatten, auf der

es doch so schön war; es konnte um sie herum kein spukhaftes Grauen

aufkommen.

Sie roch an ihrer Nelke und sagte: »Gebt doch dem Herrn auch eine. Er

steckt den ganzen Tag zwischen den Büchern, ich möchte nicht in seiner Haut

sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt davon. Es ist aber bloß

oben drauf, er kann auch lachen, ich hab's schon gesehen.«

Der Friedhofswächter gab mir eine der würzhaft duftenden Blumen. Es waren

solche, wie sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie sie jetzt

noch daheim vor meinem Kammerfenster blühten, wahrscheinlich wenigstens.

War denn aber alles verhext heute abend und war etwa mein Kilian in den

Zeitler geschlüpft, um mit mir Versteckens zu spielen und zu fragen: Kennst

mich noch? Woher mir solche Gedanken kamen, weiß ich nicht, aber sie waren

um den Weg und ich mußte, wie damals in den Spiegel, so heute mit einer

halben Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des Zeitlers sehen, ob

mir eine Erkenntnis komme, die mich ja freilich beim ersten Augenwink in

die Flucht gejagt hätte, da, was man etwa im Traum gelassen oder freudig

hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, im Wachen jähes Entsetzen

bedeutete. So unverrücklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen

die Ordnung der Dinge beider Welten. In mein Schweigen hinein und das des

Zeitlers schüttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden Dämmerung

tönte wie ein spielendes Bächlein, und zu dem nach und nach meine Gedanken

zurückkehrten unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn ich mich nüchtern

besann, ohnehin ein Unsinn, was sie ausheckten.

»Ich verstehe nichts von Büchern,« hörte ich Hertha sagen, »man müßte mir's

grad sagen, was darin steht, daß ich's nicht selber lesen muß.«

Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, der allerlei bedeuten konnte,

ein Lachen oder einen Zweifel, und Hertha fuhr fort:

Ludwig Fugeler: Roman · 第 7 / 24 段