Fähnchen, mit einem hellen Band oder Spitzenkrägelchen geschmückt, mit der
Schwester oder einer Freundin in die Au hinunter zu wandern, der Musik
zuzuhören und die heiteren Bilder des Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen
und vielleicht dabei den einen oder anderen Gedanken daran auszuspinnen,
daß auch ihr einmal irgendeine bescheidene Frucht und ein paar farbige
Blumen in dem reichen Garten des Daseins zuwachsen würden. Sie entwickelte
sich aber in den dürftigen Sonnenstrählchen, die ihre Jugend trafen, wie
ihre Schwester zu einem schlanken, hübschen, blühenden Geschöpf, dem auch
eine natürliche Fröhlichkeit nicht fehlte, und es tönten in diesen Jahren
oft aus der Giebelkammer, in der die beiden Schwestern schliefen, am frühen
Morgen oder am Abend, wenn sie ihre Ruhestätten aufsuchten oder verließen,
die schwermütigen Lieder, die das Volk singt, wenn es fröhlich ist, oder es
ging ein Geplauder und Lachen die steile Treppe hinunter, wenn ich an
dunklen Wintermorgen noch im Bett lag. Dann drehte sich der Schlüssel in
der Haustür, und die Schritte und das Lachen ertönten auf der Straße, der
Stadt und der Arbeit zu.
Es war alles gut und schön. Aber eines Tages, als ich beim Dunkelwerden von
einer Streife durch den Frühlingswald nach Hause kam, einen großen Busch
hellblauer Scillablüten in den Händen, da fand ich die beiden Schwestern
und die Mutter miteinander um meinen guten alten Freund Heinrich Kilian
herumstehen, der auf dem harten Sofa mit dem blumigen Zitzüberzug lag mit
geschlossenen Augen und schwer atmete.
Sie flüsterten miteinander, und als ich fragend von einem zum andern sah,
da legten sie die Finger an die Lippen: »Still, Ludwig, stör' ihn nicht,«
und sagten, daß der Doktor bald kommen werde.
Ich legte meine Scillablüten auf den Tisch und fühlte eine dumpfe
Beklommenheit in mir. Wie konnte das sein, daß auf einmal etwas anderes
war, als sonst? Es war so fremd und merkwürdig, daß Heinrich Kilian da auf
dem Sofa lag und die Augen geschlossen hielt. Er war sonst immer irgendwo
herumgegangen oder auf der Bank am Fenster gesessen und hatte ein Späßchen
für mich gehabt oder eine Geschichte, die ihm in der Stadt über den Weg
gelaufen war.
Die andern machten so ernste und bestürzte Gesichter; es roch in der Stube
nach Hoffmannstropfen und Kräuteressig, und Lotte Meister kam herüber und
wurde ganz still, als sie in die Stube trat, Sie hatte ihr Mariele auf dem
Arm und hielt ihm das Mäulchen zu, als es anfing, Heinrich zu rufen, und
sie schüttelte den Kopf, als ob sie nichts Gutes von der Sache denke.
Der Doktor kam, und ich wurde hinausgeschickt und bekam das Nachbarskind
mit. Da standen wir im Vorgärtchen, das der Heinrich erst gestern
umgegraben hatte. Es roch nach frischer Erde, in der Rabatte guckten schon
da und dort grüne Spitzen heraus, und in der Ecke am Zaun war ein runder
Fleck ganz blau von Veilchen. Es strich ein frischer Wind an den Häusern
hin, und alles war so lebendig da draußen, aber drinnen im Haus war es
anders. Ich hatte vor zwei Jahren Friedrich Meister tot daliegen sehen,
still und bleich und mit wächsernen Händen; alles war mir noch gegenwärtig:
Glockengeläute, Gesang und Schluchzen bei seiner Beerdigung. Nun war es
mir, als trete der Tod durch unsere eigene Tür, und das war schauerlich
genug. Aber daß der Heinrich Kilian dann nicht mehr da sein könnte, das
konnte ich mir noch nicht denken, denn er war immer dagewesen, schon lang
vor mir.
Der Doktor kam wieder aus dem Haus und ging rasch weiter, und ich dachte
hinter ihm drein, daß ich kein Doktor sein möchte, denn überall, wo er
hinkomme, sei etwas Arges im Haus, und helfen könne er doch nicht. Das
machte, daß bei uns armen Leuten da herum der Doktor meistens nur in ganz
schweren Fällen geholt wurde, wo dann freilich gegen den Tod kein Kraut
gewachsen war. Ich stand noch trübsinnig herum und sah ins Wetter, da kam
meine Mutter zu mir heraus und sagte: »Du sollst zum Kilian kommen, er will
dich.«
»Stirbt er?« fragte ich, und sie nickte kummervoll mit dem Kopf: »Wird wohl
so sein,« sagte sie. Und dann erfuhr ich, daß er in der Stadt von einem
Lastwagen überfahren worden sei, grad über den Leib seien ihm die Räder
gegangen. Man sehe gar keine Verletzung, es sei alles innen, aber da sei es
auch bös. Sie wußte nicht, wie es hatte zugehen können, aber das wußte sie,
daß er noch heim verlangt hatte, nicht ins Spital. Das erzählte sie in den
nächsten Tagen mit traurigem Stolz noch oft, wenn die Nachbarn kamen, denn
das durfte man wohl wissen, daß der Kilian hier eine Heimat gehabt hatte.
Ich schlich auf den Zehen in die Kammer, in der mein Freund jetzt im Bett
lag. Er sah zum Erschrecken elend aus. Der schwarze Bart, der ihm sonst
ganz fröhlich um sein heiteres Gesicht herumstand, sah düster und wild aus,
weil das Gesicht selber so fahl und eingesunken dazwischen lag. Er ließ
seine Augen mühsam nach mir hingehen, als ich zu ihm trat und regte die
Lippen, um etwas zu sagen, aber es kam nichts Deutliches heraus, und das
leise Flüstern, das er hervorbrachte, verlor sich in seinem Bart. Noch ein-
oder zweimal probierte er es, dann ließ er's sein und schickte noch einen
Blick zu mir herüber, der deutlich sagte: »Da ist nun eben nichts mehr zu
machen; ich habe dir noch etwas mitteilen wollen, aber das muß ich nun für
mich behalten.«
Mich packte ein ängstliches Grauen, das war noch größer als das Leid, das
ich empfand über sein Hingehen, und kam davon, daß ein Mensch daliegen
mußte mit einem Gedanken in sich, den er gern aussprechen wollte, und für
den es keine Brücke mehr gab heraus zu den andern. Ich wollte der Mutter
rufen, aber ich brachte keinen Ton heraus, es war mir, als ob ich nun auch
stumm sein müsse, weil es das gab. Da sah ich auf einmal, wie sich die
Hände meines Freundes, die fest verschlungen ineinander auf der Bettdecke
lagen, auseinander taten. Das geschah nicht wie von einem Willen diktiert,
sondern es sah aus, als ob sich mit den Händen auf einmal alles Leben löse
und nun still und müde daliege, weil es nicht mehr weiter könne, und als
ob von jetzt an ein anderer zu dirigieren habe in allem, was den alten
Heinrich Kilian betreffe. Währenddiesem kam meine Mutter herein mit einem
geöffneten Champagnerfläschchen, mit dessen Inhalt sie den Sterbenden
erquicken wollte. Als sie aber einen Blick auf sein Gesicht geworfen hatte,
stellte sie es still zur Seite, denn sie sah, daß hier nichts mehr zu
stärken sei.
Das Glas floß über von dem schäumenden Wein, und die Mutter, die das doch
nicht mitansehen konnte, tauchte ihre Hand in die kleine Lache, die sich
auf dem Tisch bildete, und bestrich Stirn und Hände ihres alten Pfleglings
mit dem Naß, vor dem sie um seiner Kostbarkeit und Seltenheit willen eine
große Ehrfurcht hatte, und unter ihren netzenden Händen verging er vollends
und atmete tief und leise aus.
Ich aber durfte mich nicht dem reinen Gefühl des schmerzlichen Abschieds
hingeben, wie die Mutter und die beiden Schwestern, die in ein herzliches
Weinen aus der Tiefe ihrer guten Gemüter ausbrachen. Ich mußte mich damit
quälen, was es wohl gewesen sei, das er zu mir hatte sagen wollen, und ich
wußte nicht, sollte ich froh oder traurig sein, daß er es nicht mehr hatte
aussprechen können, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen von seinetwegen,
das wachte nun mächtig auf.
Der Tag, an den ich denken mußte, lag um vier Wochen zurück. Ich hatte dem
Kilian am Abend vorher abgebettelt, daß ich seine große silberne Uhr in der
Schule tragen dürfe, weil alle andern Buben auch Uhren hatten. »Am Sonntag
allemal, da kriegst du sie wieder, da gehört sie dir,« hatte ich gesagt;
denn am Sonntag trug er sie selber an einer dicken Nickelkette. Er war
nicht recht damit einig gewesen. »Du wirst mir doch nicht großartig werden,
Ludwig,« hatte er gesagt, »silberne Uhren am Werktag, behüte Gott, das ist
für Herrenleut', aber nicht für unkonfirmierte Buben von unserlei Leuten.«
Aber ich hatte es dann doch durchgesetzt, er konnte mir nichts abschlagen.
Und nun trug ich die Uhr recht sichtbar an der Kette und hatte den Kittel
offen, daß man sie deutlich sehen mußte und ging mit meinen Kameraden nach
der Schule in einen Laden, wo man Bleistifte und dergleichen kaufen konnte.
Zwei oder drei waren drin, ein paar andere, zu denen ich auch gehörte,
standen unter der Ladentür und warteten auf ihr Herauskommen. Es war einer
dabei, den ich schon lang gern zum Freund gehabt hätte, ein kleiner,
gewandter Kerl, blond und witzig und aus einem Künstlerhause stammend, der
tat allerlei Sprüche über die Vorübergehenden und brachte uns so zum
Lachen, daß unsere Kameraden im Laden drin neugierig die Hälse streckten,
um zu sehen, was da Lustiges vor sich gehe.
Währenddem kam auf der andern Seite der Straße mein Heinrich Kilian daher,
schwer mit Bücherpaketen beladen, deren eines ihm unbequem auf der Achsel
saß, so daß er den Kopf stark auf die Seite legen und immer wieder drehen
mußte, um eine erträgliche Stellung zu gewinnen. Das fiel dem Spaßmacher
sogleich auf, er fing in seiner sprühenden Laune an, den Gang und die
Haltung des alten Mannes nachzumachen, und der Zufall kam ihm noch mit
weiterem Material zu dieser Vorstellung entgegen, indem dem Schwerbeladenen
ein anderes Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, entglitt, und er
sich unter starken Verrenkungen bücken mußte, dasselbe aufzuheben. Bei
dieser mühsamen Bewegung nun geschah es, daß die alte, geflickte Hose, die
ihm meine Mutter längst hatte wegsprechen wollen, hinten nachgab und einen
großen, klaffenden Riß bekam. Er befühlte den Schaden verdutzt und
kopfschüttelnd und ging dann, überschüttet von dem Bubengelächter, das von
der anderen Straßenseite herüberscholl, weiter bis zu einem schmalen
Nebengäßchen, in dem er verschwand, wahrscheinlich um sich dort in
irgendeinem Hause notdürftig ausbessern zu lassen. Das war nun ein großes
Gaudium für den Witzbold und die ins Lachen geratene Bubenschaft. Mir aber
war übel zumute. Da stand ich, hatte Kilians Kette über meine Schülerbrust
gespannt und trug seine Uhr in der Tasche und lachte mit den andern über
ihn, denn ich konnte es nicht lassen, ich mußte lachen, so schändlich ich
mich auch empfand, und tat, als ob er mich nichts anginge. Als er
verschwunden war, machte ich mich unter irgendeinem Vorwand von den andern
los und schlich mich nach Hause, wo ich kaum den Kopf aus den Büchern
erhob, als Heinrich Kilian am Feierabend kam und gut und freundlich wie
immer war. Er hatte mich nicht gesehen, das merkte ich gleich, und ich
schüttelte, so gut es ging, mein übles Empfinden ab durch allerlei
Entschuldigungen, die ich in mir selbst vorbrachte.
Aber nun lag er da und hatte die Augen für immer geschlossen, und vorher
hatte er sich noch gemüht, mir etwas zu sagen; wer konnte wissen, ob es
nicht doch _das_ gewesen war?
Und es gab keine Gelegenheit mehr, miteinander ins Glatte zu kommen, keine;
ich mußte nun mein Leben lang so an ihn denken, und wer weiß, wie er an
mich dachte? Denn es war doch eine recht unsichere Sache mit dem Totsein,
es gab da so allerlei Möglichkeiten, und vielleicht war er nun auf einmal
irgendwo fein heraus, sah alles und verachtete mich. Das war eine schwere
Sache.
Zwei Tage lang ging ich mit bösem Gewissen herum, stumm und bedrückt. Ich
muß bleich ausgesehen haben, denn meine Mutter fragte mich, ob ich krank
sei, und ich hörte sie zu Lotte Meister sagen: »Es geht ihm näher als er
zeigen mag; er hat auch viel verloren, es ist kein Wunder.« Und dann fügte
sie mit einiger Befriedigung bei, daß ich doch ein gutes Gemüt zu haben
scheine, und daß sie froh sei, es zu sehen, denn sie sei manchmal in Sorgen
meinetwegen, ob auch alles gut ablaufe mit mir und ich nicht an meiner
Seele Schaden leide durch die Standeserhöhung, in die sie mich selber
hineingestellt habe durch die höhere Schule.
»Ich weiß nicht, wie lang ich noch da bin,« sagte sie, »und weiß oft nicht,
ob ich nicht etwas Dummes angerührt habe mit dem Buben; ich habe gemeint,
es müsse so sein, weil ich's dem Mann versprochen habe, daß ich alles tun
will für ihn. Jetzt geb's der liebe Gott, daß er recht wird, denn ich muß
ihn grad laufen lassen, er ist einen halben Kopf größer als ich, und ich
bin ein einfältiges Weib.«
Was Lotte darauf sagte, hörte ich nicht mehr, denn beide Frauen gingen
miteinander zur Türe hinaus, und ich saß in dem Alkoven hinter dem alten
Vorhang auf einem Stuhl und wußte nicht recht, was mit mir anfangen.
Die Mutter kam wieder herein und setzte sich auf die Bank, die am Fenster
hinlief; sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und sah still vor sich hin
mit einem Ausdruck von Müdigkeit und Ergebung, wie ihn Menschen bekommen,
die sich ein ganzes, langes Leben hindurch immer in das, was ihnen auflag,
schicken mußten und denen dieses Sichschicken die einzige Waffe war im
Lebenskrieg. Mich aber überkam es, ihr zu sagen, daß ich recht werden wolle
und gut und daß sie meinetwegen ohne Sorge sein solle. Ja, es trieb mich
ein starkes Verlangen dazu, auf ihren Schoß zu sitzen, wie als kleines Kind
und ihre Hände um mich herum zu spüren, warm und gut. Dann hätte ich
vielleicht auch von mir getan, was mich Heinrich Kilians wegen beklemmte,
denn ich fand nicht recht den Weg daraus heraus.
Aber ich war nicht gewöhnt, zärtlich zu sein und fand auch das Wort nicht,
das ich gern gesagt hätte. Ich schob mich langsam aus dem Alkoven heraus in
die Stube, und als mich die Mutter sah, sagte sie: »Bist du da drin gewesen
und hast alles gehört?«
Das bejahte ich mit einem Kopfnicken, und als ich in ihr Gesicht sah, da
war es so voll von einer großen Liebe und Sorge und so himmelgut, wie ich
glaubte, es noch nie gesehen zu haben, und ich legte meinen Kopf auf den
Tisch und ließ meine Tränen, die ich bisher immer noch verschlossen gehabt
hatte, laufen, wie sie wollten. Aber es wurde mir so wohl dabei, wie schon
lange nicht mehr. Es war, als ob ein Bach aus meinem Innern breche und
alles mit sich fortnehme, was übel und schwer darin gelegen war, und als ob
meine Mutter alles wisse, was mich angehe, ohne daß ich ein Wort sage, bloß
weil sie meine Mutter sei. Und das wird ja wohl auch so gewesen sein.
* * * * *
Ich wollte, ich hätte sie länger gehabt, es hätte meiner Jugend gut getan.
Ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich alle meine Torheiten dennoch begangen,
auch wenn sie dagewesen wäre, denn sie hätte mich nicht davor behüten
können, wenn ich in der Welt draußen war. Und vielleicht hätte ich ihr weh
getan, wie den andern. Ich möchte so gerne denken, daß ich den Weg zu ihr
gefunden hätte, wenn ich mir verweht und verlaufen vorgekommen wäre, und
daß ich ihr zuliebe manches besser gemacht hätte, als ich es tat. Es ist
umsonst, daß ich mich darüber besinne.
Es muß ja alles so recht sein, wie es ist.
Als ich konfirmiert war und am Sonntag in einem neuen dunklen Anzug und mit
einer gestärkten Hemdbrust auftrat, machte ich zum ersten- und einzigenmal
in meinem Leben einen Ausflug mit ihr. Er geschah zu einem entfernten
Vetter auf der Alb, der mein Pate war, und der uns eingeladen hatte. Wir
zogen am frühen Maimorgen aus und sahen die Stadt und die Türme und den
Fluß im Nebel liegen und schritten selber durch den Nebel, der bald rosig
durchleuchtet wurde von der durchbrechenden Sonne. Da wurde uns ganz
reiselustig zumute, und meine Mutter machte Schritte neben mir her wie ein
junges Mädchen vor lauter Freude am Dasein und an der Reise mit mir.
Dann saßen wir in der Bahn und fuhren nach Blaubeuren, und sie hatte
tausend Dinge zu bestaunen und wurde ganz redselig mit den Fahrtgenossen,
deren Reiseziel und Heimat sie unverzagt erfragte, und mit denen sie sich
ohne weiteres einig fühlte, als mit solchen, die einen seltenen, schönen
Sonntag in der Freiheit genießen.
Es war auch ein altes Bauernweiblein im Wagen, das saß mit einer scheuen
Glückseligkeit im Schatten eines mächtigen, breitschultrigen Mannes von
exotischem Äußern, der an allen erdenklichen Stellen von goldenen Knöpfen,
Ketten und Ringen erglänzte. Er hatte ein gutes Gesicht und fing bereits
an, sein anglo-amerikanisches Deutsch, das er »drüben« angenommen hatte,
wieder mit schwäbischen Brocken zu vermischen. Sie war seine Mutter und war
ihm auf seinen Wunsch entgegengefahren, weil er jetzt auf Besuch heimkam,
und sie fühlte sich wie auf einer Himmelfahrt, da sie nun mit dem
stattlichen Sohn ihrem Dorf entgegenfuhr. Mit ihr kam meine Mutter bald ins
Gespräch und sagte mit hoffnungsvollem Stolz, daß sie ihren Ludwig auch
etwas Rechtes werden lasse, er müsse nur sagen, was er im Sinn habe, und
daß es freilich, wenn es auf sie ankomme, nicht grad Amerika sein müsse,
indessen, wie es Gottes Will' sei, wenn er nur brav werde und recht. Da sah
mich das alte Weiblein, das sein Schaf im Trocknen hatte, kopfnickend an
und dachte wohl, freilich, so einer, wie ihr Johann, wachse nicht an jedem
Hag, aber recht werden könne ich immerhin, schon der Mutter zulieb, und
der mächtige Amerikaner sagte: »+Well+« und strich sich den Bart, daß die
Ringe an seinen Fingern erglänzten. Ich war froh, als wir ausstiegen und
wieder für uns waren.
Die Mutter freilich konnte noch nicht so schnell von den beiden abkommen.
Sie waren am Bahnhof von einem stattlichen Fuhrwerk mit zwei schweren
Gäulen abgeholt worden und verschwanden vor uns in einer weißen Staubwolke,
als wir sachte, Schritt vor Schritt die Steige hinanstiegen, die hinter dem
Blautopf auf die Höhe der Alb hinaufführt.
»Das Gefährt ist nicht ihr eigen,« sagte meine Mutter. »Es gehört ihrem
Nachbar. Der hat es entgegengeschickt, weil er einen Respekt hat vor dem
Amerikaner. Sie hat es auch mühsam gehabt vorher, aber seit fünf Jahren hat
ihr der Sohn immer Geld geschickt, da hat sie sich eine Güte antun können.«
Sie schwieg und sah an mir hinauf und hinunter und hätte gern noch mehr
gesagt. Aber sie wollte vielleicht meine Jugend nicht beladen, oder sie
traute sich selber nicht, so weit hinauszufahren mit ihren Gedanken, so
ging sie neben mir her, ohne es auszusprechen, wie sie es von mir auch
erhoffe, daß ich einst ihr Alter schmücke und erleichtere.
Mich trieb es an, ihr große Dinge zu versprechen, denn ich konnte es nicht
leiden, daß mich der Amerikaner etwa ausstechen sollte. Aber ich wußte noch
nicht, wo bei mir der Glücksbaum wachsen würde, von dessen Zweigen ich
meiner Mutter die Taler herunterschütteln konnte, und um das Gespräch auf
etwas zu bringen, bei dem ich auch etwas galt, fing ich an, meiner Mutter
die Geschichte von der schönen Lau zu erzählen, die ich kürzlich gelesen
hatte.
Sie horchte hoch auf und nahm es alles wahr und wichtig, so daß mir die
Sache selber im Erzählen noch viel lebendiger wurde als zuvor.
Tief unter uns lag das Städtlein mit Kloster und Kirche friedlich hingelegt
bei dem tiefen, dunklen Wasserbecken, an dessen Ufer wir vorhin gestanden
waren mit einem leisen Grauen, weil es gar so unergründlich tief hinabging.
Nun sahen wir nur noch die Bäume, deren grüne Wipfel sich über ihm zusammen
zu neigen schienen, und sahen die junge Blau, die hell und fröhlich durch
grüne Wiesen ging, als ob sie nicht erst vorhin aus ihrer wundersamen
Quellenheimat ausgeflossen wäre. Die nackten Felsen standen trutzig um das
Tal herum, aber die Sonne legte einen Glanz auf sie, daß sie zu scheinen
anfingen, und der Himmel stand hoch und heiter über dem Ganzen.
Und die schöne Lau stieg aus ihrer blauen Tiefe herauf und trug ihr
schweres Herz zu den Menschen und lernte bei ihnen das Lachen, das ihr so
nötig war. Als alles gut ausgegangen war, atmete die Mutter tief auf. »Gott
Lob und Dank,« sagte sie, »wenn's auch bloß ein Märlein ist, mich hat die
arme Frau doch gedauert; ich weiß gut, wie es ist, wenn's einem nicht ums
Lachen ist. Als ich mit dir gegangen bin, Ludwig, ein paar Monate vor
deiner Geburt, da ist mir's immer so schwer gewesen, das ist nicht zum
Aussagen. Da hab' ich immer gedacht: Lieber Gott, laß nur mein Kind kein
schweres Gemüt kriegen. Gelt, du hast keins, Ludwig, ich meine einmal
nicht. Wenn ich dich habe lachen hören und gesehen, daß du lustig bist,
dann ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.«
Als die Mutter so redete, wurde es mir sonderbar ums Herz. Es war mir
auch, als ob ich in eine unterirdische Quellenstube hineinsehe, aus der
mein Leben herausgeflossen sei, und ich spürte eine dunkle Zärtlichkeit für
diese Frau, anders als je zuvor. Aber ich ließ nichts davon merken.
Als wir höher stiegen, atmete sie mühsam und schwer und blieb immer wieder
stehen, um sich den Schweiß abzuwischen, dabei sah sie blässer aus, als ich
sonst an ihr gesehen hatte.
»Ich weiß nicht, es ist mir nicht ganz recht,« sagte sie. »Mich deucht, ich
höre ein Fuhrwerk; wenn ich das erwarten könnte und ein Stück weit
aufsitzen, das wäre gut. Du könntest derweil weitergehen, dir tut das
Laufen gut, du hast junge Füße und ein junges Herz.«
Das wollte ich meinen, daß ich das hatte. Ich ließ die Mutter auf einem
Steinhaufen am Wegrand sitzen und ging voran, singend und pfeifend. Unter
mir tat sich das Tal immer weiter auf, Dörfer lagen in der Sonne, und
Höhenzüge traten hervor und grüßten herüber. Im reinen Blau des Maihimmels
schwammen kleine, weiße Wölkchen dahin, und in den Ebereschen zu beiden
Seiten der Straße pfiffen Ammern und Meisen in ausgelassener Daseinslust.
Ich empfand mich jung, stark und froh, und es schien mir alles gut zu sein.
Nach der Mutter sah ich mich nicht um. Ich wollte, wenn die Höhe vollends
erstiegen wäre, auf das Fuhrwerk warten, aber meine Gedanken flogen ein
paarmal zu ihr, weil sie mir das Herz so sonderbar bewegt hatte.
Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die leiseste, daß meine Mutter
jetzt eben den Tod erlitt. Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie
heran, als sie erschöpft auf dem Steinhaufen saß und legte ihr die Hand auf
das Herz, da hörte es auf, zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn herankommen,
ich weiß es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, dann hat sie
ihre hartgeschaffte Hand mit einem geduldigen Seufzer in seine knöcherne
gelegt und sich von ihm führen lassen. Denn es war nichts von Widerstreben
und darum auch nichts von Angst in ihr.
Als der leere Müllerwagen kam, den sie gehört hatte, saß sie in sich
zusammengesunken da, die Hände müd im Schoß und den Kopf auf der Brust. Die
Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der Müllerknecht meinte, sie
schlafe.
Als er merkte, daß sie tot sei, packte ihn ein Grauen, und er hieb auf
seine Schimmel ein, daß sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht.
»Da unten sitzt ein totes Weib,« rief er, als er mich sah, »weißt du, wer
sie ist?«
Da löschte mir mit einem Male die fröhliche Fackel aus, die mir den ganzen
Morgen ins Leben hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle Wolke, die
überzog Land und Himmel und meine Jugend und mich. Ich lief in
verzweifelten Sprüngen die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und
blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, bis Leute von oben
herunterkamen, von dem Müllerknecht geschickt und sich unser annahmen.
Sie wurde dort droben in dem Albdörflein begraben. Da war ein Platz frei in
dem ganz zusammengesunkenen Grab der Großmutter meiner Mutter, das einst
von der Familie gekauft worden war.
»Da liegt sie gut,« sagte der Vetter, den wir hatten besuchen wollen.
»Die Großmutter ist ein braves Weib gewesen, bei der hat sie ihren Frieden.
Und sie liegt im eigenen Grund und Boden, das hättet ihr in der Stadt
drunten nicht zahlen können.«
Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes Stölzlein in uns auf,
auch in den Schwestern, die gekommen waren, daß wir hier an diesem Platz
sozusagen ansässig seien, und wir waren einig damit, die Mutter hier zu
lassen.
Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, daß es irgendwo
unvertrieben sein will, daß es ein Stücklein Land besitzen will und wäre es
noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser aller Mutter ist.
Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins wohnen müssen, nun ererbte sie
im Tode ein eigenes, enges Häuslein und war nur gehalten, die bleichen,
weißen Knöchelein der Urahne bei sich ruhen zu lassen, denn diese war
immerhin vorher dagewesen.
* * * * *