8. Kapitel.

Die alte Rabenmutter hatte einmal der jungen Frau treuherzig den Rat

gegeben, über keinen Streit die Nacht dahingehen zu lassen. Und Sophia

Christine handelte nach dem Wort. Die Luft war schwül, die Wolken

hingen blauschwarz über dem Tale, und in schier endloser Ferne klaffte

wieder und wieder ein heller Spalt, in allen Farben glänzte da eine

traumhafte Weite auf, mal zog auch ein dumpfes Rollen wie ein Mahnen

über das Tal. Die Linden dufteten betäubend, und unter die große Linde

führte Sophia Christine ihren Gemahl; wenn auch nicht das, was sie

trennte, ganz überbrückt wurde, es war doch von Seele zu Seele wie ein

Erhellen, ein Erkennen der Kluft, die zwischen ihnen lag.

Anthoine de Charreard erzählte mehr von den Mühsalen seiner Reise und

den Bitterkeiten seiner Stellung, und die Frau erkannte, daß ihres

Mannes Heftigkeit, sein verdrossenes Wesen wie eine Krankheit war, die

sie linde hinwegpflegen mußte.

Von dem Magister Albertinus sprachen sie beide nicht, sie dachten

beide, morgen. Der gute, alte Mann aber stand in seiner Stube, packte

seine Bücher in eine Kiste, und während ihm dicke Tränen über das

Gesicht liefen, dachte er, morgen bist du wieder heimatlos, Johannes

Emanuel Albertinus.

Ein Geräusch an der Tür ließ ihn aufschauen. Anthoine stand da und

sah ihn flehend an. »Ihr geht nicht weg, Herr Magister?« fragte seine

Stimme.

»Morgen, morgen -- es hilft nichts.« Dem alten Mann liefen ein paar

Tränen über die welken Wangen. »Muß mir eben wieder eine Heimat

suchen,« murmelte er bedrückt. Ach, wo würde er eine finden, die so

war wie das stille Tal!

Da warf der Bube Anthoine de Charreard den Kopf zurück und er flehte

eindringlicher: »Aber Ihr wartet bis morgen früh, Herr Magister!«

»Freilich, freilich, das tu ich schon. Aber du, mein Sohn Anton --«

Der gute Magister sah etwas verdutzt auf. Die Türe knarrte, sein

Zögling war aus dem Zimmer geschlüpft.

Ein paar Minuten später redete unten Frau Sophia Christine in die

Schilderung ihres Gatten von der unerhörten Pracht am Hofe des Königs

Ludwig hinein: »Dort läuft jemand. Wenn's nicht so töricht wäre, meinte

ich schier, es wäre unser Anthoine.«

»Nun ich hoffe, er schläft.« Ein leiser Stolz schwang als Unterton

in den Worten des Vaters mit, als er noch ein paar Sätze über den

trotzigen Buben sprach. Unzufrieden war er mit ihm, aber gefallen tat

ihm der kleine Kerl doch besser, als alle Buben, die er je gesehen.

Es rannte jemand durch das stille Tal. Ein junges Herz schlug laut,

denn der Abend war so dunkel und geheimnisvoll. Der Bach rauschte

lauter, die Weiden an seinem Rand glichen seltsam verhutzelten,

fremdartigen Gestalten, und nirgends dämmerte ein Licht auf. Nur

immer wieder erleuchtete der ferne Blitzschein sekundenlang den Weg.

Plötzlich erhob sich ein heftiger Wind, der Donner grollte näher, das

Wetter zog wohl herauf. Im jäh erhellten Schein huschte etwas über den

Weg, groß, unheimlich, ein Baumschatten nur war es, sich neigende Äste,

aber es schreckte den Laufenden. Eine Stimme gellte und im Rabenhof

drehte sich der Bauer Niklas, der ehemalige Kriegsmann, um und

brummelte: »Da schrie jemand.«

»War wohl 'ne Katze,« gab seine Frau zurück.

[Illustration]

Da bellte draußen der Hund laut, jach, voll Wut, gleich darauf wurde

sein Bellen zu einem gönnerhaften Gewinsel. »Kruzitürken noch mal, da

ist jemand draußen.« Der Bauer stand auf, nahm die immer neben seinem

Bett liegende kurze Reiterpistole und tastete sich die Treppe hinab.

»Himmel, Hagel und Höllenfeuer, wer ist da?« schrie er. Das Fluchen

konnte der Niklas noch gut, nur meinte er es nicht so arg böse damit.

Aus dem Dunkel heraus kam eine angstdurchbebte Stimme. »Ich bin's,

Niklas, der Anton!«

»Na, nun sollen doch gleich zehn Stückrohre drein knattern,« rief der

Bauer verdutzt. »Bub, du -- ach so -- wollte sagen, Junker, Ihr, wo

steckt Ihr denn?«

»Hier!« Anthoine de Charreard trat vor, und da es gerade am Himmel

wieder hellte, sah ihn der Bauer. Jetzt war die Angst weggeweht aus der

Stimme, als der Bube redete. »Junker, brauchst du noch nicht zu sagen,

wenn wir allein sind. Ich wollte dich besuchen.«

»Bei des Tilly Gerippe, das ist eine merkwürdige Zeit dazu!«

»Mann, mußt nicht so lästerlich fluchen,« rief von oben herab die junge

Frauenstimme. »Führ den Junker in die Stube, er wird etwas auf dem

Herzen haben.«

Das hatte Anthoine nun wirklich. Und kaum hatte innen der Bauer

den Zunder angeschlagen und ein winziges Öllämpchen angebrannt, da

strudelte schon alles aus dem Buben heraus, was ihm auf dem Herzen lag.

Der gute Magister wollte morgen das Haus verlassen und wußte nicht

wohin. Und da war Anthoine der Gedanke gekommen, der Magister könne

auf dem Rabenhof wohnen. »Du gibst ihm oben die Eckstube,« riet er

treuherzig, »und wenn du mal Kinder hast, erzieht er die.«

Niklas nickte beifällig. Um das Kindererziehen brauchte er sich ja noch

nicht zu kümmern, denn auf dem Rabenhof gab es zurzeit noch keine. Doch

den guten, alten Magister hatte er gern, den nahm er schon mit Freuden

in sein Haus. In seinem wechselvollen Leben war so viel an dem Manne

vorübergezogen, über das er gern ein ernstes Wort redete, und dazu war

ihm der alte Magister gerade recht. »Du bist schon ein Schlauer,« lobte

er den Buben. »Das muß man sagen, du fängst die Dinge am rechten Ende

an.«

»Und jetzt muß ich zurück!« Ein kleiner Herzseufzer preßte die Stimme

zusammen und der Niklas wollte just sagen: »ich bringe dich heim,«

als ein greller Blitz die Stube erhellte und gleich darauf der Donner

knatterte. »So, jetzt hätten wir ja alleweil das Wetter auf dem Halse,

nune bleibste mir da.«

»Aber --«

»Kruzitürken, will Er parieren!« Der Niklas schrie wie in seiner

Feldwaibelzeit, aber seine Augen lachten und Anthoine sprang an ihm

hoch. Das Wetter draußen ängstigte ihn nicht, und daß er auf dem

Rabenhof schlafen sollte, kam ihm vergnüglich vor. Niemand würde in

seine Kammer kommen, und morgen lief er in aller Frühe heim. Nur daß er

dem guten Magister nicht gleich sagen konnte, er könne auf dem Rabenhof

wohnen, tat ihm leid, doch der Niklas beruhigte ihn darüber. »So eener

wie der Herr Magister ist, der bringt seine Nacht nicht in Grämen zu.

Der sitzt jetzt und liest ein gutes, frommes Buch. Um den sorge du nit.

Und nun komm, du schläfst hier auf der Bank.«

Ein Schlaflied brauchte der Bauer seinem jungen Gast nicht zu singen,

es wäre freilich etwas mißtönig herausgekommen. Doch Anthoines Schlaf

sollte nur kurz sein. Das Wetter zog über das Tal. Die Stube flammte

im Widerschein der Blitze, der Donner dröhnte und der Niklas sagte:

»Schlimmer war's Anno dazumal in Flandern nit, und da lagen uns noch

die Malefizkerle, die Franzosen vor der Nase.« Und dann ging der Bauer

in das Unwetter hinaus, denn er bedachte der Gutsfrau Angst und das

Wetter schreckte ihn nicht.

Nikolaus Rabe kam zur rechten Zeit auf dem Gute an. Dort hatte Sophia

Christine just gesehen, ihr Bube war verschwunden, und das huschende

Gespenstlein war ihr eingefallen, das sie erblickt hatte. Ihr Anthoine

draußen um diese Zeit, in dem Unwetter!

Herr de Charreard runzelte die Stirn, er wollte zornig sein und war

doch sorgenvoll. »Warum hat der Bube einen Hofmeister, wenn der nicht

auf ihn acht gibt.«

»Dem hast du heute den Abschied gegeben,« murmelte die Frau mit

blassen Lippen. Und just in dem Augenblick erschütterte ein gewaltiger

Donnerschlag das Haus, es hatte einen Baum auf dem Hühnerberg getroffen.

Und ihr Sohn verschwunden, wohin war er gelaufen?

Da ging die Haustür und vor der blassen Frau stand der getreue Freund.

»Ich wollt nur melden, der Junker ist bei mir!«

»Bei Ihm, wie kommt er dahin?« Herr de Charreard erkannte den Bauern

nicht gleich. Der trug nicht mehr seine heiterbunte, zottelige

Landsknechtstracht. Im braunen Wams sah er fremd aus, und dem Gutsherrn

kam seine Art zudringlich vor. Er wollte noch einmal heftig fragen, als

er an den eigentümlich hellen Augen den Rabensohn erkannte. Da wußte

er, wer vor ihm stand. »Er hat mich halt was fragen wollen, was so

einem Junkerlein eben einfällt.«

»Was wollte er?«

Niklas rieb sich an seiner Nase. »Hm, ja, er meinte, der Magister

Albertinus könnte nun mal 'n bißchen bei uns wohnen. Ja, ja, mir schon

recht, so einen Gast im Haus zu haben.«

Herr de Charreard drehte sich um und ging aus dem Zimmer. Er wollte

seinem Sohn zürnen und dachte doch im Herzen, er ist treu wie seine

Mutter. Aber der alte Magister sollte nicht aus dem Hause, so nicht.

Ich kann ja gehen, dachte er bitter, ich scheine überflüssig im Hause

zu sein. Er war die Treppe hinaufgegangen und ging sie wieder hinab,

und er kam gerade unten an, als der Bauer sich von der Hausfrau

verabschiedete. Treuherzig streckte Nikolaus Rabe ihm die Hand hin.

»Ist schon gut, daß Euer Gnaden wieder heimgekommen sind. Die gnädige

Frau haben auch schmerzlich aufs Heimkommen gewartet. Meine Frau Mutter

selig hat noch an ihrem letzten Tag gesagt: Wenn nur unser lieber Herr

bald heimkäme.«

Das war ein gutes Wort, denn nun sah Herr de Charreard ein frohes

Leuchten in den Augen seines Weibes. Er gab dem Bauern die Hand,

herzlicher, wärmer, als er dies sonst tat, und Nikolaus Rabe

stapfte in das Unwetter hinaus und dachte bei sich: morgen wird der

Herr schon sehen, daß er rechtschaffen arbeiten muß und daß das

In-der-Welt-Herumreisen nichts ist für einen Gutsherrn von Pösen.

Dies sah Herr de Charreard nun freilich am nächsten Morgen recht

gründlich. Das Unwetter hatte viel Schaden getan. Dachziegel lagen

auf dem Hof, vom Hühnerberg war Steingeröll in den oberen Garten

gerutscht, auf den Feldern bogen sich die Ähren zerknickt zu Boden.

Als der kleine Anthoine in aller Morgenfrühe nach dem Gute lief, da

rauschte und brauste der Bach hochgeschwollen daher, er war weit über

seine Ufer getreten, und der Weg zum Gut war von Schlamm und Geröll

überschwemmt. Der Bube war so verwachsen mit seiner Heimat, so Kind

dieses stillen Tales, daß er alle Vernichtung wie ein persönliches

Leid empfand. Er vergaß seine gestrige Sorge, vergaß die Furcht vor

der Strafe des Vaters, vergaß alles, er holte sich Werkzeug aus dem

Schuppen und begann wie er ging und stand vor allem die Schäden rings

um das Haus zu bessern, den Weg zu glätten. Bei dieser Arbeit fand ihn

sein Vater. Er sah, wie eifrig der Sohn werkte, und wieder stieg der

Stolz in ihm hoch über des Buben kraftvolle Art. Just da kam aber der

Magister Albertinus aus dem Hause, der blieb dabei, in das Rabenhaus

hinüberzuziehen, und der Anblick des alten Lehrers brachte Anthoine den

gestrigen Tag in das Gedächtnis. Er merkte es gar nicht, daß sein Vater

beobachtend unter der Linde stand, er hing sich an den Arm des Alten

und bat: »Darf ich Euch die Bücher tragen, gelt, ich darf? Und nicht

wahr, Ihr bleibt immer, immer bei Niklas?«

Als der Magister Albertinus ein paar Minuten später sich nach dem

Hausherrn umsah, denn er wollte nicht im Groll von ihm gehen, war Herr

de Charreard verschwunden, ein Knecht sagte, er wäre auf das Feld

hinaus gegangen.

Ein weiter Weg war es nicht, den der gute Magister Albertinus zu gehen

hatte, denn auch ihm erschien der Ausweg, im Rabenhof zu wohnen, ein

guter. Und doch wurde dies kurze Weglein dem Alten bitterschwer, und

Anthoine und Jeannettchen hingen an seinen Armen, als ginge der gütige

Lehrer in die weite Welt hinaus.

Frau Sophia Christine sah wehmütig dem Trüpplein nach. Sie hatte nicht,

wie ihr Mann es ihr vorgeschlagen, zum Bleiben zugeredet. Die Trennung

so von Haus zu Haus war besser, das fühlte sie, aber sie dachte doch,

wie schwer es sein würde, eine feste dauerhafte Brücke zwischen ihrem

Manne und der Heimat, mit allem was drin lebte, zu bauen. Ihre Liebe

mußte sehr stark sein im Überwinden, stark im Ertragen, duldsam und

linde, sollte ihr Leben wieder werden, wie es vordem gewesen war.

Auch Herr Anthoine de Charreard sah das Trüpplein ziehen, und

mancherlei Gefühle strudelten dabei in ihm durcheinander. Er fühlte

sich schuldig dem alten Freund seiner Frau gegenüber und war doch froh,

daß er ging. Der Kinder Mitgehen, ihr Hängen an dem Lehrer kränkte ihn

und doch freute ihn ihre Treue. Darüber vergaß er beinahe, auf die

Felder zu schauen, er sah, wie die drei, gefolgt von einem Knecht,

der des Magisters Sachen fuhr, an dem Bauernhaus anlangten, sah, wie

Nikolaus Rabe ehrfurchtsvoll seinen neuen Hausgenossen grüßte, und er

schämte sich, und freute sich zugleich. Aber als er dann am Tisch saß,

sah er einen Trotzzug im Gesicht seines Buben, auch daß Jeannettchen

geweint hatte, und Frau Sophia Christine war fast der großen Sorge

froh, die in dieser Nacht über sie gekommen war. Sie redete von dem

Wetterschaden und führte sacht den Mann auf den Sorgenweg, damit er

nicht auf den eines ungerechten Zornes geriet.

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 16 / 28 题