Ein paar Tage gingen hin.
Sonderbar kam es Herrn de Charreard vor, daß er plötzlich so
eingespannt war in die mühsame Arbeit des Alltags nach den Jahren
des müßigen Dahinlebens. Es war, als hätte jedes Ding auf dem Hofe,
Menschen und Tiere, nur auf das Heimkommen des Herrn gewartet, um
sagen zu können: es geht nicht weiter mit unserer Kraft. Zu den
herabgefallenen Dachziegeln gesellte sich ein zerbrochener Wagen, die
alte Röse dachte an das Sterben, besann sich dann freilich noch für
lange Jahre, und der Hofverwalter bekam einen Hexenschuß. Eine Kuh
erkrankte, eine Ziege starb, eine Henne zog mit zwölf Küchlein auf die
Wanderschaft, und sie wurden erst nach ein paar Stunden von den Kindern
in einem Roggenfeld entdeckt. Und das Schlimmste war, Sophia Christine
entsanken plötzlich die Zügel aus den Händen, sie erkrankte. All das
lange still getragene Leid, alle Sorgen und alle rastlose Arbeit der
letzten Jahre stürmten noch einmal in der Erinnerung auf die Frau ein,
sie wurde krank.
Da war es schon gut, daß der alte Magister Albertinus noch im
Rabenhause wohnte und schnell zu Hilfe kommen konnte, auch daß im Dorf
ein paar handfeste umsichtige Frauen bereit waren, den Haushaltswagen
weiterzurollen. Es merkte äußerlich niemand etwas, aber doch fehlte
allen die Hausfrau. Als wäre des alten, wetterfesten Hauses Seele
erkrankt, so war es. Am verlorensten kamen sich die Kinder vor in
diesen Trübsalstagen. Der Vater redete ein paarmal zu ihnen, aber er
redete französisch und die beiden hatten so viel verlernt, sie wußten
darum keine Antwort. Herr de Charreard ärgerte sich über das trotzige
Schweigen, wie er es nannte. Da blieb ihm einmal Anthoine auf eine
rasche Frage die Antwort schuldig und der vermeintliche Trotz des Buben
erregte den Vater heftig. Er schlug zu und des Buben Wange brannte rot.
Jeannettchen, die neben dem Bruder stand, sagte unwillkürlich
erschrocken: »Er hat's doch nicht verstanden.«
»Was hat er nicht verstanden?«
»Was der Herr Vater gesagt hat.«
»Warum versteht er das nicht, er ist doch kein Dummkopf?«
Die Kinder sahen sich an, wurden rot und senkten beschämt die Köpfe.
In seiner Erregung sprach Herr de Charreard wieder französisch und
die beiden verstanden ihn wieder nicht. Sie sahen so tiefbetrübt und
zerknirscht drein, daß des Vaters rascher Zorn verflog und seine Stimme
einen heitern Klang bekam. Unwillkürlich sprach er sie deutsch an:
»Warum versteht ihr mich nicht?«
»Der Herr Vater spricht immer französisch und -- und --«
»Ihr versteht das nicht.« Herr de Charreard erschrak. So fremd waren
ihm seine Kinder geworden, daß sie seine Sprache verlernt hatten. »Hat
die Frau Mama nicht französisch mit euch gesprochen?«
»Die Frau Mutter hat doch nie Zeit gehabt und -- sie hat so viel
geweint.«
Herr de Charreard drehte sich plötzlich um, ließ die beiden stehen, wo
sie standen, er ging in das Zimmer seiner Frau hinauf, er fühlte es
erst recht, wie sehr diese gelitten hatte.
Sophia Christine lag in ihrem Bett. Sie war zu müde um aufzustehen,
Tränen rannen über ihr Gesicht, und als der Mann zu ihr trat, schrak
sie zusammen und er merkte, wie sie scheu die Tränen verbergen wollte.
»An was denkst du?«
»An -- Louison!« All das still getragene Mutterleid, die Sehnsucht
nach dem Kind, das man ihr genommen hatte, tönte wider in diesem
Weheschrei.
»Ich hole sie,« versprach Herr Anthoine, und wie er sich über seine
Frau neigte, strahlte ihm die alte unverminderte Liebe entgegen. An der
hatte die Zeit nichts geändert, Sophia Christines Liebe trug Ewigkeit
in sich.
Am Mittag ritt der Gutsherr nach Jena, er wollte sein Kind holen. Doch
seinem Willen stand der der Herzogin entgegen, und Herzog Bernhard
gab seiner Gemahlin nach. Die kleine Prinzessin weinte, und Louison
de Charreard mußte am Hof bleiben. Nur ein Besuch wurde versprochen,
sobald die Hausfrau auf Pösen gesund sei. Und dieses Wort half Frau
Sophia Christine besser als alle Tränklein des guten Magisters. Sie
mußte gesund werden, denn sie wollte es, weil sie ihr Kind wiedersehen
wollte. Irgendwo verborgen im Herzen lebte die Hoffnung, Louison würde
sehr um das Daheimbleiben flehen und dadurch der Herzogin Herz rühren.