13. Kapitel.

Ein wenig später konnte Nikolaus Rabe, der Heimgekehrte, seinen Bericht

erstatten. Der gute Magister hatte dabei viel Grund zu knurren und zu

schelten, denn im Eifer purzelten recht viele fremde Wörter dem Manne

aus dem Mund. Er redete ein wunderliches Mischmasch durcheinander.

Die Charreards hörten nicht darauf, Herr Anthoine strahlte, aber über

Sophia Christines klares Gesicht flogen Schatten. Nikolaus sagte nicht,

daß der Junker die Heimat vergessen hätte, aber ihr Ohr hörte das

Verborgene und in ihrem Herzen rann die Tränenquelle.

»Zwei von den Charreards in Paris, das ist recht,« rief Herr Anthoine.

»Paß auf, herzliebe Frau, unser Anthoine bringt dort den Namen

Charreard wieder zu Ehren.« Da sah der Mann in seiner Freude doch das

wehe Lächeln um den Mund der Frau zucken und er sagte: »Da dir unser

Sohn Dracksdorf doch wirklich lieb ist wie ein Sohn, mußt du eben

denken, Teuerste, zwei Kinder dort, zwei Kinder hier, eine gerechte

Verteilung.«

Ach, es war nicht so, wie es der Herr de Charreard sagte. Die Frau

trug alle vier Kinder im Herzen, auch den Schwiegersohn, dessen

Verlassenheit sie einst in ihrem jungen Glück so tief gerührt hatte.

Der Oberst de St. Laurent dagegen war ihr fremd, und um dieser

Fremdheit willen dachte sie mit immer wacher Sorge an Louison. Zwei

Kinder hier, zwei Kinder fern. Frau Sophia Christine dachte in diesen

Tagen manchmal an die Glucke mit den zehn Küchlein, die sie alle an

ihrem Einzugstag schützend umfangen hatte. Daß doch eine Menschenmutter

ihre Kinder nicht immer so bei sich haben kann.

Aber freilich, Jeannettchens junges Glück stand wie eine Sonne über

dem Hause. Einmal zog eine Wolke darüber, die Herzogin Marie von Jena

starb. Sie hatte Frau Sophia Christine viel Herzeleid angetan, und doch

weinte die Frau um sie, sie gedachte der verlassenen Kinder.

Es war im August. Ein paar Wochen später fuhr die kleine Prinzessin

Elisabeth Marie von Jena nach Pösen, sie wollte, ehe sie an den Hof des

Herzogs Johann Georg zu Eisenach reiste, um dort zu bleiben, Abschied

nehmen. Was der Hochmut ihrer Mutter Frau Sophia Christine zu Leide

getan, das glich die Tochter unbewußt in zärtlicher Liebe aus. Sie war

so selten in Pösen gewesen und hatte doch das Gefühl, heimzukommen,

als sie vor sich das einsame Tal in goldrotbrauner Herbstpracht liegen

sah. Und zum großen Entsetzen ihrer Begleiter verlangte sie den Hohlweg

hinab zu gehen, und sie ging mit federndem Schritt -- wie einst Frau

Sophia Christine.

Und dann verlangte sie alles im Haus, auf dem Hofe zu sehen, sie ging

in die Kapelle, kroch die Hühnerstiege hinan, wußte, wo alles stand und

lag; wie ein Märchen von Sonne und Glück war ihr alles, von dem ihr

Freund Anthoine ihr einst erzählt hatte, in das Herz gesunken. Zuletzt

forderte sie, während ihre Begleiter mit den Charreards im Festsaal

saßen, von Jeannette, sie solle sie nach dem Rabenhof begleiten.

Jeannettchen erschrak über dieses Begehren. Eine Prinzessin, die zu

Fuß nach einem Bauernhof ging, das war doch schier unmöglich. Und wie

sie mit der kleinen Prinzessin noch stand und redete und abmahnte,

kam auf einmal der Nikolaus von seinem Hause her. Just als hätte

ihn das Wünschen der kleinen Prinzessin herbeigezogen, so war es.

Nikolaus blieb stehen, wagte sich nicht recht näher und war dann höchst

verdutzt, als ihn Elisabeth Marie anrief: »Komm Er her! Ich habe einen

Auftrag für Ihn!«

Sie zog einen Brief aus ihrer Tasche, hielt den Nikolaus vor die Nase

und fragte: »Zieht Er in den Türkenkrieg?«

»Ist ja keiner,« antwortete der Bauer erstaunt, und über dem Erstaunen

vergaß er die Höflichkeit.

»Er kommt aber. Seine Liebden, mein gnädiger Herr Oheim, haben es

gesagt! Ja, vielleicht kommen die Türken gar hierher, wissen kann man

es nicht. Wenn Er aber in den Krieg zieht, soll Er den Brief mitnehmen

und ihn dem Junker Anthoine geben, damit der schnell heimkommt. Ganz

schnell muß er aber kommen.«

Nikolaus starrte das Prinzeßchen mit immer runderen Augen an. Elisabeth

Marie tat, als wäre das In-den-Krieg-Ziehen wie ein Spaziergang von

Jena ins Leutratal und als müßten sich alle Menschen treffen wie etwa

Sonntags vor der Stadtkirche von Jena. »Ich zieh aber nit in den Krieg,

die Frau will's nit.«

»Sie muß wollen, Er hat es dem Junker de Charreard doch versprochen?«

Elisabeth sah ganz böse drein, und als der Bauer in seiner Verlegenheit

die Arme steif herunterhängen ließ und den Brief nicht nahm, brach sie

in Tränen aus und rief: »Helf Er mir doch. Ich muß dem Junker Anthoine

schreiben, er muß mir helfen, sonst -- sonst muß ich Liebden, den Herrn

Vetter Wilhelm Ernst, heiraten, und ich will ihn doch nicht.«

Das war freilich eine schlimme Sache.

Jeannettchen sah bekümmert drein. Sie riet. »Wir schicken dem Bruder

den Brief.«

»Wohin, wo ist er?«

Ja, wo war Anthoine? Noch in Paris? Niemand wußte es, aber Nikolaus

meinte: »Ich schätze, er wird noch dort sein.«

Da nahm Jeannettchen den Brief vorläufig an sich und versprach ihn

bei guter Gelegenheit an den Bruder zu senden. Freilich war dies der

kleinen Prinzessin nur halb recht, die hatte gemeint, Nikolaus Rabe

würde schnurstracks in die weite Welt reiten und den Brief ihrem

guten Kameraden Anthoine geben. Wo er den zu finden hatte, wäre dann

des Nikolaus Sache gewesen, da das Prinzeßchen nur ein paarmal nach

Porstendorf, dem Gute ihrer Mutter, und einmal nach Weimar gereist war,

meinte es, das Reisen in der weiten Welt herum sei nicht so schwer.

Der Bauer sah wohl den Kummer, und der bedrückte ihn schwer, auch lag

ihm der nahe Türkenkrieg auf dem Herzen. Er ging mit gesenktem Kopf

heim und war dann wortkarg, ließ den Magister und seine Frau reden und

sagte nur plötzlich aus tiefem Nachsinnen heraus: »Parbleu, gegen die

Türken ziehen, das -- wär' schon was.«

»Niklas,« schrie die Frau erschrocken, »du denkst doch wieder an en

Krieg.«

»Armes Weib,« knurrte der Mann, und dann schwieg er sich an diesem

Abend aus. --

Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte heiße Tränen beim Abschied

von Pösen, und Frau Sophia Christine hielt das Kind der Frau, die ihr

so viel Herzeleid zugefügt hatte, in ihren Armen, als wäre es ihr

eigenes Kind. Ein tiefes Erbarmen war in ihr mit dem Waislein, und

sie antwortete innig: »Gott gebe es,« als die Prinzessin von einem

Wiedersehen sprach. --

Eine Weile nach dem Besuch war es still im Tal, doch dann tönte

Hochzeitsjubel auf. Und alle nahmen daran teil, die Dorfleute,

die Rabes; der Magister Albertinus versuchte sogar ein sinniges

Hochzeitslied zu dichten, aber mit dem Reimen wollte es ihm nicht recht

gelingen. Doch ein Hochzeitsgedicht gehörte zur Hochzeit, und da alle

von dem guten Magister eines erwarteten, saß er stöhnend und schwitzend

am grünen Kachelofen der Wohnstube mit den Leuten vom Rabenhofe und

dichtete. Es wollte nicht gehen. Dreimal sagte er: »O holde Jungfer

Braut --« dann war seine Kunst zu Ende. »Was reimt sich in aller Welt

nur auf Braut?« rief er.

»Sauerkraut,« brummte Nikolaus, der immer stiller wurde in dieser Zeit.

»Traut,« redete seine Frau sanft dazwischen.

»Ich hab's,« schrie der Magister:

»O holde Jungfer Braut,

Bald wirst du angetraut

Dem Manne deiner Wahl -- Wahl -- Wahl«

»Qual!« schrie Nikolaus.

»Quatsch,« knurrte der Magister und dichtete dann doch:

»Das ist dir keine Qual.

Du schönen Lilien gleiche --«

»Jetzt gibt's wieder eine Sau!« rief der Nikolaus.

»Was gibt's?«

»Na, halt 'ne Sau, so nannten wir's, wenn einem was fehlschlug.«

»Er ist 'n Schafskopf,« sagte der Magister unwirsch. »Meine Verse sind

keine Säue. Er muß sich besser halten in seiner Rede. Paßt auf, jetzt

kommt's:

»Einem Engel aus dem Himmelreiche

Gleichst du mit deinen Purpurwangen,

Die wie die schönen roten Rosen prangen,

Und deiner Augen Himmelsblau --«

»Dunderwetter, das hab' ich noch nit gewußt, daß unser Jungfer

Jeannettchen blaue Augen hat; braun sind sie, braun.«

»Meinetwegen braun, obgleich das bei der edlen Dichtkunst gleich ist,

wie die Augen in Wirklichkeit aussehen. Also:

»Und deinen Augen, wie Nüsse sind sie so braun,

Schenket heute ein edler Junker sein allertiefstes Herzenvertraun.«

»Ich mein halt doch, das wär' wieder eine Sau gewesen,« brummelte der

Bauer vor sich hin, aber der Magister war jetzt in das Dichten gut

hineingekommen, er reimte, als ob er über einen steilrölligen Berg

lief. Hoppla hopp, da war ein Reim! Da gab es eine Zeile, die kurz war

wie der kürzeste Tag im Jahr, und eine, die zwei Meilen mehr hatte.

Den Magister kümmerte es nicht, und die Hochzeitsgäste nahmen keinen

Anstoß daran. Sie waren alle mit dem Hochzeitsgedicht zufrieden.

Jeannettchen hörte vor lauter Rührung nichts, der Herr von Dracksdorf

dachte nur: »Besser hätt' ich's nicht gekonnt,« und Frau Sophia

Christine und ihr Mann dachten, trotz des feinen Schneeschleiers,

der schon über dem Tale ruhte, doch an den Tag ihres Einzugs, an

sommerliche Schöne und blühende Linden. Und als der gute Magister

vortrug:

»Es weilen die teuersten Geschwister ferne

Und verlebten doch mit uns den Freudentag sehr gerne,«

da rollten Tränen über das Gesicht der Mutter. Die Hände der Gatten

fanden sich, und ihre Gedanken flogen auf sanften Schwingen zu den

beiden hin.

Nach Paris.

Für Sophia Christine war es eine unheimliche fremde Stadt, Herr de

Charreard dachte an Glanz und Sonne, dachte an den Hof des prächtigsten

Königs. Dort war sein Sohn, ein Charreard war wieder in Paris. Er

erhoffte Großes von dem Dortsein, erhoffte neuen Glanz für das

Geschlecht der Charreards.

Aber Anthoine war, während seine Schwester Jeannette seinem Freunde

angetraut wurde, gar nicht mehr in Paris. Wenige Tage vorher hatte

er verbittert, angewidert von dem Höflingstreiben, von der blassen,

schönen Louison Abschied genommen. Er wollte nach Wien zu Adrian

Rudolph, er wollte wirklich dort warten, bis die Türken den Krieg

begannen.

Man raunte viel davon. Louison selbst hatte es dem Bruder gesagt, hatte

von dem gesprochen, was der Oberst de St. Laurent in einer Stunde der

Trunkenheit ihr verraten. König Ludwig suchte die Türken zum Kriege

gegen das Reich zu hetzen. Er spielte ein bitterböses Spiel. Dies eine

Wort hatte Anthoine herausgerissen aus dem Taumel, in dem er gelebt.

Freunde seines Hauses hatten sich seiner angenommen. Fest hatte sich

an Fest gereiht, der junge Mann hatte darüber das stille Heimattal, die

Eltern, alles vergessen -- bis Louison ihn geweckt hatte. Du mußt fort!

Ihr Erinnern war harte Mahnung gewesen.

Zu was war er denn ausgezogen aus seiner Heimat?

Die Welt wollte er sehen, gegen Frankreich, für den Kurfürsten von

Brandenburg kämpfen, und dann hatte er kaum etwas von Krieg erlebt,

hatte vergessen, daß er Mannestaten hatte tun wollen, er hatte sich von

seinem Obersten getrennt, seinen Abschied verlangt und das Anerbieten

seines Schwagers, nach Frankreich zu kommen, angenommen.

Und nun schickte Louison selbst ihn weg. Anthoine grübelte, während er

nach Freiburg reiste, darüber nach, warum Louison so seltsam verändert

gewesen war, seit Wochen schon.

Von dem tiefen Leid, in dem seine schöne Schwester lebte, wußte er

nichts. Er ahnte nicht, daß sein Schwager ein feiler Unterhändler und

Spion war, einer, der gegen das Reich hetzte.

Louison de St. Laurent hatte ihrem Bruder eine Herberge in Freiburg

angeraten, dort sollte er eine Botschaft von ihr erwarten. In dem

düstern Hause, das im Münsterschatten lag, ruhte sich Anthoine drei

Tage von der Reise aus. Am dritten Tag klopfte es an seine Türe und auf

seinen Anruf hin tat die sich auf und ein junger Bursche in dunkler

unauffälliger Kleidung trat ein.

»Was will Er?«

Der Bursche schwieg und sah ihn an.

»Was will Er?« schrie der Junker ungeduldig.

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 22 / 28 题