Die Lotte aber war nicht zu trösten. Sie hat vorher noch nie ein Herzeleid

erlebt gehabt, es war ihr erstes, und es war ein großes. Sie legte den Kopf

auf den Tisch und weinte, als ob sie nie mehr aufhören wolle, und der

Assessor stand daneben und sah erschrocken und bekümmert aus. Und ich

sagte, daß er lieber jetzt gehen solle, denn das Kind sei so außer sich,

ich könne es jetzt nicht vor einer Unart hüten. Da, wie er so dastand, tat

es mir auf einmal leid, denn das Spöttische, Ungute war aus seinem Gesicht

weg, und er sah aus, wie ein großer Bub, der etwas angestellt hat und gern

wieder gut sein möchte. Und ich dachte, ob er wohl auch eine Mutter habe,

denn das denken wir Frauen immer zuerst, und gab ihm die Hand und sagte:

>Behüt Sie Gott, und wir wollen einander nichts nachtragen.<«

Soweit hatte die liebe Frau erzählt, und ich fühlte einen Grimm in mir

gegen den Hund und den Herrn, es war mir nicht recht, daß ihm die Mutter

die Hand gegeben hatte, und ich hätte der Lotte etwas Gutes antun mögen,

weil sie damals so ein Leid gehabt hatte. Da fiel es mir ein, daß ich ihr

ja nun den Friedrich Meister gönnen könne, und ich beschloß, es zu tun, und

als die beiden wieder herein kamen, da stand ich auf und gab ihm die Hand

und sagte: »Dann will ich!« Das sollte heißen, daß ich nun sein Freund sein

wolle und ihm die Lotte lassen. Er verstand es auch, er lachte so herzlich

erfreut über sein ganzes Gesicht und drückte meine kleine Bubenhand, daß

sie krachte, und versprach auch sogleich, daß er mir einen Drachen machen

wolle, so groß, daß die Spatzen davor erschrecken.

»Ja, und mit einem langen Schwanz,« sagte ich.

Da versprach er das auch noch, und ich merkte, daß auch die neue

Einrichtung ihr Gutes habe.

* * * * *

Einmal, als ich neun Jahre alt war, lag ich in meinem Gitterbett, das mir

schon fast zu klein wurde, im Alkoven neben der Stube. Es hing ein alter,

farbiger Zitzvorhang von der Decke herunter, der trennte die beiden

Gemächer voneinander und ließ nur einen gedämpften Schein der Lampe zu mir

herein. Draußen vor dem Haus jagte ein starker Wind vorüber. Er klapperte

mit Fensterläden und riß die paar Bäume in den Nachbargärten hin und her;

man konnte sie bis hier herein stöhnen hören, und es zog ein Gewitter

herauf. Ich kugelte mich unter meiner Decke zusammen vor Wohlbehagen, daß

ich hier so im Windstillen und Hellen lag und so beschützt und umgeben war.

Draußen in der Stube saßen sie noch alle um den Tisch her: meine Mutter und

meine beiden Schwestern und Heinrich Kilian. Ihre Stimmen gingen in ruhigem

Gespräch einher, ich horchte nicht besonders darnach hin. Ich hatte ihnen

vorhin, eh' ich ins Bett geschickt wurde, ein Gedicht hergesagt: »War einst

ein Riese Goliath, ein gar gewaltig' Mann.« Das ging mir nun noch im Kopf

herum; ich wäre wohl auch daran eingeschlafen, wenn ich nicht auf einmal

meinen Namen hätte nennen hören und dann eine Sache, die mich anging. Sie

wähnten mich wohl schlafend, weil ich so ganz stille lag.

Als ich anfing aufzuhorchen, sagte meine Mutter: »Wenn es geschehen soll,

dann ist es an der Zeit. Ich bin heut bei seinem Lehrer gewesen -- ich habe

bei seiner Frau gewaschen -- und habe ihn gefragt. Da hat er gesagt: Ja,

ja, der Bub ist hell im Kopf und ist auch fleißig und hat gute Gedanken.

Ich glaube, man kann aus ihm machen, was man will. Aber es wird Ihnen sauer

geschehen, Frau Fugeler. Das Schulgeld ist teuer, und es dauert eine lange

Zeit, bis einer fertig ist, wenn er ein Studium ergreift. Da habe ich

gesagt, daß es mir nicht ums Hochhinauswollen sei mit meinem Buben,

sondern daß ich es dem Mann versprochen habe, daß ich alles an ihm tun

will, was ich kann, und daß ich auch zwei Töchter habe, die mir helfen

können.«

Ich sah ein wenig durch ein kleines Loch im Vorhang, als die Mutter so

redete und sah, daß die Schwestern einverstanden mit dem Kopf nickten über

ihre Arbeit hin, und daß Heinrich Kilian beide Arme vor sich auf den Tisch

legte und den Kopf vorstreckte vor Eifer und hörte ihn sagen: »Und von mir,

hat sie von mir auch etwas gesagt, die Mutter? Hat sie nicht gesagt, daß

der Heinrich Kilian auch mittun will?«

»Nein,« sagte die Mutter, »von Ihnen habe ich nichts gesagt, Kilian, das

wär' noch schöner.«

Aber er tat es nicht anders, er wollte auch etwas an meinem Schulgeld

bezahlen, wenn ich ins Gymnasium käme.

»Wen hab' ich denn sonst?« sagte er. »Ich habe niemand, als euch. Ich habe

dreihundert Mark in der Sparkasse, die vermache ich dem Buben sowieso. Ich

bin in der Sterbekasse, zu meinem Begräbnis brauch' ich nichts zu sparen.

Und wenn ich nicht mehr schaffen kann, krieg' ich meine Altersrente. Aber

ich kann noch lang schaffen.«

Da legte ich mich wieder in meine Kissen zurück und schloß die Augen und

sah in meine herrliche Zukunft hinein.

Also ich sollte auch zu denen gehören, die jetzt nächstens von der

Bürgerschule ins Gymnasium hinübergingen. Ich war der Zweite in meiner

Klasse. Der Erste war Fritz Meißner, der Sohn eines Kaufmanns am

Marktplatz, ein großer und gescheiter Kerl, der immer Rohrstiefel mit

Glanzlederstulpen anhatte und sehr breit in ihnen auftrat. Der Dritte war

Samuel Kern, ein Pfarrerssohn, fein und blond und von einer guten

Aussprache des Deutschen, weil seine Mutter eine Hannoveranerin war und es

von ihm verlangte. Aber manchmal, wenn er in die Hitze geriet, was selten

war, verfiel er in ein ebenso gutes Schwäbisch, wie wir andern es sprachen;

erst vorgestern hatte er, als wir miteinander rangen und ich ihn unten

liegen hatte, keuchend an mir emporgefaucht: Du Saukerl. Das war mir eine

große Ehre und ein rechtes Freundschaftsstück gewesen. Diese beiden standen

seit einiger Zeit mit ein paar andern, die weiter unten saßen, immer in den

Freistunden auf einem Häuflein beisammen und beredeten, wie es würde, wenn

sie drüben seien. Darüber gab es viel zu sagen, von neuen, farbigen Kappen

und von vielen andern Dingen, aber ich glaube nicht, daß sie viel von den

Wissenschaften sprachen, die waren ihnen noch nicht so wichtig. Ich aber

stand beiseite und biß an meinen Nägeln herum, denn nun sah ich, daß ich

nicht so kurzweg an allem teilhatte, was das Leben hergab. In der

Volksschule war es einerlei gewesen, daß meine Mutter eine arme Wittfrau

war, da kam es nur darauf an, daß ich in allem meinen Mann stellte. Aber

das wurde jetzt anders, denn aus ihr hinaus führte nur ein Weg für die, die

Geld hatten. Das war eine böse Sache. Aber nun war ihr auf einmal

gesteuert. Denn die Mutter und die Schwestern und der Heinrich Kilian

sorgten dafür, daß ich mit den Auserlesenen über die Straße gehen könne und

grüne oder rote Kappen tragen und alles tun, was die andern auch taten und

auch alles lernen. Aber an das Lernen dachte ich erst zuletzt, denn ich

lernte gern und leicht, aber ohne Leidenschaft, das hatte mich bisher noch

nicht besonders angefochten. Es erschien mir recht von den Meinigen, daß

sie so taten, aber sie konnten es wohl tun, denn sie verdienten ja alle

Geld. Meine Schwester Luise war jetzt fünfzehn Jahre alt und stand den

ganzen Tag am Bügelbrett drüben bei Lotte, die jetzt Frau Meister hieß, und

einen kleinen Buben in der Wiege hatte. Und Helene war fast dreizehn, aber

sie war fast so groß wie Luise, und war Ausläuferin für ein Modegeschäft

neben der Schule her und brachte auch schon Geld heim, und Heinrich Kilian

hatte dreihundert Mark in der Sparkasse, das war viel, da konnte ich

beruhigt sein. So schlief ich nun in guten Gedanken ein. Als ich schon

lange geschlafen hatte, war es mir auf einmal, die Mutter stehe vor mir mit

dem Lämpchen in der Hand und sehe über mich hin. Ich hörte sie sagen: »Mach

mir etwas Rechts aus meinem Buben. Tüchtig soll er werden und brav. Paß'

auf ihn auf, wenn ich nicht mehr da bin.«

Aber ich wußte nicht, zu wem sie es sagte, denn es war sonst niemand da.

Ich konnte auch die Augen nicht recht aufmachen, sie waren mir voll

Schlafs.

Als ich am andern Morgen meinen Kameraden verkündigte, daß ich auch ins

Gymnasium komme, drehte sich auf einmal mein Vordermann um und sah mich mit

merkwürdig erloschenen Augen an. Ich hatte ihn gern, denn er war ein

fröhlicher Kamerad, der einen Spaß verstand, und dabei ein tüchtiger

Schüler. Seine Mutter ging mit der meinigen zum Kirchenreinigen. Wir waren

schon oft dabei gewesen, alle beide, und hatten uns auf den Emporen und

hinter der Orgel umhergetrieben und untereinander ausgemacht, wem die

angemalten Posaunenengel in der Spitalkirche ähnlich sähen. Da hatten wir

immer viel Vergnügen dabei gehabt und auch ein paarmal die Bälge getreten,

wenn jemand kam zum Orgelspielen. Jetzt sah er mich erschrocken an und

sagte: »Du auch?« sonst nichts. Aber in der Freiviertelstunde wartete er,

bis ich die Treppe herunter kam und sagte, er müsse mich etwas fragen, und

wir gingen miteinander hinter die Holzbeige im Hof. Ich stand dumm und

bockig da, denn ich hatte etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen ihn, aber

ich wußte nicht recht, warum. Da schlug er mir auf einmal mit aller Macht

eine hinter die Ohren und drehte sich dann an das Holz hin und fing an, in

die Scheiter hineinzuschluchzen. Wenn er nicht geweint hätte, dann hätte

ich ihm die Ohrfeige ohne Frage heimgegeben, aber so war ich ratlos und

wußte mir nicht zu helfen. Ich hätte jetzt bei den andern stehen können zum

erstenmal. Denn darauf hatte ich mich schon den ganzen Morgen gefreut. Und

nun hatte ich eine Ohrfeige auf mir sitzen, die brannte und mußte dazu noch

aus meinem Kameraden herausfragen, warum ich sie hatte, und es war mir

fast, ich wisse es schon.

Da kam es denn nach und nach heraus, daß er sich schon eine ganze Weile

gefreut habe, bis die andern fort seien, und daß wir dann zusammenhalten

und alles herrlich regieren wollten. Er habe sich schon Sachen ausgedacht,

feine, aber er sage mir's jetzt nicht, was für, er suche sich jetzt einen

andern heraus, dem er sie sage. Ich solle nur machen daß ich fortkomme,

ihm sei es ganz recht, er möchte nicht geschenkt da hinüber. Dabei

trocknete er nach und nach seine Augen und sah mich zornig an, daß ich mir

noch einmal vorkam, wie geschlagen. Denn ich hatte ihn recht eigentlich

gern, das spürte ich nun deutlich, und ich stand in zwei Feuern, die

brannten mich von links und rechts. Da sagte ich in meiner Not, ich könne

doch nichts dafür, daß ich ins Gymnasium komme. Meine Mutter wolle es

haben, mir wäre es sonst gleich. Aber das war gelogen, denn es war mir gar

nicht gleich, und da in diesem Augenblick die andern nach mir riefen, lief

ich schnell davon und stellte mich zu ihnen, und es war mir übel zumute.

Aber es mußte ja nun dennoch alles seinen Gang gehen und ging ihn auch, und

als der Herbst kam, da war ich ein höherer Schüler geworden.

* * * * *

Drüben bei Meisters war ich nach wie vor oft und viel, und dort lernte ich

auch eigentlich meine Schwester Luise kennen. Ich trat sozusagen in ein

neues Verhältnis zu ihr, denn daheim war ich um sie herumgestrichen wie um

die alte Stockuhr in unserer Wohnstube oder um den Rosmarinstock, der auf

dem breiten Fenstersims stand. Sie war eben da wie alles andere und gehörte

zum Haus wie die graue Katze, nur daß die Katze immer im Fußende meines

Bettes schlief und eine persönliche Freundschaft mit mir hatte. Bei

Meisters aber sagten sie, daß Luise ein gescheites und geschicktes Mädchen

sei, und daß sie hübsch werde, eh' man sich's versehe. Groß sei sie schon,

einmal für ihr Alter, aber nun fange sie auch an, aufzublühen, und das

stehe ihr gut. Das alles sagten sie nicht vor ihren Ohren, sondern

vielleicht einmal, wenn sie in die Küche ging, um im Bügelofen

nachzuschüren oder, wenn sie draußen im Vorgärtchen die gebügelte Wäsche in

der Sonne ausbreitete. Denn sie war bei Lotte als Lehrmädchen eingetreten.

Aber mir kam ein solches Wort hie und da zu Ohren, und dann dachte ich: Ja,

gelt, die gefällt euch schon. Sie ist meine Schwester, aber ich lasse sie

euch einstweilen. Ich habe noch eine, die heißt Helene, an der ist bis

jetzt noch nicht so viel zu sehen.

Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, aber ich mußte aufpassen, daß

es die alte Frau Wolf nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was

ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: »O Ludwig, dich sieht man doch

durch und durch. Du hast ein Gesicht wie ein Spiegel.« Das war mir nicht

recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, was ich dachte.

Aber daß mir meine Schwester Luise gut gefiel, das durften sie wohl wissen,

das mußte kein Geheimnis sein, bloß sollten sie nicht merken, daß es mir

etwas Neues sei und daß ich es von ihnen gelernt habe. Und sie gehörte mir

doch zuerst und vor allen.

Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren lang und dick. Sie trug sie

glatt gekämmt mit einem Scheitel in der Mitte und zwei Zöpfe um den Kopf

gelegt, daß es war wie ein Kranz. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie so

gut lachen könne; wenn sie lachte, dann sah man, daß oben einer von ihren

vorderen Zähnen schief stand, aber das sah so drollig aus. Es war wie ein

Wegweiser, der in ihren Mund hinein führte: »Hier ist Luise Fugeler. Man

muß keine Angst vor ihr haben.«

Das sagte ich auch niemand, daß ich das dachte. Denn es fielen mir hie und

da sonderbare Sachen ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten sie

alle und erzählten es weiter. Und das war mir nicht recht. Aber meine

Schwester Luise lachte nie über mich, weil sie merkte, daß ich dann rot und

verlegen wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es gab auch genug andere

Sachen dazu, da hatte sie ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und

freundlich. So war sie früher nicht gewesen meiner Meinung nach. Es war

aber nur so, daß sie nun überhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam,

da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, mehr als vorher. Denn

sie hatte nie recht ein Kind sein dürfen; es waren immer Sorgen vorhanden

gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles erst später recht, denn

ich selber hatte es viel zu gut. Bei Meisters da konnte sie schon in ein

freudiges Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen Jugend schon

stramm an den Wagen gespannt war. Daß man arbeiten müsse, das war ihr

nichts Neues, das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber sie waren

alle miteinander so herzlich und fröhlich und gut, und es war nicht wie ein

Dienst bei einer Herrschaft. Sondern man half einander mit der Arbeit und

mit dem Lohn und mit dem Zusammengehören und keins war höher und vornehmer,

als das andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem Rathaus. Er ging

immer anständig angezogen zum Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Türe

nach und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber abends heimkam, oder

auch mittags schon, dann fuhr er flugs in einen Hauskittel und

wirtschaftete irgendwo herum mit Hammer und Nägeln und mit alten Brettern.

Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag auf das Dach und setzte Tauben

hinein. Er mußte ihn aber bald wieder wegtun, weil die Tauben keinen

rechten Respekt vor der weißen Wäsche im Garten hatten. Sie machten sie

ohne alles Verständnis schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie mußten

wieder fort. Da tröstete er sich und verfertigte ein Stockbrett für das

Küchenfenster, darauf setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und

eins mit Monatrettichen. Das heißt, er steckte die Rettichkerne hinein und

wartete täglich darauf, daß sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis

zu richtigen Knollen brachten sie es nicht. Es blieben kraftlose

Schwänzchen. Da mußte er sich viel gutmütigen Spott von seiner Frau

gefallen lassen, und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein

Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie konnten in ihrem

Vorgärtchen nichts ziehen, sie brauchten den Platz für die Wäsche.

Da konnte sie nun nichts mehr sagen, außer darüber, daß er sich mit der

grünen Farbe ganz eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte es aber

und nannte ihn zärtlich »Meister Hämmerlein«. Aber er wußte nicht sicher,

ob es nicht doch ein bißchen spöttisch gemeint sei. Denn sie verbarg ihre

Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens vor den Leuten. Er war

fast einen Kopf kleiner als sie. »Aber darum muß ich doch an ihm

hinaufsehen,« sagte sie, »er ist gerade um einen Kopf klüger als ich.« Das

mußte ich ohne weiteres zugeben. Denn sie machte Schreibfehler, das hatte

ich schon gesehen, und sie wußte nicht einmal, wo der Neckar entspringt.

»Ich habe es natürlich einmal gewußt,« sagte sie, »aber ich habe es wieder

vergessen.« Es schien ihr nicht viel auszumachen. »Mein Bub kann es einmal

lernen. Ich habe sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch noch

um die Geographie bekümmern.«

Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit auf einen Ausflug an den

Bodensee. Er hatte dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt

war und ein kleines, eigenes Gütchen hatte.

Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz erregt zurück.

Mir brachte sie einen großen gebackenen Hasen mit aus Kuchenteig und sagte:

das sei ein Seehas. Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei uns

nicht. Und der See sei so groß, nicht zu sagen, und so tief, sie habe sagen

hören, man könne einen Kirchturm hineinstellen, ohne daß er oben

heraussehe. Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen am anderen Ufer die

Schweizer Berge heraus, man möchte nur vollends hinüber, so verlange es

einen darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schön gebe es bei uns

nichts, das sei aus und vorbei. Ich mußte sie immer ansehen, wie sie im

währenden Erzählen geschäftig hin und her ging, die Reisekleider ausstäubte

und verschloß, ihr Bübchen besorgte und ihre langen, prachtvollen Zöpfe

losband, daß sie ihr über den Rücken hinunterhingen, und wie ihr Gesicht

dabei hell, klug und durchsonnt aussah, wie eine Landschaft, in die auf

einmal neues Leben gekommen ist, etwa durch einen Maienregen oder durch

einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann saß neben mir auf der Bank am

Fenster, folgte ihr mit den Augen und sah glücklich drein. »Guck,« sagte

Lotte plötzlich zu mir, »das kann ich jetzt behalten. Von dem, was ich

gesehen habe, da vergesse ich nichts, das ist mir alles in den Kopf

hineingebrannt oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem Buben noch

erzählen, wenn er groß ist. Das andere, was nur so in den Büchern steht,

das ist nichts für mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, das ist

gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes denken. Aber Friedrichshafen,

das hat ein Schloß mit zwei Türmen, die sehen zwischen grünen Bäumen heraus

und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse haben wir einen

Schoppen Seewein getrunken und verschiedene Schiffe ankommen sehen. Das ist

etwas Lebendiges.«

»So werde ich dir eben nach und nach das ganze Vaterländchen zeigen

müssen,« sagte Friedrich Meister behaglich lächelnd. »Ich habe eine

gescheite Frau, die will die Welt selber sehen, vom Hörensagen glaubt sie

nichts.«

Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.

Dumm war sie freilich nicht, wenn sie alles selber sehen wollte. »So könnte

jeder kommen,« dachte ich. Aber es gefiel mir, daß sie so anspruchsvoll war

und schien mir Beweis einer Besonderheit zu sein, die Lotte ja auch in

anderen Dingen an sich hatte. Die Reisen durch das Vaterländchen hin und

her wurden aber nicht getan. Sondern das Leben zeigte ihr seine Reichtümer

und Weisheiten auf andere Weise, und es gab vieles dabei in den Kopf und

ins Herz zu fassen, das man gleichfalls nicht aus Büchern und vom

Hörensagen kennen lernt.

Als ihr Bübchen seine ersten Schritte machte, lag wieder eins in der Wiege,

und als das heraus war, folgte ihm ein Schwesterlein. Und die Mutter wurde

immer schöner, stattlicher, fleißiger und fröhlicher dabei.

Aber als sie das Kleeblatt beisammen hatte, da kam eines Tages Friedrich

Meister mitten im Vormittag nach Hause und legte sich ins Bett mit einer

schweren Fieberkrankheit, und als er es verließ, da war es nur, um es mit

einem andern draußen auf dem Friedhof zu vertauschen. Da war sie eine Witwe

geworden und stand in einem schwarzen Kleid am Bügelbrett. Denn das Bügeln

durfte sie nicht versäumen, jetzt noch viel weniger als je. Wenn ihr hie

und da Tränen auf das weiße Zeug tropften, so fuhr der heiße Stahl darüber

und löschte sie aus, und das war noch gut. Denn die alte Mutter saß immer

noch in ihrem Lehnstuhl am Ofen und zitterte heftiger als früher und hatte

über dem Unglück, das in das Haus eintrat, alle ihre schöne Gelassenheit

und Seelenruhe verloren. Nun seufzte sie ohne Ende, daß es eine verkehrte

Einrichtung sei: sie, die alte, unnütze Frau, sei noch da als Last für die

andern, und der junge Mann, der fast nicht zu entbehren sei, der sei nun

weggenommen, es sei eine Jammererde, und es können einen nur die Kinder

dauern, die dahinein geboren werden. Da hatte nun Lotte statt eines

mütterlichen Trostes eine ewig fließende Jammerquelle um sich herum. Aber

das war vielleicht noch besser für sie als alle Teilnahme und alles

Mitleid hätte sein können. Denn nun mußte sie sich zusammenraffen, daß das

Licht im Hause nicht auslösche. Sie mußte für Brot sorgen und für ein wenig

Fröhlichkeit für die Kinder und mußte noch die alte Mutter aufzuhellen

suchen, wenn diese gar zu tief ins Jammern geriet.

Weil sie aber eine so durchaus gesunde, wahre und unverstellte Natur war,

so geriet ihr dieses alles auch selber zum Heil, und sie erlebte trotz

ihrer aufrichtigen Liebe zu dem Toten eine neue Auffrischung und war als

Witwe wie als glückliche Frau ein Menschenbild, das einem verbissenen

Schwarzseher hätte zeigen können, es sei noch nicht alles verloren bei

unserem Geschlecht. Denn die Kinder von solchen Müttern müssen ja doch

etwas mitbekommen ins Leben hinein, das sie nicht so leicht unter die Räder

des Wagens kommen läßt.

* * * * *

In den Jahren, in denen dies alles geschah, wuchs ich zu einem großen,

kräftigen Buben heran. Es ging mir überall gut, ich kann nichts von einer

schweren Kindheit erzählen. Ich nahm es mit Seelenruhe und ohne viel

Gedanken hin, daß die Meinigen für mich sparten und schafften; es war mir

nichts Besonderes, daß meine Mutter und Heinrich Kilian allmählich ein paar

alte abgerackerte Leute wurden, die auch am Sonntag nichts anderes mehr

wollten, als nach der Kirche, die sie nie versäumten, auf dem Bänklein vor

der Haustür zu sitzen und sich von der Sonne anscheinen zu lassen. Die

Mutter war ja viel jünger, als Heinrich Kilian, der schon unermeßlich alt

war in meinen Augen. Aber dafür hatte sie mehr mit Sorgen und Lebensnöten

gekämpft und schwerere Lasten getragen als er, der nur die Bücherpakete

auf der Achsel, aber nichts Schweres auf dem Herzen hatte. Sie ging immer

noch zum Waschen und Putzen fort, aber ich besuchte sie nicht mehr in der

Kirche, um dort hinter der Orgel und auf den Emporen herumzustreichen und

mit meinem alten Freund August Volland seltsame Geschichten über die Bilder

der früheren Prälaten und Kirchenerbauer zu erfinden. Ich war ein Schüler,

bei dem es ohne allzugroße Mühe voranging, und der auch in den Freistunden

ein Wort reden durfte und seinen Mann stellte. Die grüne Mütze saß mir

kecklich auf dem vollen Haarbusch, und ich fühlte mich darunter als einer,

dem das Leben eine schöne Sache ist.

Viel darüber nachzudenken, war nicht meine Art damals; ich lebte meine Tage

dahin, wie sie kamen, und fand es ganz in der Ordnung, daß ich immer

saubere Kleider und gute Stiefel hatte und daß auf dem täglichen Brot auch

die Butter nicht fehlte. Meine Schwester Helene war nun auch konfirmiert.

Sie trat sogleich nach dem Verlassen der Volksschule bei einer

Kleidermacherin in die Lehre. Diese gab ihr die Kost und ein weniges an

Geld, und sie mußte dafür im ersten Jahre alle untergeordnete Arbeit tun,

die Rocksäume mit Litzen einfassen und dergleichen, und außerdem die

fertige Arbeit zu den Kunden tragen. Dabei begegnete sie mir manchmal mit

einem großen, in ein grünes Tuch geschlagenen Bündel auf dem Arm, in ihrem

kurzen und unscheinbaren Kleidchen, und ich schlüffelte mit meinen

Kameraden an ihr vorbei, ohne sie mit mehr als einem halbverlegenen

Zunicken zu begrüßen. Sie nahm mir das weiter nicht übel, »weil Buben halt

so sind,« und stellte ihre Jugend ebenso fraglos in den Dienst der strengen

Pflicht, wie Luise es vor ihr getan hatte und immer noch tat.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 2 / 24 段