Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde uns das Häuschen gekündigt, weil

die Stadtverwaltung irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen wollte.

Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen

nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kündigung

getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein

Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: »Willst du zur Rechten, so geh' ich

zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten.« Luise

wollte nun ein eigenes Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser

Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld für sich. Lotte aber zog

ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nähe des alten

lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und

Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen

Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich

um so mehr in Freundschaft zugetan.

Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Möbel waren

aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine

ärmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen

Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die

neue Generation darüber hin als über etwas Abgängiges, es war aber so der

Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Räume und sahen an

den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen

waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der

Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder

rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen

Geist als Taube. Über der Bank war eine fettige Fläche, da hatte der alte

Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in

gerührter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich

aneinander, wie um sich zu vergewissern, daß keine von ihnen allein in die

Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch

einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, es war wohl am besten,

vorwärts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der

Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloßen Umzuges

wegen nicht nötig, meinte ich.

Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, um Luise noch etwas zu sagen.

Sie stand so groß und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie

hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem man schließen mußte, daß sie

geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich

fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang

des Menschenlebens von vornherein liegt, daß die Alten davongehen und zu

den Vätern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreißens

erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende

Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende

Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte.

Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen,

obgleich man ihre Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht

und ihre Haltung vollständig und war dem Leben gewachsen, wie es auch

verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie

ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lächelnd an, wie

früher, da ich noch als lockiges Bürschlein neben ihr am Bügelbrett

gestanden war und sagte: »Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie

und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat,

oder müssen wir gleich ganz Abschied nehmen?« Sie streckte mir aber dabei

ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer

unwandelbaren Güte und Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in

einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte

Meister geben mußte, sie war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich

feuerrot wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen packte, sie wieder für

mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte

nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich müsse jetzt so viel

lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen

Augenblick prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe sie fragen wollen,

ob eins von uns den Rollstuhl mit der Großmutter in die neue Wohnung führen

wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die Großmutter vertraue sich ihnen

nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor

dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche Angst habe. Ich spürte, daß

ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen,

denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen

würde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, wenn die

alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das

andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte

meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natürlich, das

tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu

sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, auf dem hoch oben

die drei Kinder saßen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt,

lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen

nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter uns

offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschließen mußte. Aber nun

hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht

übler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen.

Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer

engen Gasse, in der die Häuser nah beisammen standen, und in der es mit

Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte

in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des

alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in

Töpfe gepflanzt hatten, führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, so

lang die gute Jahreszeit währte. Unten im Haus, im Kellergeschoß, da war es

fast den ganzen Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal ein wenig

Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit

glühenden Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen

daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre

Lehrmädchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und

Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste

Mann wollte wenigstens am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer Wäsche.

Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie

zeigte, wie die Sache gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, denn

was aus dem Haus kam, das mußte tadellos sein; aber im übrigen war eine

schöne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von

»Arbeitgeber und Arbeitnehmer« und von bitteren Standesunterschieden. Um

die Vesperzeit ging das jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit

aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über die Gasse zum

Dreikönigswirt und holte so viel Gläser Bier, als Personen da waren, und

dann gab es eine vergnügliche Pause, in der man sich von den

Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem

neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in

Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm.

Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da

unten herumdrückte. »Was braucht so ein Bub davon zu wissen?«, sagten sie

und steckten wispernd die Köpfe zusammen. Aber gerade davon hätte ich gern

gewußt. Es schienen mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie die

andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme und junge, frische Gesichter und

meistens ein hübsches Band im Haar oder so etwas, und es mußte eine schöne

Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu

tanzen. Daß sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo es niemand

sonst sah und hörte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich

dabei. Ich saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer Stärkekiste,

trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres

Glas wegstellte und sich die Hände wusch, was ihr die andern nachtaten, und

was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem

Bücherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf

und ließ den Eindruck zurück, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das

tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug

am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was

ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein hübsches, weißblondes

Mädchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes,

feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam besaß. Er war

Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie

verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben

hinein ginge. »Den Tag über schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder

sonstwohin,« sagte sie und zeigte alle ihre weißen Zähne. Da wäre ich auf

einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht

auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel

langweiliger zuging, und ich wußte manchmal nicht recht, warum ich gerade

studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht

einen Zipfel von dem vergnügten Leben da unten wahrnehmen könne. Aber nach

einer Weile war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder an meinen

Büchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung

dafür, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes

vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas über

das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. Jetzt

galt es aber, sich endgültig für ein Fach zu entschließen, denn das hatte

ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines eine

besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich

der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust

hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung einzutreten und das

Studium überhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber

sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen jungen Menschen wisse, der

eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Büchern, aber auch zu einem

soliden und praktischen Geschäftswissen, und der es bei ihm zu etwas

Rechtem bringen könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben

glaube, daß ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch

sei, und weil, -- setzte er väterlich hinzu, -- es vielleicht doch auch

ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbständigkeit

bringe.

Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nähte

und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer

arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er sich auch im stillen, daß

ich den braven Mädchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er

nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe

für ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verändern würde.

Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für mich, daß mir jemand

einen Schub gab von außen her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich

morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum

Besuch war, und daß es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler

zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet habe, schon seit ich

mir denken könne.

* * * * *

Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der

schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen

hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von

deren Schönheit ich schon viel gehört hatte, unfern des Rheins und des

Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den

Zauber der Ferne und Fremde für mich zu haben. Die Schwestern waren ein

wenig enttäuscht, daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen würde

und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung

stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es

vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in Wahrheit alle Pforten des

Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener

Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen

werde, als auf dem andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald

als möglich selbständig zu werden. Das rührte die Schwestern tief, denn ich

hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für

mich denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat es ihnen doch

wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber

sie wußten nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen

Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht

zu wissen.

Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der

Buchhändler, der ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte.

Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas

vergilbte, pergamentene Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der

Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz

oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, ehe

ich es verhindern konnte, ein Lachen über das Gesicht, und der Rektor, der

dabeistand, fragte mich: »Was haben Sie Heiteres, Fugeler?« Aber ich faßte

mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir

draußen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien

so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht hätte ich darum

nicht.

»Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,« sagte der alte Herr, der Hagenau

hieß, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß ich

achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon

gewußt und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.

Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und einigten uns auch darauf, daß

ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne

Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Später sehe man

wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne,

wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, daß er ein Junggeselle sei,

brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukümmern. Er

habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine

rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute

Hände. Zu lernen gebe es genug für einen, der strebsam sei, es müsse nicht

alles auf Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst noch

Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernünftig vor, und auf

dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das

Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der

es frühzeitig dem Ernst des Lebens zuging.

Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah

ich eine helle, schlanke Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der

Straße her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war

es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen

gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit

unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit wegen, und es galt für eine

Ehre, wenn man sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein

Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige

Augenweide.

Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier

in der halbdunkeln Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden mußte und

war wie eine Sonne darin. Da ärgerte mich auf einmal mein steifes Hütlein,

und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche lag, weil es

gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere

braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken

mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saßen,

wie lauter Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten sich lustige

Löckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von

Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei

ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein

in ihren hübschen braunen Schuhen.

Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den

Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah

hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu

machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und

wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in

dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen

gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie

nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr

zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es

hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das

hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester

sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem

Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön

dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.

Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen

Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei

der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren

Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es

nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie

tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte.

Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von

damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie

ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte.

Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: »Da wohnen

Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem

Garten, und --« da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war

ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen

und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann

war es nicht mehr schlimm. »Ja, ja« sagte ich, »ich habe damals, glaub'

ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie

könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.«

Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so

gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch

sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in

Gedanken Du zu ihr gesagt.

»Ich bin auch einmal gekommen,« sagte sie, »das Verlangen war immer stärker

geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter.

Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte

und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit

List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die

Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig

und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte

nachher, als ich es ihr erzählte: »Siehst du, man muß auch nicht alles

untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.« Und sie sagte,

daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen

gehabt, wie es gesagt habe.«

Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das

kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde,

und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen

mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber

ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte

ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse

sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe

ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei.

Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte,

aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim

gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche

Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen.

Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten,

als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein

unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich

hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den

Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter

die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin

wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse,

aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie

rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was

gerade vor Augen ist, ganz vergessen.

Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben wohl bekam.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 4 / 24 段