An den Ständen der Schuster, der Hut- und Kappenmacher, der Messerschmiede

und Wollwarenhändler drängten sich die Albbauern und ihre Weiber, aber da

hatten wir nichts verloren, sondern wir gingen den Ausrufern nach, die vor

ihren Schaubuden standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. Da war

ein ärmliches Leinwandzeltchen, in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Köpfen

zu sehen war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, deren Bildnis in

grellen Farben auf der Eingangsseite der Bude prangte und einem schlanken

Herrchen zulächelte, das ihr auf einem Brett Würste, Schinken und einen

angeschnittenen Brotlaib hinhielt und wie ängstlich schien, es möchte etwa

aus Versehen mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war da, und ein

schwindsüchtig aussehender Mensch in einem fadenscheinigen Frack lud die

Leute hustend ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung

Wallensteins, die Hamburger Kindsmörderin soundso, der Ritter Blaubart aus

dem Märchen und Schneewittchen mit der bösen Königin, alles beweglich und

in voller Arbeit. Er sah selber einer vergilbten Wachsfigur nicht unähnlich

und bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um nach rechts und links

hin die Leute einzuladen. Am Eingang der Bude saß ein prächtig gekleideter

und angemalter Türke, der aus einer langen Pfeife sehr natürlich zu rauchen

schien, und an seinen Knien lehnte eine wunderschöne Frau, die

todunglücklich aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rücken hinunter

und bis auf den Boden hinabfloß. Sie zwinkerte beständig mit den

Augenlidern und hob hie und da in abgemessenen Zwischenräumen die beringte

Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch schien sie die Lippen zu

regen, wenn man länger hinsah, und der schwindsüchtige Ausrufer sagte, es

sei die Scheherazade, die beständig unter dem Henkersbeil lebe und sich nur

ihr Leben retten könne, indem sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang

Geschichten erzähle. Es gingen ziemlich viele Leute hinein, Soldaten und

Mägde und Arbeiter, die gerade aus den Fabriken kamen, und auch

Schulkinder. Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch wollten. Aber

Maidi schüttelte nach kurzem Besinnen den Kopf, denn innen waren sicher

grausige Dinge zu sehen, und sie ging lieber den fröhlichen nach, deren es

genug hatte auf dem Markt. Da war gleich in nächster Nähe das

Kasperletheater, das kam uns so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den

Seilen, die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen zu, wie der

Kasperle mit einem Prügel auf den armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze

in einem Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so Besonderes, aber

wir hatten schon selber die nötige Fröhlichkeit in uns und brauchten nicht

viel Anstoß dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen neben uns,

das sich vergebens auf die Zehen stellte, um etwas zu sehen. Das setzte ich

auf meine Achsel, und nun schrie und strampelte es vor Wonne und brachte

die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner Begeisterung. Maidi aber lachte uns

beide gut und freundlich an, das Kind und mich, und mich dünkte, es sei bis

jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, der diesem gleichzustellen sei. Ich

kaufte ihr ein Rosensträußchen aus Zucker und sie mir einen roten Ballon,

den ich mit seinem Schnürchen in meinem Knopfloch befestigte, und das

geschah beides neben dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkäufer

über den ganzen Markt hin und an uns vorbei. Da kam die Frau des Besitzers

mit einem Sammelteller in unsere Nähe, und ich wollte mich eben davon

drücken, wie wir Buben das in solchen Fällen sonst getan hatten, aber das

schöne und anständige Wesen neben mir legte mir in aller Stille eine

moralische Verpflichtung auf, so daß ich männlich in die Tasche griff und

ein paar Nickel in den Teller legte: »Für uns beide,« sagte ich wie

selbstverständlich, und die Frau dankte achtungsvoll. Da überkam es mich

wie eine heimliche Besitzerfreude, daß ich für Maidi bezahlt hatte und sie

in diesem Augenblick zu mir gehörte, und es flog mir durch den Sinn, daß

ich ungeheuer arbeiten wolle die nächsten Jahre, weil ich es bald zu etwas

Rechtem bringen müsse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, und der

nächste mußte wieder hier auf dem Platze sein, sonst verging etwas von

dieser Stunde, ohne daß ich es genoß. Sie war ohnehin vorbei, eh' man es

dachte. Vom hohen Kirchturm herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte

mir wie erwachend, daß sie nach Hause müsse, und gab mir die Hand, als ob

wir täglich beisammen wären. Aber als ich ihr mit plötzlichem Ernst sagen

wollte, daß ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil ich in die

Fremde gehe, sah sie drüben zwischen den Buden ihren Großvater gehen, der

den Hut in der Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen Haare

und seines heiteren Gesichts einherschritt, und sie ging rasch davon, um

ihn noch einzufangen und winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grüßend

zurück. Ich sah die beiden miteinander gehen und sah wohl, daß sie eines

Blutes und einer Art waren: königlich, heiter, vornehm und frei. Mich aber

hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade vorüberflog. Doch hatte er

mein junges Blut erfreut und erwärmt, und es malte mir nun zum Dank tausend

Bilder, die eine schöne, freudige Zukunft gaben. Ich hatte aber freilich

noch nie daran gezweifelt.

* * * * *

Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie an mir vorbeigehen lasse,

so wundert es mich immer aufs neue, wie zufällig und ohne Einmischung von

irgend einer väterlichen oder beratenden Stimme, ausgenommen meinen Rektor,

meine Berufswahl vor sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, den

bäuerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter auf ihrem letzten Wege

besucht hatte, aber er war froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten,

und sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf einmal in der neuen

Umgebung auf eine Bahn gestellt, von der ich gar nicht wußte, ob ich für

sie und sie für mich tauge und von deren Möglichkeiten ich wenig genug

kannte. Es hätte aber schlimmer ausfallen können, als es geschah, denn ich

hatte tüchtige Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht die

angenehmsten, nämlich lauter ältere Männer, die einer um den andern so

vertrocknet waren, wie alte Wüstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor.

Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, schon lang im Hause

Hagenau, dem sie mit großer Zähigkeit anhingen, und wußten, wie es mir

schien, nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, was mich mit

Grauen und einem zornigen Widerstand erfüllte. Ich kam mir vor wie das

Entlein auf dem gefrierenden Teich im Märchen, das rudert und rudert, um

nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens dennoch tot im Eise steckt,

so frostig dünkte meiner warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch

nicht entfliehen konnte. Doch muß ich ja sagen, daß man in unreifen Jahren

die Altersgrenze bei andern, die einem um ein Stück voraus sind, niedrig

genug steckt, und sie erst sachte hinauszurücken anfängt, wenn man selber

dabei in Betracht kommt. Es war vielleicht nicht gar so weit damit bei den

Herren, von denen nur einer, der die Bücher führte, angegraute Haare hatte,

während ein anderer, der sein intimer Freund war, mit einer tüchtigen

Glatze herumlief, was mir alles für mich selbst in unendlichen Fernen zu

liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders darüber. Der Buchhalter

war mir eigentlicher und nächster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr

Hagenau stets in seinem kleinen Privatkontor steckte und nur zu besonderen

Gelegenheiten daraus hervorkam, wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam

es mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich mich törichterweise

schämte, von ihm gesehen zu werden, wenn ich, der ich noch vor kurzem ein

Primaner gewesen war und ein Student hatte werden wollen, nun Dinge zu tun

hatte, die jeder frisch entlassene Volksschüler auch konnte, denn die

geschäftserfahrenen Herren schenkten mir nichts von allem, was einem

Lehrling gebührt. Ja, sie hielten mich wohl grundsätzlich ein wenig

drunten, als sie meine junge Überheblichkeit bemerkten, der dies und jenes

unnötig erschien, was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein und

geschehen mußte, und das mir tödlich langweilig war. Ich hatte nicht von

ferne gedacht, daß es solches auf der Welt gebe. Da waren Register zu

führen von solcher Umständlichkeit, und die so vielfach verästelt waren,

daß es mir vorkam, als ob ein findiger Kopf, dem es zugleich um eine

tüchtige Bosheit zu tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das

unzweifelhaft alle, die sich damit befaßten, in die Irre und im Kreis herum

führen müsse.

Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der es mir auseinandersetzte,

einen Vorschlag zu machen, wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach

etwas einfacher angreifen könnte. Aber der sah mich von seinem Schreibbock

herunter an mit einer strafenden und doch milden Überlegenheit, daß mir das

Blut in den Kopf stieg vor Scham und ich mich über meine Zettel beugte,

ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah wohl, ich mußte mich da durchbeißen,

es war nichts anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein Sinn in das

Irrsal. Aber lieber war es mir doch, wenn die Bücher selbst durch meine

Hand gingen und ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, um zu

sehen, daß es für mich noch unabsehbare Goldfelder umzupflügen, Meere zu

befahren, Bergwerke auszugraben gab in der Welt der Dichter und der Weisen.

Nach und nach fingen einzelne Namen an, aus den vielen anderen

herauszuglänzen, wie an dem unübersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber und

Beobachter, je fleißiger er hinaufschaut, einzelne herausleuchten in

besonderer Klarheit, um die sich dann wieder andere zu sammeln scheinen in

milderem Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und etwa mit einem der

bekannteren Kunden verhandelte, so konnten sie miteinander in ein Feuer

geraten über dies oder jenes Buch, daß der trockene und etwas angestaubte

Mann wie verjüngt und verwandelt schien. Dann horchte ich auf meiner Leiter

oder wo ich gerade war, und beschloß, mir das Kleinod dem Inhalt nach auch

anzueignen, denn es stand mir ja die ganze Schatzkammer offen. Ich fing an,

in meinen Freistunden zu lesen, über Mittag und am Abend bis tief in die

Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht aufhören könne, ehe ich

alle Schönheit und allen Reichtum in mich hineingetrunken hätte, und kam

mir ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knäblein des heiligen

Augustin, das in seine kleine Schale das große Weltmeer fassen wollte.

Aber ich hätte mich vielleicht doch verirrt in den weiten Gärten der

schönen Literatur, denn dahinein zog es mich zuerst und mit aller Macht,

wenn sich mir nicht ein besonderes Schloßgärtlein aufgetan hätte, in dem

das Schönste vom Schönen blühte. Es war ein kleiner, offener

Mahagonischrank, mit Büchern angefüllt, der in dem Zimmer des Fräulein

Brigitte Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, und ich kann

kaum erwarten, von ihr zu reden.

Ich habe bei ihr viel für meinen Beruf gewonnen, was mir sonst niemand

geben konnte; aber noch mehr fürs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine

stille Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter ihnen als von ihren

Freunden und lehrte mich, den Edlen aufgeschlossen und ehrfürchtig entgegen

zu kommen, nur dadurch, daß sie selbst es tat. Was echt war und aus den

Tiefen des Lebens stammte, das nahm sie freudig auf, und lehnte alles

Halbe, Oberflächliche, oder was nach Gunst und Mode ging, ab; so war sie

mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, und glücklicherweise ohne

einen solchen darstellen zu wollen.

Ich hatte noch nie gesehen, daß man so las wie sie, die ein Buch genoß,

wie man edlen Wein aus kristallenen Kelchen langsam schlürft, zugleich den

Duft genießend mit dem kühlen Labsal; ich selbst hatte, von dem großen

Reichtum berauscht, angefangen, eins ums andere zu verschlingen, wie man

wohl an heißem Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen,

durstigen Zügen leert, ohne doch mehr davon zu haben, als den prickelnden

Reiz, mit dem er durch die Kehle fließt.

Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser Welt daheim zu werden; sie

aber lebte schon lang darin und verlangte nichts von mir, was meinen Jahren

nicht natürlich war, denn sie war keine vorsätzliche Einwirkerin, sondern

lebte, wie sie ihrem Wesen nach mußte, ohne damit Schule zu machen.

Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und mehr, was ich hätte haben

können, wenn ich den Sinn dafür gehabt hätte. Sie ist einer der wenigen

Menschen aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid und Reue

zurückdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten manches vergaß oder in den

Winkel stellte, was Lebendiges von ihr hätte mit mir gehen und mein Tun

bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt und sie hochgehalten,

und sie ist mir gut gewesen wie eine Mutter oder eine Freundin.

Davon will ich nichts vergessen.

Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, denn sie war klein und

stark verwachsen und hatte den Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie

saß mir am Tisch gegenüber, neben ihrem Bruder, und sprach unbefangen, frei

und heiter, fragte mich nach der Reise, von der ich gerade erst herkam, und

nach allerlei anderem und war in allem ein Mensch, der dem Schicksal

gewachsen oder sogar überlegen ist, da sie doch mit einem mißratenen Körper

hausen mußte und von Rechts wegen hätte bedrückt und kleinlaut sein sollen

meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, wie man leben und dazu noch

heiter sein mochte, wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.

Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder von den Wänden,

nämlich eine Anzahl von gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht

getragenen Köpfen unter feinen Hauben oder Perücken hervor zu fragen

schienen, wie eins aus der Familie so kümmerlich habe werden können, und

deren Gesichter sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. Im Gegenteil

blickte sie aus großen grauen Augen warm lebendig drein und hatte alle

Augenblicke ein solches Lächeln um den Mund, als ob sie über alles hinüber

inwendig etwas freue, und ich hielt mein Gesicht nicht im Zaum, das sie

erstaunt betrachtete.

Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das wir daheim gehabt hatten mit

zerschnittenen menschlichen Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen

konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch den Sinn, daß hier aus

Versehen oder im Spiel ein feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Körperlein

gesetzt sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermöge, während vielleicht

anderwärts ein grotesker Schädel auf schönen, schlanken Schultern ruhe und

man nun die Figuren wieder verwechseln müsse, daß sie in Richtigkeit seien.

Darüber kam mich ein kleines dummes Lachen an, das ich mit aller Mühe nicht

schnell genug erwürgen konnte, und plötzlich sah ich die schönen Augen der

Hauswirtin groß und ein wenig verwundert auf mir liegen, so als ob sie

schon alles wüßten, und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub vor,

da ich doch hatte in allem Ernst mit der Männlichkeit anfangen wollen.

Sie ließ es mich aber nicht entgelten, sondern lachte mich auch ein wenig

an ohne alle Empfindlichkeit, aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die

alles versteht, was junge Dummheiten sind, so daß ich mit einem Schlag für

sie gewonnen war und ihr am liebsten alle meine Gedanken gesagt hätte.

So kann es zugehen, daß man einen achtzehnjährigen Jüngling gewinnt, habe

ich später oft gedacht, denn es wissen es nicht alle Leute so gut

anzugreifen. Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.

An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir ausbreiten will, weil es der

erste war, stand sie gleich nachher auf und ging ans Klavier, da spielte

sie ohne Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke sitzend, mit

in die Hände vergrabenem Kopf zuhörte und welche mich fremd und

geheimnisvoll berührte. Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt,

und jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich nur auf

einen Zuhörer berechnet war, denn ich, das fühlte ich wohl, saß nur dabei

und störte vielleicht sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem

Klavier hin und mußte mich wundern, wie sicher und kräftig das Fräulein mit

schlanken, schönen Händen auf den Tasten herumregierte und das Instrument

nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, so, daß es inwendig in mir

mitklang.

Ich mußte an daheim denken, an meine Mutter und an Heinrich Kilian, die

beide schon lange vom Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz

selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie sie morgens an der

Eisenbahn gestanden waren in ihren grauen Regenmänteln und mit ihren

freudlosen Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rührte sich allerlei

in mir, daß ich ihnen gern ein gutes Wort gesagt hätte, weil sie immer im

Geschirr stehen mußten und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas zu

viel war für mich. Aber sie waren nun fern von mir, und am Ende hätte ich

doch nichts gesagt, wenn ich sie dagehabt hätte, denn es war nicht der

Brauch bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wußte nicht, wie es

zuging.

Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend aus seiner Ecke

hervor. »Das war schön, Brigitte,« sagte er, und sie nickte ihm zu, noch

den einen oder andern Ton leise anschlagend: »Das freut mich, Bruder, es

war aber auch Beethoven.« Er nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die

mittlere Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als Bruder zu ihm. Das

sei, erfuhr ich später, darum der Fall, weil er Kasimir heiße und den Namen

nicht ausstehen könne, was ja auch wohl zu begreifen war. Ich nannte ihn

aber von da an im stillen und nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.

Er hatte damals recht geredet, als er sagte, daß ich bei seiner Schwester

in rechten Händen sei. Ich hätte, grün und unreif, wie ich von daheim

fortkam, in keine besseren fallen können.

Sie hatte nicht nur ein schönes Gesicht und schöne Hände, sondern es

brannte auch aus ihrem Wesen heraus eine stille und helle Flamme von

unüberwundener Liebe zu allem Schönen und Guten, und sie war nicht nur

nicht zu bemitleiden, sondern sie stand weit über unsereinem, der noch am

Leben herumtastete als ein Neuling.

Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit ihr. Nachts, wenn ich im

Bett lag und im Begriff war, ins Nichts hinüberzuträumen, dann kam es mir

hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann sahen mich ihre

großen, klaren Augen wundergütig an, und ihr feiner Mund lächelte unendlich

lieblich, und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen und Reichtümer.

Die Musik, die sie gemacht hatte, schien mir ihre eigene Sprache zu sein,

die mir jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was sie am Abend getan

und gesagt hatte, übte noch im Nachhall einen Zauber auf mich aus, so daß

ich etwa aufstand und nach dem nächtlichen bewaldeten Berg hinüber und auf

das in den Nachthimmel hinein dunkelnde Münster schaute, was beides von

meinem Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Ströme meines warmen Blutes

ziehen hörte. Dann dachte ich mir aus, daß sie eine wunderschöne Prinzessin

sei, die ein böser Zauberer in einer Mißgestalt gefangen halte und die sich

selbst erlösen müsse in viel Mühsalen, bis ein Stück des Häßlichen ums

andere von ihr abfalle und sie in lauterer Schönheit dastehe. Es brannte

etwas in mir und riß mich mit sich fort, und ich entsinne mich noch einer

stürmischen Februarnacht, in der es mich dergestalt überwältigte, daß ich

in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglücklicher Verliebter, bis ich

daran müde wurde und einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da konnte

ich froh sein, daß sie nichts von dem allem wußte. Denn sie regierte das

Haus so ruhig und sicher wie eine brave Bürgersfrau und ging auch selber

auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, und sah kümmerlich genug

dabei aus.

Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch war und wer fremd. Denn die

Einheimischen grüßten, soweit sie honorige Leute waren, das Fräulein mit

viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Höflichkeit, aber wer fremd war,

sah sich, wenn sie vorbeigegangen war, kopfschüttelnd nach ihr um, und ich

war dumm genug, froh zu sein, daß ich nicht neben ihr gehen mußte. Sie aber

schien nichts von meinen heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich

im Leiblichen so gut, daß ich kräftig aufschoß und auseinanderging, wie ein

junger Baum, und tat zu allem noch etwas hinzu von einer schönen, geistigen

Wärme und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hörensagen gekannt

hatte, und die mich umgab wie eine heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich

an sie zurückdenke, eine jener Frauen gewesen zu sein, denen das Schicksal

darum eigene Kinder versagt, damit sie um so ungeminderter allen, die in

ihren Weg kommen, etwas von der wahren, durchschauenden und alliebenden

Mütterlichkeit zu geben vermögen, die einem jeden not tut. Gott mag wissen,

woher sie ihre eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben zu

können, indem sie andern geben und für sie da sind, was dann ihr Glück

ausmacht und sie aufleuchten läßt in einem milden und warmen Glanz.

* * * * *

Unter den Herren im Geschäft war einer, der sich hie und da etwas mehr mit

mir zu schaffen machte, als unumgänglich nötig war. Er lockte mich zu

dieser und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmückung eines Schaufensters,

zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung und dergleichen, wobei er mich um

meine Meinung fragte und mich etwas gelten ließ, was mir zwar wohl gefiel,

mich aber doch wunderte, da er diese Dinge sehr gut allein machen konnte

und jedenfalls besser als ich, wenigstens für jetzt noch. Es kam mir mehr

und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von mir wolle, ich konnte mir aber

nicht denken, was es sei. Hie und da sah ich, daß er mich mit auf die Seite

geneigtem Kopf anschaute, als ob er über irgend etwas im Zweifel sei, und

ich war mehr als einmal nahe daran, ihn zu fragen, was er damit meine, ließ

es aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. Er war

ein Österreicher, der schon in seiner frühen Jugend zu uns verschlagen

worden war durch irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und

hieß Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht besonders geschätzt,

wie ich merkte, trotzdem er ein stiller, friedlicher Mensch und ein überaus

fleißiger Arbeiter war. Sie machten sich gern über ihn lustig, und

besonders tat das der rotbärtige Giller, den ich im stillen den Kettenhund

hieß, denn er war wie ein solcher knurrig und bissig und hatte eine

Bewegung an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. Dieser sprach

von Frerichs als dem Dichter, aber in einer Weise, wie wenn ein anderer von

einem Dummkopf spricht, oder wie einer der Josephsbrüder auf der Weide bei

Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt der Träumer her. Das hörte ich aber

nur nebenbei, denn mit mir sprach er nur über geschäftliche Dinge. Da begab

es sich, daß ich eines Abends mit Frerichs zugleich das Kontor verließ, um

noch einen Gang zu tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen

Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein darin wohnte. Er sah

mich wieder so zweifelhaft an und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die

mir immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem Äußeren paßte: »Ich

möchte Sie schon lang etwas fragen, Fugeler. Ich habe nämlich, -- ich mache

nämlich hie und da Gedichte, oder auch« -- er neigte den Kopf zu mir her

und sah sich um, ob niemand in der Nähe sei, und flüsterte: »ich verfasse

auch hie und da Novellen oder dergleichen, und würde Ihnen gern einmal

etwas zeigen. Das heißt, wenn Sie es gerne wollen.«

Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch

gelegen war und eine schräge Wand hatte, wie sich das für einen Dichter

gehört, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein

aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschränklein ein Bündel Hefte

hervor, die alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben

waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich

nämlich so gut sein wolle. Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß

er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber

teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne daß mir beikommen wollte, woher.

Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde

nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem

sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt und

so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob

gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe,

sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich

sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt hätte, während es mir doch

schwer fiel, eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich

doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenüber und auch gar keine

Übung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begründen.

Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurück und sagte

zögernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu

vermeiden, daß einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen

Büchern lebe?

Da sah er mich erschrocken an und sagte: »Also das haben Sie auch gemerkt?

Und so hilft denn alles nichts!« Und er bekannte mir, daß er an einer Art

von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht

Schönes gelesen habe, etwas dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber

während des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein

aus ihm heraus entstanden sei, so daß er die Dinge eigentlich geistig

wiederkäue oder vielmehr wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie

eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag

morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er

versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so

daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden und etwa mit dem Kopf oder

Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber stecken

blieben, was ihn dann kläglich plage.

Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu

dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb

das Gelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken

und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so daß ich das Gesicht

verziehen mußte, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung

von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rührendem Ernst in seinem

Gesicht, als er die Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu

behaben wußte.

Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen dürfe,

da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein

gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm

oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so ähnlich seien und er sie

eigentlich wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es ihn immerfort, sie

in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen,

und er müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er

wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 5 / 24 段