Je mehr ihm Aug und Stirne glüht,
Und darf sie nicht mehr fragen.
Das Weiblein weint, heult außer sich,
Beginnt die Brust zu schlagen:
„„Seht, lieber Herr, das Weib bin ich,
Um mich mußt er ertrinken!
Ich, in dem Schrecken, rief ihm: Mann,
Ach, warum faßt du mich denn an?
Und gleich sah ich ihn sinken.““
„Er rief“ -- bei dieser Stelle quoll
Ihr starrend Auge minder --
„„Er rief im Sinken: Frau, leb wohl,
Und sorg für unsre Kinder!““
IV.
Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung
der
Ossianischen Gesänge von Selma.
Aus Friederickens Nachlasse
und nach Göthe’s Handschrift abgedruckt.
Die Gesänge von Selma.[23]
Stern der niedersinckenden Nacht! Schön ist dein Licht im Westen! Du
hebest dein lockiges Haupt aus deiner Wolke: ruhig wandelst du über
deinen Hügel. Was siehst du nach der Ebne? Es ruhen die stürmischen
Winde. Das Murmeln der Ströme kommt aus der Ferne. Brüllende Wellen
klettern den entlegenen Felsen hinan. Die Fligen des Abends schweben
auf ihren zarten Schwingen, das Summen ihres Zug’s ist über dem
Fels. Wo nach blickst du, schönes Licht? Aber du lächlest und gehst.
Fahrewohl du schweigender Stral, dass das Licht in Ossians Seele
heraufsteige.
Und es steigt herauf in seiner Stärcke. Ich sehe meine verschiedenen
Freunde. Ihre Versammlung ist auf Lora, wie in den Tagen die vorüber
sind. Fingal kömmt wie eine wässrige Säule von Nebel; seine Helden
sind um ihn her. Und sieh! die Sänger der Lieder; grauhariger Ullin!
ansehnlicher Ryno! Alpin mit der melodischen Stimme! und die sanfte
Klage von Minona! O wie habt ihr euch verändert, meine Freunde, seit
den festlichen Tagen von Selma; da wir wetteiferten wie Lüffte
des Frühlings, sie fliegen über den Hügel und beugen wechselnd das
sanftlispelnde Gras. Minona trat hervor in ihrer Schönheit, mit
niedergeschlagenem Blick und weinendem Auge. Schwer flossen ihr die
Locken am Wind, der nur manchmal vom Hügel her sties. Die Seelen der
Helden wurden trüb, da sie die liebliche Stimme erhub; denn offt hatten
sie das Grab Salgars gesehen, und die dunckle Behausung der weisbusigen
Colma. Colma blieb allein auf dem Hügel mit ihrer melodischen Stimme.
Salgar hatte versprochen zu kommen, aber die Nacht stieg rings umher
nieder. Hört die Stimme von Colma da sie allein sas am Hügel.
Colma.
Es ist Nacht; -- Ich binn allein verlohren auf dem stürmischen Hügel.
Der Wind braust zwischen dem Berge. Der Wasserfall sausst den Felsen
hinab. Keine Hütte nimmt mich vorm Regen auf. Ich bin verloren auf dem
stürmischen Hügel.
Tritt, o Mond! hervor hinter deiner Wolcke; Sterne der Nacht erscheint.
Ist denn kein Licht das mich führe zum Platz wo mein Liebster ausruht
von der Mühe der Jagd! Sein Bogen neben ihm ohngespannt. Seine Hunde
schnobend um ihn her. Aber hier muss ich allein sitzen an dem Felsen
des mosigen Stroms. Und der Strom und der Wind sausst, und ich kann
nicht hören die Stimme meines Geliebten.
Und wie, mein Salgar, wie, der Sohn des Hügels hält sein Versprechen
nicht? Hier ist der Felsen und der Baum, und hier der wilde Strom.
Du versprachst mit der Nacht hier zu seyn. Ach! wohin ist mein Salgar
gangen. Mit dir wollt ich meinem Vater entfliehn; mit dir meinem
stolzen Bruder. Unsre Stämme sind lange schon Feind, aber wir sind
nicht Feinde, o Salgar.
Ruh eine Weile, o Wind! Strom sey eine Weile still, dass meine Stimme
über die Haide schalle, und mich mein Wandrer höre. Salgar! Ich binn’s
das rufft. Hier ist der Baum und der Fels. Salgar mein Liebster! ich
binn hier. Warum zögerst du zu kommen?
Sieh! der Mond erscheint, die Flut glänzt in dem Thal. Die Felsen sind
grau an dem Hange des Hügels. Aber ich seh ihn nicht auf dem Pfad.
Keine Hunde vor ihm her verkünden dass er kommt. Hier muss ich sitzen
allein.
Aber wer sind die, die vor mir auf der Haide liegen? Ist’s nicht
mein Liebster und mein Bruder? Redet, o meine Freunde! Sie antworten
nicht. Ach, ich fürchte -- Ah! Sie sind todt. Ihre Schwerter sind roth
vom Gefecht. O mein Bruder! mein Bruder! warum hast du meinen Salgar
erschlagen? warum, o Salgar, hast du meinen Bruder erschlagen? Lieb
wart ihr mir beyde! Was soll ich zu euerm Ruhm sagen? Du warst schön
auf dem Hügel unter tausenden; er war schröcklich in dem Gefecht.
Redet; hört meine Stimme, Söhne meiner Liebe. Aber ach! sie sind stumm;
Stumm für ewig, ihr Busen ist kalt wie das Grab.
Oh! von dem Felsen des Hügels; von dem Gipfel des windigen Berges,
redet ihr Geister der Todten! Redet ich will nicht erschröcken. --
Wohin seyd ihr zu ruhen gegangen? In welcher Höhle des Hügels kann
ich euch finden? Keine schwache Stimme vernehm ich im Wind, keine
halbverwehte Antwort in den Stürmen des Hügels.
Ich sitze in meinem Jammer. Ich erwarte den Morgen in meinen Trähnen.
Erhebt das Grab ihr Freunde der Todten; aber schliesst es nicht biss
Colma kommt. Mein Leben fliegt weg wie ein Traum: wie könnt ich zurück
bleiben? Hier will ich mit meinen Freunden ruhn, an dem Strom des
schallenden Fels. Wenn die Nacht über den Hügel kommt; wenn der Wind
über die Haide bläst; dann soll mein Geist im Winde stehn, und meiner
Freunde Todt betrauern. Der Jäger höret mich unter seinem Reiserdach,
und fürchtet meine Stimme und liebet sie. Denn süss soll meine Stimme
seyn um meine Freunde, denn lieb waren sie beyde mir.
So war dein Gesang, Minona, sanft erröthendes Mädgen von Torman. Unsere
Trähnen flossen um Colma, und unsre Seelen waren trüb. Ullin kam mit
der Harfe, und sang Alpins Lied. Die Stimme Alpins war lieblich, die
Seele Rynos war ein Feuerstral. Aber sie ruhten schon im engen Haus,
und ihre Stimme hörte man nicht in Selma. Ullin kam einst zurück von
der Jagd eh die Helden fielen. Er vernahm ihren Streit am Hügel, ihr
Gesang war sanft aber traurig. Sie betrauerten den Fall Morars, des
ersten der sterblichen Menschen. Seine Seele war wie die Seele Fingals;
sein Schwert wie das Schwert Oskars. Aber er fiel, und sein Vater
trauerte: seiner Schwester Augen waren voll Trähnen.
Minona’s Augen waren voll Trähnen der Schwester des edelgebohrenen
Morar. Sie wich zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond im Westen,
wenn er den Regen voraussieht, und sein schönes Haupt in eine Wolke
verbirgt. Ich rührte die Harfe mit Ullin, der Trauergesang begann.
Ryno.
Der Wind und der Regen sind vorüber, still ist die Mitte des Tags.
Die Wolken sind getheilt am Himmel. Ueber die grünen Hügel fliegt die
unbeständige Sonne. Roth durch das steinige Thal kommt nieder der Strom
von dem Hügel. Süs ist dein Gemurmel, o Strom, aber süser ist die
Stimme die ich höre. Es ist die Stimme Alpins; der Sohn des Gesangs
trauert um den Todten. Von Alter ist sein Haupt gebeugt und roth sein
trähnevoll Aug. Alpin du Sohn des Gesangs, wie so allein auf dem
schweigenden Hügel. Warum klagst du wie ein Windhauch im Wald; wie eine
Well’ um das ferne Gestade.
Alpin.
Meine Trähnen, o Ryno! sind für den Todten; meine Stimme für die
Bewohner des Grabs. Schlanck bist du auf dem Hügel; schön unter den
Söhnen der Ebne. Aber du wirst fallen wie Morar; und auf deinem Grabe
wird der Klagende sitzen. Die Hügel werden dich nicht mehr kennen;
dein Bogen wird in deiner Halle liegen ohngespannt. Du warst leicht, o
Morar! wie ein Reh auf dem Hügel, schröcklich wie ein feurig Meteor.
Dein Grimm war wie der Sturm. Dein Schwert in der Schlacht wie das
Wetterleuchten im Feld. Deine Stimme war wie ein Strom nach dem Regen;
wie der Donner auf fernen Hügeln. Viele stürzten durch deinen Arm; sie
wurden verzehrt in den Flammen deines Zorns.
Aber wenn du zurück kehrtest vom Krieg, wie friedlich war deine Stirne.
Dein Gesicht war gleich der Sonne nach dem Regen; gleich dem Mond in
dem Schweigen der Nacht; still wie der Busen des Teichs wenn der laute
Wind sich gelegt hat.
Eng ist nun deine Wohnung; finster der Platz deines Aufenthalts. Mit
drey Schritten mess’ ich dein Grab, o du der du sonst so gros warst.
Vier Steine mit ihren mosigen Häuptern sind dein einziges Denkmal. Ein
halb verdorrter Baum, langes Gras das im Winde flüstert zeigen dem Auge
des Jägers das Grab des mächtigen Morars. Morar, fürwahr, du bist tief
gesuncken. Du hast keine Mutter die dich beweinte, kein Mädgen mit
ihren Trähnen der Liebe. Todt ist sie die dich gebahr, gefallen ist die
Tochter von Morglän.
Wer ist der auf seinem Stabe? Wer ist der, dessen Haupt von Alter so
grau ist, dessen Augen von Trähnen so roth sind, der bei jedem Schritte
wanckt. -- Es ist dein Vater, o Morar! der Vater keines Sohnes ausser
dir. Er hörte von deinem Ruhm in der Schlacht; er hörte von zerstreuten
Feinden. Er hörte von Morars Ruhm, wie? und hörte nichts von seiner
Wunde? Weine du Vater von Morar! weine; aber dein Sohn hört dich
nicht. Tief ist der Schlaf der Todten, tief ihr Küssen von Staub.
Nimmer wird er deine Stimme vernehmen, nimmer wird er erwachen wenn du
ihm rufst. Wann wird es Morgen im Grabe werden, der den Schlummerer
erwecke.
Fahre wohl du edelster der Menschen; du Erobrer im Feld. Doch das Feld
wird dich nimmer mehr sehen; nimmer der Wald mehr erleuchtet werden vom
Glanze deines Strals. Du hast keinen Sohn hinterlassen; aber der Gesang
soll deinen Nahmen erhalten. Künftige Zeiten sollen von dir hören, sie
sollen hören von dem gefallenen Morar.
Nun erhub sich die Trauer der Helden, aber am meisten Armins berstender
Seufzer. Er dacht’ an den Tod seines Sohns; er fiel in den Tagen seiner
Jugend. Carmor sas nächst an dem Helden, der Führer des schallenden
Galmal. Warum birstet der Seufzer von Armin, sagt er? Ist hier eine
Ursach zum Jammer. Der Gesang kommt mit seiner Musick, die Seele zu
schmelzen, und zu vergnügen. Es ist wie der sanfte Nebel, der von einem
Teiche heraufsteigt, und über das schweigende Thal zieht; die grünen
Blumen füllen sich mit Thau, aber die Sonne kehrt zurück in ihrer
Stärcke, und der Nebel ist weg. Warum bist du so trüb o Armin, Führer
des seeumgebenen Gorma.
Trüb! das binn ich fürwahr: und nicht gering die Ursach meines Jammers.
Carmor, du hast keinen Sohn verlohren; du hast keine Tochter verlohren
in ihrer Schönheit. Colgar der tapfere lebt; und Annira die schönste
der Mädgen. Die Zweige deines Geschlechtes blühen, o Carmor! Aber Armin
ist der letzte seines Stamms. Dunckel ist dein Bed o Daura! und tief
dein Schlaf in dem Grabe. Wann wirst du erwachen mit deinem Gesang mit
deiner Stimme der Lieder. Auf ihr Winde des Herbsts, auf; stürmt über
die finstere Haide! Ihr Ströme der Berge, brüllt! heult ihr Stürme in
dem Gipfel der Eiche! wandele durch zerrissene Wolcken o Mond! Zeige
manchmal dein blasses Gesicht! Bring vor meine Seele jene schröckliche
Nacht da alle meine Kinder fielen; Arindal der mächtige fiel; Daura
die liebe dahinsanck. Daura meine Tochter du warst schön; schön wie
der Mond auf den Hügeln von Fura; weis wie der gefallene Schnee; süs
wie die athmende Luft. Arindal dein Bogen war starck, dein Speer war
schnell in dem Feld. Dein Blick war wie Nebel über der Welle, dein
Schild eine rothe Wolcke im Sturm. Armar berühmt im Kriege, kam und
suchte Daura’s Liebe, er ward nicht lang verschmäht; schön war die
Hoffnung ihrer Freunde.
Erath der Sohn von Odgal, ergrimmte; seinen Bruder hatte Armar
erschlagen. Er kam verkleidet in einen Sohn der See: schön war
sein Kahn auf der Welle; weis seine Locken des Alters; ruhig seine
ernstliche Stirne. Schönste der Mädgen, sprach er; liebliche Tochter
von Armin! Ein Fels nicht weit in der See trägt an seiner Seit’ einen
Baum, roth scheinet die Frucht aus der Ferne. Dort wartet Armar auf
Daura. Ich kam seine Liebe zu holen, hinüber die rollende See.
Sie ging, und rief nach Armar. Niemand antwortete als der Sohn des
Felsens[24]. Armar! Mein Liebster! Mein Liebster? Wie lange ängstest du
mich mit Furcht? Höre, Sohn von Ardnart höre; es ist Daura die dich
ruft. Erath der Verräther floh lachend zurück nach dem Land. Sie hub
ihre Stimme auf, und rief nach ihrem Bruder und ihrem Vater. Arindal,
Armin! Keiner, seiner Daura zu helfen. Ihre Stimme kam über die See.
Arindal mein Sohn stieg nieder vom Hügel, wild in der Beute der Jagd.
Seine Pfeile rasselten an seiner Seite; sein Bogen war in seiner Hand;
fünf dunkelgraue Docken strichen um seine Tritte. Er sah den kühnen
Erath an dem Ufer, ergriff und band ihn an eine Eiche. Fest mit Riemen,
rings um die Lenden gebunden beladet er den Wind mit seinem Geheule.
Arindal besteigt in seinem Nachen die Welle Dauren zum Lande zu
bringen. Armar kam in seinem Grimm und schoss den graubefiederten
Pfeil. Er klang; er sanck in dein Herz, o Arindal mein Sohn; für Erath
den Verräther stirbst du. Das Ruder starrt in seiner Hand, er sanck
über den Felsen und verschied. Ach welcher Jammer, Daura, ringsher um
deine Füsse quillt deines Bruders Blut.
Den Nachen schlagen die Wellen entzwey. Armar stürzt sich in die See,
seine Daura zu retten oder zu sterben. Ein Windstos vom Hügel kommt
schnell über die Wellen. Er sanck, ich sah ihn nicht mehr.
Allein von dem seeumstürmten Felsen hörte man meine Tochter jammern.
Viel und laut war ihr Schreyn, und ihr Vater konnt sie nicht erlösen.
Die ganze Nacht stund ich am Ufer. Ich sah sie beym schwachen Stral des
Monds. Die ganze Nacht hört ich ihr Geschrey. Laut war der Wind, und
der Regen schlug hart an die Seite des Felsens. Eh der Morgen erschien,
ward ihre Stimme schwach. Sie starb weg wie der Abendhauch zwischen dem
Gras auf dem Felsen. Verzehrt von Jammer verschied sie. Und ließ dich
Armin allein: hin ist meine Stärcke im Krieg, gefallen mein Stolz unter
den Mädgen.
Wenn die Stürme des Bergs kommen. Wenn der Nord die Wellen in die Höh’
hebt; Sitz ich am schallenden Gestad, und schau auf den schröcklichen
Felsen. Offt am niedersinckenden Mond seh’ ich die Geister meiner
Kinder. Halb unsichtbaar wandeln sie in traurigem Gespräch neben
einander.[25] Will keins von euch aus Mitleiden reden? Sie sehen ihren
Vater nicht an. Ich bin trüb o Carmor; aber nicht gering die Ursach
meines Schmerzens!
So waren die Worte der Barden in den Tagen des Gesangs; da der König
den Klang der Harfen hörte, und die Geschichte vergangener Zeiten. Die
Fürsten erschienen von allen ihren Hügeln, und hörten den lieblichen
Ton. Sie priesen die Stimme von[26] Cona des ersten unter tausend
Barden. Aber das Alter ist nun auf meiner Zunge, mein Geist ist
weggeschwunden. Ich höre manchmal die Geister der Barden und lerne
ihren lieblichen Gesang. Aber das Gedächtnis schwindet in meiner Seele.
Ich höre den Ruf der Jahre. Sie sagen wie sie vorübergehn, wie? singt
Ossian. Bald wird er liegen im engen Haus, kein Barde seinen Ruhm
erheben. Rollt hin ihr dunkelbraunen Jahre, ihr bringt mir keine Freude
in eurem Lauf. Eröffnet Ossian sein Grab, denn seine Stärcke ist dahin.
Die Söhne des Gesangs sind zur Ruhe gegangen, meine Stimme bleibt über
wie ein Hauch der fern um den seeumgebenen Felsen saust, wenn sich der
Sturm gelegt hat. Das finstere Moos rauscht, und aus der Ferne sieht
der Schiffer die wallenden Bäume.
V.
Gedichte von Göthe an Friedricke.[27]
1.
Erwache Friedericke,
Vertreib’ die Nacht,
Die einer deiner Blicke
Zum Tage macht.
Der Vögel sanft Geflüster
Ruft liebevoll,
Daß mein geliebt Geschwister
Erwachen soll.
Ist dir dein Wort nicht heilig
Und meine Ruh?
Erwache! Unverzeihlich!
Noch schlummerst du?
Horch, Philomelens Kummer
Schweigt heute still,
Weil dich der böse Schlummer
Nicht meiden will.
Es zittert Morgenschimmer
Mit blödem Licht,
Erröthend durch dein Zimmer
Und weckt dich nicht.
Am Busen deiner Schwester,
Der für dich schlagt,
Entschläfst du immer fester
Je mehr es tagt.
Ich seh dich schlummern, Schöne!
Vom Auge rinnt
Mir eine süße Thräne
Und macht mich blind.
Wer kann es fühllos sehen,
Wer wird nicht heiß --
Und wär’ er von den Zehen
Zum Kopf von Eis!
Vielleicht erscheint dir träumend,
O Glück! mein Bild,
Das halb voll Schlaf und träumend
Die Musen schilt.
Erröthen und erblassen
Sieh’ sein Gesicht,
Der Schlaf hat ihn verlassen,
Doch wacht er nicht.
Die Nachtigall im Schlafe
Hast du versäumt,
Drum höre nun zur Strafe
Was ich gereimt.
Schwer lag auf meinem Busen
Des Reimes Joch,
Die schönste meiner Musen,
Du -- schliefst ja noch.
2.
Ein grauer trüber Morgen
Bedeckt mein liebes Feld,
Im Nebel tief verborgen
Liegt um mich her die Welt.
O liebliche Friedricke,
Dürft’ ich nach dir zurück,
In =einem= deiner Blicke
Liegt Sonnenschein und Glück.
Der Baum, in dessen Rinde
Mein Nam’ bei deinem steht,
Wird bleich vom rauhen Winde
Der jede Lust verweht.
Der Wiesen grüner Schimmer
Wird trüb wie mein Gesicht,
Sie sehn die Sonne nimmer
Und ich Friedricken nicht.
Bald geh’ ich in die Reben
Und herbste Trauben ein,
Umher ist Alles Leben,
Es sprudelt neuer Wein.
Doch in der öden Laube,
Ach, denk’ ich, wär’ Sie hier?
Ich brächt’ ihr diese Traube,
Und Sie -- was gäb’ Sie mir?
3.
Ach, bist du fort? aus welchen güldnen Träumen
Erwach’ ich jetzt zu meiner Qual!
Kein Bitten hielt dich auf, du wolltest doch nicht säumen,
Du flogst davon zum zweitenmal.
Zum zweitenmal sah ich dich Abschied nehmen,
Dein göttlich Aug’ in Thränen stehn,
Für deine Freundinnen -- des Jünglings stummes Grämen
Blieb unbemerkt, ward nicht gesehn.
O warum wandtest du die holden Blicke
Beim Abschied immer von ihm ab?
O warum ließest du ihm nichts, ihm nichts zurücke
Als die Verzweiflung und das Grab?
Wie ist die Munterkeit von ihm gewichen!
Die Sonne scheint ihm schwarz, der Boden leer,
Die Bäume blühn ihm schwarz, die Blätter sind verblichen,
Und Alles welket um ihn her.
Er läuft in Gegenden wo er mit dir gegangen,
Im krummen Bogengang, im Wald, am Bach --
Und findet dich nicht mehr -- und weinet voll Verlangen
Und voll Verzweiflung dort dir nach.
Dann in die Stadt zurück, doch die erweckt ihm Grauen,
Er findet dich nicht mehr, Vollkommenheit!
Ein andrer mag nach jenen Puppen schauen,
Ihm sind die Närrinnen verleid’t.
O laß dich doch, o laß dich doch erflehen,
Und schreib’ ihm einmal nur -- ob du ihn liebst!
Ach, oder laß ihn nie dich wiedersehen,
Wenn du ihm diesen Trost nicht giebst!
Wie? nie dich wiedersehn? -- Entsetzlicher Gedanke!
Ström’ alle deine Qual auf mich!
Ich fühl’, ich fühl’ ihn ganz -- es ist zu viel -- ich wanke --
Ich sterbe, Grausame -- für dich!
4.
Jetzt fühlt der Engel was ich fühle,
Ihr Herz gewann ich mir beim Spiele,
Und Sie ist nun von Herzen mein.
Du gabst mir, Schicksal, diese Freude,
Nun laß auch morgen sein wie heute,
Und lehr’ mich ihrer würdig sein.
Nun sitzt der Ritter an dem Ort,
Den ihr ihm nanntet, liebe Kinder,
Sein Pferd gieng langsam fort
Und seine Seele nicht geschwinder.
Da sitz’ ich nun vergnügt bei Tisch,
Und endige mein Abentheuer
Mit einem Paar gesott’ner Eier
Und einem Stück gebratnem Fisch.
Die Nacht war wahrlich ziemlich düster,
Mein Falke stolperte wie blind,
Und doch fand ich den Weg so gut als ihn der Küster
Des Sonntags früh zur Kirche find’t.
Ich komme bald, ihr goldnen Kinder,
Vergebens sperret uns der Winter
In unsre warmen Stuben ein.
Wir wollen uns zum Feuer setzen,
Und tausendfältig uns ergötzen,
Uns lieben wie die Engelein;
Wir wollen kleine Kränze winden,
Wir wollen kleine Sträußchen binden,
Wir wollen wie die Kinder sein!
[Illustration: Handschrift]
Fußnoten:
[1] Gesammelte Schriften von =J. M. R. Lenz=, herausgegeben von L.
Tieck. Berlin, bei Reimer 1828, 3 Theile. Das Trauerspiel das =leidende
Weib=, hat Tieck fälschlich unter die Lenzischen Schriften gesetzt;
es ist von =Klinger=, wie Gervinus (Neuere Geschichte der deutschen
Nationalliteratur Th. I. S. 584) nachgewiesen hat.
[2] S. Salzmann’s Nekrolog von =Moriz Engelhardt=, Morgenblatt 1812.
-- Gelegentlich stehe hier, daß Göthe während seines Aufenthaltes in
Straßburg, 1770 bis 1771 auf dem alten Fischmarkte, im Hause Nr. 80
wohnte. Die von Salzmann präsidirte Tischgesellschaft, bei den Jungfern
Lauth, kam in der Krämergasse Nr. 13 zusammen.
[3] Das Andenken des Pfarrers =Johann Jakob Brion= und seiner von Göthe
als Muster einer tüchtigen, einsichtsvollen und verständigen Hausfrau
geschilderten Gattin, Maria Magdalena, geb. Schöll, steht noch immer
in Sesenheim in Segen. Das alte Pfarrhaus ist seitdem abgerissen
worden und hat einem größern, stattlichen Wohngebäude Platz gemacht.
Die Jasminlaube, die seitdem auch verpflanzt worden ist, wird häufig
von Reisenden, namentlich von Deutschen und Engländern, aufgesucht
und geplündert. -- Göthe’s damalige Vorliebe für Ossian war auch auf
Friedericke übergegangen. Ich besitze den schon besprochenen Gesang:
„Stern der dämmernden Nacht“, welchen er für Friedericke übersetzte,
und sodann, sehr verändert, in den Werther aufnahm, von seiner Hand
geschrieben und hin und wieder verbessert. Er folgt im Anhange. Die
älteste Tochter, =Marie Salome= (bei Göthe =Olivie=), war an einen
Pfarrer Marx in Meißenheim, bei Lahr, verheirathet; bei ihr starb
=Friedericke= (November 1813) im 58. Lebensjahre. Der Bruder (=Moses=)
starb 1817 als Pfarrer zu Barr. Die jüngste Schwester, zu Göthe’s Zeit
ein kleines, munteres Mädchen, hieß =Sophie=; sie lebte eine Zeit lang
mit Friedericke im Steinthale, wo beide eine Mädchenschule leiteten;
später zog sie nach Niederbronn, wo sie im Dezember 1838 in hohem Alter
starb. Sie war bis an ihr Ende heiter und sprach von Göthe nicht anders
als mit Achtung; sie klagte ihn nie an und wußte nichts von einer
förmlichen Verlobung zwischen ihm und ihrer Schwester. Sie wurde oft
von Fremden besucht und war unter dem Namen „Täntele“ in Niederbronn
und in der Umgegend bekannt und allgemein geschätzt. Die bis dahin
ungedruckten Gedichte Göthe’s, die ich in Chamisso’s und Schwab’s
Musenalmanach 1838 einrücken ließ, hatte ich von ihr erhalten; sie sind
aber nicht eigenhändig von Göthe geschrieben.
[4] _Strobel, hist. du Gymn. de Strasb._ 1838. S. 159 u. 160.
[5] =Gervinus=, neuere Geschichte der poetischen Nationalliteratur der
Deutschen. Th. I. S. 581 u. 584.
[6] Viele Beiträge der Gesellschaft wurden in den damals in Straßburg
erscheinenden =Bürgerfreund= eingerückt, an welchem namentlich
=Blessig= thätigen Antheil hatte.
[7] Dieser in der =Erwinia= 1839, S. 6 u. ff., mitgetheilte Aufsatz
bildet die Grundlage der leider Fragment gebliebenen Novelle „Lenz“
meines verstorbenen Freundes =Georg Büchner=. Er trug sich schon in
Straßburg lange Zeit mit dem Gedanken Lenz zum Helden einer Novelle
zu machen, und ich gab ihm zu seinem Stoffe alles, was ich an
Handschriften besaß. Das Fragment ist abgedruckt im =Telegraphen= 1839,
Nummer 5 u. ff.
[8] =Kaufmann= aus Winterthur.
[9] Daß diese -- Friedericke aus Sesenheim war, geht aus den Briefen
von Lenz an Salzmann unzweifelhaft hervor.
[10] Oberlin schrieb und sagte später immer =Waldbach=; dies ist auch
der offizielle Name, den das Dörfchen trägt.
[11] Aus =Oberlin’s= Papieren gezogen und ohne Veränderungen abgedruckt.
[12] Herr Kommerzienrath =Vogel=, in Emmendingen, hatte die Güte mir
einige Notizen über Lenz’s Aufenthalt daselbst mitzutheilen; sie
beziehen sich meistens auf die Ausbrüche seines Wahnsinns, an deren
Erzählung der Leser, aus Oberlin’s Aufsatze, gewiß schon volle Genüge
hat.
[13] Schlosser.
[14] Es war ihm nämlich eine Wasserkur verordnet; namentlich das Baden
im fließenden Wasser, was er oft und gerne im Rheine that.
[15] Die Uebersetzungen aus Ossian, Band 3 u. 4, sind von ihm. Er war
auch ein eifriger Mitarbeiter am =deutschen Museum=; die Jahrgänge 1776
und 1777 enthalten viele Beiträge von ihm; auch am =deutschen Merkur=
und =Vossischen Musenalmanach=.
[16] Der erste starb als Lehrer an einem Institut in Paris. Der zweite
war Professor am Buchsweiler Gymnasium; beide waren früher Gehülfen
Basedow’s.
[17] Gesammelte Schriften von =J. M. R. Lenz=, Bd. I. S. CXX.
[18] Sesenheim.
[19] Ich weiß nicht was hier gemeint. Es liegen einige unvollständige
Blättchen bei den Briefen, welche einzelne philosophische und
theologische Betrachtungen, besonders über Leibniz, enthalten.
D. H.
[20] =Andreas Lamey=, gebürtig aus Münster, im oberen Elsaße; ein
Mann von niederer Abkunft, den aber sein Fleiß und seine Talente, so
wie seine wunderbaren Lebensschicksale, zu einem großen, wichtigen
Wirkungskreise führten. Er war ein Freund und Gehilfe =Schöpflin’s=,
leistete dem Churfürsten der baierischen Pfalz wesentliche Dienste
durch Auffindung verlorener Dokumente und starb in Mannheim, allverehrt
und allgesegnet, als Hofrath, Oberbibliothekar und beständiger Sekretar
der Gesellschaft der Wissenschaften. Der geistreiche =Luce= hat die
wunderbaren Fata Lamey’s in einer lieblichen Geschichte „die Wunder des
Fäßchens“ erzählt. S. =alsatisches Taschenbuch= auf d. J. 1807.
D. H.
[21] Spatziergang, bei Straßburg. D. H.