die Stadtverwaltung irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen wollte.
Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen
nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kündigung
getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein
Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: »Willst du zur Rechten, so geh' ich
zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten.« Luise
wollte nun ein eigenes Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser
Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld für sich. Lotte aber zog
ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nähe des alten
lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und
Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen
Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich
um so mehr in Freundschaft zugetan.
Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Möbel waren
aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine
ärmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen
Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die
neue Generation darüber hin als über etwas Abgängiges, es war aber so der
Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Räume und sahen an
den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen
waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der
Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder
rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen
Geist als Taube. Über der Bank war eine fettige Fläche, da hatte der alte
Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in
gerührter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich
aneinander, wie um sich zu vergewissern, daß keine von ihnen allein in die
Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch
einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, es war wohl am besten,
vorwärts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der
Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloßen Umzuges
wegen nicht nötig, meinte ich.
Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, um Luise noch etwas zu sagen.
Sie stand so groß und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie
hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem man schließen mußte, daß sie
geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich
fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang
des Menschenlebens von vornherein liegt, daß die Alten davongehen und zu
den Vätern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreißens
erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende
Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende
Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte.
Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen,
obgleich man ihre Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht
und ihre Haltung vollständig und war dem Leben gewachsen, wie es auch
verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie
ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lächelnd an, wie
früher, da ich noch als lockiges Bürschlein neben ihr am Bügelbrett
gestanden war und sagte: »Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie
und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat,
oder müssen wir gleich ganz Abschied nehmen?« Sie streckte mir aber dabei
ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer
unwandelbaren Güte und Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in
einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte
Meister geben mußte, sie war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich
feuerrot wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen packte, sie wieder für
mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte
nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich müsse jetzt so viel
lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen
Augenblick prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe sie fragen wollen,
ob eins von uns den Rollstuhl mit der Großmutter in die neue Wohnung führen
wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die Großmutter vertraue sich ihnen
nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor
dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche Angst habe. Ich spürte, daß
ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen,
denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen
würde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, wenn die
alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das
andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte
meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natürlich, das
tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu
sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, auf dem hoch oben
die drei Kinder saßen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt,
lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen
nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter uns
offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschließen mußte. Aber nun
hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht
übler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen.
Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer
engen Gasse, in der die Häuser nah beisammen standen, und in der es mit
Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte
in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des
alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in
Töpfe gepflanzt hatten, führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, so
lang die gute Jahreszeit währte. Unten im Haus, im Kellergeschoß, da war es
fast den ganzen Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal ein wenig
Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit
glühenden Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen
daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre
Lehrmädchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und
Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste
Mann wollte wenigstens am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer Wäsche.
Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie
zeigte, wie die Sache gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, denn
was aus dem Haus kam, das mußte tadellos sein; aber im übrigen war eine
schöne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von
»Arbeitgeber und Arbeitnehmer« und von bitteren Standesunterschieden. Um
die Vesperzeit ging das jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit
aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über die Gasse zum
Dreikönigswirt und holte so viel Gläser Bier, als Personen da waren, und
dann gab es eine vergnügliche Pause, in der man sich von den
Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem
neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in
Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm.
Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da
unten herumdrückte. »Was braucht so ein Bub davon zu wissen?«, sagten sie
und steckten wispernd die Köpfe zusammen. Aber gerade davon hätte ich gern
gewußt. Es schienen mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie die
andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme und junge, frische Gesichter und
meistens ein hübsches Band im Haar oder so etwas, und es mußte eine schöne
Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu
tanzen. Daß sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo es niemand
sonst sah und hörte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich
dabei. Ich saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer Stärkekiste,
trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres
Glas wegstellte und sich die Hände wusch, was ihr die andern nachtaten, und
was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem
Bücherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf
und ließ den Eindruck zurück, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das
tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug
am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was
ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein hübsches, weißblondes
Mädchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes,
feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam besaß. Er war
Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie
verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben
hinein ginge. »Den Tag über schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder
sonstwohin,« sagte sie und zeigte alle ihre weißen Zähne. Da wäre ich auf
einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht
auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel
langweiliger zuging, und ich wußte manchmal nicht recht, warum ich gerade
studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht
einen Zipfel von dem vergnügten Leben da unten wahrnehmen könne. Aber nach
einer Weile war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder an meinen
Büchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung
dafür, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes
vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas über
das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. Jetzt
galt es aber, sich endgültig für ein Fach zu entschließen, denn das hatte
ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines eine
besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich
der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust
hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung einzutreten und das
Studium überhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber
sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen jungen Menschen wisse, der
eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Büchern, aber auch zu einem
soliden und praktischen Geschäftswissen, und der es bei ihm zu etwas
Rechtem bringen könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben
glaube, daß ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch
sei, und weil, -- setzte er väterlich hinzu, -- es vielleicht doch auch
ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbständigkeit
bringe.
Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nähte
und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer
arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er sich auch im stillen, daß
ich den braven Mädchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er
nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe
für ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verändern würde.
Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für mich, daß mir jemand
einen Schub gab von außen her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich
morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum
Besuch war, und daß es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler
zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet habe, schon seit ich
mir denken könne.
* * * * *
Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der
schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen
hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von
deren Schönheit ich schon viel gehört hatte, unfern des Rheins und des
Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den
Zauber der Ferne und Fremde für mich zu haben. Die Schwestern waren ein
wenig enttäuscht, daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen würde
und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung
stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es
vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in Wahrheit alle Pforten des
Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener
Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen
werde, als auf dem andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald
als möglich selbständig zu werden. Das rührte die Schwestern tief, denn ich
hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für
mich denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat es ihnen doch
wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber
sie wußten nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen
Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht
zu wissen.
Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der
Buchhändler, der ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte.
Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas
vergilbte, pergamentene Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der
Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz
oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, ehe
ich es verhindern konnte, ein Lachen über das Gesicht, und der Rektor, der
dabeistand, fragte mich: »Was haben Sie Heiteres, Fugeler?« Aber ich faßte
mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir
draußen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien
so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht hätte ich darum
nicht.
»Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,« sagte der alte Herr, der Hagenau
hieß, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß ich
achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon
gewußt und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.
Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und einigten uns auch darauf, daß
ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne
Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Später sehe man
wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne,
wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, daß er ein Junggeselle sei,
brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukümmern. Er
habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine
rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute
Hände. Zu lernen gebe es genug für einen, der strebsam sei, es müsse nicht
alles auf Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst noch
Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernünftig vor, und auf
dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das
Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der
es frühzeitig dem Ernst des Lebens zuging.
Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah
ich eine helle, schlanke Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der
Straße her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war
es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen
gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit
unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit wegen, und es galt für eine
Ehre, wenn man sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein
Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige
Augenweide.
Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier
in der halbdunkeln Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden mußte und
war wie eine Sonne darin. Da ärgerte mich auf einmal mein steifes Hütlein,
und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche lag, weil es
gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere
braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken
mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saßen,
wie lauter Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten sich lustige
Löckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von
Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei
ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein
in ihren hübschen braunen Schuhen.
Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den
Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah
hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu
machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und
wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in
dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen
gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie
nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr
zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es
hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das
hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester
sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem
Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön
dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.
Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen
Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei
der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren
Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es
nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie
tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte.
Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von
damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie
ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte.
Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: »Da wohnen
Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem
Garten, und --« da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war
ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen
und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann
war es nicht mehr schlimm. »Ja, ja« sagte ich, »ich habe damals, glaub'
ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie
könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.«
Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so
gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch
sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in
Gedanken Du zu ihr gesagt.
»Ich bin auch einmal gekommen,« sagte sie, »das Verlangen war immer stärker
geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter.
Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte
und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit
List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die
Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig
und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte
nachher, als ich es ihr erzählte: »Siehst du, man muß auch nicht alles
untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.« Und sie sagte,
daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen
gehabt, wie es gesagt habe.«
Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das
kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde,
und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen
mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber
ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte
ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse
sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe
ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei.
Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte,
aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim
gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche
Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen.
Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten,
als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein
unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich
hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den
Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter
die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin
wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse,
aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie
rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was
gerade vor Augen ist, ganz vergessen.
Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben wohl bekam.