Heute komme ich von Lichtenau, aus einer sehr vergnügten Gesellschaft,

in welcher ich vielleicht allein die Larve war. Ich will meinen Brief

an Sie zum Ende bringen, ich erwarte heute Abend noch einen Gnadenstoß.

O lassen Sie mich, mein beschwertes Herz an Ihrem Busen entladen. Es

ist mir Wollust zu denken, daß Sie nicht ungerührt bei meinem Leiden

sind, obschon es Ihnen noch unbekannt ist. Denn Trennung ist nicht die

einzige Ursache meines Schmerzens. -- Wir wollen von andern Sachen

reden.

Ich werde noch, vor meiner Abreise, einmal aus Fort-Louis an Sie

schreiben und alsdann aus Landau, sogleich nach meiner Ankunft. Mein

Studiren steht jetzt stille. Der Sturm der Leidenschaft zu heftig.

Ich wünsche mich schon fort von hier, alsdann, hoffe ich, wird er

sich wieder kümmerlich legen. In Landau will ich, so viel es mein zur

andern Natur gewordenes Lieblingsstudium erlaubt, das _Jus_ eifrig

fortsetzen. Auf den Winter denk’ ich mit Herrn von Kleist, der sich

Ihnen gehorsamst empfehlen läßt, einige Monate in Mannheim, einige in

Straßburg zuzubringen. Wo zuerst weiß ich nicht. Seyen Sie so gütig

und sagen es der Jungfer Lauthen noch nicht, daß ich von Fort-Louis

weggehe, ich will es ihr, wenn ich noch einen Posttag abgewartet,

selber schreiben. Das weibliche Herz ist ein trotzig und verzagt Ding.

Leben Sie wohl bis auf meinen nächsten Brief. Ich bin von ganzem Herzen

Ihr

Sie ewig liebender =Alcibiades=

J. M. R. L.

5.

=Fort-Louis=, den 5ten oder 6ten

August, oder 10ten 1772.

Sie bekommen heut’ einen sehr elenden Brief von mir, darum wollt’ ich

anfangs lieber gar nicht schreiben. Aber _non omnia possumus omnes_

dacht’ ich, mit Herrn Rebhuhn und geantwortet muß doch seyn. Ich komme

eben aus der Gesellschaft dreier lieben Mädchen und einer schönen,

schönen Frau und in allen solchen Gesellschaften wird das Fleisch

willig und der Geist schwach. Wie dieser Brief in Ihre Hände kommt

weiß ich noch nicht. Es soll ein Hauptmann nach Straßburg gehen, der

dorthin allerlei mitnehmen wird, unter anderm Ihren _Hobbes civem

Malmesburgiensem_, den ich mich nicht überwinden kann zu Ende zu

bringen. Es geht mir wie einem Kinde, das über ein neues Spielzeug

eines alten vergißt, das es doch so fest mit seiner kleinen Patsche

umklammert hatte, als ob es ihm erst der Tod herausreißen sollte.

Der Zustand meines Gemüthes ist wie er ist; den Haß kann man wohl

auswurzeln, aber die Liebe nie, oder es müßte ein Unkraut seyn, das nur

die äußere Gestalt der Liebe hätte. Wenn mir Einer Mittel vorschlagen

wollte, Sie nicht mehr zu lieben, glauben Sie, daß diese Mittel bei mir

kräftig seyn würden? Vergeben Sie mir mein böses Maul, ich wünschte

es allemal böser als mein Herz. Ich habe einen vortrefflichen Fund

von alten Liedern gemacht, die ich Ihnen, sobald ich nach Straßburg

komme, mittheilen werde. Wollen Sie meine letzte Uebersetzung aus

dem Plautus lesen, so fodern Sie sie unserm guten Ott ab, denn ich

glaube schwerlich, daß sie so bald in der Gesellschaft wird vorgelesen

werden. Sie haben mir keine Nachricht gegeben, wie sie mit der letztern

gegenwärtig zufrieden sind. Vernachläßigen Sie diese Pflanzschule

Ihrer Vaterstadt nicht, theurer Freund, vielleicht könnten wohlthätige

Bäume draus gezogen werden, auf welche Kindeskinder, die sich unter

ihrem Schatten freuten, dankbar schnitten: Auch dich hat Er pflanzen

helfen. Es sieht noch ziemlich wild und traurig in Ihrer Region aus

-- aber der erste Mensch ward in den Garten Eden gesetzt um ihn zu

bauen. Wollten Sie wohl einst so gütig seyn, mir, zum _aequivalent_

für _Hobbes_, noch eine glühende Kohle aufs Haupt zu sammeln und etwa

Puffendorfs _historiam juris_ schicken. Oder ein anderes juristisches

Buch, denn Jurist muß ich doch werden, wenn mir anders die Theologie

nicht verspricht mich zum Pabst von Rom zu machen. Ich halte viel auf

die Extreme und Niklaus Klimm’s _aut_ Schulmeister _aut_ Kaiser ist

eine Satire auf Ihren

Ihnen stets ergebenen

=Lenz=.

Herr von Kleist befindet sich wohl und empfiehlt sich Ihnen bestens.

6.

Mein theuerster Freund!

Auf einem Fuß, wie ein reisefertiger Kranich, steh’ ich jetzt und

schmiere Ihnen mit dem andern mein Adieu auf’s Papier. Ich glaube zum

wenigsten, daß dieß mein letzter Brief von Fort-Louis seyn wird. Ich

gehe jetzt nach Sesenheim hinaus, um den letzten Tag recht vergnügt

dort zuzubringen. Recht vergnügt -- Nicht wahr, Sie lächeln über meine

stolze platonische Sprache, mittlerweile mein Herz mit dem Ritter

Amadis (oder was weiß ich, wie der Liebhaber der Banise hieß) von

nichts als Flammen, Dolchen, Pfeilen und Wunden deklamirt. Was soll

ich sagen? Ich schäme mich meiner Empfindungen nicht, wenn sie gleich

nicht allezeit mit festem Schritt hinter der Vernunft hergehen. O! und

Salzmann bedauert mich -- sehen Sie die Schürze von Feigenblättern,

die meine gefällige Vernunft mir allezeit vor die Blöße meines Herzens

bindet. Ich habe in Sesenheim gepredigt, sollten Sie das glauben?

Den Sonnabend Nachmittags karessirt; nach Fort-Louis gegangen; das

Thor zu gefunden; zurückgegangen; den Pfarrer am Nachtessen unruhig

gefunden, daß er so viel zu thun habe; mich angeboten; bis vier Uhr in

der Laube gesessen; mich von meinen Fatiguen erholt; eingeschlafen;

den Morgen eine Bibel und eine Concordanz zur Hand genommen und um 9

Uhr vor einer zahlreichen Gemeine, vor vier artigen Mädchen, einem

Baron und einem Pfarrer gepredigt. Seh’n Sie, daß der Liebesgott auch

Kandidaten der Theologie macht, daß er bald in Alexanders Harnisch wie

eine Maus kriecht, bald in die Soutane eines Pfarrers von Wackefield,

wie ein der Liebesgelahrtheit Beflissener. Mein Text war das Gleichniß

vom Pharisäer und Zöllner und mein Thema die schädlichen Folgen des

Hochmuths. Die ganze Predigt war ein Impromptu, das gut genug ausfiel.

-- Himmel die Uhr schlägt sechs und ich sollte schon vor einer

Stunde in S. seyn. Dießmal sollen Sie mich dort entschuldigen. Ihren

_Heineccius_ nehme ich mit. Ohne Erlaubniß -- ach, mein Freund, _dura

necessitas_ läßt mich nicht erst lange fragen, ich greife zu -- aber

ich gebe auch wieder. Allein was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen Ihren

_Tom Jones_ noch nicht zurückschicke? Ich bin schuld daran, daß ihn

mein faules Mädchen noch etwas länger behält, er soll sie für meinen

Verlust entschädigen, denn wenn man gute Gesellschaft hat, sagte sie,

so kann man nicht viel lesen. Ich habe so brav auf Ihre Güte gethan,

daß ich ihr mein Wort drauf gegeben, Sie würden es verzeihen, wenn sie

Ihnen denselben erst durch Mamsell Schell zuschickte; ja Sie würden

sogar so gütig seyn und ihr noch die zween letzten Theile alsdann dazu

leihen, wenn sie die ersten wieder gegeben. Das heißt gewagt, mein

bester Sokrates, aber Jugend ist allezeit ein Waghals, und bricht doch

nur selten den Hals; ich denke, Sie werden meine tollkühne Freundschaft

noch nicht fallen lassen: wenn sie älter wird, soll sie weiser und

vorsichtiger werden. Für Ihre Adressen in Landau danke ich Ihnen

unendlich, wer weiß, wozu sie gut sind. Ich hoffe eher nach Straßburg

zu kommen, als nach Mannheim. Ich kann nicht mehr, theuerster, bester,

würdigster Freund! ich bin schon ein Jahr über meine bestimmte Stunde

ausgeblieben. Leben Sie recht sehr glücklich; mein Großfürst heirathet

eine darmstädtische Prinzessin; leben Sie allezeit gleich heiter und

vergnügt; ich möchte gerne den Namen des Russischen _Envoyé_ an diesem

Hofe wissen; erinnern Sie sich meiner zuweilen; der Friede soll auch

schon geschlossen seyn; grüßen Sie die Lauth’sche Gesellschaft und die

Mademoiselles tausendmal; doch was berichte ich Ihnen Neuigkeiten, die

bei Ihnen schon in der Hitze werden sauer geworden seyn -- und bleiben

Sie gewogen

Ihrem verschwindenden =Alcibiades=

J. M. R. L.

7.

=Landau=, den 7. September.

So wenig Zeit mir auch übrig ist, so muß ich Ihnen doch sagen, daß

ich Sie in Landau noch eben so hoch schätze, eben so liebe, als in

Fort-Louis. Unser Marsch war angenehm genug: vor Tage zu Pferde, und

vom Mittag, bis in die Nacht gerastet. Ich möchte so durch die Welt

reisen. Weißenburg hat mir gefallen, die dortige Schweizergarnison

glich den Priestern der Cybele, so erfreute sie die Ankunft eines

deutschen Regiments. Landau kann in der That das Schlüsselloch von

Frankreich heißen, da es nur zween Thore hat, eins nach vorne, das

andere nach hinten. Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang --

-- Ich wohne bei einem Herrn Schuch, der ein naher Verwandter vom

Herrn Türkheim seyn will. Seine Frau und er spielen mir alle Abende

Komödie, wobei mein Herz mehr lacht, als bei allen Farcen des Herrn

Montval und Ribou. Er ist ein gutwilliger Schwätzer, gegen seine

Frau, ein rechter Adventsesel und auch gegen die Füllen bei ihr.

Sie trägt Hosen und Zepter, eine Teintüre von Andacht und koketter

Prüderie -- in der That, meinen kleinen Plautus hinterdrein gelesen

und ich brauche kein Theater. Melden Sie mir doch, was das Ihrige

in Straßburg macht und ob dort kein deutsches zu erwarten sey. Beim

Herrn Senior, der fast die alleinige Materie des Gesprächs meiner

Wirthsleute ist (ausgenommen den gestrigen vortrefflichen Abend, wo

wir lauter Haupt- und Staatsaktionen ausmachten) bin ich noch nicht

gewesen. Der Bürgermeister Schademann soll schon seit geraumer Zeit

todt seyn. Vielleicht erlange ich die Bekanntschaft seines Sohnes,

der sehr reich seyn soll. Ein Rektor bei der hiesigen Schule, der im

Kloster einen Sohn hat, der schon Magister ist (wo mir recht ist,

hab’ ich ihn dort gesehen) soll eine gute Bibliothek haben: da muß

ich suchen unterzukommen. Seyen Sie doch so gütig und schreiben mir

in Ihrem nächsten Briefe den Namen des Churfürsten von der Pfalz; wie

auch den Charakter und die Adresse des Herrn Lamey[20], ein Name, den

ich in Straßburg oft gehört. Sie lachen -- wozu das? Nun, nun, es hat

nichts zu bedeuten, ein guter Freund hat mich um beide in einem Briefe

ersucht. Einen Nachmittagsprediger habe ich hier gehört, der keine

Pfeife Toback werth vorgebracht. Ich gieng nach Hause und las Spalding,

vom Werth der Gefühle im Christenthum. Welch ein Kontrast! Dieses Buch

müssen Sie auch lesen, mein Sokrates! es macht wenigstens Vergnügen

zu finden, daß Andere mit uns nach demselben Punkt visiren. Ich freue

mich, daß man in einem Tage von hier nach Straßburg kommen kann, wer

weiß wenn ich Sie überrasche. Fahren Sie fort mit Ihrer Gewogenheit für

mich. --

=Lenz.=

8.

=Landau=, den 18ten.

Guter Sokrates!

„Ohne mich nicht ganz glücklich“ -- Fürchten Sie sich der Sünde

nicht, einen jungen Menschen stolz zu machen, dessen Herz nach allen

Passionen offen steht und durch Zeit und Erfahrung nur noch sehr wenig

verbollwerkt ist? Da ich so tief in Ihr System geguckt, da ich weiß,

daß Ihre Religion die Glückseligkeit ist -- so konnte mir kein größeres

Kompliment gemacht werden, als, daß ich im Stande sey, mit etwas dazu

beizutragen, wenn’s auch nur so viel ist, als ein Mäuschen zum Rhein.

-- Spaß bei Seite, die Glückseligkeit ist ein sonderbares Ding, ich

glaube immer noch, daß wir schon hier in der Welt so glücklich seyen,

als wir es nach der Einrichtung unseres Geistes und Körpers werden

können. Die Tugend ist das einzige Mittel diese Glückseligkeit in

ihrer höchsten Höhe zu erhalten und die Religion versichert uns,

sie werde auch nach dem Tode währen und dient also dieser Tugend

mehr zur Aufmunterung, als zur Richtschnur. Da kommt nun aber die

verzweifelte Krankheit, von der Sie schreiben und wirft mir mein ganzes

Kartenhaus über den Haufen. Allein sie muß doch auch wozu heilsam

seyn, vielleicht, wie Sie sagen, ist sie das Fegfeuer unserer Tugend,

wenigstens macht sie uns die Gesundheit desto angenehmer und trägt,

durch den Contrast, also zu dem Ganzen unserer Glückseligkeit auch mit

das Ihre bei. Wiewohl, ich habe gut philosophiren, da ich sie, dem

Himmel sey Dank, schon seit so langer Zeit, blos vom Hörensagen kenne.

Ich bin jetzt auch von lauter Kranken eingeschlossen und denke dabei

beständig an Sie. Wiewohl ich aus dem Schluß Ihres letzten Briefes zu

meiner Beruhigung schließe, daß Sie jetzt wieder völlig hergestellt

seyen. Sie werden von Herrn Ott hören, wie ich mich amusire. Wenig

genug und doch sehr viel. Wenn man Käse und Brod hat, schmeckt uns die

Mahlzeit eben so gut, als wenn das Regiment _de Picardie_ traktirt,

vorausgesetzt, daß wir in einem Fall, wie im andern, recht derben

Hunger haben. Um also glücklich zu seyn, sehe ich wohl, werde ich

künftig nur immer an meinem Magen arbeiten, nicht an der Mahlzeit,

die ich ihm vorsetze. Die Umstände, in denen wir uns befinden, müssen

sich schon nach uns richten, wenn wir selbst nur fähig sind, glücklich

zu seyn. -- Bin ich doch ganz Philosoph geworden, werden Sie nur über

mein Geschwätz nicht von Neuem krank! Den Herrn Senior habe ich nur in

seiner Kirche besucht und noch nicht recht das Herz, ihn näher kennen

zu lernen. Den Rektor der hiesigen Schule hab’ ich in seinem Hause

besucht und möchte wohl schwerlich wieder hingehen. Ich fragt’ ihn nach

den hiesigen Gelehrten: er lachte. Das war vortrefflich geantwortet,

nur hätte der gute Mann die betrübte Ahndung, die dieses Lachen bei mir

erregte, nicht bestätigen sollen. Er beklagt sich über den Schulstaub

und die häuslichen Sorgen -- da, da, mein theuerster Freund, fühlte ich

eine Beklemmung über die Brust, wie sie Daniel nicht stärker hat fühlen

können, als er in den Löwengraben hinabsank. In seiner Jugend, sagt’

er, hätte er noch _fait_ vom Studieren gemacht, jetzt -- o mein Freund,

ich kann Ihnen das Gemälde nicht auszeichnen, es empört meine zartesten

Empfindungen. Den heiligen Laurentius auf dem Rost hätt’ ich nicht mit

dem Mitleiden angesehen, als diesen Märtyrer des Schulstandes, eines

Standes, der an einem Ort wie Landau, mir in der That ein Fegfeuer

scheint, aus dem man alle guten Seelen wegbeten sollte. Er hatte seine

Bibliothek nicht aufgestellt, es waren bestäubte, verweste Bände,

die er vermuthlich nur in seiner Jugend gebraucht -- ausgenommen

die allgemeine Welthistorie figurirte, in Franzband eingebunden,

besonders. -- Vielleicht daß ich da mich einmal bei ihm zu Gast bitte.

Er scheint übrigens der beste Mann von der Welt -- o Gott, eh’ so viel

Gras über meine Seele wachsen soll, so wollt’ ich lieber, daß nie

eine Pflugschaar drüber gefahren wäre. Jetzt bin ich ganz traurig,

ganz niedergeschlagen, blos durch die Erinnerung an diesen Besuch.

Nein, ich darf nicht wieder hingehen. Wie glücklich sind Sie, mein

Sokrates, wenigstens glänzt eine angenehme Morgenröthe des Geschmacks

in Straßburg um Sie herum, da ich hier in der ödesten Mitternacht

tappend einen Fußsteig suchen muß. Keine Bücher! ha Natur, wenn du mir

auch dein großes Buch vor der Nase zuschlägst (in der That regnet es

hier seit einigen Tagen anhaltend), was werd’ ich anfangen? Dann noch

über die Glückseligkeit philosophiren, wenn ich von ihr nichts als das

Nachsehen habe? Doch vielleicht kriegt mich ein guter Engel beim Schopf

und führt mich nach Straßburg. -- -- Meine Lektüre schränkt sich jetzt

auf drei Bücher ein: Eine große Nürnbergerbibel mit der Auslegung,

die ich überschlage, ein dicker Plautus, mit Anmerkungen, die mir die

Galle etwas aus dem Magen führen und mein getreuster Homer. Ich habe

schon wieder ein Stück aus dem Plautus übersetzt und werd’ es ehestens

nach Straßburg schicken. Es ist nach meinem Urtheil das beste, das er

gemacht hat (doch ich kenne noch nicht alle). Noch an eins möcht’ ich

mich machen: es ist eine Art von Dank, den ich dem Alten sage, für das

herzliche Vergnügen, das er mir macht. Ist es nicht reizend, nach so

vielen Jahrhunderten, noch ein Wohlthäter des menschlichen Geschlechts

zu seyn?

Heut’ möcht’ ich Ihnen einen Bogen voll schreiben, aber ich besinne

mich, daß das, was mir ein Präservativ für eine Krankheit ist, Ihnen

leicht ein Recidiv geben kann. Ich bin ganz der Ihrige

=Lenz.=

9.

Aus Landau.

Würdiger Mann!

Ich sehe in Ihrem Raritätenkasten -- alles, was uns die Herrn

Modephilosophen und Moralisten, mit einer marktschreierischen

Wortkrämerei, in großen Folianten hererzählen, in zwei Worten

zusammengefaßt und so glücklich zusammengefaßt, daß sich dazu weder

zusetzen noch davon abnehmen läßt. Das ist vortrefflich -- also das

Ziel ist gesteckt, nun Ihre Hand her, mein Sokrates, wir wollen

darauf zugehen, wie auf ein stilles und friedelächelndes Zoar und die

hinterlassenen Vorurtheile immer in Feuer und Schwefel aufgehen lassen,

ohne uns darnach umzusehen. Mögen furchtsame Weiber sich darnach

umsehen und drüber zu Salzsäulen werden.

Um noch eine Stelle Ihres ohnendletzten Briefes zu berühren, wo Sie

mir zu bedenken aufgaben, ob Gott wohl uns das Gute könne schwerer

machen, als das Böse, oder (um mit Ihren Worten mich auszudrücken) ob

er wohl die _vim inertiae_ in uns stärker könne gemacht haben, als die

_vim activam_. so antworte ich, daß ich keine _vim inertiae_ glaube.

Bedenken Sie doch, mit welchem Fug, wir wohl für die Unthätigkeit

eine =Kraft= annehmen können? Vereinigung einer Kraft ist sie,

Vernachläßigung der _vis activa_, welche in Wirksamkeit und Thätigkeit

zu setzen, allemal in unserm Belieben steht oder nicht. Es ist aber

die Natur einer jeden Kraft, daß sie nur durch Uebung erhalten und

vermehrt, durch Vernachläßigung aber, so zu sagen eingeschläfert und

verringert wird. Und daß die Uebung dieser Kraft schwerer, als ihre

Vernachläßigung sey, liegt in der Natur der Sache und konnte von Gott

nicht verändert werden. _Positio_ ist allemal schwerer als _negatio_,

wirken schwerer als ruhen, thun schwerer als nicht thun.

Was die Einwirkung Gottes in die Menschen betrifft, so kann ich mir nur

vier Arten davon denken. Er unterstützt und erhält die in uns gelegten

Kräfte und Fähigkeiten -- diese ist =natürlich=, das heißt, unsere

Vernunft kann sie auch ohne Offenbarung erkennen; und =unmittelbar=

-- hernach, er leitet die äußern Umstände und Begebenheiten in der

Welt so, daß eine oder die andere Fähigkeit in uns entwickelt oder

vergrößert werde, je nachdem es sein Rathschluß für gut befindet,

diese ist gleichfalls =natürlich= aber =mittelbar=. Zum dritten wirkt

er durch die in uns geoffenbarten Wahrheiten -- diese ist also, ihrem

ersten Ursprung nach, =übernatürlich=, aber zugleich =mittelbar= und

den Gesetzen der Natur gemäß. Zum vierten wirkt er übernatürlich und

unmittelbar, wie in den Propheten und Aposteln; diese Einwirkung

ist über die Gesetze der Natur erhaben, läßt sich also nicht mehr

erklären (wiewohl wir auch nicht das Recht haben, sie noch jetzt aus

der gegenwärtigen Welt auszuschließen, im Fall die Gottheit gewisse

außerordentliche Endzwecke dadurch befördern wollte, welchen Fall aber,

meiner Meinung nach, unsere Vernunft nie determiniren kann, sondern

vielmehr jedes Phänomen für verdächtig halten muß, welches nicht die

dazu erforderlichen Kennzeichen bei sich hat).

Jetzt möge meine philosophische Muse ruhen, sich still zu Ihren Füßen

setzen und von Ihnen lernen. Spekulation ist Spekulation, bläset

auf und bleibt leer, schmeichelt und macht doch nicht glücklich.

Zusammen mögen sich die Fittige des Geistes halten, und im Thal ruhen,

ehe sie, wenn sie der Sonne zu nahe kommen, in zerlassenem Wachs

heruntertröpfeln und den armen Geist, welcher auf dem Lande so sicher

und lustig hätte einher gehen können, aus der Luft in das Meer herab

wirft.

-- -- Hier ist mein Trauerspiel mit dem Wunsch: möchte dieser

Raritätenkasten des Ihrigen werth seyn. Das Beste ist, daß wir beim

Tausch nicht verlieren, denn unter sympathisirenden Seelen ist

_communio bonorum_.

Es ist wahr, meine Seele hat bei aller anscheinenden Lustigkeit, jetzt

mehr als jemals, eine tragische Stimmung. Die Lage meiner äußern

Umstände trägt wohl das Meiste dazu bey, aber -- sie soll sie, sie mag

sie nun höher oder tiefer stimmen, doch nie verstimmen. Eine sanfte

Melancholei verträgt sich sehr wohl mit unserer Glückseligkeit und

ich hoffe -- nein ich bin gewiß, daß sie sich noch einst in reine und

dauerhafte Freude auflösen wird, wie ein dunkler Sommermorgen, in einen

wolkenlosen Mittag. Auch fehlen mir jetzt öftere Sonnenblicke nicht,

nur kann freilich ein Herz, dem die süßen Ergötzungen der Freundschaft

und -- der Liebe -- sogar einer vernünftigen Gesellschaft genommen

sind, bisweilen einen Seufzer nicht unterdrücken. An den Brüsten der

Natur hange ich jetzt mit verdoppelter Inbrunst, sie mag ihre Stirne

mit Sonnenstrahlen oder kalten Nebeln umbinden, ihr mütterliches

Antlitz lächelt mir immer und oft werd’ ich versucht, mit dem alten

Junius Brutus, mich auf den Boden niederzuwerfen und ihr mit einem

stummen Kuß für ihre Freundlichkeit zu danken.

In der That, ich finde in der Flur, um Landau, täglich neue Schönheiten

und der kälteste Nordwind kann mich nicht von ihr zurückschrecken.

Hätt’ ich doch eines göttlichen Malers Pinsel, ich wollte Ihnen

gleich einige Seiten von diesem vortrefflichen Amphitheater der Natur

hinmalen, so lebhaft hat’s sich in meiner Fantasei abgedrückt. Berge,

die den Himmel tragen, Thäler voll Dörfnern zu ihren Füßen, die dort zu

schlafen scheinen, wie Jakob am Fuß seiner Himmelsleiter. --

Doch ich würde nur schwärmen, wenn ich fortführe und dafür muß ich

meinen Geist in Acht nehmen. Ich hatte vor einigen Tagen einen Brief an

Sie fertig, aber ich verbrannte ihn, denn ich hatte darin geschwärmt.

Ich habe schon viel Papier hier verbrannt -- ein guter Genius hat über

dies Trauerspiel gewacht, sonst -- und vielleicht hätten Sie nichts

dabei verloren. So viel muß ich Ihnen sagen, daß ich es bei diesem

ersten Versuch nicht werde bewenden lassen, denn ich fühle mich dazu

-- Ich muß abbrechen und Ihnen gute Nacht sagen. Möchten Sie doch aus

Ihren Träumen lachend erwachen, wie ich heute Morgen aus den meinigen.

=Lenz.=

10.

Herr Simon kommt zurück eh’ ich ihn haben will: ich kann Ihnen also das

Versprochene nicht zuschicken. Es war mein Trauerspiel, welches ich

jetzt eben für Sie abschreibe. Ich werde schon eine andre Gelegenheit

finden es Ihnen zukommen zu lassen. Nicht einmal einen langen Brief

erlaubt mir seine beschleunigte Abreise. Gut, daß ich dann und wann,

bei Lesung des Leibnitz ein hingeworfenes Blatt für Sie beschrieben

habe. Vergeben Sie mir, daß ich es nicht abschreibe und meine Gedanken

in Ordnung bringe. Ihnen, als einem unverwöhnten Auge, darf ich sie

auch im Schlafrock zeigen; wenn sie wahr sind, werden sie Ihnen auch

alsdann besser gefallen, als falsche in einem Gallakleide. -- Wie ich

Ihnen gesagt habe, meine philosophischen Betrachtungen dürfen nicht

über zwo, drei Minuten währen, sonst thut mir der Kopf weh. Aber wenn

ich einen Gegenstand fünf, zehnmal so flüchtig angesehen habe, und

finde, daß er noch immer da bleibt und mir immer besser gefällt, so

halt’ ich ihn für wahr und meine Empfindung führt mich darin richtiger

als meine Schlüsse. Nro. II. ist eine Apologie meines allerersten

Briefes über die Erlösung. Nachdem ich aber Ihre Antwort wieder

durchgelesen, finde ich, daß wir fast einerlei gedacht und dasselbe

mit andere Worten ausgedrückt haben. Sie haben mich unrecht verstanden,

wenn Sie glaubten, ich ließe Gott die übeln Folgen der Sünde auf den

Mittler lenken, blos um seine strafende Gerechtigkeit zu befriedigen.

Leibnitz glaubt dieses; er sagt, es ist eine Convenienz, die ihn zwingt

Gutes zu belohnen und Böses zu bestrafen. Ich denke aber, es geschieht

blos um unsertwillen, weil, auf das moralische Uebel kein physisches

Uebel, als eine Strafe folgt; wir lieber Böses als Gutes thun würden,

da das Böse leichter zu thun ist. Und warum Gott das Gute für unsere

Natur schwerer gemacht hat, davon ist die Ursache klar, damit wir nicht

müßig gehen; unsere Seele ist nicht zum Stillsitzen, sondern zum Gehen,

Arbeiten, Handeln geschaffen.

Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen; nebst Gedichten und Anderm von Lenz und Göthe · 第 3 / 6 段