9. Kapitel.

Ein paar Tage gingen hin.

Sonderbar kam es Herrn de Charreard vor, daß er plötzlich so

eingespannt war in die mühsame Arbeit des Alltags nach den Jahren

des müßigen Dahinlebens. Es war, als hätte jedes Ding auf dem Hofe,

Menschen und Tiere, nur auf das Heimkommen des Herrn gewartet, um

sagen zu können: es geht nicht weiter mit unserer Kraft. Zu den

herabgefallenen Dachziegeln gesellte sich ein zerbrochener Wagen, die

alte Röse dachte an das Sterben, besann sich dann freilich noch für

lange Jahre, und der Hofverwalter bekam einen Hexenschuß. Eine Kuh

erkrankte, eine Ziege starb, eine Henne zog mit zwölf Küchlein auf die

Wanderschaft, und sie wurden erst nach ein paar Stunden von den Kindern

in einem Roggenfeld entdeckt. Und das Schlimmste war, Sophia Christine

entsanken plötzlich die Zügel aus den Händen, sie erkrankte. All das

lange still getragene Leid, alle Sorgen und alle rastlose Arbeit der

letzten Jahre stürmten noch einmal in der Erinnerung auf die Frau ein,

sie wurde krank.

Da war es schon gut, daß der alte Magister Albertinus noch im

Rabenhause wohnte und schnell zu Hilfe kommen konnte, auch daß im Dorf

ein paar handfeste umsichtige Frauen bereit waren, den Haushaltswagen

weiterzurollen. Es merkte äußerlich niemand etwas, aber doch fehlte

allen die Hausfrau. Als wäre des alten, wetterfesten Hauses Seele

erkrankt, so war es. Am verlorensten kamen sich die Kinder vor in

diesen Trübsalstagen. Der Vater redete ein paarmal zu ihnen, aber er

redete französisch und die beiden hatten so viel verlernt, sie wußten

darum keine Antwort. Herr de Charreard ärgerte sich über das trotzige

Schweigen, wie er es nannte. Da blieb ihm einmal Anthoine auf eine

rasche Frage die Antwort schuldig und der vermeintliche Trotz des Buben

erregte den Vater heftig. Er schlug zu und des Buben Wange brannte rot.

Jeannettchen, die neben dem Bruder stand, sagte unwillkürlich

erschrocken: »Er hat's doch nicht verstanden.«

»Was hat er nicht verstanden?«

»Was der Herr Vater gesagt hat.«

»Warum versteht er das nicht, er ist doch kein Dummkopf?«

Die Kinder sahen sich an, wurden rot und senkten beschämt die Köpfe.

In seiner Erregung sprach Herr de Charreard wieder französisch und

die beiden verstanden ihn wieder nicht. Sie sahen so tiefbetrübt und

zerknirscht drein, daß des Vaters rascher Zorn verflog und seine Stimme

einen heitern Klang bekam. Unwillkürlich sprach er sie deutsch an:

»Warum versteht ihr mich nicht?«

»Der Herr Vater spricht immer französisch und -- und --«

»Ihr versteht das nicht.« Herr de Charreard erschrak. So fremd waren

ihm seine Kinder geworden, daß sie seine Sprache verlernt hatten. »Hat

die Frau Mama nicht französisch mit euch gesprochen?«

»Die Frau Mutter hat doch nie Zeit gehabt und -- sie hat so viel

geweint.«

Herr de Charreard drehte sich plötzlich um, ließ die beiden stehen, wo

sie standen, er ging in das Zimmer seiner Frau hinauf, er fühlte es

erst recht, wie sehr diese gelitten hatte.

Sophia Christine lag in ihrem Bett. Sie war zu müde um aufzustehen,

Tränen rannen über ihr Gesicht, und als der Mann zu ihr trat, schrak

sie zusammen und er merkte, wie sie scheu die Tränen verbergen wollte.

»An was denkst du?«

»An -- Louison!« All das still getragene Mutterleid, die Sehnsucht

nach dem Kind, das man ihr genommen hatte, tönte wider in diesem

Weheschrei.

»Ich hole sie,« versprach Herr Anthoine, und wie er sich über seine

Frau neigte, strahlte ihm die alte unverminderte Liebe entgegen. An der

hatte die Zeit nichts geändert, Sophia Christines Liebe trug Ewigkeit

in sich.

Am Mittag ritt der Gutsherr nach Jena, er wollte sein Kind holen. Doch

seinem Willen stand der der Herzogin entgegen, und Herzog Bernhard

gab seiner Gemahlin nach. Die kleine Prinzessin weinte, und Louison

de Charreard mußte am Hof bleiben. Nur ein Besuch wurde versprochen,

sobald die Hausfrau auf Pösen gesund sei. Und dieses Wort half Frau

Sophia Christine besser als alle Tränklein des guten Magisters. Sie

mußte gesund werden, denn sie wollte es, weil sie ihr Kind wiedersehen

wollte. Irgendwo verborgen im Herzen lebte die Hoffnung, Louison würde

sehr um das Daheimbleiben flehen und dadurch der Herzogin Herz rühren.

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 17 / 28 题