So ganz schnell ging es mit dem Heimreiten nun freilich nicht. Es
rann noch mancher Tag dahin, und der Frühling nahte sich schon. Die
Brandenburger zogen freilich bald ab, aber der Oberst gab Nikolaus die
Freiheit zu bleiben, und der blieb, bis Anthoine de Charreard soweit
hergestellt war, daß man keine Gefahr mehr zu fürchten brauchte.
Dann ritt eines Tages Nikolaus Rabe heimwärts, in seinen Schutz
gestellt war Louison de St. Laurent. Sie sollte bald heimkehren,
wollten Bruder und Freund; und ihre Sehnsucht flog in das stille Tal.
Beim Abschiednehmen war es, da fiel dem Nikolaus noch rechtzeitig der
kleinen Prinzessin Elisabeth Marie Brieflein ein. Das hatte eine lange
Reise gemacht, Nikolaus hatte es mit in den Türkenkrieg genommen und es
in all dem wilden Wesen, über Wiederfinden und Heimkehrfreude, beinahe
vergessen. Jetzo kam es nun doch an den, an den es gerichtet war. Ein
Hilferuf war es an den Jugendfreund, sie zu schützen vor der Ehe mit
dem verhaßten Vetter, dem Herzog Wilhelm Ernst zu Weimar.
Anthoine war tief betroffen, dies flehende Kinderbriefchen, ungelenk
geschrieben, enthüllte ihm die treue Liebe des armen verwaisten
Fürstenkindes. Was war aus dem Prinzeßchen geworden, trug es schon die
Brautkrone?
»Ich schätze ja,« brummelte Nikolaus, »denn als ich fortzog, haben sie
gemeint, die Eheberedung solle zum Herbst stattfinden, und am ersten
November die Kopulation!«
Armes Prinzeßchen!
Der Junker Anthoine las den Brief wieder und wieder. Heimatluft strömte
er aus, das bittende Brieflein gab ihm erst die rechte Erkenntnis, daß
er sein bestes Glück nur in der Heimat finden würde. Es zog ihn in das
Tal der Kindheit. Doch hatte er sich zu längerem Dienst verpflichtet
und mußte bleiben. Herr Adrian Rudolph blieb auch, er wollte sich noch
den Doktorhut erwerben, ehe er heimkehrte. So ritten denn Nikolaus
und Louison allein der Heimat zu. Louison als Bursche, erst in einem
Ort nahe der Heimat wollte sie sich wieder in eine sittsame Frau
verwandeln. In der Verkleidung war sie sicherer.
Über dem stillen Leutratal hing noch einmal der Winter, er wollte
noch seine Herrschaft zeigen. Weiß wieder Felder und Wiesen, weiß der
Wald, träge rauschte das kleine Bächlein dahin, als an einem Tag um
die Mittagsstunde zwei von unten her in das Leutratal einritten. Die
junge Frau im Witwengewand, der Mann in kriegerischer Tracht. An einer
Wegbiegung hielt Nikolaus sein Pferd an und brummte vergnügt vor sich
hin: »Hier war's!«
»Ja, hier hast du uns gefunden. O guter, treuer Niklas du, nun hast du
mich gar heimgeholt aus der wilden Welt!«
Die schlanke Frau drängte ihr Pferd an das des treuen Beschützers, und
so ritten sie zusammen schweigend bergabwärts, sahen zuerst die Mühle
im Grunde liegen und dann den Rabenhof. Ein blaues Wölkchen stieg aus
dessen Schornstein zum schneeverhangenen Himmel empor.
»Die Frau kocht Mittag. Schätze, sie wird sich wundern über den Gast,
der da ankommt. Aber vorerst bringe ich Euch heim, wir reiten leise
vorbei,« sagte der Nikolaus.
In Louison quoll da eine große Angst empor vor dem Wiedersehen, dem
Wiederfinden der Eltern. »Wir halten ein paar Schritte vorher und dann
läßt du mich gehen, Niklas. Deine Frau darf auch nicht länger warten,
und ich kann niemand, niemand vorher sehen.«
Nikolaus nickte. Er spürte Louisons Bangen nach, bangte er doch selbst,
freilich, der blaue Rauch war verheißungsvoll, aber trotzdem --.
Er half Louison vom Pferd. Die schritt rasch am Hause vorbei. Drinnen
erhob sich lautes Rufen, denn ein Bursch, der der Frau half, hatte die
ungewohnte Erscheinung erblickt. Er schrie das ganze Haus zusammen,
selbst der Magister kam ein wenig mühsam an einem Stock dahergehumpelt,
und als sie alle den bestürzten Burschen fragten, wissen wollten, was
er gesehen hatte, stand plötzlich der Nikolaus vor der Tür.
Da war das Verwundern groß, der Bursche aber flüsterte der Magd zu:
»Ein Gespenst ist vor dem Bauern hergegangen.«
Nun war dieser junge Hannes aber noch in einem Alter, in dem die Stimme
mal hell und tief klingt und ihrem Besitzer wie ein wild gewordener
Gaul ausbricht, dies geschah hier, und klatsch hatte der Bursche eine
Maulschelle, so ein rechtes kräftiges Mitbringsel aus dem Türkenkriege
war's. »Dummer Bube, unsere Frau Louison ist niemalen ein Gespenst.«
»Die -- oh du lieber Gott!« Die Frau schlug die Hände zusammen und der
Magister sah drein, als hätte der Nikolaus einen Sack voll Fremdwörter
ausgepackt.
»Der Herr Oberst de St. Laurent ist im Türkenkriege gefallen, hab's mit
meinen eigenen Augen gesehen,« knurrte Nikolaus, »und da verlangt es
seiner Frau Witwe, heimzukehren. Na, was ist nun?« Patsch, war aller
Klatsch von dem Kriegsmann totgetreten. Der aber nahm jetzt sein Weib
in die Arme, sagte: »Freust dich nit? Und ist's ein Mädel oder ein
Bube, was inzwischen angekommen ist?«
Es war ein Mädel, und freuen tat sich die Frau so recht, als sie
begriff, der Mann wollte dableiben, daß sie laut weinte. Und danach
besann sie sich und rief: Es gäbe leider, ach leider nur Klöße.
»Ist gut. Meinst du, die vermaledeiten Türken haben uns viel Zeit zum
Klößekochen gelassen? Frau, Frau, nun bleib ich daheim, nun zieh ich
nimmer aus. Schockschwerenot, mein Wort darauf!«
Während in dem kleinen Bauernhaus die Freude laut und kräftig ihre
Stimme erhob, ging Louison de St. Laurent langsam dem Herrenhause zu.
Sie sah es auftauchen im feinen Schneedunst, sah auch ein kleines
Rauchwölkchen dem Schornstein entquellen, sah alle Fenster entlang,
hörte Hundegebell, und langsamer, immer langsamer wurde ihr Schritt.
[Illustration]
Lauter schlugen die beiden Hofhunde an. Da tat sich die Türe auf und
ein ganz verhutzeltes, altes Weiblein steckte den Kopf heraus und sah
da langsam eine den steilen Berg hinanschreiten -- eine fremde Frau! --
Die alte Röse hatte schwache Augen bekommen, aber eine Charreard
erkannte sie doch noch, und auf einmal kam ihr die Jugendschnelle in
die alten Füße zurück. Sie rannte den Berg hinab und keuchte: »Louison,
oh du mein grundgütiger Heiland, es ist unsere Louison!«
Und der Freudenton, den die alte Röse anschlug, der klang durch das
ganze Haus. Da hielt Frau Sophia Christine ihr heimgekehrtes Kind
umschlungen und Herr Anthoine de Charreard, der längst kein feiner,
müder Hofherr mehr war, sondern ein stattlicher, luftgebräunter
Landmann, nahm die zierliche Frau und die zarte Tochter gleich beide
in seine Arme. Er sah auch das Witwenkleid der Tochter mit der Mutter
zugleich und beider Augen fragten: »Der Oberst de St. Laurent ist tot?«
Weil Louison nicht die Schwere seiner Schuld wußte, klang ihre Stimme
mild, sie dachte versöhnt an den Toten.
Und Anthoine, wo blieb der Sohn?
Louison erzählte, und in Frau Sophia Christines Herzen begann sacht die
Freudenglocke zu schwingen.
Ein Kind heimgekehrt aus dem Weltgetriebe. Eins hatte die Heimat
wiedergefunden, und des Sohnes Seele suchte sie.
Es war etwas wie im Evangelium des verlorenen Sohnes. Louisons Heimkehr
war ein Fest, und als Jeannette nach drei Tagen kam, erregte ihr Besuch
nur die stille immer gleiche Freude. Doch Jeannette von Dracksdorf
spürte keine Eifersucht, ihre Freude jauchzte laut durch das Haus,
und zum erstenmal in seiner Ehe wurde Heinrich Wilhelm ein wenig in
den Winkel gestellt. Freilich um dann vorgeholt und ganz glänzend
herausgestrichen zu werden vor der Schwester. --
Es dachte niemand daran, Louison de St. Laurent ob ihrer Flucht aus
des Gatten Haus in Verhaft zu nehmen, und die Leute im Tal bürdeten
der schönen Tochter der Charreards keine Schuld auf. Über das Tal
hinaus aber ging Louisons Wünschen nicht. Nur als sie in Begleitung der
Eltern dem alten Amtsschossen Rudolph auf der Leuchtenburg einen Besuch
abstattete, um selbst Grüße und Botschaft Adrians zu überbringen,
dachte sie mit einem leisen Schwingen ihrer jungen Seele: es müßte sich
gut hausen auf der Burg.
Ein Jahr glitt dahin in stillem Frieden. Als es zum zweitenmal Frühling
wurde, fuhr eines Tages eine in das Tor von Pösen ein, die nicht in
das strenge Urteil der Hofgesellschaft über Louison de St. Laurent
einstimmte. Es war die kleine Prinzessin Elisabeth Marie. Da saß die,
um derentwillen Louison einst das Elternhaus hatte verlassen müssen,
und schüttete vor der älteren Freundin ihres Herzens großes Leid aus.
Die arme, kleine Prinzessin war so unglücklich wie es Louison einst
gewesen.
Wer konnte helfen? Anthoine? Der war noch immer fern, und einer
Schwester zu helfen ist leichter als einer Prinzessin.
Elisabeth reiste ab, getröstet und doch leidbeschwert. Anthoine
blieb noch immer fern. Doch als die Linden blühten, ritten wieder
zwei Heimkehrer durch das Leutratal, sie kamen von der Leuchtenburg,
der ersten Rast in der Heimat. Der eine hatte sich noch in Wien den
Doktorhut errungen, der andere war des Krieges müde und er trug schwer
an dem Grausen, das er gesehen hatte.
Als sie beide am Rabenhaus anlangten, stand Nikolaus vor der Türe;
breitbeinig, wohlhäbig, er hatte den Kriegsmann nun ganz in die
Tiefe versenkt, war nur noch Familienvater und Bauer. Er erhob seine
Stimme laut, als er die beiden sah. Wie Siegesruf klang es durch das
stille Tal, und der Magister Albertinus, der im Hausgärtchen seinen
Mittagsschlummer hielt, schrak zusammen. Aber bald verstand er das
Freudenrufen und er kam so schnell er konnte herbei. Sein gutes, altes
Gesicht strahlte. Anthoine war heimgekehrt, der, an dem sein Herz wie
an einend Sohne hing.
»Der Herr Magister!« Anthoine sprang vom Pferd und begrüßte den alten
Lehrer ehrfurchtsvoll, und der sagte still: »Nun kann mich der Herr zu
sich nehmen, nun ich dich -- Euch --«
»Aber Magister, lieber, guter Herr Magister!«
»Dich gesehen habe.« Und dann drehte sich der Alte zu seinem treuen
Hauswirt um und sagte strafend: »Hör' nur, Nikolaus, der Anton kommt
heim und bringt kein verwelschtes Maul mit, wie du es alleweil getan
hast.«
»Parbleu -- jemine, na ja Dunderwetter, ich gewöhn's mir ja noch ab.«
»Und wie geht's in Pösen?« Den beiden Freunden waren in diesem
Augenblick alle Fremdwörter gleich, sie strebten dem Herrenhause zu,
sie mußten aber langsam reiten, denn der Magister ging mit. Nikolaus
folgte auch, und so langten sie auf dem Gut an. Ganz eingehüllt in
Lindenduft war es, war sommerschön, war Heimat.