In dem nahm sie eine gulden Ketten von ihrem Hals, daran hing ein

kostlich Häftlin, und henket es ihm an seinen Hals und sprach: »Durch

diese Ketten, aller liebster Freund und Gemahel, setz ich euch in Besitz

meines Leibes, und verheiße euch treulich, wie einer Königstochter

geziemet, keinen andern zu nehmen dann euch.«

In dem nahm sie ihn freundlich in ihre Arme. Da kniet der Peter für sie

nieder und sprach: »Mein aller liebste edelste Fürstin, die schönest

unter allen dieser Welt, ich bin nicht würdig, euch darum Danksagung zu

tun. Doch wie ihr gesaget habt, also bleib es darbei; ich bin es wohl

zufrieden. Ich verheiße auch euch hiemit, euer Gebot und Befehl treulich

zu erfüllen, so es GOTT gefällt. Und so es euch geliebet wäre, von euerm

Gemahel zu empfahen diesen Ring, mein darbei zu gedenken.« (Dieser war

der dritte Ring, welchen ihm gegeben hätt sein Mutter, als er von ihr

hinweg zog; der dann kostlicher war, dann die zween anderen.)

Also empfing die Schön Magelona den Ring gutwilliglich, und wendet sich

wieder gegen ihm, ihn wieder in ihre Arme zu nehmen und zu küssen. Nach

dem allem rufet sie der Ammen wieder. Da die zwei nun lang mit einander

allein hätten geredt, beschlossen sie mit einander, wie sie oft und

dicke möchten einander sehen.

Also nahm der Peter Urlaub von der Schönen Magelona, und ging stille

wieder in sein Herberge, doch fröhlicher, dann er gewohnet war. Und die

Schön Magelona blieb also in ihrer Kammer bei der Ammen, und tät nichts

der gleichen, ließ sichs auch gegen niemand merken.

Oft und dicke darnach redet die Schön Magelona mit ihrer Ammen von ihrem

aller liebsten Peter und sprach: »Was bedunket dich von meinem getreuen

geliebten Ritter? Ich bitte dich freundlich, du wollest mir's sagen, und

ganz nichts verhalten.« -- »Fürwahr,« saget die Amme, »mein liebstes

Fräulein, er ist also schöne, züchtig, tapfer und freundlich in allen

seinen Gebärden, daß mich gedunket, es möge nicht anders sein, er müsse

von einem hohen Geschlecht sein.« Auf das antwortet ihr die Schön

Magelona: »Habe ich dir nicht allwege recht gesaget? Wann mein Herz und

Gemüte verstund es wohl. Darum ich mich begnügen lasse, daß ich in seine

Kundschaft kommen bin, GOTT hab Lob! Wann es ist kein Tochter also hoch

geboren auf Erden, so sie die Hälfte von ihm wüßte, als ich weiß, sie

vermeine sich glückselig, so sie ihn möchte zu einem Liebsten haben.«

Darauf antwortet ihr die Amme: »Liebstes Fräulein, es ist alles wahr,

wie ihr saget. Doch bitt ich euch eines freundlich: ihr wollet nicht

leichtfertig sein aus Liebe. Wann so ihr werdet zu Hofe sein bei anderen

Jungfrauen und Frauen, des gleichen der Ritter, wollet euch nichts

vernehmen, noch vermerken lassen. Wann so es von euch geschähe, würden

euer Vater und Mutter solches leichtlich verstehen; daraus dann möchten

entspringen zweierlei Übel: das erste, daß ihr schamhaftig würdet, und

verlieren euers Vaters und Mutter Gunst; das ander, so sie es inne

würden, möchte der Ritter getötet werden, darinne ihr ein Ursach an dem

Tod eines solchen edeln Ritters wäret, der euch lieber hat, dann sich

selbst. Und zum dritten, so würde ich auch gestrafet werden. Darum ich

euch freundlich bitte, ihr wollet euch weislich halten, als einer hoch

geboren Tochter zu tun gebühret.«

Da sprach die Schön Magelona wider ihre Ammen: »Mein liebste Amme, in

diesem und anderm will ich folgen deinem getreuen Rat, wann ich erkenne,

daß du nur allerwegen treulich geraten hast. Und bitte dich freundlich,

so du was an mir siehest, das mir nicht zu tun geziemet, du wollest

mir's untersagen, oder mit einem Zeichen anzeigen. Wann ich will dir

folgen als meiner liebsten Ammen und Mutter. Doch noch eins will ich

dich freundlich bitten: so wir zwo alleine bei einander seien, du

wollest mir vergönnen, zu reden von meinem liebsten Menschen; damit ich

meine Zeit desto leichter verbringen möge, bis daß ich erkenne, wo es

endlich hinaus wolle. Und vor allen Dingen bitte ich dich, du wollest

raten und helfen, damit ich ihn oft möge sehen und mit ihm reden. Wann

ich weiß kein ander Freud zu haben in dieser Welt; und so durch

Unglücke, da GOTT vor sei, ihm was widerführe, wisse, mein liebste Amme,

daß ich mir mit meiner eigenen Hand wollte den Tod tun.«

Nun, da der Ritter wieder heim in sein Herberge war kommen, betrachtet

er die große Freundlichkeit, die ihm widerfahren war, und lobet GOTT,

daß ihm solches begegnet. Er vermeinet auch, GOTT hätte sonst keinem

Ritter eine so hohe seltsame Freundlichkeit und Ehr zu gesandt als ihm.

Er verwundert sich auch in sich selbst der übertrefflichen Schöne der

Magelona. Daraus er verursacht ward, mehr zu Hof zu kommen, dann sein

Brauch war. Doch hielt er sich ganz weislich und stille gegen dem König

und anderen, damit er nicht vermerket würde. Also, daß ihn jedermann

lieb gewann am Hofe, nicht allein die großen Herren, sondern auch das

gemein Hofgesinde. Und wann er die Zeit vermerket, darinne er unvermerkt

sein Augen mochte speisen, sah er die Schöne Magelona freundlich an.

Solches geschah alles von ihm weislich heimlich und verborgen. Wann er

dann Befehl hätt von dem König oder der Königin, zu reden und kurzweilen

mit der Schönen Magelona, so ging er auch hinzu. Also vertrieben die

zwei dann ihr Zeit mit einander.

Wie Herr Friedrich, von der Krone genannt, hinweg zog aus Rom, gen

Neapel zu kommen, allda Ritterspiel zu üben von wegen der Schönen

Magelona.

[Illustration]

Der Zeit war ein reicher und edeler Ritter aus dem Land Romania, der war

sehr mächtig, und von wegen seiner Macht und Redlichkeit ward er sehr

gepriesen, mit Namen Herr Friedrich von der Krone. Der selbe gewann eine

Lieb zu der Schönen Magelona, aber sie hätt sein gar keine Gnad. Eines

mals satzet er sich für, Ritterspiel zu üben in der Stadt Neapel; wann

er vertrauet in seine Macht und Stärke, dardurch Preis und auch die Huld

der Schönen Magelona zu überkommen, die dann sein wenig achtet. Auf das

tät er eine Bitt an den König von Neapel, er wölle ihm Ritterspiel zu

üben vergünnen. Also ward es ihm von dem König zu gesaget. Und ward aus

gerufen in Frankreich und um liegenden Orten ein Stechen dieser Gestalt:

welche Ritter willens wären, zu stechen aus Liebe der Jungfrauen oder

Frauen, sollten erscheinen in der Stadt Neapel am Tage Unser Frauen

Geburt. Da würde man sehen, wer sie lieb hätte.

Aus solcher Ursach wurden viel Fürsten und Herren zu erscheinen beweget,

und waren die Namen der Trefflichsten diese nach folgenden: zum ersten

kam eingezogen Herr Antoni, ein Bruder des Herzogen von Savoyen, zum

andern Herr Friedrich, ein Bruder des Markgrafen von Montferrat, zum

dritten Herr Eduard, des Herzogen von Bourbon Bruder, zum vierten Herr

Peter, ein Neff des Königs zu Böheim, zum fünften Herr Heinrich, ein

Sohn des Königs von Engelland, zum sechsten Herr Jacob, des Grafen von

Provincia Bruder, ein Vetter des Ritters mit den silbern Schlüsseln, wie

wohl er ihn auf dies mal nicht erkennet; und viel ander mehr. In der

Stadt Neapel waren auch der edel Ritter Peter von Provincia und sein

Geselle, Herr Heinrich von Crappana, und ander, deren Namen von wegen

der Menge aus geblieben. Alle Obgenannten lagen sechs Tage stille in Ruh

in der Stadt, ehe das Stechen anfing. Es wird auch in keiner Historien

gefunden, daß je also viel guter Leute wären auf einmal in dieser Stadt

gewesen. Darum der König Magelon ihnen allen viel Zucht und Ehr bewies.

Als nun kam der Tag Unser lieben Frauen Geburt, stunden sie frühe auf

und hörten Meß. Nach dem bereiteten sie sich zu, ein jeglicher nach dem

Besten, und ritten auf einen Platz, Cathonie genannt, da der König auf

gestiegen war auf einen hohen Schaustuhl, samt anderen Fürsten und

Herren. Und auf einem andern Stuhl stund die Königin mit ihrer Tochter,

der Schönen Magelona, und anderen Jungfrauen und Frauen, dem Stechen zu

zu sehen. Und waren gar lustig zu sehen so viel schöner Jungfrauen und

Frauen, unter welchen allen die Schön Magelona herfür leuchtet, als der

Morgenstern am Anfang des Tages.

Da verharrten die Ritter alle auf den königlichen Befehl, und der erste,

der sich ließ sehen mit der Pracht, das war Herr Friederich von der

Krone, von wes wegen das Stechen angefangen. Nach ihm kam geritten Herr

Antoni, und darnach alle anderen, ein jeglicher in seiner Ordnung. Und

die Schön Magelona hätt allwegen ein Auge gewandt auf ihren freundlichen

Peter, der da kam mit den Letzten.

Als solches geschehen, befahl der König seinem Herold, aus zu rufen, daß

das Stechen sein solle freundlich, mit Liebe, ohne Schmähung des andern;

das dann durch den Herold geschah, und daß hinfür ein jeglicher das

Beste tät.

Da fing an Herr Friedrich von der Kron, zu sagen also laut, daß es

jedermann wohl verstehen mocht: »Ich will auf den heutigen Tag erzeigen

mein Stärke und Vermögen, von wegen der edeln und schönen Magelona, aus

ganzen meinen Kräften.« Und zog darmit der erste auf die Bahn. Wider ihn

kam auf die Bahn Herr Heinrich, des Königs von Engelland Sohn, ein

schöner Ritter. Und trafen beide so wohl, daß beider Spieß brachen.

Jedoch, wäre man Herrn Heinrichen nicht zu Hilfe kommen, wäre er

gefallen; wann er war ein wenig taumelig. Nach diesem Herrn Heinrich kam

einer, genannt Lancelot von Valois, der vom ersten Treffen Herrn

Friederichen herab ledig stach. Da kam der edel Peter von Provincia

wider den Lancelot, wann sein edels Herz und Gemüte mochte nicht länger

verziehen. Er ward von jedermann genannt der Ritter mit den Schlüsseln,

wann niemand wußte seinen Namen, noch Geschlechte. Und trafen einander

also heftig, daß die Pferde mit ihnen beiden zu Boden fielen. Da ward

gesaget von dem König und anderen, daß die zween sehr stark und mächtig

wären. Und tät der König ihnen als bald befehlen, sie sollten ihre

Pferde verwechseln und andere nehmen, ob sie wollten, und noch einmal

mit einander treffen, damit man sehe, wer unter ihnen den Preis erlange.

Das als bald von ihnen beiden geschah, und saßen wieder auf. Es darf

nicht Fragens, ob die Schön Magelona mit einem traurigen Herzen habe

GOTT gebeten für ihren liebsten Peter, damit ihm nichts widerführe, und

damit ihm der Preis werde.

Da nun die zween wieder auf gesessen wären, zugen sie zum andern mal

auf die Bahn, da dann ein jeglicher den Preis zu erlangen sich befliß.

Und begegneten wieder einander, der Gestalt, daß der Peter dem Lancelot

den Arm entzwei brach; und stieß ihn also aus großen Kräften zu der

Erden, daß der König vermeinet, er wäre tot. Und ward also von der Bahn

von den Seinen in sein Herberge getragen.

Da kam wider den edeln Peter Herr Antoni von Savoyen, der nicht also

stark war als der Lancelot, und den der Peter leichtlich zu Boden stieß.

Nach dem kam gezogen Herr Jacob von Provincia, sein Vetter. Peter

erkennet ihn wohl, aber er ward von seinem Vetter nicht erkannt. Da nun

der edel Peter seines Vaters Bruder sah sich zu dem Spiele schicken,

saget er zu dem Herold: »Gehe hin, und sage jenem Ritter, daß er nicht

wider mich komme. Wann er hat mir eins mals einen Dienst getan in der

Ritterschaft, darum ich ihm schuldig, wiederum zu dienen. Ich wollte ihm

ungern einen Verdruß tun. Sage ihm auch darbei, ich lasse ihn bitten, er

wölle mein verschonen. So bin ich gutwillig, offenlich zu bekennen, daß

er ein besser Ritter sei dann ich.«

Solches richtet der Herold aus, wie ihm dann befohlen war. Da das Herr

Jacob verstund, ward er zornig; wann er ein guter Ritter war. Er hätt

auch den edeln Peter zu Ritter geschlagen mit eigener Hand, darum ihm

dann der edel Peter die Ehre gab. Da fing Herr Jacob an zu sagen zu dem

Herold: »Sage dem Ritter, wer er ist, habe ich ihm je Liebs getan, ich

sage ihn hiemit frei, quitt, ledig und los. Noch mehr, so er sich gegen

mir nicht wehret, will ich ihn halten für einen, der kleine Kraft in ihm

hat.« Das dann der Herold dem edeln Peter wieder saget. Da solches der

edel Peter von seinem Vetter vernahm, ward er auch zornig. Und

beschweret ihn nicht ein wenig, daß er mit seinem Vetter mußte treffen.

Doch mußte er es tun, damit er nicht von den Leuten erkannt werde. Als

es an ein Treffen ging, da führet der edel Peter seine Stangen die Quere

über, wann er wollt seinen Vetter nicht treffen. Aber sein Vetter

verschonet sein nicht, und traf ihn auf seine Brust und zerbrach seine

Stangen und fiel auf den Sattel seines Pferdes. Aber der edel Peter

verwandt sich nicht, ihn gedauchet auch, eine Feder hätt ihn an

gerühret. Das nahm der König gewahr, und sah wohl, daß solches der

Ritter mit den Schlüsseln getan hätt aus Höflichkeit. Doch wußte er

nicht, warum es geschah; aber die Schön Magelona verstund es bald, warum

der Peter solches tät. Doch schickten sich die beiden zu dem andern

Treffen, und tät der Peter nicht anders, dann wie vor. Aber sein Vetter

sparet es nicht, und traf ihn also heftiglich, daß er sich selber am

Peter ledig herab stach. Der Peter hätt auch darum nie keinen Stegreif

geraumet und am Treffen beweget, darum sie sich alle verwunderten. Da

das Herr Jacob gesehen hätt, und auch empfunden, daß er also stark war,

und hätt ihn nicht mögen bewegen, auch, daß er von ihm nicht getroffen

war, tät er sich verwundern, und wollt nicht wieder kommen; also zog er

ab. Er wußte auch nicht, daß es sein Vetter, der edel Peter, wäre

gewesen.

Darnach kam gezogen auf die Bahn Herr Eduard von Bourbon, ein tapferer

und starker Ritter. Aber des ersten Treffens stieß ihn der edel Peter,

Roß und Mann, zur Erden, mit also großen Kräften, daß die Umsteher sich

des Peters verwunderten, und ihn hochachteten.

Nach diesem kam Herr Friederich von Montferrat und brach seine Stangen

auf dem Peter. Aber der Peter traf ihn oben an sein Gardebras bei der

Schulter und stieß ihm's hinweg. Und, daß ich's kurz mache: alle Ritter,

die noch vorhanden waren, stieß der Ritter mit den Schlüsseln herab,

und behielt also den Preis.

Da niemand mehr vorhanden war, der mit ihm wollte treffen, schlug er

sein Visier auf und ritt zum König. Da ihn der König ersah, befahl er,

durch Rat seiner Herren und Räte, dem Herold, aus zu rufen, wie daß der

Ritter mit den Schlüsseln den Preis und die Ehre hätt erlanget, und daß

er sich am besten gehalten unter allen anderen. Und dem Ritter Peter

sagten die Königin und Schön Magelona, samt anderen Jungfrauen und

Frauen, viel Danks. Also zog ein jeglicher heim in sein Herberge und zog

sich aus. Doch ließ der König aus rufen durch den Herold, ein jeglicher

sölle gen Hof kommen, mit ihm das Morgenmahl zu empfahen; das sie dann

alle täten.

Als sie gen Hof kamen, danket ihnen der König und bewies ihnen allen

große Ehre. Als sich der edel Peter hätt aus gezogen, ging er auch gen

Hof. Da ihn der König ersah, ging er ihm entgegen, umfing ihn und

sprach: »Mein liebster Freund, ich dank euch der Ehren, die ihr mir heut

bewiesen habet. Wann ich darf mich wohl beruhmen, es sei kein Fürste auf

Erden, der einen solchen Ritter habe an seinem Hofe, mit Zucht und

Ehren, auch Tapferkeit gezieret, als ich an euch habe. Es ist auch nicht

vonnöten, daß ich euch lobe, wann euer Werk bezeuget es selber, des

gleichen alle Fürsten und Herren, so itzunder hie sein. Ich bitte GOTT

den Allmächtigen, Er wolle euch zu dem verhelfen, was euer Herze

begehret; wann fürwahr, ihr seid des würdig.«

Den selben Tag ward der Ritter ehrlich und wohl gehalten von dem König

und allen anderen; wann wer mit ihm mochte zu reden kommen, der

gedauchet sich seiner Gesellschaft erfreuet. Und je mehr man ihn sah, je

lieber man ihn sah; wann er war ein schöner holdseliger junger Gesell,

darzu war er weiß wie eine Lilie, und hätt freundliche Augen und gelbes

Haar als Gold. Darum jedermann saget, GOTT hätte ihm viel sonderlicher

Tugend verliehen.

Nach dem allem vergaß der König der Verwundeten nicht, und schicket bald

nach seinen Wundärzten, den besten; und ließ den Lancelot verbinden, der

hart wundt war. Die Ärzte täten in kurzer Zeit also großen Fleiß, damit

der Lancelot wieder geheilet und gesund war. Also hielt der König

funfzehen Tag offenen Hof zu Ehren den Fürsten, die dar kommen waren.

Und ging die Rede allein von dem Ritter mit den Schlüsseln. Da solches

die Schön Magelona höret, ward sie hochlich erfreuet, ließ sich's doch

nicht merken.

Wie die Fürsten und Herren wieder heim zogen, doch zornig, dieweil sie

nicht erfahren mochten, wer der Ritter wäre.

[Illustration]

Als sich das Stechen und die Freude geendet hätt, zogen die Fürsten und

Herren wieder heim, doch zornig; wann sie mochten nicht erfahren, wer

der Ritter war, der das Beste in dem Stechen hätt getan unter so viel

Fürsten und Herren. Da sie nun heim kamen, da redeten sie viel von dem

Ritter mit den Schlüsseln.

Als nun solches alles sich hätt verlaufen, da kam der edel Peter zu der

Schönen Magelona; wann sie mochten nicht lange von einander sein, so sie

es schicken konnten. Und als sie bei einander waren, da lobet ihn die

Schön Magelona sehr. Aber der Peter saget ihr wieder, er hätte solches

getan nicht von sich selber, sondern ihre Schöne hätte es getan und ihn

darzu gedrungen, und von ihr käme der Preis und die Ehre.

Da sie genug mit einander hätten geredet von mancherlei, da wollt der

Peter sie versuchen, und sprach zu ihr: »Edelste aller liebste schönste

Magelona, ihr wisset, daß ich von euert wegen lang aus bin blieben von

Vater und Mutter. Darum, aller liebstes Lieb, dieweil ihr des ein Ursach

seid, wollt ich euch bitten, ihr wollet mir erlauben, heim zu reiten, so

es euch gefiele. Wann ich bin es sicher, daß sie große Sorg und

Schmerzen für mich tragen, dieweil sie nicht wissen, wo ich bin. Ich

mache mir auch solcher Beschwernis ein Gewissen.« Solches tät der Peter

allein, zu erfahren, wie sie sich darinne wollt halten.

Als die Schön Magelona hätt vernommen ihres liebsten Peters Rede,

stunden ihr alsbald die Augen voller Wassers, und begunnten die heißen

Zähren, ihr das schöne Angesicht naß zu machen, und verwandelt sich all

ihr Farbe, und ward ganz bleich. Und sprach mit schwerem Seufzen und

Weinen zum Peter: »Fürwahr, aller liebster Peter, alles das, so ihr mir

gesaget, ist wahr und billig. Wann die Natur gebietet, daß sich der Sohn

gebe untertan und gehorsam dem Vater und Mutter, damit er nichts wider

sie handele, das ihnen entgegen sei. Aber mich tut beschweren, daß ihr

euer aller Liebste wollt hinter euch lassen, die ohn euch weder Ruh noch

Rast mag haben in dieser Welt. Ich laß euch auch fürwahr wissen, so ihr

von mir hin ziehet, ihr werdet balde von meinem Tod erfahren; also durch

euert wegen werde ich sterben. Darum, mein aller liebster Herr und

Freund, ich bitte euch freundlich, ihr wollet mir euer Hinziehen nicht

verbergen. Wann als bald ihr hinziehet, will ich mich auch darzu

schicken. Wann ich weiß wohl, daß ich nicht lang darnach werde leben;

also wäret ihr ein Ursach meines Todes. So es aber vonnöten ist, daß ihr

hin ziehet, bitte ich euch freundlich, mein aller liebstes Lieb, ihr

wollet mich mit euch nehmen, und nicht hinter euch lassen zu meinem

großen Schaden.«

Als nun der Peter die Schöne Magelona kläglich höret reden, ging es ihm

nahe zu Herzen, und gedauchet ihn, sein Herz wolle ihm in seinem Leibe

springen. Und saget zu ihr: »Ach, Magelona, mein aller liebstes Lieb,

weinet nicht, und bekummert euch nicht mehr! Wann ich hab mir für

gesatzet, nimmer aus diesem Lande zu ziehen, sondern das Ende zu

erharren, wie es mit uns ergehen werde. Ich wollte auch den Tod viel

lieber leiden, dann euch verlassen. So ihr aber mit mir wollet, so seid

sicher, daß ich euch in aller Zucht und Ehr will führen, und stäte

halten die Zusage, die ich euch getan vor dieser Zeit.«

Als die Schön Magelona solches von dem Peter verstund, ward sie wieder

erfreuet, und saget zu ihm: »Mein edeler Herr und Freund, dieweil ihm

also ist, als ihr anzeiget, so rate ich, wir ziehen von dannen aufs

Kürzest und Heimlichst, so es geschehen mag. Von wegen zweier Ursachen:

die erste ist, daß es ist zu besorgen, ihr werdet verdrossen, länger zu

verziehen, und daß ihr endlich kein Lust mehr hättet, hie zu bleiben,

und zöget hin und ließet mich hinter euch. Die ander ist, daß mein Vater

mich willens hat, in Kürze zu verheiraten und vergeben. Daraus ich

empfinde, daß er mir eher wird den Tod geben; wann ich will keinem

andern vertraut sein dann euch. Darum, mein aller liebstes Lieb, bitt

ich euch freundlich, ihr wollet aufs Kürzest dartun und Mittel suchen,

damit wir mit einander hin kommen; wann hie länger zu verziehen, möchte

uns schädlich sein. Wann ich hab mein Herze ganz in euch gesatzet, daß

ich euch nimmer wollte verlassen. So habt ihr auch gesaget, ihr wollet

mich züchtiglich und ehrlich halten bis zu unserm Verlöbnis.«

Da fing der Peter auf ein Neues an, schwur und verhieß ihr's, also zu

halten. Also beschlossen sie, den dritten Tag nach dem ersten Schlaf mit

einander hinweg zu ziehen. In dem sollt sich der Peter schicken mit

aller Notdurft, und sollte kommen mit den Pferden zu dem kleinen

Pförtlin bei dem Garten und allda ihr harren. Sie bat ihn auch fleißig,

er wölle gute starke Pferd mitbringen, damit sie auf das Schnellest aus

dem Lande ihres Vaters kämen. Wann sie sprach: »So mein Vater solches

inne würde, so wird er uns nach folgen; und so er uns überkäme, so

besorge ich, er würde uns beide töten lassen.«

Also nahm der Peter Urlaub und seinen Abschied von der Schönen Magelona,

und bat sie freundlich, sie wölle geschickt sein, und nicht lang

verziehen. Von diesem Rat und Beschluß wußte die Amme gar nichts; wann

sie war nicht darbei gewesen, als sie es beschlossen hätten. Auch wollte

die Schön Magelona nicht, daß sie es sollte wissen. Wann sie hätt große

Sorg, sie würde es nicht verschweigen, sondern solches verhindern; darum

hielt sie es heimlich. Der Peter ging also von ihr hinweg in seine

Herberg, und schicket alles, das ihm vonnöten war, doch verborgen. Und

ließ seine Pferd auf das Beste beschlagen.

Wie Peter die Schön Magelona hinweg führet.

[Illustration]

Nun, da es kam um die bestimmte Zeit auf den ersten Schlaf, kam der

Peter zu dem Pförtlin des Gartens mit dreien Pferden, unter welchen

eines war geladen mit Wein und Brot und ander Speise auf zween Tage,

damit sie nicht durften Essen suchen oder Trinken in den Herbergen. Er

fand die Schöne Magelona ganz alleine, die hätt zu sich genommen Gold

und Silber, was ihr vonnöten war. Und saß auf ein schönes gutes englisch

Zelterlin, das da sanft ging von Vorteil. Darnach saß der Peter auf ein

schönes gutes Pferd, und ritten beide eilends ohn Abstehn die ganz Nacht

über, bis daß der Tag anbrach.

Da nun der Tag kam, suchet der Peter die Hölzer gegen dem Meer zu,

damit sie nicht gesehen würden von jemand, und damit man von ihnen

nichts möchte erfahren. Und da sie nun tief genug im Holz waren, da hub

der Peter die Schöne Magelona von dem Pferde herunter, und zog hernach

den Pferden ihre Zäume ab und ließ sie weiden und grasen. Und ging er

und sie sitzen auf das grüne Gras unter einen Schatten. Und sagten von

ihrer Abenteuer, und baten GOTT fleißig, daß Er sie wolle beschützen und

endlich führen, da sie hin begehrten, ihr Fürnehmen zu verbringen. Und

als sie beide lang mit einander hätten geredt, da überkam die Schön

Magelona großen Willen, zu schlafen und ein wenig zu ruhen, wann sie

hätt die ganze Nacht nicht geschlafen, auch war sie müde worden von dem

Reiten. Also leget sie ihr Haupt in des Peters Schoß und fing an zu

schlafen.

Wie man das Hinwegziehen des Ritters und der Schönen Magelona erfuhr,

und wie sie an allen Orten gesucht wurden.

[Illustration]

Als es nun Tag worden, kam die Amme in die Kammer der Schönen Magelona,

und tät allda lange Zeit verharren, wann sie vermeinet, sie schliefe

noch. Und da sie sah, daß die Zeit vorüber war, in der sie gewohnet war,

auf zu stehen, gedachte sie, dieweil sie also lang verzöge, sie würde

schwach sein. Also ging sie für das Bette, da fand sie niemand, sondern

das Bette war noch unzerbrochen, daran man kein Zeichen finden mochte,

daß etwann wer darinne gelegen. Des erschrak sie sehr, und gedacht in

ihr selber, daß sie der Peter hätte hin geführet. Und ging als bald in

die Herberg des Peter, und fraget nach ihm; da erfuhr sie, daß er hin

war. Da fing die Amme an, sich so jammerlich zu stellen, daß sie

vermeinet zu sterben. Und ging als bald in der Königin Kammer, und saget

ihr, wie sie die Schöne Magelona hätte gesuchet in ihrem Bette, aber

hätte sie nicht gefunden, sie wüßte auch nicht, wo sie wäre.

Die Schön Magelona eine fast lustige Historie von dem Ritter mit den silbern Schlüsseln und von der Schönen Magelona gar lustig zu lesen · 第 2 / 5 段