»Louison!«
Bruder und Schwester standen sich gegenüber. Aber nicht mehr die schöne
Louison in hoher Fontange mit Mouches auf Wangen und Kinn, ein blasser,
schlanker Knabe mit Augen, aus denen tiefer Schmerz redete, stand vor
Anthoine.
»Ich bin geflohen!« --
»Mein Himmel, warum? Und allein?«
Da sagte Louison de St. Laurent dem Bruder, daß ihr Gatte ein Spion
sei. »Er reist nach Wien,« berichtete sie, »dort will er Verräter
werben, Wien in des Sultans Hände spielen. Der Türken Unterhändler, oh
über diese Schmach! Der alte Julien hat mir zur Flucht geholfen, er ist
nach Köln zu seiner Tochter gezogen.«
»Und jetzt?«
»Ich zieh mit dir -- meinetwegen auch nach Wien. Wohin sollte ich
sonst? Heim kann ich nicht, ich muß mich verbergen, wenn man mich
findet, steckt man mich in ein Kloster.«
»In ein Kloster?«
»Der Oberst de St. Laurent ist Katholik geworden, weil er sonst seinen
hohen Posten nicht bekommen hätte. Ich sollte zum Übertritt gezwungen
werden. Und dich wollten sie auch bekehren, darum die Freundschaft,
darum wurdest du verwöhnt, darum trieb ich dich fort!«
»Oh Louison!«
»Es ist so, Anthoine. Wir hätten in der Heimat bleiben sollen, daheim
in unserm Friedenstal.«
»Ich bringe dich heim!«
»Ich kann nicht, Bruder. Man wird mich dort zuerst suchen und man
wird keine Schonung kennen. Komm in die Welt hinaus, ich bin dein
Reitknecht, nimm mich mit. Du bist mein einziger Schutz.«
»Ich verlasse dich nicht.«
Und am nächsten Morgen ritten die Kinder aus dem Leutratal in die
weite, unbekannte Welt hinaus. --
Nach Weihnachten kam die Kunde von beider Verschwinden nach Pösen.
Der Oberst de St. Laurent sandte Boten, wollte seine Frau zurückholen
lassen.
Jeannette von Dracksdorf war just zum ersten Besuch mit ihrem Manne
da, als die beiden Herren in Pösen einritten. Sie traten herrisch und
anmaßend auf, hatten eine Begleitung vom Hof in Weimar und verlangten
Louisons Herausgabe. Dann, als sie merkten, die bestürzten Eltern
wußten nichts von der Tochter Verbleib, wurden sie vertraulicher und
erzählten. Der Junker Anthoine habe es plötzlich mit dem Heimweh
bekommen und sei nach Deutschland gereist. Ein paar Tage später sei
Madame de St. Laurent spurlos verschwunden. Niemand wisse, wohin,
mit ihr zugleich sei der alte Julien, ein früherer Diener des Herrn
de Charreard, verschwunden. Man habe geforscht und gefragt und nur
herausbekommen, daß sich beide wohl nach Deutschland gewendet hätten.
Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe.
Sophia Christine brach fast zusammen vor Leid.
Herr de Charreard wollte im ersten Ansturm des Unmutes selbst nach
Paris reisen, selbst nachforschen, aber da warnte ihn einer der fremden
Herren. Man wäre jetzt auf die Hugenotten nicht gut zu sprechen dort.
Und da erfuhr Herr Anthoine von dem Übertritt seines Schwiegersohnes.
Er stutzte. Er war kein Frömmler und Eiferer, wäre auch ein guter
Katholik gewesen, aber ein Wechsel der Religion ohne inneren Zwang und
um äußerer Vorteile willen, das war ihm tief verächtlich. Und Louison,
war sie nicht sein Kind, mußte sie nicht denken wie er!
War sie darum geflohen? Was hatte sie dazu getrieben, welch großes Leid
war über sie gekommen?
Trübe Tage kamen, Tage, an denen die Sorge im Haus auf dem Ehrenstuhl
saß, die Sorge um die Kinder des Hauses, die sich in der Welt verloren
hatten.
Louison de St. Laurent drohte Haft, wenn sie heimkam.
Und die Mutter zitterte vor dem Heimkommen und die Mutter ersehnte das
Heimkommen.
Zwei Kinder verloren im Weltgetriebe!
Sophia Christine wurde eine müde, stille Frau in diesen Wochen und ihr
Mann vergaß das stolze Schloß an den Loireufern; er ersehnte nun auch
nur noch das einsame Leutratal zur Heimat für seine Kinder.
Es ging den Eheleuten wie den Linden, unter denen sie am Einzugstage
gestanden hatten: sie wurzelten fester zusammen, und wie die
Lindenkronen ineinander verschlungen waren, so waren es ihre Gefühle
und Gedanken. Es konnte einer nicht mehr ohne den andern sein. --
Der Winter schleppte sich träge dahin, und als endlich am Quellrand die
ersten Schneeglöckchen ihre weißgrünen Spitzen heraussteckten, lief ein
angstvolles Raunen durch das Land. Lauter wurde es, banger.
Der Türke kommt, der Türke zieht nach Wien, helf uns Gott!
Nikolaus Rabe schlief schlecht in diesen Nächten. Er träumte wilde,
wirre Dinge, meinte die Trompeten wieder blasen zu hören:
Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen,
Weh Reich und Armen, ohn alles Erbarmen!
Seine Frau sah trübe drein. Sie brachte oft den Buben zu ihm. Dann
wurde des Mannes Blick scheu, er fürchtete sich vor seiner eigenen
Weichheit. Aber dann wieder begann er plötzlich dies und das zu
erzählen, und einmal kam der kleine Blondkopf angelaufen, stellte sich
wichtig vor seine Mutter hin und sagte keck ein Sprüchlein: »Die Funken
werden Flammen und brechen endlich aus, Sie lohen hoch zusammen und
reißen Haus zu Haus!«
»Gotte, Junge, woher haste das?«
»Der Vater hat's mir beigebingt!« rief das Büblein stolz, es reckte
sich und ging auf den Hof und seine Mutter hörte ihn mit getragener
Stimme reden:
»Bet, Kinder, bet!
Morge kommt der Schwed,
Morge kommt der Oxestern,
Der wird Euch das Bete lern.«
Die Bäuerin weinte bitterlich. Und in ihrer Herzensnot lief sie
zur Gutsfrau nach Pösen und schüttete vor dieser Leidträgerin ihr
Sorgensäcklein aus.
»Es hat ihn wieder gepackt, das Kriegswesen, er kann's niche lassen,
Gnaden können drauf passe, der zieht noch gegen die Türken!«
Und Sophia Christine, die so viel Trost gegeben hatte, wußte diesmal
nichts zu sagen. Sie ahnte es lange, der Nikolaus blieb nicht im Tal.
Und noch eine Woche voll Qual und Kampf. Ein verzweifeltes Ringen der
Frau mit der immer stärker wachsenden Sehnsucht des Mannes; es war
vergeblich. Als der Seidelbast blühte und die alte Windfahne auf dem
Dach des Gutshauses sich mühte, von den Staren das wohltönige Pfeifen
zu lernen, da nahm Nikolaus Rabe eines Morgens Abschied von Weib und
Kind, nahm Abschied von dem Friedenstal, und er gab dabei dem guten
Magister Albertinus recht, der ihn einen horndummen Esel nannte, aber
er konnte nicht anders. Das Weltgeschehen lockte ihn hinaus.
»Sei nicht böse,« bat der Nikolaus sein Weib, »itze zieh ich zum
letzten Male aus.«
»Und kommst niche wieder!«
»Wie es unserm Herrgott gefällt. Frau, heule nit, das ist mal so. Als
Kind noch haben sie mich hineingetrieben in das wilde Wesen, das sitzt
mir nun alleweil im Blute und ich komm nit los davon.«
Die Amseln flöteten, die Hecken prangten in grüner Seide, das Bächlein
gluckste und rann, der Frühlingswind spielte sacht und zärtlich mit
allem, mit der alten Wetterfahne und den jungen Zweigen, mit lockeren
Dachschindeln und dem blonden Haar der Bäuerin. Wie schön war das
kleine Tal. Dem Nikolaus brach fast das Herz, als er einsam dahinritt
und das Haus, sein Heim, sein Glück, allmählich verschwanden, und doch
-- er konnte nicht anders. Die Türken im Land, heißa, hussasa, das
lockte und zog.
Die Türken raubten und sengten.
Herrgott, schütz' uns!
Je tiefer ins Land hinein der Nikolaus ritt, je lauter tönte das
Angstrufen.
»Helf uns Gott!
Der Türk' im Land,
Not und Brand!«
Da vergaß der Nikolaus Rabe allmählich, daß er noch daheim im stillen
Tal einen Hof, Weib und Kind hatte; als ein rechter Kriegsmann ritt er
hinein in Kampf und Not.