Als solches die Königin von der Ammen höret, erschrak sie und ward

zornig, ließ sie überall suchen, so lang, bis solches der König erfuhr.

Und kam das Geschrei, der Ritter mit den Schlüsseln wäre hinweg. Da

gedacht sich der König, der Ritter hätte sie mit sich hin geführet. Und

ließ der König als bald mit Macht auf bieten, nach zu folgen und zu

suchen; und so man den Ritter überkäme, gebot er, man sölle ihm ihn

lebendig bringen. Wann er wollt ihn strafen, damit die ganze Welt darvon

wüßte zu sagen.

Da nun die Untertanen hätten verstanden den Willen ihres Herren, gingen

sie heim. Und nahmen ihr Harnisch und Waffen, zerteilten sich hin und

wieder auf dem Wege und suchten mit großem Fleiß. Und blieben der König

und die Königin unmutig bei einander; wann der ganze Hof ward betrübet,

in Sonderheit die Königin; die wollt verzweifeln und schrie und weinet

gar jammerlich.

In dem schicket der König nach der Ammen, und saget ihr: »Es mag nicht

gesein! Du mußt etwas darvon wissen, daß dann kein Mensch!« Da fiel die

gute Amme dem König zu Füßen und sprach: »Aller gnädigster Herr, so ihr

in mir möget finden, daß ich in dieser Sachen einerlei schuldig bin, so

bin ich zufrieden, daß ihr mich lasset töten eines grausamen Todes, wie

ihn euer Hof erkennen wird. Dann als bald ich solches erfahren, hab

ich's meiner gnädigen Frauen, der Königin, angezeiget.«

Da ging der König in sein Gemach, aß und trunk nichts den ganzen Tag vor

Trauern. Es war auch erbarmlich, zu sehen der Königin Wesen, samt

anderen Jungfrauen und Frauen des Hofes, auch durch die ganze Stadt

Neapel.

Nun suchten die Untertanen hin und her treulich, aber sie konnten nichts

finden, noch erfahren von den Zweien. Und kamen also eines teils in

sechs Tagen wieder, die anderen in fünfzehen Tagen. Erfuhren und funden

nichts, darum der König fast zornig ward.

Nun wollen wir hie verlassen, weiter von dem König zu sagen; und wollen

uns wenden, zu sagen von der Schönen Magelona, die da lag im Holze und

schlief.

Wie die Schön Magelona entschlief in dem Schoße des Peter, und wie er

große Lust hätt, sie schlafend an zu schauen, doch zu Ende zornig ward,

als ihr hernach hören werdet.

[Illustration]

Wie ihr oben gehört habt, daß die Schön Magelona in dem Schoße des Peter

entschlief, da hätt der Peter keine größer Lust, dann im Anschauen

seiner aller Liebsten; er kunnt sich auch nicht ersättigen der Schöne,

die er da vor sich sah. Und da er sie genug besehen hätt, ihren schönen

roten Mund, auch das Angesicht, da kunnt er sich nicht enthalten,

schnüret auf ihre Brust, zu beschauen auch ihre schneeweiße Brust, die

weißer war zu sehen, dann ein Kristall; griff an ihre schönen Brüstlin.

Als er solches tät, ward er in der Liebe ganz entzundet und verzucket.

Gedauchet ihn, er wäre im Himmel, gedacht auch, Unglücke möchte ihm

nichts schaden. Doch diese Lust blieb ihm nicht lang; wann darnach

erlitt er unübertreffliche Pein, als ihr hernach werdet vernehmen.

Da nun der Peter die Schöne Magelona wohl besehen hätt, da sah er

ungefähr einen roten Zendel zusammen gewickelt zwischen ihren Brüstlin

liegen. Da überkam ihn große Lust, zu erfahren, was es wäre, und nahm es

heraus und wickelt es auf. Da fand er darinnen liegen die drei schönen

Ringe, die er ihr geben, und die sie also lieb hätt und auf hub von

seinen wegen. Da sie nun der Peter gesehen hätt, wickelt er's wieder in

den Zendel wie vor und leget sie neben sich auf die Seiten auf einen

Stein und begunnt, die Schöne Magelona wieder an zu sehen, und ward also

verzucket in der Liebe, daß er nicht wußt, wo er war.

Aber GOTT der Allmächtig erzeiget ihm, wie daß in dieser Welt kein

Freude wäre ohn Traurigkeit, und schicket darhin einen Vogel, der da

lebet von dem Raub. Der ersah den Zendel, und vermeinet, es wäre

Fleisch, erwischet ihn und flog darvon.

Wie Peter dem Vogel nach folget und warf zu ihm mit Steinen, aber der

Vogel ließ den Zendel ins Meer fallen.

[Illustration]

Da der Peter solches ersah, daß ihm der Vogel die Ringe hätt hinweg

geführet, ward er zornig; wann er gedacht, so es die Schön Magelona, die

er dann ungerne erzürnen wollt, erführe, es würde ihr nicht gefallen. Er

leget seinen Mantel säuberlich unter ihr Haupt, damit sie nicht erwache,

und folget dem Vogel nach, warf mit Steinen nach ihm; wann er verhoffet,

er wölle die Ringe ihm wieder ab jagen. Und trieb es so lang, bis der

Vogel den Zendel mit den Ringen ließ in das Meer fallen. Dann saß er auf

einen kleinen Felsen nahe bei dem Erdreich. Jedoch zwischen dem Felsen

und Erdreich war eine große Menge des Wassers, es mochte keiner hinüber

kommen, von Sorge wegen, daß er nicht ersaufe. Auf dem Felsen saß der

Vogel, und wurf der Peter mit Steinen zu ihm, und dränget ihn also sehr,

daß er die Ringe ließ ins Meer fallen, und flog darvon.

Da mochte der Peter nicht hinüber vor Wasser, er wäre sonst ersoffen,

wie wohl es nicht weit war von dem Lande. Da fing der Peter an, hin und

her zu suchen, ob er möchte was finden, darinne er sicher hinüber kommen

möchte. Und sprach wider sich selber: »O mein GOTT, was habe ich getan!

Hätte ich die Ringe liegen lassen an ihrem Orte, da sie wohl und sicher

lagen! Ich meine, sie werden mir wohl bezahlt, des gleichen der Schönen

Magelona. Wann ich lang aus bleibe, wird sie mich suchen.«

Also suchet der Peter so lang am Gestad, bis er fand einen kleinen alten

Kahn, welchen die Fischer verlassen hätten, dieweil er nichts nutze mehr

war. Der Peter stieg hinein und ward wieder erfreuet; aber sein Freude

währet nicht lang. Wann er nahm einen Stecken in die Hände, den er

ohngefähr hätt gefunden, und leitet sich darmit hinüber gegen dem

Felsen.

Aber GOTT der Allmächtig, der alle Ding machet nach Seinem Göttlichen

Willen, schicket, daß ein großer Wind auf stund; der nahm den Peter mit

Gewalt und führet ihn auf das hohe Meer über seinen Willen. Da er sah,

daß er je länger, je mehr von dem Erdreich kam, und wußte ihm nicht

wider zu stehn, und tät betrachten die große Gefährlichkeit des Todes,

darinne er war, und daß er hätte die Schöne Magelona, die er mehr liebet

dann sich selbst, also verlassen in dem Holze liegen schlafen, und

besorget, sie würde sterben eines bösen Todes, und würde verzweifeln

ohne Hilf und Rat, gedachte er, sich selber in das Meer zu werfen. Wann

sein edels Herze mochte nicht mehr dulden, noch erleiden solchen

Schmerz. Doch der, so da versuchet, die Menschen dieser Welt durch

mancherlei Trübsal und Leiden zu leiten zu der Geduld, wollte nicht über

ihn verhängen, daß ihm was an seinem Leib widerführe.

Da kam der Peter wieder zu sich selber als ein rechter christlicher

Mensch, und rief an GOTT den Allmächtigen und sprach wider sich selber

also: »Ach, böse bin ich! Warum will ich mich selbst töten, die Weil ich

dem Tod also nahe bin, der da zu mir laufet, mich zu fahen! Ich darf ihn

nicht suchen. O allmächtiger, ewiger, gütiger GOTT, ich bitte Dich, Du

wollest mir vergeben alle meine Sünde, und was ich je wider Dich

gehandelt habe. Wann wider Dich, o allmächtiger GOTT, habe ich

gesündiget, daß ich wohl eines ärgern Todes schuldig wäre dann dieses. O

GOTT, erbarme Dich mein! Ich will ihn auch gerne leiden, ich wollte ihn

auch lieber leiden, so ich wüßte, daß mein aller liebster Gemahel keinen

Schmerz leiden sollt. Aber es kann nicht gesein. Ach wehe, ach wehe,

mein aller liebste und schönste Magelona, ein Tochter eines mächtigen

Königs, wie wird euer Leib und Herze erleiden mögen, sich alleine in

der Wüsten zu finden, dieweil er also zärtlich erzogen ist! Ach wehe und

aber wehe, bin ich nicht ein falscher und ungetreuer Mensch, daß ich

euch hab aus geführet aus dem Hause euers Vaters und Mutter, da ihr also

reichlich und zärtlich gehalten waret! Ach wehe, mein aller liebster und

edelster Gemahel, nun bin ich des Todes, wann ich kann ihm nicht

entgehn. Um mich ist es ein kleiner, aber um euch ein großer Schaden;

wann fürwahr, ihr seid die schönest auf Erden. O allmächtiger, ewiger,

gütiger GOTT, ich befehle sie Dir in Deinen Schutz und Schirm! Du

wollest sie bewahren vor allem Übel! Du weißt wohl, daß zwischen uns

beiden ist kein unordentlich Lieb gewesen. Darum, o GOTT, aller

betrübten Menschen ein Zuflucht, ich bitte Dich, Du wollest ihr helfen,

und sie nicht verlassen; wann sie hat einen guten reinen Fürsatz gehabt.

Du wollest sie nicht lassen verderben, und meine Seele lassen zu Deiner

Seligkeit kommen, aus Deiner grundlosen Barmherzigkeit Dich über mich

erbarmen! O aller liebste Magelona, ich werde euch nicht mehr sehen,

noch ihr mich, unser Verlöbnis und Ehe hat ein kurze Zeit gewähret. Ach,

wollt GOTT, ich wäre tot vor zweien Tagen vergangen gewesen, und ihr

wäret wieder in euers Vaters Hause!«

Also weinet und beklaget der edel Peter mehr die Schöne Magelona dann

sich selber. Er saß in der Mitten des Schifflins und wartet des Todes,

wo ihn das Meer hin würf; wann er ließ es frei gehen, wo es hin wollten

führen die Wellen des Meers. Er hätt auch Wassers genug bei sich in dem

Kahn und ward gar naß. In dieser Gefährlichkeit blieb der Peter von

Morgen an bis auf den Mittag.

Es begab sich auch, daß ein Raubschiff kam der Mohren, die sein

ansichtig wurden, und sahen ihn alleine darher fahren, wie ihn der Wind

führet. Sie zogen ihm zu, fingen ihn und satzten ihn in ihr Schiff. Aber

der Peter war vor Leid halb tot, er erkennet sich selber nicht wohl und

wußte nicht, wo er war. Da nun der Patron des Schiffes den Peter recht

an sah, gefiel er ihm wohl; wann er war wohl gekleidet und schön. Und

gedacht in sich selber, er wölle ihn dem Sultan schenken. Sie schifften

so viel Tagreisen, bis sie kamen gen Alexandria.

[Illustration]

Als sie darhin kamen, da schenket der Patron den Peter dem Sultan. Da

ihn der Sultan ersehen hätt, da gefiel er ihm wohl, und danket dem

Patron. Der Peter trug die gulden Ketten allwegen an seinem Halse, die

ihm die Schön Magelona hätt geben; darum gedauchet den Sultan, daß er

eines großen Geschlechts wäre. Er ließ ihn auch fragen durch einen

Dolmetschen, ob er zu Tische dienen könne. Da antwortet ihm der Peter,

ja. Also befahl der Sultan, man sölle ihn der Weise unterrichten. Der

Peter lernet also wohl, daß er's ihnen allen vor tät. Auch gab GOTT der

Allmächtige dem Sultan die Gnade, daß er den Peter lieb gewann, und

also sehr, als wäre er sein eigener geborener Sohn gewesen.

Der Peter war auch nicht ein ganzes Jahr bei ihm, so unterstund er sich,

aus Gnaden GOTTes des Allmächtigen, die Sprache wohl zu lernen, und

redet gut mohrisch und griechisch. Und war also züchtig und freundlich,

daß ihn jedermann am Hofe lieb gewann, als wäre er ihr eigener Sohn

gewesen, oder Bruder. Es war auch seines gleichen nicht am Hofe mit

aller Geschicklichkeit, daß alles durch ihn geschehen mußte bei dem

Sultan. Das, was ihm befohlen war, zu tun und aus zu richten, das tät er

mit ganzem Fleiß, derhalben er herfür gezogen ward. In dieser Ehren war

der Peter bei dem Sultan.

Jedoch mochte er nie fröhlich werden, wann sein Herze war ihm allwegen

schwere, so er gedacht an seine aller liebste Magelona; und hätte

gewollt, er wäre in dem Meer ersoffen, darmit er solcher Schmerzen

erlediget wäre worden. Also gedacht der Peter an sein traurig Leben,

doch ließ er sich nichts merken, wie wohl sein Herze allwegen bei GOTT

wäre; und tät ihn oft bitten, dieweil er ihm geholfen hätte aus der

großen Fährlichkeit des Meers, daß er ihm auch helfe und Gnad verliehe,

damit er das heilige Sakrament der Ehe möchte empfahen, eh er stürbe. Er

gab auch viel Almosen den armen Christen von wegen seiner aller liebsten

Magelona, und verhoffet, GOTT werde sie nicht verlassen.

Nun wollen wir von ihm lassen zu reden, und von der Schönen Magelona

sagen.

Wie die Schön Magelona lag auf des Peters Mantel und schlief, und da sie

erwachet, da fand sie sich alleine in dem Holz.

[Illustration]

Als nun die Schön Magelona nach Lust hätt geschlafen, (wann sie war müde

und hätt die ganze Nacht gewachet, des sie nicht gewohnet war), wachet

sie auf, und gedacht, sie wäre bei ihrem aller liebsten Peter, und

vermeinet, sie hätte ihr Haupt in seinem Schoße. Da saß sie auf und

saget: »Mein aller liebster Peter, ich habe wohl geschlafen, ich glaube

gänzlich, ich habe euch verdrießlich gemachet.« Und sah um sich, so fand

sie niemand. Sie stund auf und erschrak sehre, fing an, mit lauter

Stimme zu rufen durch das Holz: »Peter! Peter!« Aber niemand wollte ihr

antworten.

Da sie niemand höret noch sah, wäre nicht Wunder gewesen, daß sie von

allen ihren Sinnen kommen wäre. Da fing sie an zu weinen, und ging also

durch das Holz rufen: »Peter! Peter!« als laut sie immer rufen mochte.

Da sie nun lang hätt gerufen und gesuchet, da ward sie heiser im Halse

von dem Rufen, und stieg ihr ein Schmerz und Wehe in das Haupt, daß sie

vermeinet, allda zu sterben. Und fiel also in einer Ohnmacht auf die

Erden, als wäre sie tot.

Darinne blieb sie eine lange Zeit, und als sie wieder zu ihr selber kam,

da setzet sie sich nieder, und fing an die jammerlichsten Klagen, die je

ein Mensch gehöret. Und saget: »Ach, mein aller liebster Peter, mein

liebstes Lieb und Hoffnung, wo hab ich euch verloren! Warum seid ihr von

mir geschieden, und habt mich also verlassen, euer getreue Gesellin? Ihr

wisset doch wohl, daß ich ohn euch nicht habe wollen leben in meines

Vaters Hause, da ich also reichlich gehalten ward. Ach wehe und aber

wehe, wie möget ihr gedenken, daß ich möge leben in dieser Wildnis und

Wüsten! Ach wehe, mein edelster Herre, in welcher Irrung gehet ihr um,

daß ihr mich also verlassen habet in diesem rauhen Busch, darinne ich

eines jammerlichen Todes sterben werde! Ach wehe und aber wehe, was habe

ich euch zu Mißfallen getan, daß ihr mich habt geführet aus meines

Vaters Haus, des Königs von Neapel, mich also in großen Ängsten und

Schmerzen zu töten! Habt ihr doch mir also große Liebe erzeiget! Ach,

mein aller liebster Peter, habt ihr an mir etwas gefunden, das euch

nicht hätte gefallen? Fürwahr, ich hab mich zu viel gegen euch

entdecket. Ich hab solches getan aus großer Liebe, die ich zu euch

getragen habe; wann nimmer mehr kommet mir ein Mensch also tief in mein

Herze als ihr. Ach, edelster Peter, wo ist euer Adel, wo ist euer edels

Herze, wo ist euer Glauben und Zusage! Fürwahr, ihr seid der greulichste

Mensch auf Erden, der je von einer Mutter geboren ward, wie wohl mein

Herze nichts Böses von euch kann und vermag zu sagen. Ach wehe, was kann

ich mehr für euch tun! Fürwahr, ihr seid der ander Jason, und ich die

ander Medea.«

Ging also verzweifelt hin und her und suchet den Peter durch das Holz,

und kam, da sie die Pferde fand. Als sie die Pferde ersah, da fing sie

an, auf ein Neues zu klagen und weinen. Und saget: »Fürwahr, mein aller

liebster Peter, ich erkenne itzt, daß ihr nicht mit Willen seid von mir

geschieden; des bin ich ganz sicher. Ach wehe, mein getreuer Liebhaber,

und ich Ungetreue, daß ich euch also geschmähet habe! Darum mein Herze

betrübet ist bis in den Tod. Ach, welch Abenteuer hat uns von einander

geschieden? Seid ihr tot, warum bin ich mit euch auch nicht tot!

Fürwahr, es ist keiner armen Tochter nie ein so groß Unglücke wider

fahren als mir. Ach Glücke, du verfolgest itzunder nicht die Getreuen

und Frommen, und je höher die Personen sein, je mehr du mit ihnen zu

kriegen hast. O gütiger GOTT, der Du bist ein Licht aller Ungetrosten

und Verlaßnen, ich bitte Dich, Du wollest mich arme Jungfrauen trösten.

Behalte und behüte mir meine Sinne, meinen Verstand und Vernunft, damit

ich nicht verliere Leib und Seele! Lasse mich sehen meinen aller

liebsten Herrn und Gemahel zuvor, ehe ich sterbe! Ach wehe, möchte ich

erfahren, wo er wäre. Und so ich ihn wüßte zu Ende der Welt, ich wollte

ihm nach folgen. Ohn allen Zweifel glaube ich, diese Widerwärtigkeit hat

uns geben der Böse Geist, dieweil unser Lieb ist nicht gewesen

unordentlich noch zerbrochen, und dieweil wir nicht haben willigen

wöllen in seine böse Anfechtung. Und halte es darfür, daß er ihn darum

geführet habe in ein fremd Land, unser beider guten Willen zu brechen.«

Solche Wort saget die Schön Magelona in ihr selbst und beklaget ihr

Unglücke und ihren aller liebsten Peter. Ging also hin und her durch das

Holz wie eine verlassene Frau, und horchet, ob sie etwas möchte hören

nah oder weit. Darnach stieg sie auf einen Baum und sah sich um, ob sie

möchte etwas sehen und erkennen, und sah nichts auf Erdreich, dann Holz

am Land und Port des Meers, und auf der andern Seiten sah sie nichts

anders, dann das tiefe Meer.

Also blieb die Schön Magelona ganz traurig und beschwert diesen ganzen

Tag ohn Trinken und Essen. Da nun die Nacht kam, suchet sie einen großen

Baum, auf den stieg sie mit großer Marter und Pein. Darauf blieb sie die

ganze Nacht sitzen, aber sie ruhet und schlief wenig; wann sie hätt

große Sorge vor den wilden Tieren, die würden ihr einen Schaden zu

fügen. Und also vertrieb sie die ganze Nacht: itzt weinet sie, darnach

gedacht sie, wo er möchte hin kommen sein, und darnach gedacht sie, was

sie tun wölle, oder wo hinaus. Wann sie hätt sich in ihrem Herzen für

gesatzet, sie wölle nicht wieder heim ziehen zu Vater und Mutter, wann

sie forcht den Zorn ihres Vaters. Und beschloß endlich bei ihr selbst,

sie wölle ihren aller liebsten Peter suchen durch die Welt.

Wie die Schön Magelona herab stieg von dem Baum und kam, da sie die

Pferde fand, band sie auf und ließ sie laufen.

[Illustration]

Als nun der Tag herfür brach, da stieg sie vom Baum und ging an den Ort,

da sie die Pferde fand, die da noch angebunden waren, band sie auf mit

weinenden Augen und saget: »Als ich in mir gedenke, wie euer Herr ist

verloren und mich in der Welt tut suchen, also will ich auch, daß ihr in

die Welt laufet, wo ihr hin wollet.« Und zog ihnen die Zäume ab, und

ließ sie also laufen durch das Holz, wo sie hin wollten. Und ging

darnach also lang im Holze, und suchet einen Weg, bis sie fand die

Landstraße, die da ging gen Rom.

Und da sie sich auf der Landstraßen fand, wandt sie sich wieder bald dem

Holze zu und suchet einen Ort, wo es dichte war, und setzet sich hinein.

Der Ort war hoch gelegen, darum sie möchte sehen, wer hin und wider

ginge; aber sie mochte man nicht sehen. Da sie nun eine Zeit lang da

blieb, da sah sie auf dem Wege eine Pilgerin kommen.

Der rufet sie zu ihr; die kam als bald und fraget, was sie begehre. Da

bat sie die Pilgerin, sie wölle ihr geben ihren Rock und die anderen

Kleider um ihre schönen Kleider. Da solches die Pilgerin höret, gedacht

sie bei sich selber, sie wäre nicht alleine im Holz ohn Leute, und

vermeinet, die Schön Magelona spotte ihr. Und sprach: »Gnädige liebe

Frau, so ihr wohl bekleidet seid, sollt ihr darum der armen Leute

Christi nicht spotten! Wann solcher schöner Rock, den ihr an traget,

zieret euch den Leib; aber mein Rock, hoffe ich, werde mir meine Seel

zieren.« Da sprach die Schön Magelona zu ihr: »Mein liebe Schwester, ich

bitte dich, du wollest keinen Verdruß haben. Wann ich sag es aus gutem

Herzen, und will gerne mit dir frei markten.«

Nun, als solches die Pilgerin verstund, daß sie redet aus einem guten

Herzen ohn allen Spott, da zog sie sich aus und gab ihr die Kleider, des

gleichen die schön Magelona die ihren; und bekleidet sich mit den

Kleidern der Pilgerin also wohl, daß man ihr nicht viel von dem

Angesicht mochte sehen. Und was sie nicht verbergen mocht, da nahm sie

einen nassen Speichel und Erdreich und beschmieret sich, damit sie nicht

erkannt würde.

Wie die Schön Magelona gen Rom kam in der Pilgerin Kleidern, und wie sie

ihr Gebet tät vor dem Hohen Altar von St. Peters Kirchen.

[Illustration]

Die Schön Magelona nahm ihren Weg gen Rom in diesen Kleidern, und ging

also lang, bis sie in die Stadt kam. Als bald sie dar kam, ging sie des

ersten Gangs in Sankt Peters Kirchen. Und kniet für den Hohen Altar und

fing an, inniglich zu weinen und seufzen. Verbracht also ihr Gebet, und

saget: »O allmächtiger ewiger GOTT, Jesu Christe, der mich hast aus

Deiner Mildigkeit gesatzet in große Lust, und hast mich zu gesellet dem

Edelsten dieser Welt, den ich mehr geliebet habe dann kein Mensch, und

durch Dein Macht und Gewalt hast verschaffet, daß wir von einander sein

geschieden durch Abenteuer; mein GOTT, es ist unser Sünden Schuld,

dieweil wir Sünder sein. Jedoch, o allmächtiger, ewiger GOTT, es

gedünket mich, Du solltest ihn mir nicht geben haben, dieweil Du mir ihn

wieder hättest also wollen nehmen. Hierum bitte ich Dich aufs Demütigest

bei Deiner Menschwerdung, als Du uns gleich bist worden, doch ohn alle

Sünde, und durch Dein milde Barmherzigkeit, es sei Dein Willen und

Gefallen, Du wollest mir meinen aller liebsten Peter und Gemahel wieder

geben, dem ich durch Dein Göttliche Schickung bin verehlicht worden. O

Du gütiger Jesu Christe, der Du bist ein Tröster aller Betrübten, ich

bitte Dich, Du wollest diese, Deine arme Tochter, trösten! Wann ich

wende mich zu Dir aus gutem Herzen und Willen. Ach, Du gütiger und

getreuer GOTT, ich bitte Dich, Du wollest behüten meinen aller liebsten

und getreuesten Gemahel Peter, der Dich in allem seinem Tun und Wesen

hat geehret. So er lebendig ist, Du wollest verhelfen, daß er zu mir

komme, und ich zu ihm! Und daß wir hinfür mögen unser Leben enden in

gutem Frieden und getreuem Sakrament der Ehe! Hilf, daß wir nicht also

verloren um ziehen in dieser Welt! Hilf, daß unser getreue Lieb nicht

also schnödiglich verloren werde! Erzeige uns beiden Dein milde

Barmherzigkeit!«

Als sie ihr Gebet hätt also vollendet, da stund sie auf, und wollt in

ein Herberg gehn. Da ersah sie ihren Vetter in die Kirchen treten, der

da war ihrer Mutter Bruder, und sie tät suchen in großer Ehr und

Gesellschaft. Darob sie sehr erschrak, doch nahmen sie ihr nicht wahr;

wann es kunnt sie unter ihnen keiner erkennen in dieser Kleidung. Und

ging also wie eine Pilgerin in das Spital. Darinne blieb sie fünfzehen

Tage wie eine arme Pilgerin, und ging alle Tag in die Kirchen Sankt

Peters und verbracht allda ihr Gebet in großer Traurigkeit und großem

Weinen. Und verhoffet, GOTT der Allmächtig würde sie endlich erhören.

In dem, als sie allda blieb, da fiel ihr zu, sie wölle in das Land

Provincia ziehen; wann sie verhoffet, da von ihrem aller liebsten Peter

desto eher etwas zu hören. Und beschloß also bei sich, und machet sich

auf den Weg, und zog also lang, bis sie kam in ein Stadt, genannt Genua.

Da erfraget sie den Weg gen Provincia, welcher der kurzest und sicherst

wäre. Und ward ihr geraten, sie sölle auf dem Meer fahren; der Weg wäre

der kurzest und sicherst.

Und als sie an den Port des Meeres ging, da fand sie zu allem Glücke ein

Schiff ganz zubereit, das wollt gehn zu einem Port, genannt

Toten-Wasser. Sie überkam mit dem Patron und zog mit ihm darhin. Als sie

nun darhin kam, da ging sie eines Tags durch die Stadt wie eine arme

Pilgerin. Da rufet ihr eine fromme Frau und nahm sie in ihr Haus um

GOTTes willen. Und aßen und tranken miteinander den selben Tag. Da

fraget die gute Frau die Schöne Magelona viel von ihrer Wallfahrt. Also

saget sie ihr, wie sie käme von Rom wallfahrten. Darnach fraget sie

wieder die Schön Magelona von der Gewohnheit und Eigenschaft des Landes,

und ob fremde Leute möchten sicher wandern.

Da saget sie ihr: »Wisset, liebe Pilgerin, daß wir haben einen Herrn

dieses Landes von hinnen bis gen Aragonia, und heißet unser Herr der

Graf von Provincia. Er ist mächtig und hält sein Land in gutem Fried,

also, daß nie kein Mensch vernommen hat, daß jemand wäre ein Verdruß

geschehen; wann er befiehlt, Sicherheit und Gerechtigkeit zu halten in

seinem Lande. Er und die Gräfin sein also freundlich und holdselig gegen

den armen Leuten, daß es Wunder ist. Aber sie sein sehr betrübt und

zornig, und wir alle mit ihnen, als die Untertanen, von ihres Sohns

wegen, der Peter genannt, der da ist der edelst Ritter dieser Welt; wann

er ist bei zwei Jahren von hinnen gezogen, sich zu üben in der Welt in

Ritterspielen, und seit dieser Zeit ist nichts mehr von ihm gehört

worden. Sie besorgen alleine, er sei tot, oder ihm sei ein großes

Unglück wider fahren, was dann ein großer Schaden wäre.« Und fing an

also zu erzählen die Guttaten und Tugend des edeln Ritters.

Die Schön Magelona eine fast lustige Historie von dem Ritter mit den silbern Schlüsseln und von der Schönen Magelona gar lustig zu lesen · 第 3 / 5 段