12. Kapitel.

In Pösen war es recht still.

Das junge Jeannettchen ging einher mit leidbeschwertem Gemüt. Der

Bruder, an dem seine Seele hing, war fortgezogen und mit ihm der

Freund. Die Schwester, die nach des Herzogs Begräbnis acht Tage in

Pösen weilte, war so fremd, ach so fremd der Heimat geworden. Und die

Eltern waren bedrückt. Sehr still zogen die Tage einher, wie Schiffe,

die bei windlosem Wetter träge dahingleiten.

Jeannettchen tat ihre Arbeit im Hause und hatte keine Freude daran. Sie

ging auch zu dem Magister Albertinus, den seine Hausfrau einen rechten

Trostengel nannte. Ein wunderlicher Engel, man mußte schon seines

Wesens milde Güte erkennen, um den dünnbeinigen hageren Mann just einen

Engel zu nennen. Jeannette de Charreard saß in den Stunden, die sie

bei ihm zubrachte, verträumt da und selbst der gute Magister, der so

freundlich in jeglichem Urteil war, konnte ihr keinen besonderen Fleiß

nachrühmen.

Einmal -- die Sommerfäden spannen sich schon silbern von Ast zu Ast,

ruhten auf den Wiesen und wehten Jeannette ins Gesicht, wenn sie zum

Rabenhofe ging -- fragte der Magister:

»Und wo hat die Jungfer die Gedanken gelassen?«

Da legte Jeannettchen den Kopf auf den mit Tintenflecken nicht sehr

säuberlich gezierten Tisch und schluchzte laut. Ihr Herzeleid brauchte

Tränen.

»Steht es so!« Der Magister nahm einen Bogen, tunkte den Gänsekiel in

die schwarze Flüssigkeit und begann Linie um Linie zu ziehen. Dann

tippte er das weinende Mädchen sacht an und forderte sie auf, seiner

Linien krauses Gewirr zu schauen. »Da seht, Jungfer Johanne, hier sind

wir, nun wandern wir am Leutrabach entlang, kommen an den Saalefluß,

so, da drehen wir uns um, ziehen gen Franken, erst westwärts, dann

nordwärts, und da, meine kleine Jungfer, ist eine Stadt in Geldern, am

Waalefluß gelegen, Nymwegen wird sie genannt; dorten sitzen itzt viele

hochweise Herren und beraten über den Frieden. Bald ist's aus mit dem

Krieg, dann kommen die Junker und dieser Querkopf, dieser ganz törichte

Feuerbrand, so sich Nikolaus Rabe benennet, heim. Sie werden sicher dem

Herrn Kurfürsten von Brandenburg nicht weiter dienen. Und alles Leid

hat dann ein Ende!«

»Wenn -- wenn sie nun aber doch nicht Frieden schließen?«

»Wenn -- wenn, liebwerteste Jungfer Bedenklichkeit, -- wenn der Fisch

Beine hätte, könnte er laufen, man muß nicht zu oft >wenn< im Leben

fragen.«

Jeannettchen wurde froh bei dieser Strafrede. Ihr Blick lief noch

einmal den krausen Linien nach, ihre Gedanken überflogen die Weite

zwischen Land und Land und sie dankte getröstet dem alten Magister. Ja,

sobald Friede war, würden sie heimkommen. Der Brandenburger würde sie

gar nicht mehr brauchen.

Doch ein hochgelehrter Herr Magister und eine junge Jungfrau zusammen

können in Kriegsdingen irren. Die Ausgezogenen kamen nicht heim. Erst

schloß der König Ludwig mit den Staaten, dann mit Spanien und als der

Frühling nahte, mit Österreich Frieden, aber die drei Freunde und der

alte Kriegsmann hatten es nun einmal vor, noch gegen die Türken zu

ziehen, und sie tummelten sich weiter in der Fremde herum.

Der Tag ihres Auszuges jährte sich zum zweiten Male und in Pösen

dachte man an die Hochzeit der schönen Louison mit dem Herrn de St.

Laurent. Der Oberst war aus Frankreich zurückgekehrt, um seine junge

Frau zu holen. In Straßburg, das deutsche Schwäche und Verrat an

Frankreich ausgeliefert hatten, war sein Quartier bisher gewesen;

nun sollte es Paris werden. Er umnebelte Louisons klares Denken so

mit seinen wunderreichen Erzählungen von seines Heimatlandes Größe,

daß das junge Ding meinte, es ginge durch diese Heirat schier in das

Paradies. Die Hochzeit sollte in Stille und Einfachheit gefeiert

werden. Die Herzogin lebte seit dem Tode ihres Gemahls in bedrückten

Verhältnissen, wollte aber doch nicht darauf verzichten, die Hochzeit

selbst auszurichten. Sie gestattete den Eltern nur gnädig, all das zu

liefern, was in der herzoglichen Küche fehlte, und Sophia Christine

sah eines Tages wehmütig die Vorratskammern durch, schrieb auf, was da

war, und dachte trübe an des jungen Anthoines Taufe. Jetzt brauchte

sie nicht mehr nach der Bäuerinnen Hilfe auszuschauen, knapp ging es

zwar zu, doch reichte es immer, aber es schien ihr doch, als wäre ihr

Glück damals größer gewesen. Ihre sorgenden Gedanken hingen sich an ein

fürstliches Handschreiben, das vor kurzem der Bote gebracht hatte. Ihr

Mann hatte es erbrochen, gelesen und war dann schweigend den Hausberg

hinaufgegangen. Nun wußte sie, es war Schweres, was er erfahren hatte,

und sie wartete lange auf sein Zurückkommen und seinen Bericht.

Jeannettchen hatte nichts von dieser aufziehenden Wolkenwand bemerkt.

Die schritt am Leutrabach hin und ihre Gedanken umspannen Geschwister

und Freunde, während sie sich von einem lauen Sommerwind umwehen

ließ. In der Mühle war das elfte Kind geboren worden und Jeannettchen

trug eine Gabe für die Frau im Korb. Die gab sie ab, sprach mit dem

Müller, dessen Gesicht bei jedem Büblein oder Mädelchen, das in der

buntbemalten Wiege lag, um ein Scheinchen heller wurde, dann rüstete

sie sich zum Gehen. Bis zum Waldrand schritt sie noch, tiefer hinein

wagte sie sich nie, obgleich man nie mehr ein Schauermärlein hörte, das

im stillen Tal den Frieden gestört hätte.

Und wie Jeannettchen so unter einer der großen Tannen saß, vernahm sie

auf einmal Pferdegetrappel. Wie damals, als Nikolaus Rabe heimkehrte.

Sie blieb aber ruhig sitzen, dachte, es wird ein Bote von der

Leuchtenburg sein, drüben lag ja die Mühle, die klapperte, der Bach

lärmte, es herrschte nicht jene verwunschene Stille im Tal wie damals.

Das Trappeln kam näher, und dann sprang Jeannettchen doch erschrocken

auf, als sie von der Seite einen Reiter daherkommen sah, dem man das

Kriegswesen ansah. Aber der Schreck war nur kurz. Die Augen des Mannes

blickten froh, das rote Gesicht erstrahlte und Jeannettchen rief

jubelnd des Jugendfreundes Namen: »Heinrich Wilhelm, Ihr!«

»Eia ja, da bin ich,« antwortete der behaglich. »Mademoiselle Jeannette

hat mich beim Teufel rekonnässiert.«

Jeannettchen hörte an dem fremden Ton vorbei, ein Schatten flog über

ihr Gesicht: »Allein?« fragte sie mit verhaltener Sorge.

Der Junker von Dracksdorf sprang von seinem Pferde, schlang die Zügel

um die Tanne und warf sich ins Gras; da setzte sich Jeannettchen wieder

auf den bemoosten Stein und bat: »Erzählt.«

»Was gibt's da viel zu reportieren. Unser Oberst wollt' uns nicht

loslassen, bei Trier liegt unser Fähnlein. Der Hauptmann meint,

es ginge in Bälde gegen den König Ludwig und seine verdammten

Reunionskammern los oder gegen den Türken, und der Anthoine sagt: So

oder so, ihm wär's gleich. Ich bin persuadiert, er wird mal ein großer

Kriegsmann, Euer Monsieur Bruder, so ein Draufgänger ist er. Der

Adrian tut's ihm sachter nach, der Niklas ist aber wild darauf, gegen

Franzosen oder Türken sein Pulver zu verschießen. Ich wär' wohl auch

noch nicht heimgekommen und hätte meinen Abschied genommen, wenn der

Herr Vormund nicht geschrieben hätte, es wäre nun Zeit, meine Güter zu

übernehmen und eine Hausfrau heimzuführen.«

Hier tat der Junker von Dracksdorf einen erschrecklichen Seufzer und

Jeannettchen wurde blutrot und wurde gleich wieder blaß, denn der Mann

da neben ihr fing an zu erzählen, er wäre in Jena gewesen und hätte da

Louison gesehen. »Zum Henker,« knurrte er, »die hätte mir besser als

Madame de Dracksdorf gefallen als --«

[Illustration]

»Wir wollen heimgehen!« Jeannettchen stand rasch auf, sie merkte es gar

nicht, daß ihr ein paar helle Tränen über die rosigen Wangen liefen,

so tief war ihr Herzeleid in diesem Augenblick. Aber der Junker von

Dracksdorf, der schon mal in der Einfalt seines Gemütes einen Baum

umrennen konnte, sah doch die Tränen, und er machte sich auch das

rechte Verslein dazu. O lieber Himmel, da war ihm im stillen Tal die

Blume Wunderhold erblüht, die er so himmelgern in Jena gepflückt hätte.

»Ja,« sagte er und wurde in seiner Verlegenheit feierlich, »es ist wohl

Zeit, den gnädigen Eltern der Mademoiselle meine Komplimente zu Füßen

zu legen, ich bin persuadiert, sie werden meinen Rapport mit Ungeduld

attendieren.«

In all ihrem Herzeleid mußte Jeannettchen lachen. Sie knixte tief und

sagte mit der anmutigen Schelmerei, die ihr Muttererbe war: »Und ich

bin persuadiert, den Herrn Magister trifft der Schlagfluß, so er des

Herrn Junkers verwelschtes Gerede vernimmt.«

Potz Blitz, war das das stille, schüchterne Jeannettchen?

Der Junker riß Mund und Augen auf, war so verdutzt, daß er die

lachende Jungfer erst davonlaufen ließ und ihr dann nach ein paar

Minuten eilfertig und ziemlich beschämt nachrannte. Ihm war nämlich

der Gedanke gekommen, daß die Tränlein vorhin der Schwester Heirat

und nicht ihm gegolten hatten, und er schämte sich seiner Einbildung

gewaltig. »Mademoiselle Jeannette,« stammelte er, als er die Enteilende

eingeholt hatte, »wenn man sich um die Nase den Weltwind hat eine Weile

soufflieren --«

»Redet deutsch, Junker von Dracksdorf,« unterbrach ihn Jeannettchen,

»der Weltwind wird Euch hoffentlich nicht Eure guten deutschen Worte

alle davongetragen haben. Und da kommt der Magister!«

Wirklich kam Magister Albertinus den beiden entgegen. Erst staunte er,

dann erschrak er und dann schalt er, denn der Junker vergaß zu schnell

Jeannettchens Mahnung, er rief: »Ich kann nur Gutes rapportieren von

dem Sukzeß und der Honneur des --«

»Gutes was?« Der Magister sah den Junker an wie einen, der vom

Mond gefallen ist, und Jeannettchen lachte dazu. Lachte die beiden

verdutzten Männer aus, bis der aus der Welt Heimgekommene merkte, im

stillen Leutratal redete man unverwelschtes Deutsch, und dem Magister

ein Lichtlein aufging, daß draußen die Torheit, die deutsche Sprache

mit fremden Flicken zu behängen, noch fortwucherte. »Na, Junker von

Dracksdorf, wenn Ihr schon so redet, was werden erst die andern für

verwelschte Mäuler haben,« brummte er. »Na, aber, ich gewöhn's ihnen

ab.«

»Zum Teufel ja, und tausend Schuß will ich wetten, ich gewöhn's mir

auch wieder ab,« antwortete Junker Heinrich Wilhelm. Da war der

Friedensschluß fertig ohne so lange Verhandlungen wie in der Stadt

Nymwegen. Die Raben-Bäuerin bekam Grüße, ein flandrisches Tuch und ein

paar Dukaten von ihrem wanderlustigen Mann. Darüber weinte sie still

und ging ins Haus, denn der Mann wäre ihr lieber gewesen als Tand und

Gold.

Jeannettchen drängte zum Heimgehen. Der Magister schloß sich an. Als

die drei am Hause anlangten, sahen sie Herrn de Charreard und seine

Frau unter der Linde sitzen, und es war wohl zu merken, sie redeten von

einer gemeinsamen Sorge.

»Herr Vater, Frau Mutter, Nachricht vom Bruder!« rief Jeannettchen. Sie

lief mit so leichtfüßiger Anmut vor dem etwas schwerfälligen Junker

einher, daß der über dem Bewundern beinahe den Willkommengruß vergaß.

Und dann machten ihn des Jeannettchens strahlende Augen ganz verwirrt,

und er kauderwelschte verlegen, er schätze es für einen heureusen

Augenblick, selbst den agreablen Rapport von des Freundes Santé geben

zu können, der --

Da vergaß der gute Magister alle höfliche Form, brummte unwirsch,

dieses wär nun seiner Meinung nach ein saudummes Gewäsch; es hörte aber

niemand auf sein Schelten. Endlich lief er zornig davon.

Der arme Junker geriet durch Jeannettchens Lachen wieder in eine sehr

unangenehme Beklemmung, und er suchte sich herauszuhelfen durch Grüße,

die er aus Jena brachte. Da trübten sich aber die eben noch so hellen

Gesichter der Charreards. Jeannettchen kamen aus unbewußter Eifersucht

heraus Tränen. Frau Sophia Christine aber rief schmerzlich: »Ach, die

Frau Herzogin will uns gar kein Kind lassen, nun soll auch noch unser

Jeannettchen als Hofjungfer nach Weimar kommen.«

»Ich -- Frau Mutter, ich -- Hofjungfer!«

Wäre das ganze stattliche Wohnhaus just in dem Augenblick

zusammengepurzelt, das Jeannettchen hätte nicht entsetzter dreinschauen

können. Und dann brach der Schmerz des guten Kindes so jäh hervor,

wie der kleine Bach unten es tat, wenn Tauwind über die Berge raste.

Jeannettchen sank vor ihrer Mutter nieder und in deren Herzen klang das

Leid ihres Kindes schmerzlich wieder. Und sie konnte doch nicht helfen.

Der Junker von Dracksdorf schaute auf das weinende Mädchen und alle

Gedanken an Louison vergingen ihm, nur an Jeannettchen dachte er,

und wie er wohl helfen könnte. Weil er nun wohl etwas schwerfällig

war, es ihm aber keineswegs an hellem Verstande mangelte, überlegte

er bedachtsam allerlei Wege zur Hilfe und Rettung des bedrängten

Kindes. Flucht war abenteuerlich, aber bei einer Heirat, wenn sie just

beschlossen war, würde man in Weimar von der Forderung abstehen. Er

räusperte sich laut, trat von einem Bein auf das andere und platzte

etwas plötzlich heraus: »Ich habe die Intention, daß für das Fräulein

der agreabelste Ausweg aus dieser fatalen Situation eine gute Mariage

wäre, und da ich das Fräulein von Kindheit an adoriert habe, bin ich

persuadiert, es -- es -- es --« Der Redefluß des guten Junkers stockte,

aber Jeannette de Charreard hatte genug gehört, und sie hatte auch alle

Fremdwörter fein richtig verstanden, nahm auch keinerlei Anstoß daran,

sondern ihr Schluchzen wandelte sich sachte in ein heiteres, leises

Lachen, sie stammelte fest an die Mutter gelehnt: »Wenn -- wenn Er mich

liebt, dann -- dann --«

Von seiner großen Amour wollte der Junker gerade sprechen, da fuhr ihm

das Wörtlein Liebe unversehens dazwischen und er sagte ganz einfach:

»Ich liebe die Jungfer Jeannette, bei Gott, über alles in der Welt.

Hab's just erst gemerkt, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Man

muß wohl in die Welt ziehen, um das Einfachste zu verstehen.«

In dem Herzen der Mutter sang und schwang wieder die große

Feiertagsglocke. Die an ihrem Einzugstage zuerst getönt und allemal

wieder ihre Stimme erhoben hatte, wenn ihr ein neugeborenes Kind

im Arme lag. Ihre tränenfeuchten Augen suchten die des Mannes, und

Herr Anthoine de Charreard beugte sich über seine Frau und sagte

leise: »Wenn unser Jeannettchen wird wie du, dann kann der Junker von

Dracksdorf diese Stunde segnen.«

Herr de Charreard schrieb an diesem Tage mit solcher Freude im Herzen

an die Herzogin Marie, wie er es seit Jahren nicht getan hatte. Er

durfte ihr eine wohlbegründete Absage geben, denn daß die künftige Frau

von Dracksdorf nun noch eifrig im Hause lernen mußte, das verstand auch

die Herzogin.

Jeannettchen war glückselig. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Louison

überstrahlte sie sogar die schönere Schwester im Glanz ihres jungen

Glückes. Ein leiser Wiederschein davon ruhte auf dem Gesicht ihrer

Mutter. Das Glück der Jüngeren ließ sie auch an das Glück der Älteren

glauben, obgleich ein Widerwillen gegen deren Mann immer in ihr

lebte. Übrigens sah niemand weniger strahlend aus als der Oberst de

St. Laurent. Er hatte ein Bündel getäuschter Hoffnungen mitgebracht.

Man war ihm als Hugenotten mit Mißtrauen begegnet, und er hatte wohl

gesehen, daß die Hilfe, auf die die Hugenotten in Frankreich gerechnet

hatten, ihnen nie von König Ludwig kommen würde.

Bald nach der Hochzeit verließ Louison die Heimat. Sie war nicht mehr

in Pösen gewesen, das stille Tal lag wie ein Traumland hinter ihr, sie

dachte nur an Paris, wohin ihre Reise ging. Der Oberst de St. Laurent

hoffte dort durch einflußreiche Verwandte und Freunde eine glänzende

Stellung zu erhalten. Ungern sah ihn die Herzogin scheiden, aber

die Verhältnisse waren für sie sehr drückend geworden. Sie verlebte

ihre Zeit viel auf ihrem Gute Porstendorf. Sie war müde geworden und

kränkelte viel, hatte etwas die Lust verloren, mit dem Schicksal

anderer Fangeball zu spielen. Freilich, ihre Umgebung hatte viel unter

ihren bitterbösen Launen zu leiden.

[Illustration]

Auch in Pösen sollte es noch stiller werden. Zwei Jahre nach Louisons

Hochzeit wollte Heinrich Wilhelm von Dracksdorf sein Jeannettchen

heimführen. Der junge Gutsherr hatte jegliche Lust zum Ausziehen in die

Weite verloren, er hatte auch seine schönen Fremdwörter alle wieder

vergessen, und der alte Magister Albertinus brauchte nicht mehr zu

mahnen, die fremden Unkräutlein nicht zu schlimm wuchern zu lassen.

Anthoine de Charreard hatte sein Kommen zu der Schwester Hochzeit

zugesagt. Wenige Wochen vorher war es, im September sollte die Hochzeit

stattfinden, da ritt einer allein durch das Tal, der nun meinte, es

wäre auch eine Heimkehr für immer. Es war der Nikolaus Rabe, der kam

heim, weil ihm das Warten auf den Türkenkrieg draußen zu lang geworden

war. Er hatte sich noch tüchtig in der Welt herumgetummelt und zuletzt

seinem Junker nach Paris das Geleite gegeben, nachdem er seinen

Abschied genommen hatte. Dort hatte der Junker Schwester und Schwager

getroffen, und der Nikolaus Rabe konnte nur berichten, es gehe ihm gut.

Als der alte Kriegsmann vor seinem Bauernhof ein strammes Bübchen

spielen sah und ein wenig ernst und bedrückt seine junge Frau still auf

dem Felde werken fand, da stieg's ihm heiß zu Kopfe, und er hielt sich

selbst, noch abseits vom Hause, eine tüchtige Standrede. Die lautete:

Niklas, alter horndummer Mistesel du, konntest alleweil auch was

Gescheiteres tun, als in der Welt herumzuziehen. Läßt Weib, Kind, Haus,

Hof im Stich und bist weder richtig an die Franzosen, noch ein bißchen

an die Türken herangekommen. Hol dich der Teufel, ein Stück Holz ist

klüger als du. Und nach dieser feierlichen Ansprache an sein eigenes

Ich betrat Nikolaus Rabe das Haus, das Bübchen war davongelaufen,

und der Magister Albertinus war der erste, der dem Heimkehrenden

entgegentrat.

»Kruzitürken,« schrie Nikolaus, »das nenne ich Fortune haben, von so

einem gelehrten Monsieur an der Türe salviert zu werden!«

»Schafskopf,« schrie der alte Magister, »macht Er die gleiche Dummheit

wie der Junker von Dracksdorf! Hat Er, weiß der Himmel, nichts anderes

draußen gelernt als sein Maul mit welschen Brocken zu füllen? Jemine,

so kommt er nun heim! Ein Querkopf zog aus, ein Strohkopf kehrt zurück!«

»Dunderwetter, das hat wohlgetan!« Der Nikolaus lachte über das ganze

Gesicht. »Mehr, Herr Magister, mehr! Solche Sprüchlein tun wohl.

Parbleu -- wollte sagen Coup de Tonnär, ih niche doch, zum Teufel noch

mal, ich hab's verdient. Und nune potz Blitz, wo sind Weib und Kind?«

Die kamen beide angerannt, erst erschrocken vor dem fremden, fluchenden

Mann, dann hing ihm das junge Weib am Hals und rief: »Endlich, Niklas,

endlich. Als du fortzogst, konnte der da noch niche recht reden und

itze pappert er's Blaue vom Himmel runter.«

»Ja, und unser Jeannettchen war ein Kind, und in drei Wochen wird sie

Frau von Dracksdorf,« redete der Magister besinnlich in den lauten

Jubel der Frau hinein.

»Na, Gott sei Dank, denn die Louison ist Madame de St. Laurent und

tut, als hätte sie in Paris ihren ersten Schrei getan. Dunderwetter,

kaum angesehen hat sie mich. Und unsern Junker Anthoine haben sie

eingesponnen wie eine arme Fliege.«

»Und der junge Herr Adrian?« fragte der Magister.

»Der ist nach Wien gezogen auf die hohe Schule, hat seinen Abschied

genommen, weil's doch nichts mehr zu kämpfen gab. Akkurat nach Wien,

ich persuadier --«

»Daß Ihm gleich sein Dach auf den Dämelkopf fällt!«

»Dunderwetter ja! Der Herr Magister kann's fluchen fast besser als

der Herr von Hünefeld, und der hat arg gewettert, als wir so Woche um

Woche gelegen haben und nix zu sehen kriegten vom Feind. Und hernach

der vermaledeite Friede und jetzund der, den der arme Herr Kurfürst

von Brandenburg hat unterschreiben müssen. Sie sollen ihm alle seine

wohlverdiente Siegesbeute genommen haben, und ich habe die Opinion, daß

--«

»Was hat Er noch? Glauben tut Er, und was glaubt Er?«

»Daß, daß -- es der Herr Adrian mit den Wissenschaften hält,«

stotterte Nikolaus, der durch des Magisters heftigen Anruf ganz aus

der Fassung gekommen war. Er vergaß es, den Faden des Weltgeschehens

weiterzuspinnen, war wieder im engen Tal der Heimat und hätte nun

gern etwas von Haus und Hof gehört. Doch der Magister war damit nicht

zufrieden, dessen Gedanken gingen dem Schicksal der drei Freunde nach.

Er brummelte: »So, so, mit den Wissenschaften hält's der Junker Adrian.

Alleweile, da hat er den besten Teil von allen dreien erwählt. Heirat

und Kriegsdienst sind nicht viel wert, die Wissenschaften sind am

besten.«

Aber da redete die Frau flink hinein, die bis dahin geschwiegen hatte.

»Das meine ich nun eben niche. Der Junker von Dracksdorf, der unser

Jeannettchen bekommt, der kann lachen. Der Herr Magister sind zwar ein

hochgelehrter Herr, aber vom heiligen Ehestand versteht er doch kein

linschen.«

»Potz Blitz, Frau, das war recht gesprochen, und eine gute Mariage --«

»Ja potz Blitz, den heiligen Ehestand in Ehren, aber in deutschen Ehren

für uns, Er verwelschter Dummkopf,« schrie der Magister. »Und nun

kommt, wir gehen und melden, daß der Junker Anton zur Hochzeit kommt,

so ist es doch richtig?«

»Ich meine halt, nein,« murmelte Nikolaus. »Er kommt nit, hat in der

großen Stadt Paris unser stilles Tal vergessen!« --

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 21 / 28 题