Zwei Kinder im Weltgetriebe verloren! --

Frau Sophia Christine saß just um diese Zeit unter der Linde und ihre

Gedanken suchten die Kinder, und sie wußte doch nicht, in welcher Not

sie steckten. Wußte nicht, daß wie einst der Vater ihnen in harten

Anfangsjahren geholfen hatte, jetzt der Sohn Adrian Rudolph den beiden

verirrten Kindern aus dem Leutratale die Hand reichte. Adrian wohnte

in einer stillen Gasse bei einer Witwe in einem kleinen Hause, und

er übernahm es, seiner Wirtin Louisons Verkleidung zu erklären. Die

Frau war verschwiegen, die nahm auch wirklich die blasse Louison bei

sich auf. Sie tat es mütterlich und gut, und da hatte die arme, schöne

Louison zum ersten Male seit langer Zeit eine rechte Heimat. Waren die

Freunde draußen, dann hockten die Frauen zusammen, warfen ihre bange

Sorge, ihr Zittern und Zagen einander zu, und jede fand so ein wenig

Trost an der andern.

Heiß und schwer gingen die Tage dahin.

Der August wurde von dem September abgelöst. Dichter und dichter

umschloß der furchtbare Feind die bedrängte Stadt. In den Kirchen lagen

zu allen Tag- und Nachtzeiten die verzagten Beter auf den Knien: »Gott

hilf, Gott hilf!« tönte ihr Rufen.

[Illustration]

Ein Tag im September ging dahin, noch einer, wieder einer, die Angst

wuchs und wuchs, und die Not dazu.

Wieder ein Tag vorbei, noch einer.

Am 10. September flog die Burgbastei in die Luft.

In der Nacht stiegen vom Stephansturm Raketen zum Nachthimmel empor.

Ein letzter Ruf an die Truppen draußen: Helft uns! Der Graf von

Starhemberg verlor den Mut nicht.

An diesem Abend aßen Frau Reindl und Louison den letzten Bissen Brot.

Leer die Schränke, die Bäcker hatten kein Brot mehr. Hunger lief durch

die Stadt. Die beiden Frauen kauerten zusammen in einem Stubenwinkel,

hörten das immer lautere Schießen und bangten um die Freunde, die

draußen im Kampfe standen.

Der elfte September verging; die Not wuchs.

Am zwölften September schwoll das Geschützfeuer mehr und mehr an, um

Wien tobte eine ungeheure Schlacht.

Anthoine und Adrian waren nicht heimgekommen, wo waren sie? Lebten sie

noch?

Und am Abend Lärm und Geschrei auf den Gassen, aber kein Jammerrufen,

Siegesfreude. Wien befreit! Gott sei gelobt!

Wieder verging eine Nacht, wieder dämmerte ein Tag draußen aus dem

Dunkel herauf.

Adrian kam. Er brachte den Frauen ein kleines, kümmerliches Brot,

sagte, Anthoine könne seinen Posten nicht verlassen.

Dann ging er und hatte scheue Augen. Es war aber so, er wußte nicht, wo

der Freund war. Er hatte ihn aus den Augen verloren.

Und wieder Nacht und Tag. Noch einmal und noch einmal.

In Louisons Herzen schrie die Sorge um den Bruder, um den Freund, sie

waren beide nicht wiedergekommen.

Sie ahnte nicht, daß Adrian den Kameraden suchte. In den überfüllten

Spitälern, unter den Haufen Toter und Verwundeter. --

Zwischen der Stadt und dem Heer der Befreier kam es allgemach zum

Verkehr. Soldaten drängten in die Gassen hinein, mit Freude, mit

tausendfachem Danke begrüßt. Unter denen, die einritten, war auch der

Oberst von Hünefeld, zur Begleitung hatte er sich seinen Reitknecht

Nikolaus Rabe erkoren.

Der war wieder ganz Kriegsmann, nur im tiefsten Herzen, noch in

einsamen Nachtstunden, glimmte die Sehnsucht nach dem Friedenstal. Doch

beim Einreiten hatte er keine Heimatgedanken, bis er einen sah, dessen

Gesicht ihm bekannt vorkam. »Dunderwetter, das war doch --«

»Junker, Junker!« schrie Nikolaus, und es fehlte nicht viel, so wäre

er in seiner Herzensfreude vom Pferde gefallen. Der sich da mühsam

kriechend hinschleppte, war Anthoine de Charreard.

Der horchte auf. Herrgott, die Stimme kannte er. Verwirrt sah er sich

um. Drei Tage hatte er unter toten Türken gelegen, wo war er nun? Seine

Sinne waren verwirrt.

Und dann taumelte er, schwankte, und Nikolaus hielt ihn auf einmal im

Arm und sah, daß der Waffenrock mit Blut vollgesogen war.

»Niklas, du!« ächzte Anthoine, dem eine Erinnerung kam. Er klammerte

sich an den alten Freund. »Du -- Louison!« Seine Stimme kreischte:

»Louison!«

»Heiliges Kreuzwetter, wo ist unser Fräulein Louison?«

Anthoine glitt zu Boden. Der Oberst von Hünefeld, der erst etwas

unwillig Nikolaus' Gebahren mit angesehen, nun aber den Junker erkannt

hatte, kam herbei. »Charreard, Ihr seid es!«

»Niklas, du mußt mit -- mit -- mir reiten!«

Anthoine de Charreard vergingen die Sinne. Da hob ihn Nikolaus wie

ein Kind empor und die beiden brachten den Ohnmächtigen in eine nahe

gelegene Schänke.

Die war nun freilich bis auf den letzten Platz besetzt. Doch der Wirt

sah wohl, diese Gäste konnte er nicht abweisen, und er öffnete ihnen

eine kleine, schmale Stube, der einzige Raum, der für ihn und sein

Gesinde noch frei war.

Etwas Feldscheren hatte Nikolaus schon gelernt in seinen Zügen kreuz

und quer. Er fand, die Wunde wäre schlimm; immerhin könnte ein flotter

Junker, wie seiner wäre, damit noch durchkommen.

Nach Stunden schlug Anthoine endlich die Augen auf; er sah sich um,

verwirrt, Entsetzen lag im Blick und Miene, die beiden in der Kammer

erkannte er nicht gleich, erst als Nikolaus gut und beruhigend zu

sprechen anfing, hellten sich des Junkers Züge auf. »Niklas?« fragte er

zögernd, und dann froher: »Niklas?«

»Gelle ja, da staunt der Junker, daß der alte Niklas hier mitten im

Türkenkriege drinsitzt?«

»Louison!« Anthoine de Charreard versuchte sich aufzurichten. »Louison,

oh Gott, und die Türken siegen -- Louison -- ich --« Seine Stimme

kreischte wieder.

Dann waren Bewußtsein und Kraft weg, im Fieber lag der Junker und im

Fieber wirrten sich Worte und Bilder zusammen. Heimat und Freunde, von

allem redete er; aber immer wieder rief er klagend der Schwester Namen.

»Schätze, die ist hier,« sagte Nikolaus, »er hat Angst, sie wär den

Türken in die Hände gefallen. Ei, du heiliges Dunderwetter, das wär

eine Bescherung! Ich muß aber gehen und sie suchen.«

Dem Obersten von Hünefeld war es recht. Der streckte sich auf den Boden

zum Schlafe aus, den Mantelsack unter dem Kopf, sagte, er würde schon

mit dem Kranken fertig werden, und dann ging Nikolaus suchen. Er hatte

es gesehen, Anthoine de Charreard gehörte zum Besatzungsheer, also

suchte er Leute von ihnen auf, fragte, forschte, der vierte endlich

gab ihm Bescheid, der deutete mit der Hand hinter sich und knurrte den

protestantischen Brandenburger unwirsch an: »Dort steht einer, der weiß

was von dem Leutnant de Charreard.«

»Dunderwetter,« schrie Niklas, »das ist ja --« und da drehte der andere

sich um und beide schrien sich an, als wären sie stocktaub. Nikolaus

hatte Adrian Rudolph gefunden.

Heißa, das gab ein Fragen und Redestehen hin und her. Adrian sagte:

»Mitkommen!« und er zog den alten Kinderfreund mit sich durch Gassen

und Gäßlein, und wenn der seinen Mund auftat und Louison sagte, dann

gab ihm der junge Landsmann einen Stoß und schwieg zu allen Fragen.

Er führte Nikolaus in seine Wohnung, dort weinten die beiden Frauen

zusammen um den verlorenen Bruder, und auf einmal stand wie aus der

Erde gewachsen der Nikolaus mitten im Zimmer und schrie verwundert:

»Louison! Wollte sagen Madame de St. Laurent!«

Wieder einer aus der Heimat! Einer, der treu war wie Gold, einer, an

den die blasse, junge Frau sich dankbar anschmiegte, als er vom Bruder

erzählte, und der berichten konnte, wie er die Eltern verlassen hatte

und das stille Tal.

Und noch etwas wußte Nikolaus, etwas, was Erlösung war und das dennoch

Louison tief erschütterte. Der Oberst de St. Laurent war tot.

»Gefallen im ehrlichen Kampf, vielleicht doch kein Verräter!« dachte

die junge Frau. Und sagte es leise, froh, daß sie dem Toten ein gutes

Wort nachreden durfte. Aber des Nikolaus Augen waren zu ehrlich, die

konnten nicht lügen, und sie las darinnen, es war anders gewesen. Sie

schwieg aber und forschte nicht, nur dem Herrn Adrian erzählte es

Nikolaus nachher, man hätte den Oberst als Verräter erschossen, Schande

lag auf seinem Namen.

»Und du, Niklas, warum bist du wieder ausgezogen?« fragte Louison nach

einer Weile.

»Weil ich ein Hornvieh war, mit Verlaub. Potz Dunderwetter, hab Weib,

Kind, Haus und Hof daheim und vagiere in der Welt herum. Schätze

aber, es war doch richtig, daß ich die Türken verjagen half. Nun

ziehen wir aber heim. Sie wollen die Brandenburger nit, weil sie nit

gut katholisch sein. Mir hat neulich unser Herr Oberst so lange ein

Sprüchlein gesagt, bis ich es mir gemerkt habe, und das ist, weiß der

Himmel, ein gut Wort und zeigt so recht der Menschen allerdümmste

Dummheit.«

»Wie heißt denn das Wort?« fragte Adrian.

Ja, wie hieß es -- im Türkenkampf war dem Nikolaus das mühsam Erlernte

flink wieder aus dem Gedächtnis hinausgefahren.

Es war schon gut, daß der Herr Adrian Rudolph ein gelehrter Herr war,

der konnte dem Gestammle des alten Soldaten Wort und Rundung geben. Sie

brachten schließlich alle beide das Sprüchlein zusammen, und die junge

Louison und die alte Frau, die eine Katholikin war, nickten andächtig

zu dem Verslein:

»Lutherisch, Päpstlich und Kalvinisch, diese Glauben alle drei,

Sind vorhanden, doch ist Zweifel, wo das Christentum denn sei.«

»Ich weiß doch, wo's Christentum ist, die gnädige Frau Mutter in Pösen

trägt's in ihrem Herzen, Gnaden der Herr Vater auch und meine liebe

Hausfrau dazu. Und jetzt reite ich heim. Helf mir unser Herrgott, daß

ich die Heimat noch einmal sehe!«

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 25 / 28 题