Complet in Einem Bändchen

Jena, 1853.

Goethe's Leben.

_Johann Wolfgang Goethe,_ später in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt

am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Großvater, _Friedrich Georg_, war

Gastgeber zum Weidenhof. Eine glänzendere Stellung behauptete sein

Großvater mütterlicher Seite _Johann Wolfgang Textor_ als Kaiserlicher

Schultheiß. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger

Mann, dabei sehr gewissenhaft und pünktlich in der Erfüllung seiner

Berufsgeschäfte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte

sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich fühlte er sich in seiner

einförmigen Lebensweise, die ihn früh Morgens auf's Rathhaus, hierauf an

seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schläfchen in seinen

alterthümlichen Sessel führte. An seine Wohnung in der Friedberger Straße

stieß ein theils mit Weinstöcken, theils mit Küchengewächsen und Blumen

bepflanzter Garten, der in Mußestunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die

Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gewährte ihm

eine angenehme Beschäftigung. Er trug dann gewöhnlich einen langen weiten

Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetmütze. Die

allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm

eigenthümliches Ahnungsvermögen, besonders in Dingen, die ihn selbst

betrafen. In seinen Büchern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen

und Träume kurz aufzuzeichnen.

Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, _Johann Caspar_, an

allem Gewohnten und Herkömmlichen. Ein ernster Lakonismus gehörte zu den

Grundzügen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus

rechtlichen Principien. Lernbegierig von früher Jugend an, hatte er auf dem

Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner

wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu

Gießen durch Vertheidigung seiner Dissertation: Electa de aditione

hereditatis die juristische Doctorwürde erlangt. Seine Welt- und

Menschenkenntniß hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch

Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer

Gemälde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie

Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von öffentlichen

Geschäften befreiten Leben fand er hinlängliche Muße zu Privatstudien, bei

denen ihn seine ansehnliche und ausgewählte Bibliothek unterstützte. Mit

dem Titel eines Kaiserlichen Raths führte er das Leben eines Privatmannes,

das sich mit seinen Vermögensumständen vertrug. Von seinen Kindern, deren

Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien beschäftigte, waren die

meisten früh gestorben, so daß zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester

_Cornelia_ übrig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt

Frankfurt am Main.

Goethes Mutter, _Catharina Elisabeth_, eine Tochter des früher erwähnten

Schultheißen _Johann Wolfgang Textor_, besaß keine gelehrte Bildung im

eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das

Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend

eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen

mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenthümliche Scheu hatte sie vor

heftigen und gewaltsamen Gemüthseindrücken, die sie in allen Lagen ihres

Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie

ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder

Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in

der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, daß sie, als ihr

Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich

erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen

Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig seyn

konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmüthig von

Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe

zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie

versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in spätern Lebensjahren

der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und

der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in

höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre

bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft

bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb

sie, in [sie, in] ihrem eigenthümlichen Frankfurter Dialect, "recht derb

ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Räthin! Hast gute

Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mußt, wenn die bösen

kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll

das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der

liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und

bist über's Ziel, bist über siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich

zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser

geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten

überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den

13. September 1808.

Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein

munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine

Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden

Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere

Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf

die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte

Geräusch. Einen günstigen Einfluß auf seine früh erwachte Wißbegierde, die

ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb,

hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte,

wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.

Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur,

die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden

Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause

war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle

die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft

ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste

ahnungsvolle Gemüthsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments

ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der

Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem

düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater

frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt,

trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus

Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des

Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an,

indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und

allerlei Näschereien versprach.

Die Betrachtung von Gemälden und Prospecten, die sein Vater aus Italien

mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an

einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise

Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen

Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule

schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in

einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine

an Alterthümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend

lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen

Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit

das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts

segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur

Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das

Rathhaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders

dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den

Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers

von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war.

Von der Außenwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen

Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert

worden war. Seine Wißbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters

Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über

Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es

waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Classikern, größtenteils

italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei

seiner Unkenntniß der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte.

Einen immer neuen Genuß gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von

Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese

Gemälde, früher hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten

zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem

besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn für die Kunst ward zuerst

geweckt durch die Betrachtung jener Werke.

Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethe's

Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er

das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe

und ein treffliches Gedächtniß bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern

ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit

ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen

Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und

rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich

vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine

schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im

Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk

belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit

mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von

seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein

besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen.

Ueberdieß beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des

Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.

Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in

spätern Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth." In dem

Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen

Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als

einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen

Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine

poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl

und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine

Anlagen und Fähigkeiten beruhigte.

Reiche Nahrung für seine Wißbegierde fand Goethe in dem Orbus pictus, in

Merians Kupferbibel, in der Acerra philologica und ähnlichen Werken, die

damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten.

Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie

ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine

wohlthätige Wirkung auf sein Gemüth verdankte er den moralischen

Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er

ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen

Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die

anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf

ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher

Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder,

die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche

Volksbücher.

Dieser anmuthigen Lectüre mußte Goethe, als sie kaum begonnen, wieder

entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem

heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeußerung einer seiner

Tanten: "Ach, Wolfgang, wie häßlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so

mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen

hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch

Gelegenheit, sich im Stoicismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, daß

er auf seinem Krankenlager an seinem jüngern Bruder Jacob, der in der

Blüthe seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte.

Seines Vaters Strenge nöthigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden

das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner

Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm

dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen.

Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante,

Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei

Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und

Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer

geistiger Genuß sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten

Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter

und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf

das poetisch gestimmte Gemüth des Knaben.

Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher

ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den

christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religiösen Begriffen, kam ihm der

sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und

anderer Secten, mit dem höchsten Wesen, das er aus seinem Walten in der

Natur längst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu

setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu

errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes

Musikpult, auf welchem er mehrere Räucherkerzen anzündete. Das

Andachtsopfer stieg empor, mißlang jedoch bei der Wiederholung durch einen

unglücklichen Zufall so gänzlich, daß die damit verbundene Feuersgefahr ihn

warnte, in solcher Weise wieder dem höchsten Wesen sich zu nähern.

Aus den friedlichen und ruhigen Zuständen, in denen Goethe seine Kindheit

verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenjährigen

Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II

und seiner Persönlichkeit erzählen gehört, begeisterte ihn. Er schrieb sich

die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preußischen

Grenadiers die Heldenthaten des großen Königs verherrlichte. Seinen

Lieblingshelden verkleinern zu hören, war ihm ein unerträgliches Gefühl.

Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der

Kriegsschauplatz bis in die Nähe Frankfurts zu ziehen drohte, hatte dieß

für Goethe die Folge, daß er weniger, als bisher, das elterliche Haus

verlassen durfte.

Unter mannichfachen Beschäftigungen griff er wieder nach den Figuren des

Puppenspiels, das er von seiner Großmutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit

Hülfe einiger Jugendgespielen ward das frühere Drama, für welches die

Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die

Decorationen nach und nach zu verändern, war eine Lieblingsbeschäftigung

des Knaben. Sein Versuch, größere Stücke ufzuführen [aufzuführen],

scheiterte jedoch an dem beschränkten Schauplatz. Unter diesen Umständen

leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm

Panzer und Rüstungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen ergötzten

sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die

mitunter in ernsthafte Händel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schläge

nicht abging.

Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, Mährchen zu erzählen,

die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden.

Eins dieser Mährchen, "der neue Paris" betitelt, hat sich in Goethe's

gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in

eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten

abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als wären sie ihm selbst

begegnet. Durch die Localitäten, die er in seine Mährchen verwebte, erhöhte

er ihre Wirkung auf seine Zuhörer, die unter lautem Beifall sich beeilten,

den in dem Mährchen "der neue Paris" erwähnten Ort mit den Nußbäumen, der

Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten über das, was sie

gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit

(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfaßtes

Gespräch, "Wolfgang und Maximilian" überschrieben. In diesem Dialog, dem

ersten dramatischen Versuch des achtjährigen Knaben trat besonders die

Naivität hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet,

seinem Schulcameraden Maximilian gegenüber, sich als den Soliden und

Wohlerzogenen geschildert hatte.

Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gemüth machte um

diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mußte dies berühmte Epos heimlich

lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter

an den Reim gewöhnt, äußerte die entschiedenste Abneigung gegen den

Hexameter, oder, wie er sich ausdrückte, gegen Verse, die eigentlich gar

keine Verse wären. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede

Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und

ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzuprägen, nächst Portia's Traum

besonders das verzweiflungsvolle Gespräch zwischen Satan und Adramelech im

zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen

Verwünschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem

Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, ließ der Barbier, der

eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch

der Alte, über und über beschüttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen

die Hexameter, denen er jenes Unheil beimaß, geheilt ward.

Goethe's Kunstsinn ward geweckt und genährt, als der französische

Königslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von

Gemälden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die französischen

Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer,

welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier

eingeräumt worden, in welchem er mehrere Frankfurter Künstler für sich

arbeiten ließ. Für Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der

Vortheil hervor, daß er in der französischen Sprache, die er bisher sehr

vernachlässigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch

seine Kenntniß des Französischen, da er sie nicht auf dem Wege eines

grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte.

Dies ward ihm besonders fühlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das

französische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden

war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur

wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine

Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und

auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberflächlichen

Kenntniß des französischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigermaßen

vertraut mit den dramatischen Regeln der französischen Bühne. Der

abgemessene Schritt, in dem sich die Tragödie bewegte, der gleichmäßige

Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus

Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte

er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der französischen

Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingeprägt hatte.

Fast noch mehr als die Tragödie, behagten ihm die damals sehr beliebten

Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chaussée und andern französischen

Dichtern. Auch mehrere Opern und Schäferspiele sagten seinem damaligen

Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergnügen

einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen.

Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu

werden, kam ein französischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf

die Bühne und in die Garderobe führte. Der Uebermuth und die Prahlerei

seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so lästig, daß zwischen beiden

ein sehr gespanntes Verhältniß eintrat, welches sogar eine Herausforderung

und ein Duell in ächt theatralischer Weise, dann aber wieder eine

aufrichtige Versöhnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein

häufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mißbilligte. Die

Bühne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen

Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Lessing's Trauerspiel,

Miß Sara Sampson, der Kaufmann von London und ähnliche Stücke lieferten ihm

die Beweise, wie das Laster im Glück, die Tugend im Unglück durch die

poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen

die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf

entgegen, daß die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten

Schelmstreiche und Betrügereien auf das unverdorbene Gemüth der Jugend

nicht anders als nachtheilig wirken könnten. Wenn ihn irgend etwas mit der

Bühne versöhnen konnte, so war es die Bemerkung, daß sein Sohn dadurch

seine französischen Sprachkenntnisse vermehrte.

Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products,

in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere

Götter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das Stück bestand

größtentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine

Autoreitelkeit fühlte sich jedoch gekränkt, als der unlängst erwähnte

französische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein

Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu

streichen. Für Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, daß er mit der

französischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich

näher bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung über

die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm

zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre früher auf einem

Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei

seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntniß des Französischen förderten

ihn jedoch diese Studien äußerst wenig, und er gab sie wieder auf, als er

nicht ohne Mühe die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine

sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten.

Entschieden regte sich in dem Knaben der in spätern Jahren wachsende Trieb,

mancherlei Naturgegenstände, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge

entzog, näher kennen zu lernen. Er zerpflückte Blumen, um zu sehen, wie die

Blätter in ihren Kelch eingefügt waren. Seine jugendliche Neugier und

Forschungslust beschäftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenständen.

Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und ermüdete nicht,

jene ihm unerklärliche Wirkung an Feilspänen und Nähnadeln zu erproben. Mit

Hülfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigläser versuchte er

fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus

eigner Neigung, als aus Gefälligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich

dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten

Seidenwürmer.

Dieser geschäftige Müssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im

Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward.

Indeß gelangte er durch Fleiß in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit

im Englischen. Auch seine übrigen Sprachstudien vernachlässigte er nicht

ganz. Seinem Wunsche, hebräisch zu lernen, um das Alte Testament in der

Ursprache lesen zu können, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den

Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin

ziemlich rasche Fortschritte.

Wichtig und einflußreich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch,

daß sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er

in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich

nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung wählte er die Prosa. Von jenem

Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein

Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere

Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und

andern religiösen Dichtungen, unter andern einer "Höllenfahrt Christi",

zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtauszüge,

die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich

seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mißbilligung zu, als er jene

Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt gänzlich unterließ.

Seinen Sohn zu einem tüchtigen Juristen zu bilden, war ein väterlicher

Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form

abgefaßtes Büchlein. Dadurch sollte ihm das Studium des Corpus Juris

erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen

einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er später das Struvische

Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack

abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der nöthigen körperlichen Bewegung

fehlen möchte, ließ sein Vater ihn das Fechten, späterhin auch die

Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt

ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn für

die Reitkunst besonders zu interessiren.

Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine für einen

Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten

hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivität, und hob jeden

Zweifel, der über sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product

in mehreren Händen zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er

theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zufällig kennen gelernt

hatte. Die nähere Berührung, in die er mit ihnen trat, ward um so

entscheidender für ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen

Mädchen knüpfte, deren Namen er späterhin in seinem "Faust" verewigte.

Seinem Stande nicht angemessen und für seine sittlichen Grundsätze von

keinem wohlthätigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und

der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen

Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen

Aeußerungen in spätern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen,

sämmtlich älter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse

angehörend, mit oberflächlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch

Besorgung kleiner Geschäfte für die Kaufleute und Mäkler sich einen

nothdürftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und

ein Licht darüber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn über den

gewählten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorwürfe

machten. Ein tiefes Gefühl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, daß seine

Genossen zum Verfälschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und

andern sträflichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.

Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn

nur Fleiß und Thätigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches

nachzuholen, um sich zur Universität vorzubereiten, die er bald beziehen

sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen eröffneten ihm seine

fortgesetzten philosophischen Studien, größtenteils nach Brucker's

Compendium. Dieser Beschäftigung ward er wieder untreu, als der eintretende

Frühling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die

in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergnügungsorte. Noch mehr aber

behagte ihm, in seiner Gemüthsstimmung die Einsamkeit der Wälder. In dem

dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten.

Unwillkührlich regte sich in ihm wieder der schon früh im elterlichen Hause

erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete

sich ihm zum Bilde. Fühlbar aber ward ihm bald, daß ihm nur die Gabe

verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenstände im Ganzen aufzufassen.

Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu

haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen

mit einer gewissen Hartnäckigkeit fort. Er ermüdete nicht in der

schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekrümmte Wurzeln

sich blühende Farrenkräuter hingen.

Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater

im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern ließ

er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausflügen eine neue

Zeichnung erwartete. Zu Fußwanderungen mit einigen Freunden gönnte er ihm

völlige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten für Göthe [Goethe] die

Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und

Königsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis

an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der großen Natur, als

in abgeschlossenen Räumen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen

erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich.

Von da kehrte er in seine Vaterstadt zurück, mit einer ziemlich reichen

Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten

Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch

scharf von ihm getadelt wurden.

Dadurch verstimmt, schloß sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm

mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen

Gefühlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte

Vater. Ein fast noch innigeres Verhältniß bestand zwischen Goethe und

seiner ungefähr ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches

Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte späterhin, als sich

beider physische und geistige Kräfte entwickelten, ein festes Vertrauen

und eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von

seiner Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und

Herzensangelegenheiten gewählt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als

sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz prüfte.

Mehrere wissenschaftliche Fächer beschäftigten seinen strebenden Geist,

vorzüglich die Geschichte der ältern Literatur. Durch das fortgesetzte

Studium von Geßners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den

Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter

Fleiß drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's

historisch-kritisches Wörterbuch führte ihn vollends in ein Labyrinth, aus

welchem er sich kaum wieder herauszufinden wußte. Von der großen

Wichtigkeit einer gründlichen Sprachkenntniß hatte er sich längst

überzeugt. Das Hebräische war allmälig in den Hintergrund getreten. Auch

Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter,

als zum Verständniß des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er

sich mit dem Lateinischen beschäftigt. Er war, obschon er keinen

grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den römischen

Classikern.

Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz

schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die

Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte

sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit ließ ihn seine poetischen Producte mit

einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren,

raubte ihm nicht die Ueberzeugung, künftig wohl Geisteserzeugnisse zu

liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals

hochgefeierten Dichtern messen könnten. Aber die poetische Laufbahn, so

viel Lockendes sie auch für ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und

unsicher, um sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen. Ein

akademisches Lehramt lag im Bereich seiner Wünsche. Dazu wollte er sich

fähig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas

beitragen zu können.

Viel Lockendes hatte für Goethe der Aufenthalt in Göttingen, wo Heyne,

Michaelis und andere berühmte Männer lehrten. Sein Vater bestand jedoch

darauf, daß er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte.

Wiederholt schärfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckmäßigste zu

benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausführlich belehrt, daß er,

ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines Göttinger Lieblingsplans,

beinahe den Entschluß faßte, in seiner Studien- und Lebensweise seinen

eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch,

sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen

ähnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller

einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.

Immer näher rückte indeß die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte.

Begleitet von den Glückwünschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im

October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt

ansässige Buchhändler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals

geschätzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen

wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war höchst

unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast

unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen völlig

stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der

sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universitätsstraße und dem Neumarkt,

bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er während der

Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegefährten, dem Buchhändler

Fleischer, später jedoch allein bewohnte.

In dem Hause des Professors Böhme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte,

fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche

Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken

ließ, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und schönen

Wissenschaften widmen zu wollen, mißbilligte Böhme, der die Dichter, selbst

den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies übereilte

Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der römischen Alterthümer und der

Rechtsgeschichte, und schloß seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefaßten

Entschluß reiflich zu überlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab

seinen Plan auf, und entschied sich für die Jurisprudenz. Nach Böhme's Rath

sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen hören.

Er ließ sich jedoch, ungeachtet der Abneigung Böhme's gegen Gellert, nicht

abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien über

Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens

bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern

Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht groß, schwächlich,

doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr schöne

Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein

gefälliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in

seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.

Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelmäßig

besuchte, ward er nicht sonderlich gefördert. In den philosophischen

Collegien fand er nicht die gehofften Aufschlüsse über einzelne, ihm dunkle

Materien. Er ward bald nachlässig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden

immer unvollständiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der

Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht

lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen,

in dürre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem

poetisch gestimmten Gemüth nicht zusagen.

Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facultätswesen und dem Geiste der

akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des

Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den

Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mußte hier und da manchen Spott hören

über seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause

mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den

Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranlaßt, als er

in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von

Masuren in einem ähnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten

sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig

darüber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingeführt worden

war. Die Gattin des Professors Böhme, eine vielseitig gebildete Frau, in

der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verstöße gegen die feine

Lebensart bemerklich. Auch auf seinen ästhetischen Geschmack übte sie, wenn

auch nur negativ, einen wohlthätigen Einfluß aus, indem sie dazu beitrug,

ihm Gottsched's und seiner Anhänger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes

Urtheil über talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von

Weiße geschriebenen Lustspiels: "die Poeten nach der Mode," konnte Goethe,

dem dieß Stück sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene

Autoreitelkeit fühlte sich verletzt durch ihre Aeußerungen über einige

seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.

Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er hörte, wie Gellert in einem seiner

Collegien seine Zuhörer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen

Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner

poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle übrigen, mit rother Dinte

corrigirte und die zu große Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung,

mitunter auch einige psychologische Verstöße tadelte. Eine scharfe Rüge,

die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem

poetischen Talent, daß er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in

Versen und Prosa geschrieben, den Flammen übergab. Ihn in seinem poetischen

Streben zu fördern war der damalige Zustand der schönen Literatur in

Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich

hätte zum Muster nehmen können, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u.

A. blickte eine zu entschiedene Individualität hervor. Vor sclavischer

Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gefühl. Was die Poesie der genannten

Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu können; aber er

fürchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent

das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren

gebildeten und kenntnisreichen jungen Männern, zu denen unter andern sein

Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser gehörte, der damals als

geheimer Secretär des Herzogs Ludwig von Würtemberg diesen Fürsten nach

Leipzig begleitet hatte.

Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unrühmlichbekannt war,

erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflußreichen Männern.

Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks,

dessen Aussprüche, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als

Orakel galten, ward Goethe auf die erwähnte Weise bekannt. Er fand ihn im

ersten Stockwerk des goldnen Bären, welches ihm von seinem Verleger

Breitkopf, aus Erkenntlichkeit für den großen Absatz seiner Schriften, zur

lebenslänglichen Wohnung eingeräumt worden war. In einem Schlafrock von

grünem Damast, mit rothem Taft gefüttert, trat Gottsched, wie Goethe in

spätern Jahren erzählte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben

Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine große

Perücke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine

tüchtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit großer Ruhe und Gleichgültigkeit

die beiden Fremden zum Sitzen nöthigte und sich mit ihnen in ein Gespräch

einließ, das meistens literarische Gegenstände betraf.

Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu wählen, hielt Goethe

für das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's

und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gründlichen Studium

der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung

gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten

jungen Männern geführt, zu denen, außer einigen gebildeten Livländern, ein

Bruder des Dichters Zachariä, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der

durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte

Schriftsteller Krebel gehörten. Fleißig las Goethe in Lessings, Gleims,

Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die

Vorliebe für Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht "Muserion" damals

auf ihn gemacht, schilderte er in spätern Jahren mit den Worten: "Hier, in

diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen

glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs

Vollkommenste, und da der zu unglückseliger Nüchternheit verdammte

Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchen und mit der Welt

versöhnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm

durchleben."

Ein flüchtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden literärischen

Fehde, welche die Verschiedenheit religiöser Meinungen zwischen den beiden

Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging

bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen

Grundsätzen aus, während Crusius zu einer mystischen Erklärungsweise der

heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als für diese theologische

Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Beschäftigung mit der

Dichtkunst und den schönen Wissenschaften, für die eifrigen Bemühungen

Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer berühmten Theologen, in

Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu

verschaffen. Zurückgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen,

bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve,

seinen Styl.

Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spaziergängen durch das

Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf

die er noch in spätern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette,

die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen

Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverhältniß entwarf Goethe in spätern

Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: "Ich war nach

Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu

thun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in

die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als

meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüthe war, gab ich mir die Mühe,

den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indeß hatte ich gegen Ende des

Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun

gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruß zu machen. Im Frühjahr besuchte

ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch

die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht

verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen

Pflanzenthränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über

mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thränen

hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines

Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thränen in die Augen. Ich

eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes

Ereigniß in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder Andern

mittheilen konnte."

Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht gehörte, ward Goethe bald

wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und

bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Dieß

ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von ächtem

Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die großen Weltereignisse

des siebenjährigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er

besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute

er sich nicht zu. Schon sein beschränkter Umgang mit vielseitig gebildeten

Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mußte er greifen, wenn

es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion

eine feste Basis zu geben. Fühlbar ward ihm wenigstens, daß er, um bei

seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen

Gegenstände zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein

Interesse einflößte, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten

verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur

wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten

meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versmaß. Es waren

weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen

Verstandes, wofür schon die epigrammatische Wendung in einigen jener

Gedichte zu sprechen schien. Unverändert blieb seinem Geiste die Richtung,

Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder überhaupt in irgend einer Weise

lebhaft beschäftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die

leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer

gewissen Ruhe.

Aus seinem, durch eigene Schuld, vorzüglich durch grundlose Eifersucht

wieder aufgelösten Lebensverhältniß schöpfte Goethe die Idee zu seinem

ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: "die Laune des

Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem

Druck übergab. Seinem Inhalt nach war das Stück dem später gedichteten

Schauspiel: "Erwin und Elmire" ähnlich, so wesentlich es sich von demselben

durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter

mehreren literarischen Entwürfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in

Alexandrinern verfaßten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: Le

Menteur, unter dem Titel: "der Lügner", und außerdem das Fragment eines in

Briefen zwischen "Arianne und Wetty" geschriebenen Romans. Man findet diese

Bruchstücke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und

Aufsätzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur

das Lustspiel: "Die Mitschuldigen." Er bedauerte in spätern Jahren, daß er

über der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen

heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte.

Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die

jedoch, nach seinem eignen Geständnisse in späterer Zeit, zu subjectiv

waren, um außer ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.

Einen frühen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und

dringende Ermahnung an seine Zuhörer, sich dem öffentlichen Gottesdienste

und dem Genuß des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares

hatte für Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer

das Sakrament unwürdig genösse, äße und tränke sich selbst den Tod. Von

mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der

Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so

schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine

Zeit lang überließ, siegte indeß bald wieder angeborner Humor und

jugendlicher Leichtsinn.

Einflußreich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und

Literaturkenntnisse ward für Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister

eines jungen Grafen von Lindenau. Er hieß Behrisch, und war, nach Goethes

eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner

vielen löblichen Eigenschaften, einer der größten Sonderlinge. Trotz der

Würde seines äußern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen

aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den

Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes wählte sich dieser

den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen übernommen, welche

Gellert, seiner Kränklichkeit wegen, hatte aufgeben müssen. Durch den Tadel

eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt

verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt.

Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch rächte sich Goethe durch

lauten Spott über die mittelmäßigen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei

feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen

Kraftsprüche und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an

den damals sehr beliebten Conditor Händel gerichtetes Gedicht, welches zwar

nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die

Wirkung seiner Parodie verstärkte Goethe noch durch einen satyrischen

Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel:

"Medon oder die Rache des Weisen" dichtete. Nach seiner eignen Schilderung

in spätern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei Säcken

auftreten lassen, mit moralisch-ästhetischem Sande gefüllt, den die

Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack,

äußerte Harlekin, sei mit Wohlthaten gefüllt, die nichts kosteten, der

andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke.

Darum möchten die Zuschauer ja die Augen zudrücken u.s.w.

Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die

Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank

Goethe wieder aus Mangel an Selbstständigkeit in das vielfach bewegte und

leidenschaftliche Treiben zurück, dem er durch Behrisch kaum entrissen

worden war. Auf einen bessern Weg führte ihn das Studium der Kunst. Bei dem

berühmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem

alten Schlosse Pleißenburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen.

Durch die Betrachtung vorzüglicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen

darüber ward sein früh erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und

genährt. Reichen Genuß verschafften ihm besonders die werthvollen Gemälde-

und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte

dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeußerung in

spätern Jahren, "einst die größte Zufriedenheit seines Lebens finden

sollte." Von der bloßen Anschauung zum Denken erhob er sich durch das

Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. Völlig klar

ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redekünsten

erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Schönen über das Häßliche

zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den

Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln ähnlich dachten.

Einen reinen Kunstgenuß bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die

Betrachtung der dortigen Gemäldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er

dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner Rückreise nach Leipzig lernte er auch

den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters,

persönlich kennen. In Leipzig fühlte Goethe, obgleich er jenen reichen

Kunstgenuß dort entbehren mußte, nach seinem eignen Geständniß, sich ganz

behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen.

Beides fand er in dem Hause des Buchhändlers Breitkopf, der auf dem

Neumarkt im silbernen Bären wohnte. Der älteste Sohn jenes Mannes spielte

mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's

Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart

erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls

musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genuß und Nutzen schöpfte

Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorzüglich an

Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der

Buchdruckerkunst bezogen.

Wichtig ward für Goethe die Bekanntschaft des aus Nürnberg gebürtigen

Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause

bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte für Goethe einen so

unwiderstehlichen Reiz, daß er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich

selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock

radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern Künstlern. Erhalten

haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Blätter Goethe's. Beide stellen

Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten.

An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. Peint par

A. Thiele, gravé par Goethe. Das eine Blatt hatte Goethe mit den

nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: Dedié à Monsieur Goethe,

Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils très-obeissant. Das

andere Blatt führt die Unterschrift: Dedié à Mr. le Docteur Hermann,

Assesseur de la cour provinciale supréme de justice S. A. Elect. de Saxe et

Sénateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe. Eine genaue und

ausführliche Beschreibung der erwähnten Blätter lieferte ein Aufsatz Karl

Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.

Den der Gesundheit nachtheiligen Dünsten, die sich beim Aetzen von

Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gefährliche Brustbeklemmung

schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genuß des

Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der

Organismus seiner Natur ward so heftig erschüttert, daß er einst Nachts von

einem heftigen Blutsturz erwachte. Die ärztliche Hülfe des Doctor Reichel

beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt für den Umgang

mit seinen Freunden, die er durch Kränklichkeit und üble Laune von sich

gescheucht hatte.

Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus

zurückkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein

Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen

Antheil an diesen Händeln. Mit jenem Nachklange akademischer Großthaten

verließ er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche

Freundschaftsverhältnisse angeknüpft. Den Einfluß, den der Aufenthalt in

Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mußte

er sich freilich, daß er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht

sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als

sein Vater wünschen mochte, der nur mühsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn,

der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte,

noch nicht hinlänglich dazu vorbereitet, und überdieß geistig und

körperlich leidend heimkehren zu sehen.

Goethe aber bereute nicht den selbst gewählten Pfad, und seine Dankbarkeit

vergaß nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November

1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: "Was bin ich Ihnen nicht alles

schuldig, daß Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen gezeigt, daß Sie mein

Herz für den Reiz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als

ich Ihnen danken könnte. Der Geschmack, den ich am Schönen habe, meine

Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiß,

wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz

geworden, daß die Werkstatt eines großen Künstlers mehr den keimenden

Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der Hörsaal des Weisen

und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles.

Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen.

Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten, ich wäre

verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich

war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk."

Als Göthe [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unlängst genesen von einer

gefährlichen Krankheit, die durch gestörte Verdauung und ein dadurch

erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte.

Unvergeßlich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die

zärtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen

irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem

Himmlischen zu. Mit der ganzen Wärme und Innigkeit seines Gefühls suchte er

das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte

Testament angesprochen, so beschäftigte er sich nun, von einem ähnlichen

schwärmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen

Schriften.

J. W. v. Goethe's Biographie · 第 4 / 7 题