Der Wahnsinn des Unglücklichen brach in Schlosser’s Hause mit solcher

Heftigkeit aus, daß man ihn in Ketten legen mußte.[12] Schlosser

übergab ihn einem Schuster in der Nachbarschaft zur Pflege. Er wurde

ruhiger und erlernte von ihm das Schusterhandwerk. Er schloß sich in

schwärmerischer Liebe an einen jungen Gesellen, Namens Konrad, an, der

sich aber nach drei Monaten auf die Wanderschaft begeben mußte. Diese

Trennung schmerzte Lenz auf’s Tiefste. Die rührenden Briefe, welche er

deswegen an =Sarasin= in Basel richtete, theilt Tieck mit. Ich lasse

sie hier folgen; sie sind gewiß manchem Leser noch unbekannt und werden

durch ihren wehmüthigen Ton und kindlichen Sinn sein inniges Mitgefühl

erregen. Merkwürdig contrastiren sie mit denjenigen an Salzmann: Hier

erscheint er leidend, zutrauensvoll, bittend; dort, seiner Kraft

bewußt, stürmisch und leidenschaftlich.

1.

„Lieber Herr S. Es freut mich, daß ich Ihnen wieder schreiben kann.

Ich habe eine große Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen werden:

daß Sie so gütig sind, und meinem besten Freunde und Kameraden, dem

Herrn Konrad Süß, doch einen Meister verschaffen, wenn er außer der

Zeit nach Basel kommt, weil jetzt die Handwerksburschen stark gehen,

und ich den Herrn Hofrath[13] bitten will, daß er seinem Vater zureden

soll, ihn noch länger als Johannis bei sich zu behalten, damit ich

die Schusterei bei ihm fortlernen kann, die ich angefangen habe, und

er ohnedem bei seinem Herrn Vater und mir viel versäumt. Es wird das

nicht schwer fallen, da er gewiß ein guter und fleißiger Arbeiter und

sonst wohlerzogenes Kind ist, und Sie werden mich dadurch aus vieler

Noth retten, die ich Ihnen nicht sagen kann. Ausgehen ist mir noch

nicht gesund, und was würd’ ich anfangen, wenn er auch fortgienge, da

ich gewiß wieder in meine vorige Krankheit verfallen müßte. Hier bin

ich dem Herrn Hofrath gegenüber, und ist mir so wohl, bis es besser

mit mir wird. Wenn es nur einige Wochen nach Johannis sein könnte!

Melden Sie mir doch, ob sich dort keine Meister finden, die auf die

Zeit einen Gesellen brauchen. Wenn Sie nur wollten probiren, sich von

ihm Schuhe machen zu lassen, ich bin versichert, daß er sie gut machen

wird; besonders wenn er einige Zeit in Basel gewesen, und weiß, wie Sie

sie gerne tragen. Fleißig ist er gewiß, davon bin ich Zeuge, und er

arbeitet recht nett, besonders wenn er sie angreift. Viel tausend Grüße

an Ihre Frau Gemahlin und an den Herrn Hofmeister und an die Kleinen.

Ich bin bis an’s Ende Ihr gehorsamer Freund und Diener

=Lenz=.“

„Er soll jetzt das erstemal auf die Wanderschaft, und ich bin jetzt bei

seinen Eltern ein Vierteljahr lang wie das Kind im Hause gewesen. Er

ist mein Schlafkamerad und wir sitzen den ganzen Tag zusammen. Thun Sie

es doch, bester Herr Sarassin, lieber Herr Sarassin, es wird Sie nicht

gereuen. =Emmedingen=, einige Tage vor Johanni 1778. Ich könnte mich

gewiß nicht wieder so an einen Andern gewöhnen, denn er ist mir wie ein

Bruder.“

2.

„Lieber Herr S. Ich habe ein großes Anliegen; ich weiß, daß Sie meine

Bitte erhören werden. Es betrifft meinen Bruder Konrad, der für mich

auf der Wanderschaft ist: daß Sie ihm dazu verhelfen, daß er für Sie

in der Fremde arbeiten kann. Er war schon fort, als ich Ihr werthes

Schreiben erhielt, und seine Abreise war so plötzlich und unvermuthet,

daß ich ihm kein Briefchen an Sie mitgeben konnte. Seitdem hab’ ich

immer auf Nachricht von ihm gewartet, bis er endlich schrieb, daß er in

Basel keine Arbeit bekommen, sondern in Arlesheim, einem katholischen

Orte, anderthalb Stunden von Basel. Nun hab’ ich kein Anliegen auf

der Welt, das mich mehr bekümmert, als wenn ich nur so glücklich sein

könnte zu hören, daß er bei Ihrem Schuhmacher wäre, und Ihnen arbeiten

thäte. Das würde mich in kurzer Zeit gesund machen. Erzeigen Sie mir

diese Freundschaft und Güte. Die Freude und der Trost, den ich daran

haben werde, wird unaussprechlich seyn: denn das Wasser[14] allein

hilft mir nicht, wenn meine Freunde nicht mit wollen dazu beitragen.

Ich kann Ihnen das nicht so beschreiben, warum ich so ernstlich darum

bitte: er ist auf Mannsschuhe besprochen, und ich hoffe, wenn er nur

erst Ihre Gedanken weiß, wie Sie’s gerne tragen, Sie werden gewiß

mit seiner Arbeit zufrieden sein, wenn auch das erste Paar nicht

gleich gerathen sollte. Herr Süß hat mir versprochen, so bald Sie ihn

unterbringen, soll er seinem Meister in Arlesheim aufkündigen; und ich

bin versichert, er wird es aus Liebe für mich thun, und aus Liebe für

sich selbst, welches einerlei ist: denn ich werde keine ruhige Stunde

haben, wenn er an dem katholischen Orte bleibt, und wenn er jetzt schon

weiter wandern sollte in der großen Hitze, das würde mir auch keine

Ruhe lassen.

Es freut mich recht sehr, daß Sie wieder einen Hofmeister haben und

Ihre Frau Gemahlin sich gesegneten Leibes befindet. Gott wolle ihr eine

glückliche Entbindung schenken, daß Ihre Freude vollendet werde, und

Sie auf dieser Welt nichts mehr zu wünschen haben mögen. Dann werde ich

auch gesund werden, und wenn der Konrad für Sie arbeitet.

Weiter weiß ich nichts zu schreiben, als, ich gehe alle Morgen mit

meinem lieben Herrn Süß spazieren, und bekomme auch alle Tage den Herrn

Hofrath zu sehen. Nun fehlt mir nichts, als daß es Alles so bleibt,

und Gott meine Wünsche erhört, und Sie meine Bitte erfüllen, daß der

arme Konrad wieder zu seinen Glaubensgenossen kommt. Und ich verharre

unaufhörlich und zu allen Zeiten

Ihr

bereitwilliger Diener und gehorsamer Freund,

J. M. R. =Lenz=.“

„Ich trage Ihren Brief immer bei mir, und überlese ihn oft: er hat mir

eine große Freude gemacht, und daß Sie sich auch meines Konrad’s so

annehmen.“

3.

„Ich kann in der Eile Ihnen, theurer Herr und Gönner, nichts schreiben

als hundertfältigen Dank, für die Freundschaft und Güte, die Sie für

mich und meinen lieben Konrad haben, an den ich mir die Freiheit nehme,

einige Zeilen mit beizulegen, und Ihnen zu melden, daß ich jetzt nach

Wiswyll hinaus reisen soll, wo ich brav werde Bewegung machen können,

mit der Jagd und Feldarbeit. Ich bin so voller Freude über so viele

glückliche Sachen, die alle nach meines Herzens Wunsch ausgeschlagen

sind, daß ich für Freude nichts Rechtes zu sagen weiß, als Sie zu

bitten, daß Sie doch so gütig sind und Ihr Versprechen erfüllen, dem

ehrlichen Konrad für Sie Arbeit zu geben, weil es mir nicht genug

ist, wenn er bei Ihrem Meister Schuhmacher ist, und nicht auch für

Sie arbeitet. Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich bitte doch um

Nachricht von Ihnen und Ihrer Familie, auch nach Wiswyll. Zwar ist

der Herr Hofrath jetzt nach Frankfurt verreist; der Konrad wird mir

aber Ihr Briefchen schon durch seinen Vater zuschicken: ich werde wohl

einige Zeit ausbleiben. Hunderttausend Grüße Ihrer Frau Gemahlin und

sämmtlichen Angehörigen.

Ihr gehorsamer Freund und Diener

=Lenz=.“

4.

„Eben jetzt, theurer Gönner, erhalte ich noch den Brief von Konrad zu

dem Ihrigen und muß hunderttausend Dank wiederholen, daß Sie so gütig

sind, und für uns beide so viel Sorge tragen, und sich auch nach mir

erkundigen wollen. Auch Herr Süß und seine Frau haben mir aufgetragen,

Ihnen doch recht viele Danksagungen zu machen, für die Güte, die Sie

für ihren Sohn gehabt, und daß der Herr Hofrath nach Frankfurt verreist

sey, sonst würden sie es auch durch ihn haben thun lassen. Gott wolle

Ihnen alles das auf andere Art wieder vergelten, was Sie mir für Freude

gemacht haben. Ich habe jetzt auf lange Zeit genug an des Konrad’s

Brief, den ich im Walde recht werde studiren können. Sagen Sie nur

dem Konrad, er soll Wort halten und seine Eltern vor Augen haben, am

meisten aber Sie, seinen Wohlthäter, und dann auch den Herrn Hofrath

Sch., und dann auch mich, und meinen Zustand der Zeit her, daß es ihm

nicht auch so ergehe, wenn er nicht folgt. Sey’n Sie hunderttausend Mal

gegrüßt alle zusammen, nochmals von Ihrem gehorsamsten

=Lenz=.“

Lenz brachte, ehe er nach Emmendingen kam, einige Monate im obern

Elsaße zu, bei dem ehrwürdigen Patriarchen des Thals, Pfarrer =Luce=,

der durch seine lieblichen Beiträge im =alsatischen Taschenbuche=

bekannt ist. In Kolmar erfreute er sich =Pfeffel=’s Umgang, und

besuchte ihn öfters. Pfeffel schrieb, nachdem er durch Oberlin von

jenen unglücklichen Verirrungen Nachricht erhalten hatte, an diesen:

(25. Hornung 1778) „=Lenz= schrieb uns erst heute von Emmendingen aus,

er habe eine weite Reise vor und wolle uns zuvor noch besuchen. Unser

Mitleid für den armen Menschen übersteigt allen Ausdruck.“ In Freiburg

verkehrte er mit =Jakobi=, dem er Beiträge für seine Iris lieferte.[15]

Der Wahnsinn des Unglücklichen hatte nach und nach eine mildere Gestalt

angenommen und sich in stille Schwermuth verwandelt. Da aber an völlige

Genesung nicht zu denken war, und er auch für jede ernste Beschäftigung

und einen Beruf untauglich blieb, schrieben seine Freunde an seine

Familie, sie möchte ihn zu sich nehmen. Sein älterer Bruder =Karl

Heinrich Gottlieb= holte ihn daher im Sommer 1779 ab und brachte ihn in

seine Heimath. Ein Brief desselben an Salzmann lautet also:

=Erfurt=, den 3. Julius 1779.

„Ich hoffe in der gemachten und mir sehr schmeichelhaften Bekanntschaft

mit Ihnen, schon dahin gekommen zu seyn, daß Sie, wegen der bisherigen

Nichterfüllung meines Versprechens keine große Entschuldigung

erwarten, oder gar mich einer vorsätzlichen Nachlässigkeit hierin

fähig halten werden. Kurz gesagt, so war es die große Eilfertigkeit

meiner Rückreise und die beständige Gegenwart meines Bruders, die mich

bisher dieser Beruhigung beraubt haben, Ihnen die Versicherungen meiner

Hochachtung und Ergebenheit wiederholen zu können.

Ich habe meinen Bruder aus Hertingen (an den Gränzen der Schweiz und

nur drei Stunden von Basel) abholen müssen. Von jener Scene, da ich

ihn nach eilf Jahren wieder gesehen, da er stumm seine Freude blicken

ließ -- lassen Sie mich nichts sagen, weil sie nur gefühlt werden kann.

Ich fand ihn, bis auf eine unglaubliche Schüchternheit, völlig wieder

hergestellt, und auch diese verliert sich von Zeit zu Zeit. Straßburg

mußte ich mit ihm vermeiden, so leid es mir auch that. Die Reise

scheint ihm sehr zuträglich zu seyn, und ich hoffe, daß vaterländische

Luft und geschwisterliche Pflege das Letzte zu seiner völligen Genesung

beitragen werden. Er läßt sich Ihnen bestens empfehlen und hofft

nächstens selbst zu schreiben. -- Unsere Reise geht gegenwärtig, so

schleunig als möglich, nach Lübeck zu, um von dort aus noch zeitig in

die See gehen zu können.

Ueberaus angenehm würde es mir seyn, wenn ich mich einer gütigen

Antwort, unter beiliegender Adresse nach Jena, schmeicheln dürfte: der

benannte Freund wird mir selbige allemal zuzustellen wissen.

Den Herren Simon und Schweighäuser[16] bitte ich ergebenst gelegentlich

die besten Komplimente zu machen. Die Zeit ist mir dießmal zu kurz,

ihnen für die bewiesene gütige Freundschaft schriftlich Dank sagen zu

können.

Leben Sie wohl! und trauen den Versicherungen meiner aufrichtigen

Hochachtung und Ergebenheit.

=Carl Heinrich Gottlob Lenz=.“

=Lenz= starb in Moskau, nicht, wie Tieck vermuthet[17], bald nach 1780,

sondern erst den 24. Mai 1792. „Er starb,“ heißt es in der allgemeinen

Literaturzeitung (1792, Intelligenzblatt Nr. 99) „von Wenigen

betrauert, und von Keinem vermißt. Dieser unglückliche Gelehrte, den

in der Mitte der schönsten Geisteslaufbahn eine Gemüthskrankheit

aufhielt, die seine Kraft lähmte und den Flug seines Genie’s hemmte,

der demselben wenigstens eine unordentliche Richtung gab, verlebte den

besten Theil seines Lebens in nutzloser Geschäftigkeit ohne eigentliche

Bestimmung. Von Allen verkannt, gegen Mangel und Dürftigkeit kämpfend,

entfernt von allem, was ihm theuer war, verlor er doch nie das Gefühl

seines Werthes; sein Stolz wurde durch unzählige Demüthigungen noch

mehr gereizt, und artete endlich in jenen Trotz aus, der gewöhnlich

der Gefährte der edeln Armuth ist. Er lebte von Almosen, aber er

nahm nicht von Jedem Wohlthaten an, und wurde beleidigt, wenn man ihm

ungefordert Geld oder Unterstützung anbot, da doch seine Gestalt und

sein ganzes Aeußere die dringendste Aufforderung zu Wohlthätigkeit

waren. Er wurde auf Kosten eines großmüthigen russischen Edelmannes, in

dessen Hause er auch lange Zeit lebte, begraben.“

II.

Briefe von Lenz

an den Aktuar Salzmann,

aus den Jahren 1772 und 1776.

Aus Salzmann’s literarischem Nachlasse.

(Straßb. Stadtbibliothek.)

1.

=Fort-Louis=, den 3. Juni 1772.

Mein theuerster Freund!

So nenn’ ich Sie, die Sprache des Herzens will ich mit Ihnen reden,

nicht des Ceremoniels. Kurz aber wird mein Brief werden, denn sie ist

lakonisch, lakonischer als Sallustius, lakonischer als der schnellste

Gedanke eines Geistes ohne Körper. Darum hasse ich die Briefe. Die

Empfindungen einer so geläuterten Freundschaft als Sie mich kennen

gelehrt, gleichen dem geistigen Spiritus, der wenn er an die Luft

kömmt, verraucht. Ich liebe Sie -- mehr verbietet mir mein Herz zu

sagen, der plauderhafte Witz ist nie sein Dollmetscher gewesen. Ich

bin wieder in Fort-Louis, nach einigen kleinen Diversionen, die meine

kleine Existenz hier, auf dem Lande herum, gemacht hat. Ob ich mein

Herz auch spatzieren geführt -- -- --

Ich habe die guten Mädchen von Ihnen gegrüßt: sie lassen Ihnen Ihre

ganze Hochachtung und Ergebenheit versichern. Es war ein Mädchen, das

sich vorzüglich freute, daß ich so glücklich wäre, Ihre Freundschaft zu

haben. Mündlich mehr. Ich komme in der Frohnleichnamswoche zuverläßig

nach Straßburg. -- Schon wieder eine Visite -- und schon wieder eine --

Ich bin mit einigen Offiziers bekannt und diese Bekanntschaft wird mir

schon, in ihrer Entstehung lästig. Ich liebe die Einsamkeit jetzt mehr,

als jemals -- und wenn ich =Sie= nicht in Straßburg zu finden hoffte,

so würde ich mein Schicksal hassen, das mich schon wieder zwingt, in

eine lärmende Stadt zurückzukehren.

Was werden Sie von mir denken, mein theuerster Freund? Was für

Muthmaßungen -- Aber bedenken Sie, daß dieses die Jahre der

Leidenschaften und Thorheiten sind. Ich schiffe unter tausend Klippen

-- auf dem Negropont, wo man mir mit Horaz zurufen sollte

_Interfusa nitentes

Vites aequora Cycladas._

Wenn ich auf einer dieser Inseln scheitre -- wäre es ein so großes

Wunder? Und sollte mein Salzmann so strenge seyn, mich auf denselben,

als einen zweiten Robinson Crusoe, ohne Hilfe zu lassen? Ich will

es Ihnen gestehen (denn was sollte ich Ihnen nicht gestehen?), ich

fürchte mich vor Ihrem Anblick. Sie werden mir bis auf den Grund

meines Herzens sehen -- und ich werde wie ein armer Sünder vor Ihnen

stehen und seufzen, anstatt mich zu rechtfertigen. Was ist der Mensch?

Ich erinnere mich noch wohl, daß ich zu gewissen Zeiten stolz einen

gewissen G. tadelte und mich mit meiner sittsamen Weisheit innerlich

brüstete, wie ein welscher Hahn, als Sie mir etwas von seinen

Thorheiten erzählten. Der Himmel und mein Gewissen strafen mich jetzt

dafür. Nun hab’ ich Ihnen schon zu viel gesagt, als daß ich Ihnen

nicht noch mehr sagen sollte. Doch nein, ich will es bis auf unsere

Zusammenkunft versparen. Ich befürchte, die Buchstaben möchten erröthen

und das Papier anfangen zu reden. Verbergen Sie doch ja diesen Brief

vor der ganzen Welt, vor sich selber und vor mir. Ich wünschte, daß ich

Ihnen von Allem Nachricht geben könnte, ohne daß ich nöthig hätte zu

reden. Ich bin boshaft auf mich selber, ich bin melancholisch über mein

Schicksal -- ich wünschte von ganzem Herzen zu sterben.

Den Sonntag waren wir in Ses.[18]; den Montag frühe gieng ich wieder

hin und machte in Gesellschaft des guten Landpriesters und seiner

Tochter eine Reise nach Lichtenau. Wir kamen den Abend um 10 Uhr nach

S. zurück: diesen und den folgenden Tag blieb ich dort. Nun haben Sie

genug. Es ist mir, als ob ich auf einer bezauberten Insel gewesen wäre,

ich war dort ein andrer Mensch, als ich hier bin, alles was ich geredt

und gethan, hab’ ich im Traume gethan.

Heute reiset Mad. Brion, mit ihren beiden Töchtern, nach Saarbrücken,

zu ihrem Bruder, auf 14 Tage und wird vielleicht =ein Mädchen da

lassen=, das ich wünschte nie gesehen zu haben. Sie hat mir aber

bei allen Mächten der L-- geschworen, nicht da zu bleiben. Ich

bin unglücklich, bester, bester Freund! und doch bin ich auch der

glücklichste unter allen Menschen. An demselben Tage vielleicht,

da sie von Saarbrücken zurückkömmt, muß ich mit Herrn von Kleist

nach Straßburg reisen. Also einen Monat getrennt, vielleicht mehr,

vielleicht auf immer -- Und doch haben wir uns geschworen, uns nie

zu trennen. Verbrennen Sie diesen Brief -- es reut mich, daß ich

dieß einem treulosen Papier anvertrauen muß. Entziehen Sie mir Ihre

Freundschaft nicht: es wäre grausam mir sie jetzt zu entziehen, da ich

mir selbst am wenigsten genug bin, da ich mich selbst nicht leiden

kann, da ich mich umbringen möchte, wenn das nichts Böses wäre. Ich bin

nicht Schuld an allen diesen Begebenheiten: ich bin kein Verführer,

aber auch kein Verführter, ich habe mich leidend verhalten, der Himmel

ist Schuld daran, der mag sie auch zum Ende bringen. Ich werfe mich in

Ihre Arme als

Ihr melancholischer =Lenz=.

Am Rande dieses Briefes steht noch:

Haben Sie die Gütigkeit, der ganzen Tischgesellschaft meine Ergebenheit

zu versichern.

Ums Himmels, um meines Mädchens und um meinetwillen, lassen Sie doch

Alles dieß ein Geheimniß bleiben. Von mir erfährt es Niemand als mein

zweites Ich.

2.

=Fort-Louis=, den 10. Junius.

Guter Sokrates!

Schmerzhaft genug war der erste Verband, den Sie auf meine Wunde

legten. Mich auszulachen -- ich muß mitlachen, und doch fängt meine

Wunde dabei nur heftiger an zu bluten. Nur fürchte ich -- soll ich

Ihnen auch diese Furcht gestehn? Ja da sie mein Herz einmal offen

gesehen haben, so soll kein Winkel Ihnen verborgen bleiben. Ich

fürchte, es ist zu spät an eine Heilung zu denken. Es ist mir wie

Pygmalion gegangen. Ich hatte mir zu einer gewissen Absicht in meiner

Phantasie ein Mädchen geschaffen -- ich sah mich um und die gütige

Natur hatte mir mein Ideal lebendig an die Seite gestellt. Es gieng

uns Beiden wie Cäsarn: _Veni, vidi, vici_. Durch unmerkliche Grade

wuchs unsere Vertraulichkeit -- und jetzt ist sie beschworen und

unauflöslich. Aber sie ist fort, wir sind getrennt: und eben da ich

diesen Verlust am heftigsten fühle, kommen Briefe aus Straßburg und

-- Vergeben Sie mir meinen tollen Brief! Mein Verstand hat sich noch

nicht wieder eingefunden. Wollte der Himmel, ich hätte nicht nöthig,

ihn mit Vetter Orlando im Monde suchen zu lassen. Ich bin, um mich zu

zerstreuen, die Feiertage über, bei einem reichen und sehr gutmüthigen

Amtsschulz in Lichtenau zu Gast gewesen. Ich habe mich an meinem Kummer

durch eine ausschweifende Lustigkeit gerächt: aber er kehrt jetzt nur

desto heftiger zurück, wie die Dunkelheit der Nacht hinter einem Blitz.

-- Ich werde nach Straßburg kommen und mich in Ihre Kur begeben. Eins

muß ich mir von Ihnen ausbitten: schonen Sie mich nicht, aber -- lassen

Sie meine Freundin unangetastet. Den Tag nach meinem letzten Briefe

an Sie, gieng ich zu ihr: Wir haben den Abend allein in der Laube

zugebracht; die bescheidene, englischgütige Schwester unterbrach uns

nur selten und das allezeit mit einer so liebenswürdigen Schalkheit.

-- Unser Gespräch waren Sie -- ja Sie, und die freundschaftlichen

Mädchen haben fast geweint für Verlangen, Sie kennen zu lernen. Und

Sie wollten, mit gewaffneter Hand, auf sie losgehen, wie Herkules auf

seine Ungeheuer? -- Nein, Sie müssen sie kennen lernen und ihre Blicke

allein werden Sie entwaffnen. Ich habe meiner Friedericke gesagt, ich

könnte für Sie nichts geheim halten. Sie zitterte, Sie würden zu wenig

Freundschaft für eine Unbekannte haben. Machen Sie diese Furcht nicht

wahr, mein guter Sokrates! Uebrigens thun Sie was Ihnen die Weisheit

räth. Ich will mich geduldig unterwerfen. Es ist gut, daß Sie meinen

freundschaftlichen Ott nicht mit meiner Thorheit umständlich bekannt

machten. Ich verbärge mich gern vor mir selbst, nur nicht vor Ihnen.

Leben Sie wohl!

Gestern ist der Herr Landpriester bei mir zu Gast gewesen. Es ist ein

Fielding’scher Charakter. Jeder Andere würde in seiner Gesellschaft

Langeweile gefunden haben; ich habe aber mich recht sehr darin amusirt;

denn ein Auge, womit ich ihn ansah, war poetisch, das andere verliebt.

-- Er läßt sein Leben für mich und ich für seine Tochter.

3.

=Fort-Louis=, den 28. Juni.

Gütigster Herr Aktuarius!

Ich habe einen empfindlichen Verlust gehabt, Herr Kleist hat mir Ihren

und meines guten Ott’s Briefe recht sorgsam aufheben wollen und hat

sie so verwahrt, daß er sie selbst nicht mehr wieder finden kann. Ich

bin noch zu sehr von der Reise ermüdet, als daß ich Ihnen jetzt viel

Vernünftiges schreiben könnte. Denn ich habe noch fast keine Minute

gehabt, in der ich zu mir selbst hätte sagen können: nun ruhe ich.

Eigene und fremde, vernünftige und leidenschaftliche, philosophische

und poetische Sorgen und Geschäfte zertheilen mich. Mein Schlaf

selber ist so kurz und unruhig, daß ich fast sagen möchte, ich wache

des Nachts mit schlafenden Augen, so wie ich des Tages mit wachendem

Auge schlafe. In Sesenheim bin ich gewesen. Ist es Trägheit oder

Gewissensangst, die mir die Hand zu Blei macht, wenn ich Ihnen die

kleinen Scenen abschildern will, in denen ich und eine andere Person,

die einzigen Akteurs sind. Soviel versichere ich Ihnen, daß Ihre weisen

Lehren bei mir gefruchtet haben und daß meine Leidenschaft dieses Mal

sich so ziemlich vernünftig aufgeführt. Doch ist und bleibt es noch

immer Leidenschaft -- nur das nenne ich an ihr vernünftig, wenn sie

mich zu Hause geruhig meinen gewöhnlichen centrischen und exzentrischen

Geschäften nachhängen läßt, und das thut sie, das thut sie. Die beiden

guten Landnymphen lassen Sie mit einem tiefen Knicks grüßen. -- --

Mein Trauerspiel (ich muß den gebräuchlichen Namen nennen) nähert sich

mit jedem Tage der Zeitigung. Ich habe von einem Schriftsteller aus

Deutschland eine Nachricht erhalten, die ich nicht mit vielem Golde

bezahlen wollte. Er schreibt mir, mein Verleger, von dem ich, durch

ihn, ein unreifes Manuscript zurück verlangte, habe ihm gesagt, es wäre

schon an mich abgeschickt. Noch sehe ich nichts. Lieber aber ist mir

dies, als ob mir Einer einen Wechsel von 1000 Thalern zurückschenkte.

Lesen Sie dieß andere Blatt[19] in einer leeren Stunde. Unsere letzte

Unterredung und die darauf folgende schlaflose Nacht, hat diese

Gedanken veranlaßt. Schreiben Sie Ihr Urtheil drüber

Ihrem ergebensten =Lenz=.

4.

Mein theurer Sokrates!

Ich umarme Sie mit hüpfendem Herzen und heiterer Stirne, um Ihnen eine

Art von Lebewohl zu sagen, das in der That nicht viel zu bedeuten

hat. Einige Stunden näher oder ferner machen, für den Liebhaber

erschrecklich viel, für den Freund aber nichts. Der Erste ist zu

sinnlich eine körperliche Trennung zu verschmerzen, der andere aber

behält, was er hat, die geistige Gegenwart seines Freundes, und achtet

die zwei Berge oder Flüsse mehr oder weniger nicht, die zwischen ihm

und seinem Gegenstande stehen. Nur das thut mir wehe, daß ich nicht so

oft werde nach Straßburg kommen können, indessen soll es dafür jedesmal

auf desto längere Zeit geschehen. Ich denke, Sie werden mich nicht

vergessen, meinerseits sind die Bande der Freundschaft so stark, daß

sie noch hundert Stunden weiter gedehnt werden können, ohne zu reißen.

Bis in mein Vaterland hinein -- bis ins Capo de Finisterre, wenn Sie

wollen. -- In Ihrem letzten Briefe haben Sie mir Unrecht gethan.

Wie, mein liebenswürdiger Führer, ich sollte wie ein ungezähmtes Roß

allen Zaum und Zügel abstreifen, den man mir überwirft? Wofür halten

Sie mich? Ach jetzt bekomm’ ich einen ganz andern Zuchtmeister.

Entfernung, Einsamkeit, Noth und Kummer, werden mir Moralen geben, die

weit bitterer an Geschmack seyn werden, als die Ihrigen, mein sanfter

freundlicher Arzt. Wenn ich mit Ihnen zusammenkomme, werde ich Ihnen

viel, sehr viel zu erzählen haben, das ich jetzt nicht mehr der Feder

anvertrauen kann. Auftritte zu schildern, die weit rührender sind, als

alles, was ich jemals im Stande wäre zu erdichten, Auftritte, die, wenn

Sie Ihnen zugesehen haben würden, Sie selbst noch (meinen Sokrates) zu

weinen würden gemacht haben. Noch ist meine Seele krank davon. Sie sind

mein bester Freund auf dem Erdboden, Ihnen, aber auch nur Ihnen, will

ich Alles erzählen, sobald ich Sie spreche. Zeigen Sie diese Stelle

meines Briefes, nicht meinem guten Ott -- wenn er nicht noch Jüngling

wäre, wenn er die Stufe der Weisheit erstiegen hätte, würde ich über

diesen Punkt nicht gegen ihn zurückhaltend seyn.

Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen; nebst Gedichten und Anderm von Lenz und Göthe · 第 2 / 6 段