Die Türken lagen vor Wien.
Eine Welt zitterte. Von Süd nach Nord, von West nach Ost tönte das
Klagen: »Der Türke vor Wien! Gott schütze uns!«
Der Kaiser war geflohen, die Hauptstadt stand verlassen. Wurde Wien
genommen, dann war der Weg dem Feinde offen, dann --
Das war ein Sommer voll Sorge und Angst, selbst in dem stillen
Thüringer Tälchen zitterten und zagten die Leute und sagten wohl:
»Wenn der Türke erst kommt, dann --« Niemand wagte recht, das Grausen
auszudenken.
Auch die Pest erhob sich da und dort, raffte Menschen hin, reckte sich
unheimlich empor und in den Kirchen flehten die Menschen um Schutz vor
Pestilenz und Türkennot.
In der großen allgemeinen Angst wurde Sophia Christine still. Sie
vergrub ihr eigenes Leid in des Herzens tiefstem Grund, wurde wieder
eine Trösterin der Armen und half, richtete auf, stärkte Mut und
Glauben. --
Vor Wien zogen sich die Heere zusammen. Nikolaus Rabe ritt wieder
mit dem brandenburgischen Herrn Obristen von Hünefeld; der hatte ihn
zu eigenem Dienst angenommen. Den Oberst hatte er richtig gefunden,
aber Anthoine de Charreard war nicht bei der Truppe. Er hatte seinen
Abschied genommen für immer, grollte der v. Hünefeld.
Ein heißes Ringen hub an.
Vom Juli bis in den September hinein kamen immer neue Scharen gezogen,
die Wien umschlossen. Die Stadt war nur schwach verteidigt und innen
zagten und bangten die Bewohner. Wenn der Türke die Stadt eroberte,
dann wehe den Bewohnern, unsäglich würde ihre Not sein.
An einem heißen Augusttag schritten am Stephansdom vorbei zwei, die
mithalfen beim Verteidigungskampf, Anthoine de Charreard und sein
Freund Adrian Rudolph. Sie kamen von der Wache draußen auf den Wällen,
waren eben abgelöst worden, und Anthoine de Charreard sagte zu dem
Jugendgespielen: »Ich geh mit dir heim!«
»Umgekehrt,« antwortete der, »heute geh ich mit zu dir. Meine Hausfrau
liegt krank, ich will heute nacht in deinem Quartier schlafen.«
Ein Schatten flog über Anthoines Gesicht, ein verlegenes Zögern hemmte
seinen Schritt.
Adrian sah es und lächelte spöttisch dazu. »Ich will nicht dein
Geheimnis auskundschaften. Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, gut. Leb
wohl!«
Adrian wollte jäh um eine Gassenecke biegen, doch Anthoine hielt ihn
fest. »Komm mit,« sagte er trotzig. »Es ist vielleicht besser! Mußt
nicht so hitzig sein.«
Schweigend schritt dann einer neben dem andern her. Adrian Rudolph
widerwillig. Er ärgerte sich über seine Aufdringlichkeit, wie er es
nannte, auch über seinen raschen Zorn. Mochte doch der Junker Anthoine
seine Geheimnisse vor dem Jugendfreund haben, was scherten die ihn.
Mißmutig stapfte er neben dem Freunde einher, der ganz in tiefes Sinnen
verloren ging. Eine tiefe Falte lag auf der Stirn, und die Augen, die
früher so froh geblickt, hatten einen kummervollen Ausdruck.
Adrian fühlte, eine Last lag schwer auf des Freundes Seele. War es die
Not der Stadt, die ihn so verstörte? Milder redete er zu dem Freund,
vergaß den Groll über dessen Heimlichkeiten, er redete von der Gefahr,
in der die Stadt sich befand. »Es wird furchtbar, wenn sie fällt.«
[Illustration]
Anthoine wurde totenblaß, er blieb stumm, ging stumm durch eine schmale
Gasse, die nach dem Schottentor zuführte, und murmelte endlich: »Hier!«
Ein unansehnliches Haus nahm die Freunde auf, die Treppen waren
ausgetreten und schmutzig, hinter einer Türe weinte jemand laut,
und Adrian Rudolph staunte über das armselige Quartier des Freundes.
Vielleicht hatte der ihn darum nicht mitnehmen wollen. Und warum lebte
er so, war er mittellos? So arm waren doch die Charreards nicht mehr.
Bis unter das Dach hinauf stieg Anthoine de Charreard. Oben rief er:
»Ich bin's,« wollte noch etwas hinzufügen, da wurde rasch die Türe
aufgerissen und ganz im hellen Licht stand ein schlanker, bleicher
Knabe.
Adrian erschrak. »Louison!« rief er und wiederholte ganz bestürzt:
»Louison!«
Louison de St. Laurent, die Jugendgefährtin, stand vor ihm. Glut und
Blässe liefen über das schmale Gesichtchen. Sie wollte des Freundes
Namen nennen, aber nur ein zitterndes Lallen kam über ihre Lippen.
Sie streckte wie hilfeflehend die Arme aus, ein kurzes, heiseres
Aufschluchzen entrang sich ihr, dann taumelte sie, sank auf einen
Stuhl, der Kopf schlug hart auf die Tischplatte auf, und plötzlich
rutschte sie von der Bank herab, sie war ohnmächtig geworden.
Die Freunde nahmen sie, hoben sie auf das schmale Bett und Anthoine
goß ihr etwas Wein ein, rieb ihr die Schläfen und rief ängstlich ihren
Namen. Da schlug Louison endlich die Augen auf, unnatürlich groß
glänzten sie in dem mageren, bleichen Gesichtchen. Die strahlend schöne
Hofjungfer der Herzogin Marie war das nicht mehr.
Und nun bekam Adrian Rudolph die ganze trauervolle Geschichte zu hören.
Von den Unglücksjahren, die Louison in Paris an der Seite des eitlen,
kaltherzigen Mannes verlebt hatte, von ihrer Flucht, und wie sie beide
sich wochenlang in Regensburg hatten verborgen halten müssen, wie sie
dann doch hatten heimwärts ziehen wollen, aber in einer Herberge, nahe
der Heimat, durch Zufall erfahren hatten, daß Louison verfolgt würde
und in Verhaft genommen werden sollte.
Da waren sie beide, wie sie es zuerst gewollt, nach Wien gezogen.
Vierzehn Tage später hatten sie in einer belagerten Stadt fast ohne
Mittel gesessen. Es war ein kümmerliches Leben, das sie führten, voll
Angst vor Entdeckung, weil Louison zwei Tage nach ihrer Ankunft den
Obersten de St. Laurent auf der Gasse erblickt hatte. Sie war unerkannt
geblieben, aber seitdem hatte sie sich nicht wieder hinausgetraut, und
sie verbrachte die vielen Stunden, in denen Anthoine fern sein mußte,
einsam in der heißen Kammer.
»Der Oberst de St. Laurent ist nicht mehr hier,« sagte Adrian.
»Ich habe es zufällig gestern erfahren, er wäre in das polnische
Hauptquartier gezogen, kurz nach des Kaisers Flucht.«
»Er ist ein Verräter,« sagte Louison hart.
»Das sagte der, der es mir erzählte, auch, man hat ihm offenbar hier
mißtraut.«
Wie ein schwerer Stein war der Name des Mannes zwischen die drei
gefallen. Sie saßen stumm da, starrten auf den Boden nieder, hörten das
Dröhnen der Geschütze, die gegen die belagerte Stadt gerichtet waren,
und auf einmal sagte Louison leise: »Wären wir doch alle in Pösen!«
»Ach ja, daheim im stillen Friedenstal.«
»Oder auf der Leuchtenburg,« murmelte Adrian Rudolph. Er dachte an den
weiten, fernen Blick über das liebliche Gelände, und eine unbändige
Sehnsucht dort zu sein, erfaßte ihn. Unwillkürlich packte er die Hände
der Geschwister und so saßen die drei Heimatgenossen still in der
fremden, belagerten Stadt zusammen, bis Anthoine ihrer Sehnsucht wieder
Ausdruck gab: »Wenn wir jetzt durch den Wald reiten könnten!«
»Ja, am Rabenhof vorbei, wo mag der Niklas sein? Und Jeannettchen, wie
geht es ihr?«
»Sie ist Heinrich von Dracksdorfs Frau?«
Adrian Rudolph nickte. »Das war die letzte Nachricht, die ich bekam. Er
hat das beste Teil erwählt.«
Sie schwiegen wieder. Hinter dem niedrigen Dachfenster flammte jetzt
roter Schein auf. In einer der Vorstädte brannte ein Haus. Die
Geschütze dröhnten. Trommelwirbel tönte auf der Gasse, Trompetensignale
wurden gegeben. Louison de St. Laurent sah sich auf einmal wieder auf
Niklas' Knien sitzen, hörte ihn von seinen Kriegsfahrten erzählen, und
sie sagte leise den oft gehörten Reim:
»Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen.
Weh Reich und Armen ohn alles Erbarmen.«
»Wir müssen zusammen bleiben, wir drei Thüringer!« rief Adrian.
»Ja, zusammen, das ist mehr Schutz für Louison, wenn --« Anthoine
de Charreard sprach das Wort nicht aus, das furchtbare Wort: »Wenn
Wien fällt«; aber die beiden andern hörten es aus dem Dröhnen draußen
heraus, in das sich jäh ein lautes Klagegeschrei mischte. Ein Schauer
durchrann sie. Wenn die Stadt fiel -- wenn --!