In Pösen war es recht still.
Das junge Jeannettchen ging einher mit leidbeschwertem Gemüt. Der
Bruder, an dem seine Seele hing, war fortgezogen und mit ihm der
Freund. Die Schwester, die nach des Herzogs Begräbnis acht Tage in
Pösen weilte, war so fremd, ach so fremd der Heimat geworden. Und die
Eltern waren bedrückt. Sehr still zogen die Tage einher, wie Schiffe,
die bei windlosem Wetter träge dahingleiten.
Jeannettchen tat ihre Arbeit im Hause und hatte keine Freude daran. Sie
ging auch zu dem Magister Albertinus, den seine Hausfrau einen rechten
Trostengel nannte. Ein wunderlicher Engel, man mußte schon seines
Wesens milde Güte erkennen, um den dünnbeinigen hageren Mann just einen
Engel zu nennen. Jeannette de Charreard saß in den Stunden, die sie
bei ihm zubrachte, verträumt da und selbst der gute Magister, der so
freundlich in jeglichem Urteil war, konnte ihr keinen besonderen Fleiß
nachrühmen.
Einmal -- die Sommerfäden spannen sich schon silbern von Ast zu Ast,
ruhten auf den Wiesen und wehten Jeannette ins Gesicht, wenn sie zum
Rabenhofe ging -- fragte der Magister:
»Und wo hat die Jungfer die Gedanken gelassen?«
Da legte Jeannettchen den Kopf auf den mit Tintenflecken nicht sehr
säuberlich gezierten Tisch und schluchzte laut. Ihr Herzeleid brauchte
Tränen.
»Steht es so!« Der Magister nahm einen Bogen, tunkte den Gänsekiel in
die schwarze Flüssigkeit und begann Linie um Linie zu ziehen. Dann
tippte er das weinende Mädchen sacht an und forderte sie auf, seiner
Linien krauses Gewirr zu schauen. »Da seht, Jungfer Johanne, hier sind
wir, nun wandern wir am Leutrabach entlang, kommen an den Saalefluß,
so, da drehen wir uns um, ziehen gen Franken, erst westwärts, dann
nordwärts, und da, meine kleine Jungfer, ist eine Stadt in Geldern, am
Waalefluß gelegen, Nymwegen wird sie genannt; dorten sitzen itzt viele
hochweise Herren und beraten über den Frieden. Bald ist's aus mit dem
Krieg, dann kommen die Junker und dieser Querkopf, dieser ganz törichte
Feuerbrand, so sich Nikolaus Rabe benennet, heim. Sie werden sicher dem
Herrn Kurfürsten von Brandenburg nicht weiter dienen. Und alles Leid
hat dann ein Ende!«
»Wenn -- wenn sie nun aber doch nicht Frieden schließen?«
»Wenn -- wenn, liebwerteste Jungfer Bedenklichkeit, -- wenn der Fisch
Beine hätte, könnte er laufen, man muß nicht zu oft >wenn< im Leben
fragen.«
Jeannettchen wurde froh bei dieser Strafrede. Ihr Blick lief noch
einmal den krausen Linien nach, ihre Gedanken überflogen die Weite
zwischen Land und Land und sie dankte getröstet dem alten Magister. Ja,
sobald Friede war, würden sie heimkommen. Der Brandenburger würde sie
gar nicht mehr brauchen.
Doch ein hochgelehrter Herr Magister und eine junge Jungfrau zusammen
können in Kriegsdingen irren. Die Ausgezogenen kamen nicht heim. Erst
schloß der König Ludwig mit den Staaten, dann mit Spanien und als der
Frühling nahte, mit Österreich Frieden, aber die drei Freunde und der
alte Kriegsmann hatten es nun einmal vor, noch gegen die Türken zu
ziehen, und sie tummelten sich weiter in der Fremde herum.
Der Tag ihres Auszuges jährte sich zum zweiten Male und in Pösen
dachte man an die Hochzeit der schönen Louison mit dem Herrn de St.
Laurent. Der Oberst war aus Frankreich zurückgekehrt, um seine junge
Frau zu holen. In Straßburg, das deutsche Schwäche und Verrat an
Frankreich ausgeliefert hatten, war sein Quartier bisher gewesen;
nun sollte es Paris werden. Er umnebelte Louisons klares Denken so
mit seinen wunderreichen Erzählungen von seines Heimatlandes Größe,
daß das junge Ding meinte, es ginge durch diese Heirat schier in das
Paradies. Die Hochzeit sollte in Stille und Einfachheit gefeiert
werden. Die Herzogin lebte seit dem Tode ihres Gemahls in bedrückten
Verhältnissen, wollte aber doch nicht darauf verzichten, die Hochzeit
selbst auszurichten. Sie gestattete den Eltern nur gnädig, all das zu
liefern, was in der herzoglichen Küche fehlte, und Sophia Christine
sah eines Tages wehmütig die Vorratskammern durch, schrieb auf, was da
war, und dachte trübe an des jungen Anthoines Taufe. Jetzt brauchte
sie nicht mehr nach der Bäuerinnen Hilfe auszuschauen, knapp ging es
zwar zu, doch reichte es immer, aber es schien ihr doch, als wäre ihr
Glück damals größer gewesen. Ihre sorgenden Gedanken hingen sich an ein
fürstliches Handschreiben, das vor kurzem der Bote gebracht hatte. Ihr
Mann hatte es erbrochen, gelesen und war dann schweigend den Hausberg
hinaufgegangen. Nun wußte sie, es war Schweres, was er erfahren hatte,
und sie wartete lange auf sein Zurückkommen und seinen Bericht.
Jeannettchen hatte nichts von dieser aufziehenden Wolkenwand bemerkt.
Die schritt am Leutrabach hin und ihre Gedanken umspannen Geschwister
und Freunde, während sie sich von einem lauen Sommerwind umwehen
ließ. In der Mühle war das elfte Kind geboren worden und Jeannettchen
trug eine Gabe für die Frau im Korb. Die gab sie ab, sprach mit dem
Müller, dessen Gesicht bei jedem Büblein oder Mädelchen, das in der
buntbemalten Wiege lag, um ein Scheinchen heller wurde, dann rüstete
sie sich zum Gehen. Bis zum Waldrand schritt sie noch, tiefer hinein
wagte sie sich nie, obgleich man nie mehr ein Schauermärlein hörte, das
im stillen Tal den Frieden gestört hätte.
Und wie Jeannettchen so unter einer der großen Tannen saß, vernahm sie
auf einmal Pferdegetrappel. Wie damals, als Nikolaus Rabe heimkehrte.
Sie blieb aber ruhig sitzen, dachte, es wird ein Bote von der
Leuchtenburg sein, drüben lag ja die Mühle, die klapperte, der Bach
lärmte, es herrschte nicht jene verwunschene Stille im Tal wie damals.
Das Trappeln kam näher, und dann sprang Jeannettchen doch erschrocken
auf, als sie von der Seite einen Reiter daherkommen sah, dem man das
Kriegswesen ansah. Aber der Schreck war nur kurz. Die Augen des Mannes
blickten froh, das rote Gesicht erstrahlte und Jeannettchen rief
jubelnd des Jugendfreundes Namen: »Heinrich Wilhelm, Ihr!«
»Eia ja, da bin ich,« antwortete der behaglich. »Mademoiselle Jeannette
hat mich beim Teufel rekonnässiert.«
Jeannettchen hörte an dem fremden Ton vorbei, ein Schatten flog über
ihr Gesicht: »Allein?« fragte sie mit verhaltener Sorge.
Der Junker von Dracksdorf sprang von seinem Pferde, schlang die Zügel
um die Tanne und warf sich ins Gras; da setzte sich Jeannettchen wieder
auf den bemoosten Stein und bat: »Erzählt.«
»Was gibt's da viel zu reportieren. Unser Oberst wollt' uns nicht
loslassen, bei Trier liegt unser Fähnlein. Der Hauptmann meint,
es ginge in Bälde gegen den König Ludwig und seine verdammten
Reunionskammern los oder gegen den Türken, und der Anthoine sagt: So
oder so, ihm wär's gleich. Ich bin persuadiert, er wird mal ein großer
Kriegsmann, Euer Monsieur Bruder, so ein Draufgänger ist er. Der
Adrian tut's ihm sachter nach, der Niklas ist aber wild darauf, gegen
Franzosen oder Türken sein Pulver zu verschießen. Ich wär' wohl auch
noch nicht heimgekommen und hätte meinen Abschied genommen, wenn der
Herr Vormund nicht geschrieben hätte, es wäre nun Zeit, meine Güter zu
übernehmen und eine Hausfrau heimzuführen.«
Hier tat der Junker von Dracksdorf einen erschrecklichen Seufzer und
Jeannettchen wurde blutrot und wurde gleich wieder blaß, denn der Mann
da neben ihr fing an zu erzählen, er wäre in Jena gewesen und hätte da
Louison gesehen. »Zum Henker,« knurrte er, »die hätte mir besser als
Madame de Dracksdorf gefallen als --«
[Illustration]
»Wir wollen heimgehen!« Jeannettchen stand rasch auf, sie merkte es gar
nicht, daß ihr ein paar helle Tränen über die rosigen Wangen liefen,
so tief war ihr Herzeleid in diesem Augenblick. Aber der Junker von
Dracksdorf, der schon mal in der Einfalt seines Gemütes einen Baum
umrennen konnte, sah doch die Tränen, und er machte sich auch das
rechte Verslein dazu. O lieber Himmel, da war ihm im stillen Tal die
Blume Wunderhold erblüht, die er so himmelgern in Jena gepflückt hätte.
»Ja,« sagte er und wurde in seiner Verlegenheit feierlich, »es ist wohl
Zeit, den gnädigen Eltern der Mademoiselle meine Komplimente zu Füßen
zu legen, ich bin persuadiert, sie werden meinen Rapport mit Ungeduld
attendieren.«
In all ihrem Herzeleid mußte Jeannettchen lachen. Sie knixte tief und
sagte mit der anmutigen Schelmerei, die ihr Muttererbe war: »Und ich
bin persuadiert, den Herrn Magister trifft der Schlagfluß, so er des
Herrn Junkers verwelschtes Gerede vernimmt.«
Potz Blitz, war das das stille, schüchterne Jeannettchen?
Der Junker riß Mund und Augen auf, war so verdutzt, daß er die
lachende Jungfer erst davonlaufen ließ und ihr dann nach ein paar
Minuten eilfertig und ziemlich beschämt nachrannte. Ihm war nämlich
der Gedanke gekommen, daß die Tränlein vorhin der Schwester Heirat
und nicht ihm gegolten hatten, und er schämte sich seiner Einbildung
gewaltig. »Mademoiselle Jeannette,« stammelte er, als er die Enteilende
eingeholt hatte, »wenn man sich um die Nase den Weltwind hat eine Weile
soufflieren --«
»Redet deutsch, Junker von Dracksdorf,« unterbrach ihn Jeannettchen,
»der Weltwind wird Euch hoffentlich nicht Eure guten deutschen Worte
alle davongetragen haben. Und da kommt der Magister!«
Wirklich kam Magister Albertinus den beiden entgegen. Erst staunte er,
dann erschrak er und dann schalt er, denn der Junker vergaß zu schnell
Jeannettchens Mahnung, er rief: »Ich kann nur Gutes rapportieren von
dem Sukzeß und der Honneur des --«
»Gutes was?« Der Magister sah den Junker an wie einen, der vom
Mond gefallen ist, und Jeannettchen lachte dazu. Lachte die beiden
verdutzten Männer aus, bis der aus der Welt Heimgekommene merkte, im
stillen Leutratal redete man unverwelschtes Deutsch, und dem Magister
ein Lichtlein aufging, daß draußen die Torheit, die deutsche Sprache
mit fremden Flicken zu behängen, noch fortwucherte. »Na, Junker von
Dracksdorf, wenn Ihr schon so redet, was werden erst die andern für
verwelschte Mäuler haben,« brummte er. »Na, aber, ich gewöhn's ihnen
ab.«
»Zum Teufel ja, und tausend Schuß will ich wetten, ich gewöhn's mir
auch wieder ab,« antwortete Junker Heinrich Wilhelm. Da war der
Friedensschluß fertig ohne so lange Verhandlungen wie in der Stadt
Nymwegen. Die Raben-Bäuerin bekam Grüße, ein flandrisches Tuch und ein
paar Dukaten von ihrem wanderlustigen Mann. Darüber weinte sie still
und ging ins Haus, denn der Mann wäre ihr lieber gewesen als Tand und
Gold.
Jeannettchen drängte zum Heimgehen. Der Magister schloß sich an. Als
die drei am Hause anlangten, sahen sie Herrn de Charreard und seine
Frau unter der Linde sitzen, und es war wohl zu merken, sie redeten von
einer gemeinsamen Sorge.
»Herr Vater, Frau Mutter, Nachricht vom Bruder!« rief Jeannettchen. Sie
lief mit so leichtfüßiger Anmut vor dem etwas schwerfälligen Junker
einher, daß der über dem Bewundern beinahe den Willkommengruß vergaß.
Und dann machten ihn des Jeannettchens strahlende Augen ganz verwirrt,
und er kauderwelschte verlegen, er schätze es für einen heureusen
Augenblick, selbst den agreablen Rapport von des Freundes Santé geben
zu können, der --
Da vergaß der gute Magister alle höfliche Form, brummte unwirsch,
dieses wär nun seiner Meinung nach ein saudummes Gewäsch; es hörte aber
niemand auf sein Schelten. Endlich lief er zornig davon.
Der arme Junker geriet durch Jeannettchens Lachen wieder in eine sehr
unangenehme Beklemmung, und er suchte sich herauszuhelfen durch Grüße,
die er aus Jena brachte. Da trübten sich aber die eben noch so hellen
Gesichter der Charreards. Jeannettchen kamen aus unbewußter Eifersucht
heraus Tränen. Frau Sophia Christine aber rief schmerzlich: »Ach, die
Frau Herzogin will uns gar kein Kind lassen, nun soll auch noch unser
Jeannettchen als Hofjungfer nach Weimar kommen.«
»Ich -- Frau Mutter, ich -- Hofjungfer!«
Wäre das ganze stattliche Wohnhaus just in dem Augenblick
zusammengepurzelt, das Jeannettchen hätte nicht entsetzter dreinschauen
können. Und dann brach der Schmerz des guten Kindes so jäh hervor,
wie der kleine Bach unten es tat, wenn Tauwind über die Berge raste.
Jeannettchen sank vor ihrer Mutter nieder und in deren Herzen klang das
Leid ihres Kindes schmerzlich wieder. Und sie konnte doch nicht helfen.
Der Junker von Dracksdorf schaute auf das weinende Mädchen und alle
Gedanken an Louison vergingen ihm, nur an Jeannettchen dachte er,
und wie er wohl helfen könnte. Weil er nun wohl etwas schwerfällig
war, es ihm aber keineswegs an hellem Verstande mangelte, überlegte
er bedachtsam allerlei Wege zur Hilfe und Rettung des bedrängten
Kindes. Flucht war abenteuerlich, aber bei einer Heirat, wenn sie just
beschlossen war, würde man in Weimar von der Forderung abstehen. Er
räusperte sich laut, trat von einem Bein auf das andere und platzte
etwas plötzlich heraus: »Ich habe die Intention, daß für das Fräulein
der agreabelste Ausweg aus dieser fatalen Situation eine gute Mariage
wäre, und da ich das Fräulein von Kindheit an adoriert habe, bin ich
persuadiert, es -- es -- es --« Der Redefluß des guten Junkers stockte,
aber Jeannette de Charreard hatte genug gehört, und sie hatte auch alle
Fremdwörter fein richtig verstanden, nahm auch keinerlei Anstoß daran,
sondern ihr Schluchzen wandelte sich sachte in ein heiteres, leises
Lachen, sie stammelte fest an die Mutter gelehnt: »Wenn -- wenn Er mich
liebt, dann -- dann --«
Von seiner großen Amour wollte der Junker gerade sprechen, da fuhr ihm
das Wörtlein Liebe unversehens dazwischen und er sagte ganz einfach:
»Ich liebe die Jungfer Jeannette, bei Gott, über alles in der Welt.
Hab's just erst gemerkt, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Man
muß wohl in die Welt ziehen, um das Einfachste zu verstehen.«
In dem Herzen der Mutter sang und schwang wieder die große
Feiertagsglocke. Die an ihrem Einzugstage zuerst getönt und allemal
wieder ihre Stimme erhoben hatte, wenn ihr ein neugeborenes Kind
im Arme lag. Ihre tränenfeuchten Augen suchten die des Mannes, und
Herr Anthoine de Charreard beugte sich über seine Frau und sagte
leise: »Wenn unser Jeannettchen wird wie du, dann kann der Junker von
Dracksdorf diese Stunde segnen.«
Herr de Charreard schrieb an diesem Tage mit solcher Freude im Herzen
an die Herzogin Marie, wie er es seit Jahren nicht getan hatte. Er
durfte ihr eine wohlbegründete Absage geben, denn daß die künftige Frau
von Dracksdorf nun noch eifrig im Hause lernen mußte, das verstand auch
die Herzogin.
Jeannettchen war glückselig. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Louison
überstrahlte sie sogar die schönere Schwester im Glanz ihres jungen
Glückes. Ein leiser Wiederschein davon ruhte auf dem Gesicht ihrer
Mutter. Das Glück der Jüngeren ließ sie auch an das Glück der Älteren
glauben, obgleich ein Widerwillen gegen deren Mann immer in ihr
lebte. Übrigens sah niemand weniger strahlend aus als der Oberst de
St. Laurent. Er hatte ein Bündel getäuschter Hoffnungen mitgebracht.
Man war ihm als Hugenotten mit Mißtrauen begegnet, und er hatte wohl
gesehen, daß die Hilfe, auf die die Hugenotten in Frankreich gerechnet
hatten, ihnen nie von König Ludwig kommen würde.
Bald nach der Hochzeit verließ Louison die Heimat. Sie war nicht mehr
in Pösen gewesen, das stille Tal lag wie ein Traumland hinter ihr, sie
dachte nur an Paris, wohin ihre Reise ging. Der Oberst de St. Laurent
hoffte dort durch einflußreiche Verwandte und Freunde eine glänzende
Stellung zu erhalten. Ungern sah ihn die Herzogin scheiden, aber
die Verhältnisse waren für sie sehr drückend geworden. Sie verlebte
ihre Zeit viel auf ihrem Gute Porstendorf. Sie war müde geworden und
kränkelte viel, hatte etwas die Lust verloren, mit dem Schicksal
anderer Fangeball zu spielen. Freilich, ihre Umgebung hatte viel unter
ihren bitterbösen Launen zu leiden.
[Illustration]
Auch in Pösen sollte es noch stiller werden. Zwei Jahre nach Louisons
Hochzeit wollte Heinrich Wilhelm von Dracksdorf sein Jeannettchen
heimführen. Der junge Gutsherr hatte jegliche Lust zum Ausziehen in die
Weite verloren, er hatte auch seine schönen Fremdwörter alle wieder
vergessen, und der alte Magister Albertinus brauchte nicht mehr zu
mahnen, die fremden Unkräutlein nicht zu schlimm wuchern zu lassen.
Anthoine de Charreard hatte sein Kommen zu der Schwester Hochzeit
zugesagt. Wenige Wochen vorher war es, im September sollte die Hochzeit
stattfinden, da ritt einer allein durch das Tal, der nun meinte, es
wäre auch eine Heimkehr für immer. Es war der Nikolaus Rabe, der kam
heim, weil ihm das Warten auf den Türkenkrieg draußen zu lang geworden
war. Er hatte sich noch tüchtig in der Welt herumgetummelt und zuletzt
seinem Junker nach Paris das Geleite gegeben, nachdem er seinen
Abschied genommen hatte. Dort hatte der Junker Schwester und Schwager
getroffen, und der Nikolaus Rabe konnte nur berichten, es gehe ihm gut.
Als der alte Kriegsmann vor seinem Bauernhof ein strammes Bübchen
spielen sah und ein wenig ernst und bedrückt seine junge Frau still auf
dem Felde werken fand, da stieg's ihm heiß zu Kopfe, und er hielt sich
selbst, noch abseits vom Hause, eine tüchtige Standrede. Die lautete:
Niklas, alter horndummer Mistesel du, konntest alleweil auch was
Gescheiteres tun, als in der Welt herumzuziehen. Läßt Weib, Kind, Haus,
Hof im Stich und bist weder richtig an die Franzosen, noch ein bißchen
an die Türken herangekommen. Hol dich der Teufel, ein Stück Holz ist
klüger als du. Und nach dieser feierlichen Ansprache an sein eigenes
Ich betrat Nikolaus Rabe das Haus, das Bübchen war davongelaufen,
und der Magister Albertinus war der erste, der dem Heimkehrenden
entgegentrat.
»Kruzitürken,« schrie Nikolaus, »das nenne ich Fortune haben, von so
einem gelehrten Monsieur an der Türe salviert zu werden!«
»Schafskopf,« schrie der alte Magister, »macht Er die gleiche Dummheit
wie der Junker von Dracksdorf! Hat Er, weiß der Himmel, nichts anderes
draußen gelernt als sein Maul mit welschen Brocken zu füllen? Jemine,
so kommt er nun heim! Ein Querkopf zog aus, ein Strohkopf kehrt zurück!«
»Dunderwetter, das hat wohlgetan!« Der Nikolaus lachte über das ganze
Gesicht. »Mehr, Herr Magister, mehr! Solche Sprüchlein tun wohl.
Parbleu -- wollte sagen Coup de Tonnär, ih niche doch, zum Teufel noch
mal, ich hab's verdient. Und nune potz Blitz, wo sind Weib und Kind?«
Die kamen beide angerannt, erst erschrocken vor dem fremden, fluchenden
Mann, dann hing ihm das junge Weib am Hals und rief: »Endlich, Niklas,
endlich. Als du fortzogst, konnte der da noch niche recht reden und
itze pappert er's Blaue vom Himmel runter.«
»Ja, und unser Jeannettchen war ein Kind, und in drei Wochen wird sie
Frau von Dracksdorf,« redete der Magister besinnlich in den lauten
Jubel der Frau hinein.
»Na, Gott sei Dank, denn die Louison ist Madame de St. Laurent und
tut, als hätte sie in Paris ihren ersten Schrei getan. Dunderwetter,
kaum angesehen hat sie mich. Und unsern Junker Anthoine haben sie
eingesponnen wie eine arme Fliege.«
»Und der junge Herr Adrian?« fragte der Magister.
»Der ist nach Wien gezogen auf die hohe Schule, hat seinen Abschied
genommen, weil's doch nichts mehr zu kämpfen gab. Akkurat nach Wien,
ich persuadier --«
»Daß Ihm gleich sein Dach auf den Dämelkopf fällt!«
»Dunderwetter ja! Der Herr Magister kann's fluchen fast besser als
der Herr von Hünefeld, und der hat arg gewettert, als wir so Woche um
Woche gelegen haben und nix zu sehen kriegten vom Feind. Und hernach
der vermaledeite Friede und jetzund der, den der arme Herr Kurfürst
von Brandenburg hat unterschreiben müssen. Sie sollen ihm alle seine
wohlverdiente Siegesbeute genommen haben, und ich habe die Opinion, daß
--«
»Was hat Er noch? Glauben tut Er, und was glaubt Er?«
»Daß, daß -- es der Herr Adrian mit den Wissenschaften hält,«
stotterte Nikolaus, der durch des Magisters heftigen Anruf ganz aus
der Fassung gekommen war. Er vergaß es, den Faden des Weltgeschehens
weiterzuspinnen, war wieder im engen Tal der Heimat und hätte nun
gern etwas von Haus und Hof gehört. Doch der Magister war damit nicht
zufrieden, dessen Gedanken gingen dem Schicksal der drei Freunde nach.
Er brummelte: »So, so, mit den Wissenschaften hält's der Junker Adrian.
Alleweile, da hat er den besten Teil von allen dreien erwählt. Heirat
und Kriegsdienst sind nicht viel wert, die Wissenschaften sind am
besten.«
Aber da redete die Frau flink hinein, die bis dahin geschwiegen hatte.
»Das meine ich nun eben niche. Der Junker von Dracksdorf, der unser
Jeannettchen bekommt, der kann lachen. Der Herr Magister sind zwar ein
hochgelehrter Herr, aber vom heiligen Ehestand versteht er doch kein
linschen.«
»Potz Blitz, Frau, das war recht gesprochen, und eine gute Mariage --«
»Ja potz Blitz, den heiligen Ehestand in Ehren, aber in deutschen Ehren
für uns, Er verwelschter Dummkopf,« schrie der Magister. »Und nun
kommt, wir gehen und melden, daß der Junker Anton zur Hochzeit kommt,
so ist es doch richtig?«
»Ich meine halt, nein,« murmelte Nikolaus. »Er kommt nit, hat in der
großen Stadt Paris unser stilles Tal vergessen!« --