14. Kapitel.

Die Türken lagen vor Wien.

Eine Welt zitterte. Von Süd nach Nord, von West nach Ost tönte das

Klagen: »Der Türke vor Wien! Gott schütze uns!«

Der Kaiser war geflohen, die Hauptstadt stand verlassen. Wurde Wien

genommen, dann war der Weg dem Feinde offen, dann --

Das war ein Sommer voll Sorge und Angst, selbst in dem stillen

Thüringer Tälchen zitterten und zagten die Leute und sagten wohl:

»Wenn der Türke erst kommt, dann --« Niemand wagte recht, das Grausen

auszudenken.

Auch die Pest erhob sich da und dort, raffte Menschen hin, reckte sich

unheimlich empor und in den Kirchen flehten die Menschen um Schutz vor

Pestilenz und Türkennot.

In der großen allgemeinen Angst wurde Sophia Christine still. Sie

vergrub ihr eigenes Leid in des Herzens tiefstem Grund, wurde wieder

eine Trösterin der Armen und half, richtete auf, stärkte Mut und

Glauben. --

Vor Wien zogen sich die Heere zusammen. Nikolaus Rabe ritt wieder

mit dem brandenburgischen Herrn Obristen von Hünefeld; der hatte ihn

zu eigenem Dienst angenommen. Den Oberst hatte er richtig gefunden,

aber Anthoine de Charreard war nicht bei der Truppe. Er hatte seinen

Abschied genommen für immer, grollte der v. Hünefeld.

Ein heißes Ringen hub an.

Vom Juli bis in den September hinein kamen immer neue Scharen gezogen,

die Wien umschlossen. Die Stadt war nur schwach verteidigt und innen

zagten und bangten die Bewohner. Wenn der Türke die Stadt eroberte,

dann wehe den Bewohnern, unsäglich würde ihre Not sein.

An einem heißen Augusttag schritten am Stephansdom vorbei zwei, die

mithalfen beim Verteidigungskampf, Anthoine de Charreard und sein

Freund Adrian Rudolph. Sie kamen von der Wache draußen auf den Wällen,

waren eben abgelöst worden, und Anthoine de Charreard sagte zu dem

Jugendgespielen: »Ich geh mit dir heim!«

»Umgekehrt,« antwortete der, »heute geh ich mit zu dir. Meine Hausfrau

liegt krank, ich will heute nacht in deinem Quartier schlafen.«

Ein Schatten flog über Anthoines Gesicht, ein verlegenes Zögern hemmte

seinen Schritt.

Adrian sah es und lächelte spöttisch dazu. »Ich will nicht dein

Geheimnis auskundschaften. Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, gut. Leb

wohl!«

Adrian wollte jäh um eine Gassenecke biegen, doch Anthoine hielt ihn

fest. »Komm mit,« sagte er trotzig. »Es ist vielleicht besser! Mußt

nicht so hitzig sein.«

Schweigend schritt dann einer neben dem andern her. Adrian Rudolph

widerwillig. Er ärgerte sich über seine Aufdringlichkeit, wie er es

nannte, auch über seinen raschen Zorn. Mochte doch der Junker Anthoine

seine Geheimnisse vor dem Jugendfreund haben, was scherten die ihn.

Mißmutig stapfte er neben dem Freunde einher, der ganz in tiefes Sinnen

verloren ging. Eine tiefe Falte lag auf der Stirn, und die Augen, die

früher so froh geblickt, hatten einen kummervollen Ausdruck.

Adrian fühlte, eine Last lag schwer auf des Freundes Seele. War es die

Not der Stadt, die ihn so verstörte? Milder redete er zu dem Freund,

vergaß den Groll über dessen Heimlichkeiten, er redete von der Gefahr,

in der die Stadt sich befand. »Es wird furchtbar, wenn sie fällt.«

[Illustration]

Anthoine wurde totenblaß, er blieb stumm, ging stumm durch eine schmale

Gasse, die nach dem Schottentor zuführte, und murmelte endlich: »Hier!«

Ein unansehnliches Haus nahm die Freunde auf, die Treppen waren

ausgetreten und schmutzig, hinter einer Türe weinte jemand laut,

und Adrian Rudolph staunte über das armselige Quartier des Freundes.

Vielleicht hatte der ihn darum nicht mitnehmen wollen. Und warum lebte

er so, war er mittellos? So arm waren doch die Charreards nicht mehr.

Bis unter das Dach hinauf stieg Anthoine de Charreard. Oben rief er:

»Ich bin's,« wollte noch etwas hinzufügen, da wurde rasch die Türe

aufgerissen und ganz im hellen Licht stand ein schlanker, bleicher

Knabe.

Adrian erschrak. »Louison!« rief er und wiederholte ganz bestürzt:

»Louison!«

Louison de St. Laurent, die Jugendgefährtin, stand vor ihm. Glut und

Blässe liefen über das schmale Gesichtchen. Sie wollte des Freundes

Namen nennen, aber nur ein zitterndes Lallen kam über ihre Lippen.

Sie streckte wie hilfeflehend die Arme aus, ein kurzes, heiseres

Aufschluchzen entrang sich ihr, dann taumelte sie, sank auf einen

Stuhl, der Kopf schlug hart auf die Tischplatte auf, und plötzlich

rutschte sie von der Bank herab, sie war ohnmächtig geworden.

Die Freunde nahmen sie, hoben sie auf das schmale Bett und Anthoine

goß ihr etwas Wein ein, rieb ihr die Schläfen und rief ängstlich ihren

Namen. Da schlug Louison endlich die Augen auf, unnatürlich groß

glänzten sie in dem mageren, bleichen Gesichtchen. Die strahlend schöne

Hofjungfer der Herzogin Marie war das nicht mehr.

Und nun bekam Adrian Rudolph die ganze trauervolle Geschichte zu hören.

Von den Unglücksjahren, die Louison in Paris an der Seite des eitlen,

kaltherzigen Mannes verlebt hatte, von ihrer Flucht, und wie sie beide

sich wochenlang in Regensburg hatten verborgen halten müssen, wie sie

dann doch hatten heimwärts ziehen wollen, aber in einer Herberge, nahe

der Heimat, durch Zufall erfahren hatten, daß Louison verfolgt würde

und in Verhaft genommen werden sollte.

Da waren sie beide, wie sie es zuerst gewollt, nach Wien gezogen.

Vierzehn Tage später hatten sie in einer belagerten Stadt fast ohne

Mittel gesessen. Es war ein kümmerliches Leben, das sie führten, voll

Angst vor Entdeckung, weil Louison zwei Tage nach ihrer Ankunft den

Obersten de St. Laurent auf der Gasse erblickt hatte. Sie war unerkannt

geblieben, aber seitdem hatte sie sich nicht wieder hinausgetraut, und

sie verbrachte die vielen Stunden, in denen Anthoine fern sein mußte,

einsam in der heißen Kammer.

»Der Oberst de St. Laurent ist nicht mehr hier,« sagte Adrian.

»Ich habe es zufällig gestern erfahren, er wäre in das polnische

Hauptquartier gezogen, kurz nach des Kaisers Flucht.«

»Er ist ein Verräter,« sagte Louison hart.

»Das sagte der, der es mir erzählte, auch, man hat ihm offenbar hier

mißtraut.«

Wie ein schwerer Stein war der Name des Mannes zwischen die drei

gefallen. Sie saßen stumm da, starrten auf den Boden nieder, hörten das

Dröhnen der Geschütze, die gegen die belagerte Stadt gerichtet waren,

und auf einmal sagte Louison leise: »Wären wir doch alle in Pösen!«

»Ach ja, daheim im stillen Friedenstal.«

»Oder auf der Leuchtenburg,« murmelte Adrian Rudolph. Er dachte an den

weiten, fernen Blick über das liebliche Gelände, und eine unbändige

Sehnsucht dort zu sein, erfaßte ihn. Unwillkürlich packte er die Hände

der Geschwister und so saßen die drei Heimatgenossen still in der

fremden, belagerten Stadt zusammen, bis Anthoine ihrer Sehnsucht wieder

Ausdruck gab: »Wenn wir jetzt durch den Wald reiten könnten!«

»Ja, am Rabenhof vorbei, wo mag der Niklas sein? Und Jeannettchen, wie

geht es ihr?«

»Sie ist Heinrich von Dracksdorfs Frau?«

Adrian Rudolph nickte. »Das war die letzte Nachricht, die ich bekam. Er

hat das beste Teil erwählt.«

Sie schwiegen wieder. Hinter dem niedrigen Dachfenster flammte jetzt

roter Schein auf. In einer der Vorstädte brannte ein Haus. Die

Geschütze dröhnten. Trommelwirbel tönte auf der Gasse, Trompetensignale

wurden gegeben. Louison de St. Laurent sah sich auf einmal wieder auf

Niklas' Knien sitzen, hörte ihn von seinen Kriegsfahrten erzählen, und

sie sagte leise den oft gehörten Reim:

»Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen.

Weh Reich und Armen ohn alles Erbarmen.«

»Wir müssen zusammen bleiben, wir drei Thüringer!« rief Adrian.

»Ja, zusammen, das ist mehr Schutz für Louison, wenn --« Anthoine

de Charreard sprach das Wort nicht aus, das furchtbare Wort: »Wenn

Wien fällt«; aber die beiden andern hörten es aus dem Dröhnen draußen

heraus, in das sich jäh ein lautes Klagegeschrei mischte. Ein Schauer

durchrann sie. Wenn die Stadt fiel -- wenn --!

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 24 / 28 题