In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner

Mutter, ein Fräulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen

Goethe später den Stoff hernahm zu den in seinem "Wilhelm Meister"

enthaltenen "Bekenntnissen einer schönen Seele." Sein Verhältniß zu dem

Fräulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schwärmerischen Richtung

ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn gänzlich entfremdet, sich nur mit

dem ewigen Heil der Seele beschäftigte, doch nicht ohne Einfluß auf

Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls hätte er indeß seine Zeit besser

verwenden können, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch

Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie geführt. Mit

Hülfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des

Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so

unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise

bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die

Reihe seiner Lieblingsbeschäftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen

schweifte seine Thätigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben

schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.

Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines

Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. "Meine gegenwärtige Lebensart,"

schrieb Goethe, "ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel,

Papier, Feder und Dinte und zwei Bücher ist mein ganzes Rüstzeug; und auf

diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntniß der Wahrheit oft so nah und

weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein großer Gelehrter

ist selten ein großer Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert

hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts

wahr, als was einfältig ist. Freilich eine Recommendation für die wahre

Weisheit! Wer den einfältigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still.

Demuth und Bedächtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer

Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem

lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit

wird meinen Fleiß segnen, daß er ausführen kann, was angefangen ist. Wenn

man anders denkt, als große Geister, so ist es gewöhnlich ein Zeichen eines

kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein großer

Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt,

dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O meine Freundin, das

Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist

Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht,

Dämmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In

ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein

Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreifen."

In dankbarer Rückerinnerung an seinen "lieben Oeser" schrieb Goethe den 20.

Februar 1770 an den Buchhändler Reich in Leipzig: "Nach Oeser und

Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich für meinen ächten Lehrer

erkenne. Andere hatten mir gezeigt, daß ich fehlte; diese zeigen mir, wie

ich's besser machen sollte." Der erwähnte Brief enthielt zugleich einige

charakteristische Bemerkungen über Wieland. "Mein Urtheil über den Diogenes

von Sinope," schrieb Goethe, "werden Sie nicht verlangen. Empfinden und

Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar

loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er.

Aber geärgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit

Recht. Wieland hat das Unglück, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht

ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muß

man sich ärgern, wenn Leute ihre Mißverständnisse dem Publikum für

Erklärungen verkaufen." Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse

seines Briefes in den Worten aus. "Wenn Sie diesem großen Autor schreiben

oder ihn sprechen, so haben Sie die Güte, ihm einen jungen Menschen bekannt

zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu schätzen,

aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren."

Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beimaß,

bewies er durch den ausgeführten Entschluß, den größten Theil derselben,

bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere

unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur

"die Laune des Verliebten" und "die Mitschuldigen." Das zuletzt genannte

Stück erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Beschäftigungen

wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Straßburg. Dort sollte

Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den

juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung

nicht auf, aus seinem Sohne einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu bilden.

Vom Münster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Straßburg, die

Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so

anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes,

einer langen und sehr belebten Straße, bezog er eine freundliche Wohnung.

Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die

er empfohlen worden war. Ein großer Theil der Studirenden in Straßburg

widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an

der Medicin. Im zweiten Semester hörte er Chemie bei Spielmann, und

Anatomie bei Lobstein, ohne darüber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu

vernachlässigen. Mit Hülfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde,

der Actuar Salzmann, empfahl, ergänzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in

dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.

An Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien fehlte es ihm in Straßburg

eben so wenig, wie während seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war für

ihn das fröhliche Leben im Elsaß. Manchen Sommerabend brachte er mit

einigen Freunden in öffentlichen Gärten und andern Lustorten zu. Auch

unternahm er häufig Ausflüge, vorzüglich in die romantischen

Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn

überall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den

Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit

im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht

liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu

verstoßen.

Unstreitig das wichtigste Ereigniß während seines Aufenthalts in Straßburg

war die persönliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des

gemüthskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg kam. Einen lange

gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erfüllt, als ihm gegönnt war, sich dem

berühmten Manne zu nähern, der durch seine "Fragmente zur deutschen

Literatur", durch seine "kritischen Wälder" und andere Schriften das

Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In

dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung.

Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher

Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er

einem Geistlichen ähnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in

spätern Jahren von Herders Persönlichkeit entwarf, war "sein Gesicht rund,

die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen,

aber höchst individuell angenehm und liebenswürdig. Unter schwarzen

Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung

nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entzündet war, und von

Lobstein operirt werden sollte."

Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer

eigenthümlichen Anziehungskraft, übte Herder, obgleich er nur fünf Jahre

älter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, daß

er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner

Jugendbeschäftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und

seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung

herabzusetzen, die Goethe für ihn empfand. Er verdankte ihm einen großen

Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz

andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel,

durch die von Herder in seinem Werke: "Vom Geist der hebräischen Poesie"

gesammelten Blüthen morgenländischer Dichtkunst. Ueberall eröffnete ihm

Herder einen freiern Blick in das große Gebiet der Literatur. Besonders

ward Goethe durch ihn mit den vorzüglichsten Erzeugnissen der englischen

Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einfluß würde Herder auf

Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine unersättliche Wißbegierde

nicht oft zurückgeschreckt hätte durch allerlei sarkastische Bemerkungen,

die besonders Goethe's Selbstgefälligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht

vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an

poetischen Gegenständen, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern

Ritter Götz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu wählen.

Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, gehörten außer

Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der

unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in

Straßburg. Goethe rühmte in spätern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus für

alles Gute, Wahre und Rechte. "Unverwüstlich, äußerte Goethe, war sein

Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende Hülfe. Sein

Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott." Eine

eigenthümliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach

Goethe's eignem Geständniß, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im

Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen Händeln,

die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erklärungen beseitigen

ließen. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe später in seinem "Götz

von Berlichingen." Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er

den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der später

(1792) in Geisteszerrüttung zu Moskau starb. Die Excentricität Shakspeare's

und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden,

war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von

Love's labour's lost und durch die derselben beigefügten Anmerkungen über

das Theater bewies. Wie er, fühlte sich auch Goethe nicht zurückgestoßen

durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entschädigt

durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln

bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten

Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.

Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die

anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er

Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken

im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei

denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem

Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe

Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe

durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach

übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem

Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging,

ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger

Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten

Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft

durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war

sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei

denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von

Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn

Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte

mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in

denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den

Actuar Salzmann in Straßburg.

"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr

nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen

Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt,

da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er

schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem

hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur

halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die

Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen

ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den

Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin

manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche

Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer

Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik

nicht faßt, und keiner gut verträgt."

Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an

ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer

auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine

Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit

Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an

die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische

Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner

eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein

berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von

welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften."

Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die

Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen

Freunden waren die Opponenten.

Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab

nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später

mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal

Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall

begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach

Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde

entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es

wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen

Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch,

nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken

vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.

Goethe's Empfang im elterlichen Hause übertraf seine Erwartungen. Erfreut,

seinen Sohn durch die erlangte Doctorwürde seinem künftigen Beruf um einen

Schritt näher gerückt zu sehen, ließ Goethe's Vater den Beifall, den er der

Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufsätze und Skizzen

übergehen, die Goethe während seines Aufenthalts in Straßburg entworfen

hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, außer

seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder,

einen tüchtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die

Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in

Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.

Wichtig und einflußreich ward für Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der

damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen

Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unerschütterliche Redlichkeit

und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich

in mehrfacher Hinsicht für Goethe und dessen Talente, und väterlich warnte

er ihn, seine Thätigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu

zersplittern. Er ermunterte ihn, seine Fähigkeiten und Kräfte zu

concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit

wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen

Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum "Faust" und "Götz von

Berlichingen."

Durch die Beschäftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war

Goethe in das fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zurückgeführt worden.

Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorglänzten,

näherten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religiöser

Gefühle und Meinungen. Er übte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen

Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern

Studium machte er das Dogma von der Erbsünde. Ausführlich erörterte er

diese Lehre in einem dem Druck übergebenen Briefe, den er unter der Maske

eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich

von einem Landpfarrer in Schwaben verfaßt, war der von Goethe

herausgegebene "Versuch einer gründlichen Beantwortung einiger bisher

unerörterten biblischen Fragen." Ueber den Inhalt der zuletzt genannten

Schrift legte Goethe selbst in spätern Jahren das offene Bekenntniß ab:

"Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden

zu haben, daß nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, daß

die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste

gewandert wären u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen

Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner

Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu

machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit

ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet,

sich viele Theilnahme zu verschaffen." Die erwähnten kleinen Schriften, ein

Verlagsartikel des Buchhändlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen

1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten

Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er

wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel

"Götz von Berlichingen." Manche historische Studien waren ihm dabei

unerläßlich. Dem Werke von Datt: de pace publica verdankte er manche

Aufklärung der dunkeln Zeitperiode, in der sein Stück spielte. Seine

Stimmung, während er mit seinem dramatischen Werke beschäftigt war,

schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den

Actuar Salzmann in Straßburg. "Sie kennen mich so gut," schrieb er, "und

dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist

eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, daß mich

dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die

lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es

lange, und koste es was es wolle, ich stürze mich drein. Dießmal sind keine

Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen,

worüber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire

die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines

braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen

wahren Zeitvertreib, den ich so nöthig habe. Es ist traurig, an einem Orte

zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich ziehe

mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es wäre aber eine

traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir fühle, auf

ein Object würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir

möglich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu

vergnügen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von

ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft wünsche ich Sie

hierher, um Ihnen ein Stückchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von

Ihnen zu hören. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt

[bleibt] das Nest, Nidus, wenn Sie wollen, wohl um Vögel auszubrüten,

sonst auch figürlich Spelunca. Gott helfe aus diesem Elend, Amen." In

einem spätern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem

Freunde für den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des Götz von

Berlichingen zollte, und fügte hinzu. "Das Diarium meiner Umstände ist, wie

Sie wissen, für den geschwindesten Schreiber unmöglich. Inzwischen haben

Sie aus dem Drama gesehen, daß die Intentionen meiner Seele dauernder

werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten

erweitern sich täglich, und Hindernisse räumen sich weg. Ein Tag mag bei

dem andern in die Schule gehen; denn einmal für allemal, die Minorennität

läßt sich doch nicht überspringen."

So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, ließ

sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gefühl dadurch nicht

beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er fühlte

Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu können. Losreißen mußte er sich

von der düstern Stimmung, die sich seiner bemächtigte und seine ganze

Thätigkeit zu lähmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der

freien Natur fühlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den

Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt

umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg

einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner

lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: "Wanderers

Sturmlied", das er, während er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor

sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschränkte er

seine Streifzüge blos auf Frankfurt und die Vorstädte dieses Orts. Er kam

dadurch mit den verschiedenen Ständen und Volksklassen in Berührung. In

einem Briefe vom ersten Juni 1773 erzählte Goethe, wie er rüstig Wasser

herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer

löschen zu helfen. "Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten

Empfindungen", schrieb er, "haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt.

Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und

bin überzeugt worden, daß es doch die besten Menschen sind."

Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Thätigkeit nicht

unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen

Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders

"älteste Urkunde des Menschengeschlechts" auf ihn gemacht, konnte er sich

selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des

elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden dänischen Consul

Schönborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk "ein so mystisch

weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Aeste lebende

Welt, daß weder eine Zeichnung nach verjüngtem Maßstabe einigen Ausdruck

der Riesengestalt nachäffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile

melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen könnte.

Herder", fügte er hinzu, "ist in die Tiefen seiner Empfindung

hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur

aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, hie und da

morgenfreundlich lächelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf über die

neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten,

Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer

und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt."

Mit dieser glühenden Begeisterung für Herder contrastirte ein in diesem

Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht

sonderlich günstige Beurtheilung des Götz von Berlichingen im deutschen

Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekränkt hatte und dadurch in seiner frühern

Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die

Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgfältig schrieb er

sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes Sängers ab, und freute

sich sehr, als die Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste

Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch für die von diesem

Schriftsteller damals herausgegebene "Deutsche Gelehrtenrepublik"

interessirte sich Goethe lebhaft. "Dies herrliche Werk", schrieb er, "hat

mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und

Völker, die einzigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des

Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm

Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten

von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten

Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicität

hingeschrieben. Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die

Recensentenschaar geführt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht

seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschwört, sich nicht wie

ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird

nichts; denn hier fließen die beiden Quellen bildender Empfindung lauter

aus dem Thron der Natur."

Eine der eigenthümlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen

Welt war Lavater. Es hieß, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen

merkwürdigen Mann kennen zu lernen, war für Goethe von hohem Interesse. In

einem Briefe an Schönborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's "Mangel an

selbstständigem Gefühl," und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in

den Worten: "Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig

gepeinigt, weil ein kranker Körper und ein schweifender Geist ihm die

collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich

selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man

ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich

Räthsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich

lebenden und wirkenden Herzen redet."

Sein Urtheil über Lavater änderte Goethe, als er ihn bald nachher

persönlich kennen lernte. "Er war", schrieb er den 4. Juli 1773, "vier Tage

bei uns, und ich habe wieder gelernt, daß man über Niemand reden soll, wenn

man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater

sagt so oft, daß er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der

schönere Stärken gehabt hätte, als er. In seinem Element ist er unermüdet

thätig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und

Unschuld. Ich habe ihn nie für einen Schwärmer gehalten, und er hat noch

weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine

Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Natur in

seine Seele prägen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen

spricht und handelt, und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versetzen

scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens

führt,--kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.--Seine

Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird große

Beiträge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und

Portraitmaler unentbehrlich seyn."

Während Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick

beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Thätigkeit. Einige

Auskunft über mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe

an Schönborn vom 1. Juni 1773. "Allerlei Neues," schrieb er, "hab' ich

gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin

ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung

und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich

durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende

Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor

den Kopf schießt. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine

moderne Anecdote dramatisirt, mit möglichster Simplicität und

Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner

Mensch, der Pendant zum Weislinger im Götz, vielmehr Weislinger selbst in

der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich

im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte.

Noch einige Pläne zu großen Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen."

In diesem Briefe gestand Goethe, daß er "zwar nicht aus Frankfurt gekommen,

doch ein so verworrenes Leben geführt habe, daß es ihm an neuen

Empfindungen und Ideen nie gemangelt." Der Zeitpunkt war indeß nahe, wo er,

nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach

Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der

juridischen Praxis zu üben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes für

ihn. Er fürchtete, daß in Wetzlar, außer dem Civil- und Staatsrecht, ihm

nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und daß besonders seine Liebe

zur Poesie dort wenig Nahrung finden möchte. In letzterer Hinsicht sorgte

das Schicksal für ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's

verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters für die französischen

Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm

und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund

ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie

unter andern das treffliche Gedicht: "der Wanderer," in dem Göttinger

Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in nähere Berührung

mit dem Göttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Voß,

Bürger, Hölty u.A. gehörten. Die hohe Verehrung, welche die genannten

Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Maße theilen.

Seine frühere Begeisterung für den Sänger des Messias hatte eine Grenze

gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie,

die Nomenclatur der nordischen Götterlehre eingeführt hatte.

Unter seinen mannigfachen poetischen Beschäftigungen, besonders einem

eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch täglich wiederkehrende

Gespräche über den Zustand des Visitationsgerichts und über so manche dabei

obwaltende Hindernisse und Mängel auf unangenehme Weise daran erinnert, daß

er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachlässigkeiten,

Versäumnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. ermüdete ihn.

Zerstreut durch öffentliche Amtsgeschäfte, wollte ihm keine ästhetische

Arbeit gelingen. Erwünscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn

ergangene Aufforderung zu Beiträgen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen.

Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von

Goethe für die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren

großentheils Nachklänge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich

darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem

trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte.

Heftig bekämpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnatürliche in jenen

Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in spätern Jahren ihm

eignen Ruhe und Besonnenheit.

Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in

Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin

Sophie la Roche, und außer ihr besonders den durch seine anziehende

Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen

Charakter Goethe später mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel "Pater

Brey" schilderte. Manche Ausflüge unternahm Goethe in die Umgegend, unter

andern nach Ehrenbreitstein.

Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als

er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war,

gestaltete sich der Stoff zum "Götz von Berlichingen", den er lange mit

sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor

seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, daß es die Grenzen der

dramatischen Form völlig zu überschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia

konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie äußerte oft ihre Zweifel

an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in spätern Jahren erzählte, war er mit

seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil,

denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst über

sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in spätern Jahren. Mit

den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den

folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine

wunderbare Leidenschaft unbewußt hingerissen.

"Ich hatte," gestand Goethe, "indem ich mich bemühte, Adelheid

liebenswürdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillkürlich war

meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm

überhand, und wie ohnehin gegen das Ende des Stücks Götz außer aller

Thätigkeit gesetzt, nur zu einer unglücklichen Theilnahme am Bauernkriege

zurückkehrte, so war nichts natürlicher, als daß eine reizende Frau ihn bei

mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberfluß

erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen

und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos

leidenschaftlich war, auszulöschen, wobei ich freilich manches aufopferte.

So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer

grausen nächtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre schöne

Gegenwart Wunder thun ließ. Eine nähere Prüfung verbannte diese Scene, so

wie auch der im vierten und fünften Act umständlich ausgeführte

Liebeshandel zwischen Franz und seiner gnädigen Frau sich in's Enge zog,

und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete."

Goethe entschloß sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in

einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den

"Götz von Berlichingen" in seiner ursprünglichen Gestalt und eine spätere

Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch

unzufriedener mit dieser Umformung seines Stücks, als Merk. Er drang auf

die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon

früher bei den "Mitschuldigen," keinen Verleger finden konnte, die

Druckkosten zu übernehmen, wenn Goethe für die Anschaffung des Papiers

sorgen wollte. So ward der "Götz von Berlichingen" 1773 zu Hamburg gedruckt

und bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters,

der sich, nach seinem eignen Geständnisse aus späterer Zeit, "bei sehr

erschöpfter Casse in großer Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen

sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte."

Der Stoff, den Goethe gewählt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung

geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgefühl Luft machte, hatte er den

deutschen Patriotismus genährt, der durch Klopstocks "Hermannsschlacht" und

die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener

"wilden dramatischen Skizze," wie Goethe sein Schauspiel in spätern Jahren

nannte, war um so größer, je edler und einnehmender die poetische Gestalt

des historischen Götz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden,

gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsthülfe zu greifen. Unter dem

Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als

auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel,

besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu glänzenden Farben geschildert,

und der gesetzlosen Willkühr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe

schien sich um die über sein dramatisches Product gefällten Urtheile wenig

zu kümmern. Belustigend aber war für ihn die Idee eines Buchhändlers, der

ihn aufforderte, ein Dutzend solcher Stücke zu schreiben, und sie gut zu

honoriren versprach.

Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entwürfen harmonirten nicht die völlig

heterogenen Geschäfte, denen er sich in Wetzlar widmen mußte. Die kalte

Wirklichkeit, die seine Ideale zerstörte, erzeugte in ihm einen tiefen

Unmuth und beinahe völligen Lebensüberdruß, der noch verstärkt ward

durch die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande.

Durch den vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines

Amtmanns in Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen

Gesandschaftssecretär Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere

auszufüllen, die das aufgelöste Verhältniß mit der Pfarrerstochter in

Sesenheim in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Oft allein mit dem

Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spaziergängen,

fühlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward

ihm gleichgültig, da seine hochfliegende Phantasie überall an die Schranken

einer bürgerlichen Existenz im gewöhnlichsten Sinne des Worts stieß, die

ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gewährte. In seiner unmuthigen

Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu

nehmen. Um so erschütternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner

Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten

Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft

zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt,

hatte jener unglückliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.

Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses,

unternahm es Goethe, in seinem "Werther" den qualvollen Zustand zu

schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden,

setzte sein Gemüth in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es,

daß er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen

Unterschied zuläßt zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach

Goethe's eignem Geständniß in späterer Zeit schrieb er, jede äußere Störung

so viel als möglich vermeidend, den "Werther" in vier Wochen, ohne zuvor

einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans

ausgeführt zu haben. Er ward beinahe vergöttert wegen seines Werks, fand

aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das

unglückliche Ende seines schwärmerischen Helden manche zu gleicher That

reizte.

Dem vielfachen Unheil, daß man jenem Roman mit und ohne Grund beimaß, wäre

zufälliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch

die Gleichgültigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den

Entschluß ausgeführt hätte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchhändler

Weygand in Leipzig war Goethe über den Verlag seines Romans einig geworden.

Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief

Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden.

Der "Werther" erschien 1774, und bereits im nächsten Jahre eine neue

Ausgabe mit einigen Zusätzen und mit einigen späterhin weggelassenen Versen

auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.

Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte

sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem

stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld,

durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung

umhergetrieben worden war."

In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks

äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten:

"Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine

schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so

hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts

von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten,

die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An

einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen

Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe

durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen

in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte

blieben ungedruckt.

Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des

unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn

gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des

Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals

(1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen

Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe

doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine

Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten

schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter

Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen

gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den

"Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der

Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem

Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er

täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen

Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner

unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die

Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu

seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.

Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und

ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript

mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen

Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir

gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab'

ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein

wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem

Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich

gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte

er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine

Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen

Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten

Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal

Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung

seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du

mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung,

so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu

handeln, amüsiren."

Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer

den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders

Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief

Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus

Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige

charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen

Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen,

da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen,

der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und

von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.--Bin ich nicht

resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht

ein Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren

Worten auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine

Experimental-Psychologie meines Innern euch darlege, daß ich ein Mensch

bin, daher nicht anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles,

was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht,

weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum,

ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller

Controversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.--Und daß du mich ewig

mit Zeugnissen quälen willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin?

Zeugniß, daß ich fühle? Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an,

die mir darlegen, wie Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben,

was mich kräftigt und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort

Gottes, mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt

oder als Fragmente hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich

dem Bruder um den Hals--Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza

oder Macchiavell! Darf aber auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht

dir's doch wie mir. Im Einzelnen sentirst Du kräftig und herrlich; das

Ganze aber ging in deinen Kopf so wenig, als in den meinigen."

Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als

dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das

Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es,

wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem

schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals

jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach

Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach

Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in

der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei

seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste

vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte

sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten

Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete,

fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die

gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe

mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in

einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei

Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die

Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell

vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden

Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln

versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der

schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick

geradezu verrückt hätte werden müssen.

Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und

Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi

an, die er in Cöln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh

ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und

Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene

Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann

Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen

philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre

Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die

Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an

Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war,

sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich

entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm

geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so

ward die Liebe unter uns."

In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi

gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner

Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld

zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte,

bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und

zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit

Adlersflügeln."

Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach

Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte

sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei,

gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem

großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein,

wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe

seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt

ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's

dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils

vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das

in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte

Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die

Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die

Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet,

von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken

aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit

(1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais

geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten.

Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe

seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den

Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen

Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung

der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel

"Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product,

das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für

sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab.

Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten

erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft

interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog

Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder,

dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen

Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch,

vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath

nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme

erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom

21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den

Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer

verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe

seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel

verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar

und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die

Weltrolle zu Gesichte steht."

Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis

in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht

mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle

Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der

auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun

gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann

eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß

man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt,

nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und

man lernt mit wenig Bewegung viel thun."

Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein

bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat

mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so

sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so

wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich

ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem

Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz

hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz,

das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und

stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in

der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee,

und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß

der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor

Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße

wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage

allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit

findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt

enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin

bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode,

einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine

unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu

Wernigerode kennen gelernt hatte.

Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch

sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines

poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals

sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am

Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn

zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte

Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die

Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen

auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe

vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In

einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das

ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend

seine Gegenwart.

"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte

ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese

Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und

gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles

Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen,

ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal

in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet.

Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe,

sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen."

Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm

erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg

und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern

an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten

jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst

hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und

Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die

Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof

die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine

Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals

Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein

unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater

auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner

"Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und

ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer

Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als

Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für

theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das

dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias."

Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von

Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in

Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten.

Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter

aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich

sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und

zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen

Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei

Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger.

Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in

preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten

drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen

worden bin."

Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte

diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn

kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr

wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im

Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich

in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee,

bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich

rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem

Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine

einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst

sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen

und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische

Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im

Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher,

Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken

sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige

Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen,

jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei

Söhne, eine Mutter--der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld

hatte die Inschrift: Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex

Voto. Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf

dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen

Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer

langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den

ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des

Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit

günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet

von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet,

dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere

Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind,

und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet

wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder

zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere

Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die

Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten

durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich

beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte,

"der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser

Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm

gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß,

daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war.

Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte

Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn

wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig

beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit

einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den

28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft

seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir

vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen

und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und

Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere

Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin

manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir

z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts,

als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es

hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie

und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall

einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A.

und O.--Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom

ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u.

s. w. göttlicher--wenn je was Göttliches da seyn soll--als die sieben

Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus

der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe

Geduld mit mir, wie bisher.--Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie

liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse

enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das

willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht

sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du

siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der

Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu

zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen."

Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den

nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters

gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im

traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre

individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende

Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine

Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel

Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal

gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es

mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du

dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber

empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden,

vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen

lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen

andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus

diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von

Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von

statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind

darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der

innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des

ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen

Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden

deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch

dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen

kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander

bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht.

Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von

dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein

Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem

Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."

In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung

von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der

Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der

Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise

ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse

Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel

und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."

Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche

literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der

wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im

Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung

componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit

mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele

Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele

Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich

erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und

ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich

zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und

Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner

Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des

Publici brennen lassen."

Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die

Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre",

schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses

als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner

kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen,

und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk

daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und

seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich

ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe

bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um

die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu

Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und

allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's

Bockshorn zu jagen."

Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren

Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das

Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem

Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die

Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des

dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von

jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch

gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band,

der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen

bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister

verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht

unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere

Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte

mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als

sonst vielleicht geschehen wäre."

Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen

Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse

die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an

Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und

die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils

besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen.

Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre

täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes,

der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit,

Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen

hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz

einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die

er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf,

dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf

die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes

gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches

Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."

Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt

Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das

Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach

seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen

Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der

Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem

das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel"

vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den

ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu

deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem

er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."

Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in

späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen.

Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht

mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt",

und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle.

"A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr

Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den

wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung

von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner

Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für

uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und

nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß

Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen

Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest,

die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon

glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du

einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner

höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."

Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den

mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit

zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands

Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon

gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen

Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern

Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie

Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon

als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."

Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni

1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste

nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an

Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie

wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber

bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die

Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du

im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir

sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir

ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und

aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade

durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch

blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere

unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt,

herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem

solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts

hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl,

die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte

Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."

Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren

Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf

das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei

Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über

die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel

"Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen

Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils

ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des

Weimarischen Hofes veranlaßt ward.

Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste

Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten

Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's

Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen

Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24.

Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner

Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern

Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so

weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander

lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir

niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue

mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's

Herz gekommen bin."

In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein

gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne

Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei

Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem

er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich

erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner

Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers

seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben

unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.

Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein

lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der

Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend,

besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf

seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom

11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger

Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke

ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf

ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch,

der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der

Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des

höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische,

Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis

Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die

meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und

finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen

Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles

zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen

kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt

die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf

einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander

gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich

erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden

umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen.

Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße

bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und

Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist

die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für

allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im

höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen

sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil

das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt."

Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der

Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und

Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten

hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach

einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl

beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe,

daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der

Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch

so vieles Andere nicht fallen lassen."

In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater

geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern.

Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand

angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der

Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein

Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat."

Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In

einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß

Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft

verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut,"

schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich

mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß

ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen

genug."

Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse

erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß

bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen

des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir

gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die

stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft

über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel."

Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni

1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt

ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große

Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse

wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft

hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort

einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht."

Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner

Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater,

"geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben,

und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes

beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert

zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte

menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der

reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde."

Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen

eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch

unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den

Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen.

Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der

Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen

Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14.

November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich

wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn

möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in

Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig

schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht

über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch

noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie

es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an

Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von

einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue

Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen."

Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit

seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben

Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn

nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete

Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter

vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen

Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das

Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die

erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge

zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen

Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe

dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge,

die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das

sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts-

und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter

Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich

fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden

einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen."

Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in

Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem

Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern

auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst,

sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht.

Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich

wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte

sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich

nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts

weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."

Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem

Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit

Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir

noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war

mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über

diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß

sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft

gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen

wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige

Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein

Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters

Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu

antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles.

Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben

einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."

Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur

und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen

Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erwähnt, in den Kreis

seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784

an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe

die Zeit über auch Verschiedenes in anatomicis, wie es die Zeit erlauben

wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren

können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb

Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner Myrmecophaga sobald als möglich;

du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn

zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem docto

corpore zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch

geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr

wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen

Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter

treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch

für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in

seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen

suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern

Kinnlade zuzuschreiben sei."

Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu

schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange

geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und

seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu

sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen.

Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die

gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer

Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung.

Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien

mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes

Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht

worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es

gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in

poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen

Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich

der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch

gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies

so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen,

verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung

die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch

äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine

Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem

Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der

Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der

Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr,

von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor."

Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin

hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom

Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen

Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und

gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit,

nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen;

denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen

ganz unbekannt, durchdrängt."

Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und

Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere

Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch

den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den

Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich

nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie

jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich

gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen

Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich

umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein

herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn

auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe

schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze

Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter

unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes

Daseyn hat."

Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo.

Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet

des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch

wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die

Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz

ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt."

Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die

Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe

hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere

Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen

Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen

Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und

über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom

reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze

Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam

zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen

ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme."

Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna

betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19.

October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im

Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was

diese Heilige nicht aussprechen möchte.--Da ich einmal dieser süßen Bürde

gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht

verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich

mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten

hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine

Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das

Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es

ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in

gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi

bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame

Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches

Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt,

wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode

führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche

Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder

Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades

gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar

merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten,

wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt

Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er

entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie

dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche

Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet."

Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres

und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu,

"wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?"

Groß und gewaltig war der Eindruck, den die "Hauptstadt der Welt" auf

Goethe's Gemüth machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November

1786. In lebhafter Erinnerung an die römischen Prospecte im elterlichen

Hause, schrieb Goethe: "Alle Träume meiner Jugend seh' ich nun erfüllt, ich

sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gemälden, Zeichnungen und

Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich

gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie

ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen

Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken

gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt,

so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können."

Zu Goethe's vorzüglichsten Bekanntschaften in Rom gehörte der Fürst

Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine

mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der

Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon früher in

Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren

Verständniß und einer richtigen Würdigung der zahlreichen und unschätzbaren

Gemälde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders

in der Sixtinischen Capelle.

Eine treuere Anhänglichkeit und eine an Schwärmerei grenzende Vorliebe für

seine literarischen Erzeugnisse, besonders für den Werther, zeigte keiner

von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte

sich lebhaft für ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als

Moritz durch einen unglücklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb

darüber: "Was ich bei diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und

Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secretär erfahren und gelernt,

mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten

Genüsse gingen diese Zeit über immer einander zur Seite."

Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe

im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. "Wie dank' ich Ihnen,"

schrieb er aus Rom, "daß Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da

doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätt' ich

nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältniß zu

den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie

nun ein neues Verhältniß zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen

hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst

wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden

Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes

Leben jene fürstliche Kenntniß, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer

mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen

läßt. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über

die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich

jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß

meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete,

gesammelte, gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht da

oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie

sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher

getragen, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich

selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes

und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen

und den Ihrigen leben mag. Ja, ich würde Ihnen noch mehr werden, als ich

oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun

kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in

Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung

ehrenvoll, daß ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem

Knechte, was du willst."

In einem spätern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den

Wunsch aus, das Land seines Fürsten nach seiner Rückkehr "als Fremder

durchreisen zu dürfen." Mit ganz frischem Auge, meinte er, würde ihn dann

die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen.

"Ich würde," fügte er hinzu, "mir nach meiner Art ein neues Bild machen,

einen vollständigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst

gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre Güte, Ihr Zutrauen

bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich

gleich die Träume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf

wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten

und Gegebenen kann er nicht entbehren." So bewahrte Goethe mit reiner

Pietät die treue Anhänglichkeit und innige Verehrung für einen Fürsten, dem

er sein Lebensglück und die Muße zu seiner literarischen Thätigkeit

verdankte.

Fleißig beschäftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung

der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In

einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich

vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung beschäftigt hatte. Er schrieb

darüber: "Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer

trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von

Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona,

Vicenza, Padua, am fleißigsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber

gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung geführt,

nämlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan

hätte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgefühl gegen das ältere

Stück mich davon abgehalten hätten."

Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie ursprünglich in Prosa zu schreiben,

war, nach seinen eignen Worten "die Unsicherheit, in der die deutsche

Prosodie schwebe." "Es ist auffallend," schrieb er, "daß wir in unserer

Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit

den übrigen verfährt man nach Geschmack und Willkühr." Ungeachtet dieser

Bemerkungen gab er späterhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das

vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner

Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des Stücks konnten sie sich nicht

sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet,

"etwas Berlichingisches", wie Goethe sich darüber äußerte. Immer dachten

sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die

längst für ihn vorüber war.

In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein

gründliches und erschöpfendes Urtheil über die Iphigenie gehört zu haben.

Das könnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem "Tasso", denn das

sei doch eine ähnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die

ersten Scenen entworfen. "Der Gegenstand," schrieb er, "ist fast noch

beschränkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr

ausgearbeitet seyn. Doch weiß ich noch nicht, was es werden wird. Das

Vorhandene muß ich ganz zerstören. Es hat zu lange gelegen, und weder die

Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die

geringste Verwandtschaft."

Bestärkt ward Goethe in diesem Entschluß durch den Beifall, der von

einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn

selbst ließ sein Schauspiel auch in der veränderten Form unbefriedigt.

Indeß tröstete er sich darüber in einem Briefe vom 16. März 1787. Eine

solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man müsse sie für

fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan

habe. "Das soll mich aber," fügte er hinzu, "nicht abschrecken, mit dem

Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen. Lieber würfe ich ihn in's Feuer.

Aber ich will bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders

ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen."

Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den

Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so

anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn"

treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden

war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man

in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber

dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist

ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann

lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so.

Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch."

Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen.

"Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die

kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner

Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich

denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens

unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach

Palermo."

Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder

auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln

entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die

innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir

gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten

Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen

Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor

mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches

sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form

vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ."

Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick

des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung

glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers

Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer

betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen

gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch

vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit

und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten

erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt

habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken

kurz so ausdrücken: _sie_ stellen die Existenz dar; _wir_ gewähren den

Effect; _sie_ schildern das Fürchterliche; _wir_ schildern fürchterlich;

_sie_ das Angenehme, _wir_ angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle

falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so

hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese

Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und

Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte

Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere

Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen

Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe--nun ist mir erst die

Odyssee ein lebendiges Wort."

Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie,

"Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des

ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen

Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen,

die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt,

durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande

herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich

compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große

tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das

Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener

einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von

seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu

Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise

verträumte."

Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In

einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte

Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem

öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse

in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar

die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in

seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte

er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose

der Pflanzen zu erklären."

J. W. v. Goethe's Biographie · 第 5 / 7 题