Gefühl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein
Dichter sein könne und man freilich jedem das Seinige lassen müsse, da das
Nachahmen keine schöne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr.
Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, daß nicht alle, die
an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schloß und Riegel setzen,
sondern manche der Patienten machen ein großes Geschrei und tun noch, als
ob die Bastarde die rechten Kinder wären.
Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, hatte in einer Anwandlung
von Schwäche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder
nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren nicht merken, so daß ihm
vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von
Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue und den zweiten
Aufguß für einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen
Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das
Gelüste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der
Brust trug, tüchtig herumzuplagen.
Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht und sah aber auch
an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor
mir erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit den raschen,
federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der
mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen Glatze. Denn
ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber
unbewußt; ich merkte es immer erst nachträglich.
Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhältnis, das
bei mir aber mit ein wenig Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in
meiner Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder den Kettenhund
Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich
über den seltsamen Kauz urteilte.
Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleißigen Gesprächen, und
ich merkte wohl, daß er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig
empfand, was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort
fand für das, was in ihm lebte.
So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit
Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben.
Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die
breite, mäßig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der
Stadt hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in der blassen
Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis
wir uns dem Ausgang genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines lustigen
Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die
Quelle solcher Fröhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß ich
wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bücherlesen und
im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten,
wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte
Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte.
Es waren da viele rote und blaue Mützen und farbige Brustbänder der
Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmützen, die
auf blonden oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet das Gewimmel
der Schulkinder, das barhäuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen
erschien und den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die
überschüssige Kraft los werden.
Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich zu sich, daß ich
mitkommen möge, so daß ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs
los hatte, der mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mit dem
milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig
zusehend still, bis er kalte Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es
mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe;
denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ,
soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte.
Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und überlegte mir, wie
ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mußte fahren, das war
ausgemacht.
Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der
Schulbuben darum zu fragen, ertönte auf einmal neben mir ein helles
Gelächter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, die mich
vergnügt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie
miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt
im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, die am Werktag in
irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie
auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es
Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen.
»Wollen Sie aufsitzen?« fragte die eine, die eine weiße wollene Mütze auf
den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der
Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue,
denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen
braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich
fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewünscht hatte, ich
hätte nur ja sagen oder mit dem Kopf nicken müssen, so hätte ich ohne
weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere
der jungen Geschöpfe hinter mich auf den Schlitten für eine oder ein paar
Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht
zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß auf einmal eine
hochmütige Regung durch den Sinn, so daß ich dachte: »Das denn doch nicht,«
obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war.
Und weil ich nicht wußte, warum sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit
sei irgendwie auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg mir das Blut
in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen
Stoß mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, daß ich
kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es
doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines
unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt
an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit
der weißen Mütze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: »So kommt und
lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es
könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.« Und darauf stiegen sie alle
drei ohne viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich
unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus
einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten,
ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und
zu sagen schien: Wir haben es nicht bös gemeint, du hättest immerhin
aufsitzen können. Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mißmutig
nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht
lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den
Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne Luft zerschnitt,
so spürte ich, daß ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei.
* * * * *
Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzügler gewesen war,
und der Frühling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit
frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit
Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die überall von den Bergen herunter
kamen, mit Palmkätzchen, die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz feil
hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die Zeit war, in der man
nicht wußte, was noch werden mag.
An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentür, die offen stand,
um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging,
aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger Stimme Bertrands
Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein.
Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand,
deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines
Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich.
Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf die Schwelle heraus ein
schlankes, braunhaariges Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den
Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen haben mußte, aber
ich wußte nicht gleich, wo. Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick
gehorcht hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf mit einem
Nickelstück wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte.
Sie lächelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte ich
auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, das mich so tröstlich
angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es
Frühling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über die Straße,
um ein gleiches Stück daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick
aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in seinem
Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen und mir, nur beifällig zu
und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie
alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. »So,
also da sind Sie?« sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; »was tun
Sie denn da?«
Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht bloß,
weil es ihr gefiel, zu lachen. »Das hätten Sie schon lang sehen können, daß
ich da bin,« sagte sie, »aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die
Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.«
Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie schon damals, als die
Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und daß es
ihr immer leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt habe.
»Lieber Gott, wenn man so jung ist,« sagte sie, »dann muß man doch auch
ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man
bald genug, meinen Sie nicht auch?«
Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und
es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön
sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte
wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei
ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er
sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie
das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so
unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. »Ich trage
ihn nachher selber auf den Friedhof,« sagte sie, »denn ich will das Mädchen
sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat
den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein
vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.«
Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem
toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden
wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu
viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.
Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu:
»Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich
schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch
tot sein kann.« Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor
dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht
gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das
Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. So sagte
ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem
hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht
gekannt hatte. So ging es zu im Frühling.
Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: »Hertha!« mit ihrer tiefen
Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und
freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern
zurück, denn es ging allerlei in mir um.
Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß
Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete
und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging
drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher
angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der
Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither
verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne
Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und
das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen
Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte
davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst
hätte kommen sollen.
Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren.
Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach
Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am
Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte
Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang
keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der
Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es
wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese
bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen
Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und
beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe
und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen,
und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir
nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht
alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da,
als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür
herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah.
Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und
ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste
waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei
Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber
nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir
verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ
es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem
Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.
Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich
einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und
abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und
Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen
verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so
durchsonnt gesehen hatte.
Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei
uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die
Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.
Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der
offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen,
wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine
Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen
wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend
neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich,
und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es
gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern
eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich
verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres
Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen
und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich
die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering
schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie
hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders
frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung
eingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und
zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und
stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst
vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen.
Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem
Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch
in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen
war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles
fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und
Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen.
Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden
Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und
vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die
ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund
hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte.
Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen
wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas
mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das
Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore
spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an
ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und
mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte
recht kümmerlich am Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel
und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange
dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu
blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine
verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren
Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.
Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte
Heiterkeit und ein so frühlingshafter Duft und Wohlklang darin, daß meine
törichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war,
mich noch länger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne
persönliche Ansprüche.
Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Fluß, wo ich mich
gern auf den Rücken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte
tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch
einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darüber geredet, von dem
ich nichts verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt
geöffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Straße hinaus, bald
nach dem blonden Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich
am Morgen noch nichts gewußt hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen
könne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu
halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen und schönen Welten. Und ich
bat es dem Fräulein Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und
hochmütiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhüllt nach
ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und wurde ein wenig rot und sah auf
einmal aus wie ein siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner
schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. Und ich war froh und
befreit, denn lange hätte ich das verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten,
ich hatte keine Übung darin.
Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hübschen, warmen Stimme; ich
fühlte mich zu ihm hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu haben, und
er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er älter
war als ich.
Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit
ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein,
es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe
es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel
auch manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung von mir
ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher
Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es wurden
Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein
paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde
zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für sich selber nie eine freie
Stunde außer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging
mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen
konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein.
Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich meinen Schwestern die
Rechnung darüber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß
ich es später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es unbedingt.
Denn es war so, daß ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung
sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister
Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die
Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir
bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich
die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Ausläufers, und als der
Sonntag kam, saß ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel
dahin in einem fröhlichen Schwarm.
Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen Blütenstrauß und spiegelte
sich im Fluß, wie ein junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen Bilde
hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke
dahinflogen, die unsere Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz
der schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Fräulein Eleonore, die
soeben ein wenig hinter den andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte
einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, und ich
wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging
und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es
peinigte mich, daß sie mich als einen ungeschickten Burschen in der
Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn
ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war überhaupt nicht dumm, ich
konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen
mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt hätte, dem
ich sie erzählen und der mit mir hätte lachen können.