Ein wenig später konnte Nikolaus Rabe, der Heimgekehrte, seinen Bericht
erstatten. Der gute Magister hatte dabei viel Grund zu knurren und zu
schelten, denn im Eifer purzelten recht viele fremde Wörter dem Manne
aus dem Mund. Er redete ein wunderliches Mischmasch durcheinander.
Die Charreards hörten nicht darauf, Herr Anthoine strahlte, aber über
Sophia Christines klares Gesicht flogen Schatten. Nikolaus sagte nicht,
daß der Junker die Heimat vergessen hätte, aber ihr Ohr hörte das
Verborgene und in ihrem Herzen rann die Tränenquelle.
»Zwei von den Charreards in Paris, das ist recht,« rief Herr Anthoine.
»Paß auf, herzliebe Frau, unser Anthoine bringt dort den Namen
Charreard wieder zu Ehren.« Da sah der Mann in seiner Freude doch das
wehe Lächeln um den Mund der Frau zucken und er sagte: »Da dir unser
Sohn Dracksdorf doch wirklich lieb ist wie ein Sohn, mußt du eben
denken, Teuerste, zwei Kinder dort, zwei Kinder hier, eine gerechte
Verteilung.«
Ach, es war nicht so, wie es der Herr de Charreard sagte. Die Frau
trug alle vier Kinder im Herzen, auch den Schwiegersohn, dessen
Verlassenheit sie einst in ihrem jungen Glück so tief gerührt hatte.
Der Oberst de St. Laurent dagegen war ihr fremd, und um dieser
Fremdheit willen dachte sie mit immer wacher Sorge an Louison. Zwei
Kinder hier, zwei Kinder fern. Frau Sophia Christine dachte in diesen
Tagen manchmal an die Glucke mit den zehn Küchlein, die sie alle an
ihrem Einzugstag schützend umfangen hatte. Daß doch eine Menschenmutter
ihre Kinder nicht immer so bei sich haben kann.
Aber freilich, Jeannettchens junges Glück stand wie eine Sonne über
dem Hause. Einmal zog eine Wolke darüber, die Herzogin Marie von Jena
starb. Sie hatte Frau Sophia Christine viel Herzeleid angetan, und doch
weinte die Frau um sie, sie gedachte der verlassenen Kinder.
Es war im August. Ein paar Wochen später fuhr die kleine Prinzessin
Elisabeth Marie von Jena nach Pösen, sie wollte, ehe sie an den Hof des
Herzogs Johann Georg zu Eisenach reiste, um dort zu bleiben, Abschied
nehmen. Was der Hochmut ihrer Mutter Frau Sophia Christine zu Leide
getan, das glich die Tochter unbewußt in zärtlicher Liebe aus. Sie war
so selten in Pösen gewesen und hatte doch das Gefühl, heimzukommen,
als sie vor sich das einsame Tal in goldrotbrauner Herbstpracht liegen
sah. Und zum großen Entsetzen ihrer Begleiter verlangte sie den Hohlweg
hinab zu gehen, und sie ging mit federndem Schritt -- wie einst Frau
Sophia Christine.
Und dann verlangte sie alles im Haus, auf dem Hofe zu sehen, sie ging
in die Kapelle, kroch die Hühnerstiege hinan, wußte, wo alles stand und
lag; wie ein Märchen von Sonne und Glück war ihr alles, von dem ihr
Freund Anthoine ihr einst erzählt hatte, in das Herz gesunken. Zuletzt
forderte sie, während ihre Begleiter mit den Charreards im Festsaal
saßen, von Jeannette, sie solle sie nach dem Rabenhof begleiten.
Jeannettchen erschrak über dieses Begehren. Eine Prinzessin, die zu
Fuß nach einem Bauernhof ging, das war doch schier unmöglich. Und wie
sie mit der kleinen Prinzessin noch stand und redete und abmahnte,
kam auf einmal der Nikolaus von seinem Hause her. Just als hätte
ihn das Wünschen der kleinen Prinzessin herbeigezogen, so war es.
Nikolaus blieb stehen, wagte sich nicht recht näher und war dann höchst
verdutzt, als ihn Elisabeth Marie anrief: »Komm Er her! Ich habe einen
Auftrag für Ihn!«
Sie zog einen Brief aus ihrer Tasche, hielt den Nikolaus vor die Nase
und fragte: »Zieht Er in den Türkenkrieg?«
»Ist ja keiner,« antwortete der Bauer erstaunt, und über dem Erstaunen
vergaß er die Höflichkeit.
»Er kommt aber. Seine Liebden, mein gnädiger Herr Oheim, haben es
gesagt! Ja, vielleicht kommen die Türken gar hierher, wissen kann man
es nicht. Wenn Er aber in den Krieg zieht, soll Er den Brief mitnehmen
und ihn dem Junker Anthoine geben, damit der schnell heimkommt. Ganz
schnell muß er aber kommen.«
Nikolaus starrte das Prinzeßchen mit immer runderen Augen an. Elisabeth
Marie tat, als wäre das In-den-Krieg-Ziehen wie ein Spaziergang von
Jena ins Leutratal und als müßten sich alle Menschen treffen wie etwa
Sonntags vor der Stadtkirche von Jena. »Ich zieh aber nit in den Krieg,
die Frau will's nit.«
»Sie muß wollen, Er hat es dem Junker de Charreard doch versprochen?«
Elisabeth sah ganz böse drein, und als der Bauer in seiner Verlegenheit
die Arme steif herunterhängen ließ und den Brief nicht nahm, brach sie
in Tränen aus und rief: »Helf Er mir doch. Ich muß dem Junker Anthoine
schreiben, er muß mir helfen, sonst -- sonst muß ich Liebden, den Herrn
Vetter Wilhelm Ernst, heiraten, und ich will ihn doch nicht.«
Das war freilich eine schlimme Sache.
Jeannettchen sah bekümmert drein. Sie riet. »Wir schicken dem Bruder
den Brief.«
»Wohin, wo ist er?«
Ja, wo war Anthoine? Noch in Paris? Niemand wußte es, aber Nikolaus
meinte: »Ich schätze, er wird noch dort sein.«
Da nahm Jeannettchen den Brief vorläufig an sich und versprach ihn
bei guter Gelegenheit an den Bruder zu senden. Freilich war dies der
kleinen Prinzessin nur halb recht, die hatte gemeint, Nikolaus Rabe
würde schnurstracks in die weite Welt reiten und den Brief ihrem
guten Kameraden Anthoine geben. Wo er den zu finden hatte, wäre dann
des Nikolaus Sache gewesen, da das Prinzeßchen nur ein paarmal nach
Porstendorf, dem Gute ihrer Mutter, und einmal nach Weimar gereist war,
meinte es, das Reisen in der weiten Welt herum sei nicht so schwer.
Der Bauer sah wohl den Kummer, und der bedrückte ihn schwer, auch lag
ihm der nahe Türkenkrieg auf dem Herzen. Er ging mit gesenktem Kopf
heim und war dann wortkarg, ließ den Magister und seine Frau reden und
sagte nur plötzlich aus tiefem Nachsinnen heraus: »Parbleu, gegen die
Türken ziehen, das -- wär' schon was.«
»Niklas,« schrie die Frau erschrocken, »du denkst doch wieder an en
Krieg.«
»Armes Weib,« knurrte der Mann, und dann schwieg er sich an diesem
Abend aus. --
Die kleine Prinzessin Elisabeth Marie weinte heiße Tränen beim Abschied
von Pösen, und Frau Sophia Christine hielt das Kind der Frau, die ihr
so viel Herzeleid zugefügt hatte, in ihren Armen, als wäre es ihr
eigenes Kind. Ein tiefes Erbarmen war in ihr mit dem Waislein, und
sie antwortete innig: »Gott gebe es,« als die Prinzessin von einem
Wiedersehen sprach. --
Eine Weile nach dem Besuch war es still im Tal, doch dann tönte
Hochzeitsjubel auf. Und alle nahmen daran teil, die Dorfleute,
die Rabes; der Magister Albertinus versuchte sogar ein sinniges
Hochzeitslied zu dichten, aber mit dem Reimen wollte es ihm nicht recht
gelingen. Doch ein Hochzeitsgedicht gehörte zur Hochzeit, und da alle
von dem guten Magister eines erwarteten, saß er stöhnend und schwitzend
am grünen Kachelofen der Wohnstube mit den Leuten vom Rabenhofe und
dichtete. Es wollte nicht gehen. Dreimal sagte er: »O holde Jungfer
Braut --« dann war seine Kunst zu Ende. »Was reimt sich in aller Welt
nur auf Braut?« rief er.
»Sauerkraut,« brummte Nikolaus, der immer stiller wurde in dieser Zeit.
»Traut,« redete seine Frau sanft dazwischen.
»Ich hab's,« schrie der Magister:
»O holde Jungfer Braut,
Bald wirst du angetraut
Dem Manne deiner Wahl -- Wahl -- Wahl«
»Qual!« schrie Nikolaus.
»Quatsch,« knurrte der Magister und dichtete dann doch:
»Das ist dir keine Qual.
Du schönen Lilien gleiche --«
»Jetzt gibt's wieder eine Sau!« rief der Nikolaus.
»Was gibt's?«
»Na, halt 'ne Sau, so nannten wir's, wenn einem was fehlschlug.«
»Er ist 'n Schafskopf,« sagte der Magister unwirsch. »Meine Verse sind
keine Säue. Er muß sich besser halten in seiner Rede. Paßt auf, jetzt
kommt's:
»Einem Engel aus dem Himmelreiche
Gleichst du mit deinen Purpurwangen,
Die wie die schönen roten Rosen prangen,
Und deiner Augen Himmelsblau --«
»Dunderwetter, das hab' ich noch nit gewußt, daß unser Jungfer
Jeannettchen blaue Augen hat; braun sind sie, braun.«
»Meinetwegen braun, obgleich das bei der edlen Dichtkunst gleich ist,
wie die Augen in Wirklichkeit aussehen. Also:
»Und deinen Augen, wie Nüsse sind sie so braun,
Schenket heute ein edler Junker sein allertiefstes Herzenvertraun.«
»Ich mein halt doch, das wär' wieder eine Sau gewesen,« brummelte der
Bauer vor sich hin, aber der Magister war jetzt in das Dichten gut
hineingekommen, er reimte, als ob er über einen steilrölligen Berg
lief. Hoppla hopp, da war ein Reim! Da gab es eine Zeile, die kurz war
wie der kürzeste Tag im Jahr, und eine, die zwei Meilen mehr hatte.
Den Magister kümmerte es nicht, und die Hochzeitsgäste nahmen keinen
Anstoß daran. Sie waren alle mit dem Hochzeitsgedicht zufrieden.
Jeannettchen hörte vor lauter Rührung nichts, der Herr von Dracksdorf
dachte nur: »Besser hätt' ich's nicht gekonnt,« und Frau Sophia
Christine und ihr Mann dachten, trotz des feinen Schneeschleiers,
der schon über dem Tale ruhte, doch an den Tag ihres Einzugs, an
sommerliche Schöne und blühende Linden. Und als der gute Magister
vortrug:
»Es weilen die teuersten Geschwister ferne
Und verlebten doch mit uns den Freudentag sehr gerne,«
da rollten Tränen über das Gesicht der Mutter. Die Hände der Gatten
fanden sich, und ihre Gedanken flogen auf sanften Schwingen zu den
beiden hin.
Nach Paris.
Für Sophia Christine war es eine unheimliche fremde Stadt, Herr de
Charreard dachte an Glanz und Sonne, dachte an den Hof des prächtigsten
Königs. Dort war sein Sohn, ein Charreard war wieder in Paris. Er
erhoffte Großes von dem Dortsein, erhoffte neuen Glanz für das
Geschlecht der Charreards.
Aber Anthoine war, während seine Schwester Jeannette seinem Freunde
angetraut wurde, gar nicht mehr in Paris. Wenige Tage vorher hatte
er verbittert, angewidert von dem Höflingstreiben, von der blassen,
schönen Louison Abschied genommen. Er wollte nach Wien zu Adrian
Rudolph, er wollte wirklich dort warten, bis die Türken den Krieg
begannen.
Man raunte viel davon. Louison selbst hatte es dem Bruder gesagt, hatte
von dem gesprochen, was der Oberst de St. Laurent in einer Stunde der
Trunkenheit ihr verraten. König Ludwig suchte die Türken zum Kriege
gegen das Reich zu hetzen. Er spielte ein bitterböses Spiel. Dies eine
Wort hatte Anthoine herausgerissen aus dem Taumel, in dem er gelebt.
Freunde seines Hauses hatten sich seiner angenommen. Fest hatte sich
an Fest gereiht, der junge Mann hatte darüber das stille Heimattal, die
Eltern, alles vergessen -- bis Louison ihn geweckt hatte. Du mußt fort!
Ihr Erinnern war harte Mahnung gewesen.
Zu was war er denn ausgezogen aus seiner Heimat?
Die Welt wollte er sehen, gegen Frankreich, für den Kurfürsten von
Brandenburg kämpfen, und dann hatte er kaum etwas von Krieg erlebt,
hatte vergessen, daß er Mannestaten hatte tun wollen, er hatte sich von
seinem Obersten getrennt, seinen Abschied verlangt und das Anerbieten
seines Schwagers, nach Frankreich zu kommen, angenommen.
Und nun schickte Louison selbst ihn weg. Anthoine grübelte, während er
nach Freiburg reiste, darüber nach, warum Louison so seltsam verändert
gewesen war, seit Wochen schon.
Von dem tiefen Leid, in dem seine schöne Schwester lebte, wußte er
nichts. Er ahnte nicht, daß sein Schwager ein feiler Unterhändler und
Spion war, einer, der gegen das Reich hetzte.
Louison de St. Laurent hatte ihrem Bruder eine Herberge in Freiburg
angeraten, dort sollte er eine Botschaft von ihr erwarten. In dem
düstern Hause, das im Münsterschatten lag, ruhte sich Anthoine drei
Tage von der Reise aus. Am dritten Tag klopfte es an seine Türe und auf
seinen Anruf hin tat die sich auf und ein junger Bursche in dunkler
unauffälliger Kleidung trat ein.
»Was will Er?«
Der Bursche schwieg und sah ihn an.
»Was will Er?« schrie der Junker ungeduldig.