Doch _seriosa in crastinum_. -- Ich werde hoffentlich noch mit Ihnen

diesen Winter zusammenkommen; wiewohl das Regiment jetzt die letzte

Ordre erhalten hat, hier zu bleiben. Wenn ich Sie sehe -- Jetzt

fühle ich, daß die ideale Gegenwart eines Freundes die persönliche

nicht ersetzen kann, so werde ich Ihnen viel zu sagen haben. Meine

Seele hat sich hier zu einem Entschlusse ausgewickelt, dem alle Ihre

Vorstellungen -- dem die Vorstellungen der ganzen Welt vielleicht,

keine andere Falte werden geben können. Wenn ich anders ihn einem

Menschen auf der Welt mittheile, ehe er ausgeführt ist. -- Mein

guter Sokrates, entziehen Sie mir um dessentwillen Ihre Freundschaft

nicht; bedenken Sie, daß die Welt ein Ganzes ist, in welches allerlei

Individua passen; die der Schöpfer jedes mit verschiedenen Kräften

und Neigungen ausgerüstet hat, die ihre Bestimmung in sich selbst

erforschen und hernach dieselbe erfüllen müssen; sie seye welche sie

wolle. Das Ganze giebt doch hernach die schönste Harmonie die zu denken

ist und macht daß der Werkmeister mit gnädigen Augen darauf hinabsieht

und =gut findet= was er geschaffen hat.

Nicht wahr, ich rede mystisch, Ihnen fehlten die Prämissen, um meine

Folgesätze zu verstehen. Sie werden sie verstehen, nur Geduld. -- In

der Erwartung will ich Ihnen nur mit der größten logischen Deutlichkeit

sagen, daß ich von ganzem Herzen bin und bleibe

Ihr drollichter =Alcibiades=.

Sagen Sie doch dem Ott, daß er den =Lenz= nicht über dem =Herbst=

vergesse.

11.

Ich will Sie auch drücken, mein Sokrates, aber erst, wenn ich Sie

=ganz= kennen gelernt und von ferne bewundert habe. -- Recht so -- wir

stehen ganz beisammen; allen Ihren übrigen Meinungen unterschreibe ich.

Wir müssen das Ordentliche von dem Außerordentlichen, das Natürliche

vom Uebernatürlichen unterscheiden, nur müssen wir das Uebernatürliche

nicht für unnatürlich halten, oder aus einer Welt verbannen, in

der Gott nach einem höhern Plane arbeitet, als unser kurzsichtiger

schielender Verstand übersehen kann. Ich bin sehr für das Ordentliche,

für das Natürliche -- nur eine aufmerksame Lesung der Briefe Pauli (der

wirklich ein großer -- ein übernatürlicher Mann war) zwingt mich eine

übernatürliche Einwirkung nicht allein für möglich, sondern auch in

gewissen Fällen (wie das z. E. da die Religion erst im Keimen war) für

nothwendig zu halten. -- --

Um auf dem hohen Berge nicht stehen zu bleiben, sondern auch im

Thale herumzuhüpfen -- muß ich Ihnen sagen, daß Friedericke aus

Straßburg an mich geschrieben und mir gesagt hat, sie habe dort

eine besondere Freude gehabt, die ich vielleicht boshaft genug seyn

würde, zu errathen. Und das war die, Sie am Fenster gesehen zu haben.

Sie schreibt ferner, sie wäre durch Ihren bloßen Anblick so dreist

geworden, nach dem andern Theile des _Tom Jones_ zu schicken und bittet

mich sie desfalls zu entschuldigen. -- Ist das nicht ein gutes Mädchen?

--

Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. --

Was ist das für ein Zusammenhang? -- Ein trauriger --

Ich bin dazu bestimmt, mir selbst das Leben traurig zu machen -- --

aber ich weiß, daß, so sehr ich mir jetzt die Finger am Dorne zerritze,

daß ich doch einmal eine Rose brechen werde --

Zu allem diesem werde ich Ihnen die Schlüssel in Straßburg geben --

Der älteste Hr. von Kleist hat mir geschrieben, daß Briefe von meinem

Vater da wären; er schickt sie mir aber nicht; ich soll sie selbst

abholen.

Nun aber stößt sich meine Hinreise noch an vielen Dingen.

Ich muß schließen, ich sehe, ich kann dieß Blättchen nicht mehr

zusiegeln, aber wenn es auch nicht unser Freund Ott wäre, durch

dessen Hände es gienge, so sind unsere Briefe von der Art, als die

spartanischen Ephori an ihre Feldherrn schickten, die an einen

gemeinschaftlichen Stab müßten gewickelt werden, wenn man sie lesen

wollte.

Ich bin bis ins Grab

Ihr

=Lenz=.

12.

=Landau=, im Oktober 1772.

Mein -- --

Doch ich will, von jetzt an, immer ohne Titel an Sie schreiben.

Wenn Geister zu einander treten und sich miteinander besprechen, so

können sie, mein’ ich den Scharrfuß wohl weglassen. Ich schreibe an

Sie, um Ihnen eine Veränderung zu melden, die mit mir vorgegangen.

Ich bin ein Christ geworden -- glauben Sie mir wohl, daß ich es

vorher nicht gewesen? Ich habe an allem gezweifelt und bin jetzt,

ich schreib’ es mit von dankbarer Empfindung durchdrungenem Herzen,

zu einer Ueberzeugung gekommen, wie sie mir nöthig war, zu einer

philosophischen, nicht blos moralischen. Der theologische Glaube ist

das _complementum_ unserer Vernunft, das dasjenige ersetzt, was dieser

zur gottfälligen Richtung unsers Willens fehlt. Ich halte ihn also blos

für eine Wirkung der Gnade, zu der wir nichts beitragen, als daß unser

Herz in der rechten Verfassung sey, sie anzunehmen; diese Verfassung

aber besteht in einer vollkommen ernstlichen Liebe zur Tugend, zum

Wahren, Guten und Schönen. Dieser Glaube ist eine notwendige Gabe

Gottes, weil bei den meisten Menschen die Vernunft noch erst im Anfange

ihrer Entwicklung ist, bei vielen aber niemals entwickelt wird. Je mehr

sich aber unsere Vernunft entwickelt (das geht bis ins Unendliche),

desto mehr nimmt dieser =moralische= Glaube, der in der That mehr in

den Empfindungen als in der Erkenntniß gegründet ist, ab und verwandelt

sich in das Schauen, in eine Ueberzeugung der Vernunft. Ueberhaupt

bedürfen wir nicht mehr und nicht weniger moralisch zu glauben, als zur

Seligkeit nothwendig ist, das Uebrige haben wir immer noch die Freiheit

_in suspenso_ zu lassen. Aber auch dieses müssen wir viel mehr suchen

in Erkenntniß und Anschauen zu verwandeln, weil, nach der Ordnung

Gottes, unser Wille sich nach unserer Erkenntniß richtet.

Dieses sind die Prämissen, die ich Ihnen voranschicke, um Ihnen eine

vollständige Idee von meiner Überzeugung von unsrer Religion zu

geben. Ich habe bisher die Erlösung unsere Heilands für nichts, als

ein in die Augen fallendes Beispiel der Folgen der Sünde gehalten,

das uns an der Person des vollkommensten Menschen, zur heilsamen

Warnung aufgestellt worden. Denn, hab’ ich gedacht, die Idee eines

Verdienstes, und wär’ es auch des vollkommensten, widerspricht der

allervollkommensten Barmherzigkeit Gottes, als welche nicht braucht

erst durch ein Verdienst sich die Vergebung unserer Sünden gleichsam

abfodern und abzwingen zu lassen. Aber ich habe gefunden, daß ich

sehr irrte. Gott ist die Liebe -- allein die übeln Folgen der Sünde

aufzuheben (denn das heißt Sünde vergeben) ohne die Sünde durch eben

diese übeln Folgen zu strafen, hieße die Natur dessen, was gut und

böse ist, verändern und uns eben so viel Aufmunterung zum Bösen, als

zum Guten, geben. Aber -- diese übeln Folgen der Sünden einer ganzen

Welt, auf einen dritten Gegenstand lenken, das konnte Gott, das wird

der Vernunft nicht schwer zu begreifen, das war das einzige Mittel,

Sünde zu vergeben, ohne sie zu strafen. Und eben dieß läßt seine

Barmherzigkeit in dem nemlichen Glanze. Freilich könnt’ es scheinen,

daß sie, gegen diesen dritten Gegenstand, welchen wir so lange unsern

Heiland nennen wollen, nicht ausgeübt worden, allein eben dieses

ist der Gegenstand unsers Glaubens, hier kann die Vernunft nicht

weiter. Die Offenbarung sagt uns, dieser Heiland sey ein ganz reiner

vollkommener Mensch, vielleicht das Ideal der menschlichen Natur

gewesen, dem sich die Gottheit selbst, auf eine, uns unbegreifliche,

Weise offenbart und mitgetheilet (das Wort vereinigt find’ ich nicht

in der Bibel und ist schon ein Schritt zu weit von unsern Theologen),

den die Gottheit selbst, zu diesem großen Geschäft unterstützt; den die

Gottheit selbst, nach Vollendung desselben belohnt und ihm einen Namen

gegeben, der über alle Namen ist. Dieser Heiland aber, hat uns, außer

seiner Lehre und Beispiel, auch sein Verdienst gelassen, dessen er uns

durch die Sakramente theilhaftig macht. Indem er sich besonders durch

das Sakrament des Abendmals auf eine, zwar unbegreifliche, aber doch

der Vernunft nicht widersprechende, Art, mit uns geistig verbindet,

so daß wir jetzt gleichsam Alle an seiner vollkommnen menschlichen

Natur Antheil nehmen. Die Pflichten des Christenthums aber, laufen

alle dahin zusammen, diese Wahrheiten, die Christus uns verkündigt, zu

glauben, gegen ihn voll Liebe und Dankbarkeit sein Leben immer besser

zu studiren, damit wir ihn immermehr lieben und nachahmen, von ihm aber

(welches die Hauptsache ist) zu Gott, als dem höchsten Gut, hinauf zu

steigen, ihn immer besser erkennen zu lernen, ja, alle Erkenntnisse,

die wir hier erwerben, zu ihm, als dem letzten Ziel zu lenken, um

ihn als die Quelle alles Wahren, Guten und Schönen mit allen Kräften

unserer Seele zu lieben und (das ist die natürliche Folge davon) seinen

Willen auszuüben, d. h. ihn von ferne, im Schatten, nachzuahmen, wie er

ganz Liebe und Wohlthätigkeit gegen das menschliche Geschlecht, so kein

größeres Glück kennen, als Andere glücklich zu machen.

Sehen Sie hier den Extrakt meiner Religion, das Fazit einer

aufmerksamen Lesung der Evangelisten, deren göttliche oder menschliche

Begeisterung ich unausgemacht lasse, und sie bloß als aufrichtige

Erzähler ansehe. Denn dieses ist gut zu wissen, aber nicht verderblich

nicht zu wissen.

Ich habe es für nöthig gehalten, Ihnen den Zustand meiner Seele zu

schildern, damit wir uns ganz kennen lernen. Ich bin also jetzt ein

guter evangelischer Christ, obgleich ich kein orthodoxer bin. Kann

ich in meiner Ueberzeugung weiter kommen, so will ich dem Gott dafür

danken, der es weiß, daß dieses das Lieblingsstudium meiner Seele ist

und ewig bleiben wird.

Doch hoffe ich, niemals Prediger zu werden. Die Ursachen -- da müßt’

ich Ihnen Bogen voll schreiben. Ich fühle mich nicht dazu. Dieß ist

aber kein dunkles, sinnliches -- sondern das Gefühl meines ganzen

Wesens, das mir so gut als Ueberzeugung gilt. -- Aber ich fühle mich

als Ihren Freund

=Lenz=.

13.

=Landau=, den -- Oktober 1772.

Es scheint, daß Sie dazu gemacht sind, mir meine kleinen Systeme

alle zu zerstören und zu schleifen. Kaum habe ich eine recht artige

bunte Seifenblase vor dem Munde, so fahren Sie unbarmherzig drüber

her und lachen mich aus, wenn ich stehe und den Kopf kratze. Ich muß

Ihnen aber auch sagen, daß ich meine Kartenhäuser gern niederreißen

lasse, weil in einer Stunde wieder ein neues da ist. An mir ist von

Kindesbeinen an ein Philosoph verdorben, ich hasche immer nach der

ersten besten Wahrscheinlichkeit, die mir in die Augen flimmert, und

die liebe, bescheiden nackte Wahrheit kommt dann ganz leise von hinten

und hält mir die Augen zu. Eine lange Kette von Ideen, wo eine die

andere gibt, bis man, wenn man eine Weile gereist hat, die letzte

find’t und sich seines Zieles freuen kann, ist für meine Seele eine

wahre Sklavenkette -- wie glücklich bin ich, wieder an Ihrer Hand zu

gehen, wenn ich lange genug auf blumigen Wiesen herumgesprungen. --

Welch’ ein Wust von Allegorien! kann ich doch nicht davor, daß

meine Seele jetzt so gestimmt ist. Mein Hauptsystem bleibt dennoch

unverrückt, und das ist freilich einfach genug, aber darum für meine

Seele zuträglicher, weil sie Pein empfindet, wenn sie sich =lange=

bei Wahrheiten aufhalten soll. Und das ist dieß: es geht mir gut in

der Welt und wird mir in Ewigkeit gut gehen, so lang ich selbst gut

bin, denn ich habe dort oben einen sehr guten Vater, der alles was

er gemacht hat, sehr gut gemacht hat -- und wenn sich dieß letztere

mir nicht allezeit so darstellt, so liegt die Schuld an meinem dummen

Verstande. Eine gewisse Offenbarung bestätigt dieß mein Gefühl -- _tant

mieux_! sie sagt mir, das anscheinend und wirklich Böse, in der Welt,

fange jetzt schon an und solle dereinst ganz aufgehoben werden, und

das hab’ ich dem Sohne Gottes zu danken, ob nun seiner Lehre allein,

oder auch wirklich seinem Verdienste (wenn anders, um von Gott nicht

menschlich zu reden, bei Gott ein Verdienst statt finden kann, denn bei

ihm ist Alles Gnade), _tant mieux_! sage ich, das ist eine schöne frohe

Botschaft (Evangelium); ich glaube sie herzlich gern und freue mich

darüber und dieß, denk’ ich, ist der Glaube, der mich selig machen soll

und schon hier glückselig oder selig macht, denn diese beiden Wörter,

denk’ ich, sind auch eins. So werden wir, denk’ ich, in dem Extrakt

unserer Religion ziemlich nahe bei einander stehen. Freilich haben Sie

in vielen Punkten, die ich mir unterstrichen habe, mich so unter sich

gekriegt, daß ich mich kaum noch rühren kann, in andern bin ich noch

_in suspenso_, als daß Gott gar nichts in uns wirken kann u. a. m.,

wovon ich mündlich mehr mit Ihnen zu reden hoffe.

Das Eine bitte ich mir aus, nicht so verächtlich von dieser Welt zu

sprechen. Sie ist gut, mein Gönner, mit allen ihren eingeschlossenen

Uebeln, das Reich Gottes, wovon Christus immer red’t, ist nicht allein

in jenem Leben zu hoffen, denn er selbst hat uns im Vaterunser beten

gelehrt „dein Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden.“ Wenn’s Glück

gut ist, bin ich noch immer ein heimlicher Anhänger vom tausendjährigen

Reiche, wenigstens glaub’ ich gewiß, daß der Zustand unserer Welt nicht

immer derselbe bleiben wird. Und christlich-physisches Uebel muß immer

mehr drin abnehmen, wenn das Moralische darin abnimmt, und das wollt’

ich beinahe beweisen, wenn anders eine Seele, die immer _entrechats_

macht, wie eine Närrin, in ihrem Leben jemals etwas wird beweisen

können.

-- -- Eine Lieblingsidee haben Sie, mein Theurer, und das freut mich,

weil ich auch =eine= habe. So bin ich Ihnen doch in einem Stück

ähnlich, denn, wenn es auf eine Aussicht in eine aneinanderhangende

Reihe von Wahrheiten ankömmt, da kann ich mich mit Ihnen nicht messen.

Wissen Sie worin unsere Lieblingsideen bestehn? Die Ihrige ist -- die

=Liebe= -- und die Meinige, die =Schönheit=. Vielleicht stehn diese,

beide, nahe bei einander, oder fließen gar zusammen -- -- wenn nur

meine Brille schärfer wäre! So viel ist gewiß, daß die letztere die

einzige Idee ist, auf die ich alle andern zu reduziren suche. Aber es

muß die ächte Schönheit seyn, die auf Wahrheit und Güte gegründet ist,

und in der höchsten und faßlichsten Uebereinstimmung -- der Henker

mag sie definiren; ich fühle sie und jag’ ihr nach; freilich tritt

sie mir noch oft hinter eine Wolke, aber ich werde sie einmal finden

-- diese allein kann mein Herz mit Liebe gegen Gott (die Schönheit

_in abstracto_) und gegen alles was geschaffen (die Schönheit _in

concreto_) füllen. Freilich so nach Graden, so wie die Schönheit selber

Grade hat. Da haben Sie meine Brille -- Ihre ist vortrefflich, aber

ich kann noch nicht dadurch sehen, darum sind wir Individua. Genug,

wir passen in das Ganze das Gott geschaffen hat und das ihm gefällt,

so verschieden wie es ist, denn in der Natur sind keine vollkommene

Aehnlichkeiten, sagen die Philosophen. Genug, ich fühle eine Affinität

zu Ihnen, die ganz erschrecklich ist und obgleich ich die Lichtstralen,

die Sie mir zuschicken, nicht mit den meinigen vereinigen kann, so mag

ich sie doch gern damit verschwägern.

Nun ist’s Zeit, daß ich vom Pegasus herabsteige, sonst wirft er mich

ins Meer. Kaum hab’ ich so viel Athem Ihnen zu sagen, daß ich, zu der

höchsten Uebereinstimmung der Welt das Zutrauen habe, daß sie mich nach

Straßburg in Ihre Armen führen wird.

=Lenz=.

Von 1772 bis 1776 ist nur noch folgender Brief vorhanden; Lenz hielt

sich in der Zwischenzeit meistens in Straßburg auf. Die Schrift in

diesem Briefe ist eine ganz veränderte, und von derjenigen der vorigen

dadurch unterschieden, daß sie etwas mehr gezogen und flüchtig ist,

während jene gedrängter und kleiner ist. Die ganze zweite Hälfte

desselben ist mit noch sehr gut erhaltenem Bleistift geschrieben.

D. H.

14.

=Kochberg=, den 23sten Oktober 1776.

Wollten Sie so freundschaftlich seyn, lieber Aktuarius, Röderern, falls

er noch in Straßburg ist, zu sagen, er möchte mir das Paket von Herrn

von Kleist, nur mit der Post zuschicken, weil ich sehr ungeduldig

darauf bin; die Briefe könnt’ er mir selbst mitbringen.

Ich bin in Kochberg bei der liebenswürdigsten und geistreichsten Dame,

die ich kenne, mit der ich seit vier, fünf Wochen den englischen

Shakspeare lese. Künftige Woche gehts leider schon wieder nach Weimar.

Der Herzog hat neulich hier einen sonderbaren Zufall gehabt: er fiel

von einem Floß im Schloßgraben ins Wasser, ich sprang nach und hatte

das Glück ihn, ohne Schaden, heraus zu ziehen. =Herder= ist mit ihm

hier gewesen und find’t allgemeinen Beifall. Wer sollte ihm auch den

streitig machen können? Er und =Wieland= sind, wie der Letzte es von

Jedem seyn muß, Freunde und werden es noch immer mehr werden.

=Göthe= hab’ ich nun lang nicht gesehen; er ist so von Geschäften

absorbirt in W., daß er den Herzog nicht einmal hat herbegleiten können.

Leben Sie wohl und grüßen alle guten Freunde, auch Jungfer Lauth.

=Lenz=.

Am Rande:

Wäre es nicht möglich, daß ich, durch Ihre Vermittlung einige der

neuesten Allemanden in Straßburg abgeschrieben herbekommen könnte. Was

Sie dafür auslegen, will ich wieder erstatten. Die von Edelmann würde

Ihnen hier ein ewiges Denkmal setzen.

Nachschrift, mit Bleistift geschrieben:

Kennen Sie =Kaufmann=? Er ist, wie mir die Herzogin Mutter gesagt,

durch Weimar gegangen und hat sehr gefallen. Auch ist er im Merkur.

Grüßen Sie die =deutsche Gesellschaft= und melden Sie mir recht

viel Neues aus Straßburg und Paris. Ist eine gewisse Exzellenz von

=Vietinghof= durch Straßburg gegangen? Er ist ein Vetter von General

bei Baviere. -- Vielleicht sehen Sie mich einmal in herzoglich

sächsischer Uniform wieder. Doch das unter uns.

Melden Sie mir doch ob Herr =Fries=, mit dem ich nach Italien wollte,

noch in Straßburg ist und grüßen ihn, wenn Sie ihn sehen.

Sollte Röderer etwa gar das benannte Paket von Herrn von Kleist noch

nicht erhalten haben, so seyen Sie doch so gütig und begrüßen ihn

selbst darum. Er weiß schon wovon die Rede ist. Und versichern ihm von

mir viele Empfehlungen.

III.

Gedichte von Lenz,

welche in Tiecks Ausgabe von dessen Schriften fehlen.

Pygmalion.

An diesen Lippen, diesen Augen,

Die Welt vergessend, hinzuhangen,

Und aus den rosenrothen Wangen

Des Lebens Ueberfluß zu saugen;

An dieses Busens reiner Fülle,

Die Schmerzen meiner Brust zu wiegen

Und auf des Schooses Fried’ und Stille

Mit thränenmüdem Haupt zu liegen:

Das war mein Wunsch und ist mein Grämen,

Und soll mir doch kein Schicksal nehmen.

An Minna.

Geduld und unerschrockner Muth

Beseelen mein getreues Blut;

Ich fürcht’ mich nicht zu sterben.

Der Himmel kostet Leiden hier,

Ich leide froh, kann ich von dir

Mir einen Blick erwerben.

Nur du verdienst beglückt zu seyn;

Drum will ich gerne Gram und Pein

In meiner Brust verschließen.

Den Thränen will ich widerstehn;

Du Engel sollst sie niemals sehn

Auf meinen Wangen fließen.

Ach! traue deutscher Redlichkeit,

Die sich zu deinem Dienste weiht;

Und willst du sie belohnen,

So müße Tag und Nacht der Schmerz

Dir Freude seyn, und Lust und Scherz

Dein schönes Herz bewohnen.

Alsdann, mein Kind, ist alles gut,

Alsdann, so mag mein junges Blut

Für dich die Erden färben.

Es ist mir sonst nichts fürchterlich,

Als dich betrübt zu sehen, dich!

Viel sanfter thut’s zu sterben.

Drum fleh’ ich, heitre dein Gesicht,

Ich scheue Höll’ und Himmel nicht;

Bleibt mir dein Auge offen.

Wenn du vergnügt und glücklich bist,

Und stünd’ ich auf dem Richtgerüst,

So ist mein Ziel getroffen.

Und wär’ ich in der Sklaverey,

Und hätte nur den Trost dabey,

Für dich, für dich zu leiden,

Und wär’ ich jenseit überm Meer,

Und wüßt’, daß Minna glücklich wär’,

Doch wär’ ich zu beneiden!

Nur sie, nur sie muß glücklich seyn,

Nur sie, nur sie verdient’s allein,

Und gieng die Welt zu Grunde!

Ich selber mit! O wie so schön

Würd’ ich alsdann zu Grunde gehn!

Schlag bald, du schöne Stunde.

In einem Gärtchen am Contade[21],

nachdem der Verfasser im Flusse gebadet hatte.

Erlaube mir, du freundlichster der Wirte,

Du Bild der Gottheit! daß ich diese Myrte

Verflecht’ in dein verzoddelt Haar.

In deinem Gärtchen, das du selbst erzogen,

Sing’ ich, für dich, was Hunderte gelogen,

_Beatus ille_ -- und was Keiner war.

Für meine fünf zehn Sols, nehm’ ich die Stelle

Von dir auf eine Stunde ein.

Denn sieh’, ich komm’ aus Aganippens Quelle,

Und bin von jeder Sorge rein,

Von jeder Leidenschaft -- in diesem Augenblicke

Schickt mich die Gottheit her, dir zuzusehn,

Ganz Herz, ganz Ader für dein Glücke,

Und find’ es unaussprechlich schön.

Das muß gesungen seyn. Da alles singet

In unsern Tagen, schwieg’ ich lang.

Die Freude, dacht’ ich, welche klinget,

Verliert sich schneller als ihr Klang.

Doch deine stille Lust die niemand neidet,

Die niemand fühlt, als du allein, und ich,

Wird die mit einem Lied’ umkleidet,

Erhöhet und verbessert sich.

Was hält mich ab dir dieses Lied zu zeigen?

Ach du verstehst es nicht. Doch zeig’ ich’s hier

Den Bäumen, die wie du ihr Glück verschweigen.

Heut’ Abend sitz hieher, dann rauschen sie es dir.

Die Geschichte auf der Aar.

Aus einem Briefe an Herrn Pf. Mäder in Mühlhausen, von Herrn Pf. Luce

in Münster, vom 14. August 1806; im alsatischen Taschenbuch 1807.

„Sie haben vermuthlich den guten Lenz, Verfasser des Hofmeisters und

anderer geistreichen Schriften, persönlich gekannt. Er hatte sich,

in den siebziger Jahren, lange zu Straßburg aufgehalten, und war

auch manchmal in unsere obern Gegenden gekommen. Einst nach meiner

Zurückkunft von der Helvetischen Gesellschaft zu Olten, erzählte

ich ihm die traurige Begebenheit, die einige Zeit vorher in jener

Gegend vorgefallen war. Es verunglückte ein Schiff auf der Aar. Eine

Bürgersfrau, die mit ihrem Manne ein Raub der Wellen geworden, ergriff

ein Stück des zertrümmerten Schiffes und hielt sich an demselben

über dem Wasser. Der Mann hatte sie beim Rocke gefaßt, und zog sie,

durch die Last seines entnervten Körpers, beinahe ganz unter die

Fluthen. -- Ach! lieber Mann, rief sie in der Angst, wie schwer bist

du! ich gehe zu Grunde! So lebe wohl, liebe Frau! sprach der Edle und

sorge für unsere Kinder! -- Den andern Morgen brachte mir Lenz diese

rührende Geschichte in Versen, und erst die vorige Woche fand ich sein

Manuscript wieder unter meinen Collectaneen. Bewundern Sie mit mir,

mein Lieber, wie meisterhaft der Dichter den Gegenstand behandelt hat,

und urtheilen Sie, ob sein Gedicht, da es gleichsam auf unserm Grund

und Boden gewachsen ist, nicht verdiente, in einer vaterländischen

Schrift aufgewahrt zu werden?“[22]

„Was machst du hier, lieb Mägdelein!

Am Wasser tief und schnelle?

Und sitzest da am Bach allein,

Mit nassen, rothen Bäckelein,

Und guckst auf =eine= Stelle?

Hat dich der Vater was bedroht?

Bekommst du heut kein Morgenbrod?

Hat Bruder dich geschlagen?

Du kannst mir alles sagen.“

Das Mägdlein schaut ihm ins Gesicht,

Sieht, kehrt sich weg und redet nicht.

„Sag, wo bist du zu Hause?“

„„Herr, dort in jener Klause.““ --

Er kriecht zur kleinen Thür hinein,

Und findt ein hagres Mütterlein

Auf schlechten Binsen liegen.

„Sagt, gute Frau, was fehlt dem Kind?

Es sitzt da draußen in dem Wind,

Und ist nicht still zu kriegen.“

„„Ach, lieber Herr!““ das Mütterlein

Mit schwerem Husten saget,

„„Es geht den ganzen Tag allein

Und leidt nicht, daß man’s fraget;

Es hat von seiner Kindheit an

Nichts als beständig weinen ’than.““

„So wahr ein Gott im Himmel ist!

Euch muß was heimlich quälen;

Ihr sagt nicht alles, was ihr wißt,

Ihr sollt mir nichts verhehlen.“

„„Nun, lieber Herr““ -- und faßt den Mann

Mit beiden welken Händen an --

„„Geht an den Strom, fallt auf die Knie,

Und dann kommt wieder morgen früh;

Wird sich mein Husten kehren,

So sollt ihr alles hören.““

Der Blick, der Ton, der Händedruck

Dem Fremden an die Seele schlug.

Er geht zum Bach, fällt auf die Knie,

Kömmt zu dem Weiblein Morgens früh,

Findt sie in bittern Zähren.

„„Ach Herr! was uns verloren gieng,

Kann dieses Blatt und dieser Ring

Am besten euch erklären.““

Mit diesem Wort zieht sie ein Tuch

Aus ihrer Brust, darin ein Buch

Und in dem Buch ein Blättlein war,

Bemalt mit bunten Farben zwar,

Und an dem Farbenblättlein hieng,

Als Siegel ihr Verlöbnißring.

Auf diesem Blättlein schwamm ein Weib

Im höchsten Strom mit halbem Leib.

Ihr Kahn war umgeschlagen;

Und an des Weibes Rocke faßt

Ihr Ehmann sich, doch diese Last

Schien’s Wasser nicht zu tragen.

Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen; nebst Gedichten und Anderm von Lenz und Göthe · 第 4 / 6 段