Die Herzogin selbst begleitete sie, und Pösen erstrahlte in einem
so festlichen Glanze wie zur Taufe des kleinen Anthoine. Auch hatte
Louison Wetterglück. Es standen nicht dunkle Wolken am Horizont wie
am Heimkehrtag des Vaters, die Sonne gab dem Tale Glanz und Farbe,
heiterschön lag es da. Und das Strahlen der freundlichen Himmelsmutter
fand Widerschein in den Augen der Charreards. »Louison kommt.« Anthoine
und Jeannettchen sangen es in den Morgen hinaus, sie sangen es vor
dem Rabenhaus und der Magister rief es geduldig mit. Jeannettchen
behauptete sogar, die Hühner gackerten es. »Louison kommt!«
Und dann kam sie!
Zwei Wagen, vier Reiter lenkten in den Hohlweg ein. Im Gutshaus hörten
sie das Rollen, und Sophia Christine preßte ihre Kinder beide an ihr
Herz, als wolle dies dem Kinde, das heimkam, entgegenfliegen und sie
müsse es festhalten. Und ein festes Herz brauchte die Frau an diesem
lichten Tag, der einen ganz dunklen Schatten über ihr Leben warf.
Louison kam. Eine kleine Dame stieg da aus dem Wagen, ein höfisches
Püppchen grüßte mit einer steifen, feierlichen Verneigung Eltern und
Geschwister. Der starre Brokat des Gewandes rauschte, die braunen
Locken fielen zu beiden Seiten des Gesichtchens herab und an einer
goldenen Nadel wippte keck eine rote Feder bis über den breiten Kragen
aus Brüsseler Spitzen hinweg.
Louison de Charreard trug ihr Staatsgewand, so hatte es die Herzogin
angeordnet, und Louison betrug sich ganz, wie es ihre fürstliche
Gönnerin von ihr erwartete. Sie plapperte ein paar französische Phrasen
dahin, sprach ihre Freude aus, alle wiederzusehen, küßte den Eltern
unter weiteren tiefen Verbeugungen die Hand und dann -- versagte ein
paar Augenblicke die gute Erziehung, denn der Bruder Anthoine brummte
unwirsch: »Das ist ein Pfau, das ist nicht unsere Louison.«
Dann entstieg noch eine kleine Paradepuppe dem Wagen, das war die
Prinzessin Elisabeth Marie, die ersah Anthoine und lief rasch auf den
Buben zu, zog ein Schelmengesicht und tippte den großen Jungen an: »Du
bist Anthoine, dich will ich einmal heiraten.«
Die Herzogin lächelte milde und redete gütig, aber Frau Sophia
Christine meinte doch, ihre Stimme wäre voller Hohn, ihr Lachen böse. --
Bis zur Leuchtenburg war das Gerücht von der Fahrt der Herzogin nach
dem Gute Pösen nicht gedrungen, darum ritten an diesem Nachmittag die
Buben Heinrich Wilhelm von Dracksdorf und Adrian Rudolf ganz fröhlich
dem Gute zu. Sie ritten durch den Wald, in dem vor etlichen Jahren der
heimkehrende Feldwaibel Nikolaus Rabe die drei Charreards gefunden
hatte. Und wieder wie damals kamen die beiden zuerst am Rabenhofe
vorbei, aber der Bauer, die Bäuerin und Magister Albertinus waren nach
dem Gute zuschauen gegangen und standen nun noch immer in der Mitte des
Hohlweges und tauschten Rede und Gegenrede. Der Frau hatte die Auffahrt
gefallen, der Mann sagte bitter: »Das ist nicht Louison.«
Unten im Tale ertönte Hörnerruf und oben im kleinen Festsaal spitzte
Anthoine die Ohren: seine Freunde kamen! Auch Sophia Christine hatte
den Klang vernommen und ihr Blick lief zu ihrem Kinde hin, neben dem
ein schöner, stattlicher Mann stand, der Oberst Raoul St. Laurent. Mit
dem Hofherrn unterhielt sich Louison wie eine weltgewandte Dame, ihre
Schwester Jeannette stand linkisch und scheu neben ihr. Und nun kam der
Jugendfreund ihres Kindes, der Bube, dessen Mutterlosigkeit Frau Sophia
Christine einst tief gefühlt hatte im ersten großen Mutterglück.
Ihre Augen winkten, und Anthoine, der das Augenwinken der Mutter besser
verstand als des Vaters französische Reden, ging hinaus, damit die
Freunde nicht aus Scheu vor dem fürstlichen Besuch auf und davon ritten.
Oben hatte die Herzogin huldvoll gesagt, Jeannette solle doch ihrem
kleinen Fräulein und der Schwester den Garten zeigen, und Jeannette war
froh, Elisabeth Marie folgte ihr gern, Louison lächelte geziert, sie
fühlte sich nicht bewundert genug. In ihrem eitel gemachten, törichten,
kleinen Herzen hatte sie immer und immer wieder an den überwältigenden
Eindruck gedacht, den sie daheim hervorrufen würde. Nun hatte sie kein
Wort des Staunens über den wundervollen Anzug vernommen, nur das böse
Brummen des Bruders, sie wäre ein Pfau. Mißmutig ging sie hinter der
Prinzessin her; die nahm ganz fröhlich Jeannettes Hand, worüber Louison
sehr das Näslein rümpfte. So wenig unterwürfig zu sein, war nicht
Hofton.
Die drei ungleichen Gefährtinnen traten just aus dem Hause, als die
Buben hinein wollten. Adrian Rudolph blieb der Mund offen stehen, als
er in dem prächtig geschmückten Frauenzimmer seine kleine Freundin von
einst erkannte. »Louison!« rief er betroffen.
»Ach Monsieur Rudolph und Monsieur de Dracksdorf,« rief Louison. Sie
legte das Köpfchen zur Seite und blinzelte die beiden herablassend an,
und als sie die beiden verdutzt anstaunten, plapperte sie ein paar
französische Sätze herab, so wie sie es oftmals in Paris vernommen
hatte.
»Sie ist ein Pfau, eine Stoppelgans!« schrie der Junker Anthoine erbost
über das gespreizte Wesen der Schwester.
»Er weiß eben nichts von Politesse, er ist ein -- ein -- ungehobelter
Bauernlümmel!« Das Wort fuhr Louison heraus, ihre Augen blitzten
zornig, sie machte aber nicht den geringsten Eindruck, die Buben
lachten laut. »Na, ganz hast du das Deutschreden ja noch nicht
verlernt,« brummte Anthoine. Adrian aber streckte der kleinen Freundin
treuherzig die Hand hin, ehrlich, ein wenig tolpatschig.
»So ist's mir lieber, meinetwegen schilt mich auch Bauernlümmel,
Louison.«
»Monsieur sind sehr =aimable=, doch ein Kavalier küßt einer Dame
die Hand.« Louison hob den Kopf. Das feine Näschen ragte ganz steil in
die Luft, die Feder wippte und nickte, und die vier Landkinder staunten
die verwandelte Schwester und Freundin wieder an, bis auf einmal jemand
hellauf lachte. Es war die Prinzessin Elisabeth Marie. Die lachte so
herzlich, sie schüttelte sich vor Lachen, und ihr Lachen steckte an.
Die Buben fielen ein, selbst Jeannettchen, die am meisten überwältigt
von der Schwester gespreiztem Wesen war.
Louison wurde blutrot. Ausgelacht zu werden, das hatte sie nicht
erwartet. Bewundert, gefeiert, ja; aber ausgelacht, es war zu toll. Und
erzürnt raffte sie ihr Kleid auf und lief in den Garten hinein, in dem
Frau Sophia Christine eine bescheidene Blumenzucht unterhielt. Rosen,
Nelken, Braut im Haar, Ringelblumen und allerlei bunte Sommerblumen
blühten. Wütend zerrte Louison an den Blumenköpfen, riß eine Hand
voll ab, warf sie auf den Weg und trat darauf. Und gerade wollte sie
die unnütze kleine Hand nach neuen Opfern ausstrecken, als ihr jemand
heftig auf die Hand schlug. Anthoine war es. Mit blitzenden Augen stand
er vor ihr und schalt: »Die Blumen hat die Frau Mutter gepflanzt.«
»Ah« -- die Kleine wollte ein Wort rufen, das spottete und höhnte,
aber auf einmal kam ihr das Erinnern an die Tage vor Festen, an die
Sonnabende vor den Kirchsonntagen, sie sah sich mit einem Körbchen
hinter der Mutter her trippeln und die füllte es, jede Blüte sorgsam
prüfend, ob sie auch geeignet sei zum Schmuck der kleinen Kapelle.
Tränen drängten sich in des Kindes Augen, ganz bittere sehnsüchtige
Tränen. Da sagte eine rauhe Stimme: »Kruzitürken, das ist ja nun wohl
das Fräulein Louison?«
Breitbeinig, in seiner alten Kriegstracht stand da Nikolaus Rabe, der
schaute seine kleine Freundin genau so gutmütig an wie damals, als er
das Kindertrüpplein im Walde gefunden hatte.
Louison ließ die Hände sinken. Erst staunte sie etwas über die bunte
Gestalt auf dem Wege, doch dann vergaß sie ihr weites Brokatkleid,
ihre künstliche Haartracht, mit einem Jubelruf ergriff sie des
Kinderfreundes Hand. »Niklas, Niklas,« rief sie, »wo kommst du denn
her?«
»Nu eben aus meinem Hause. Potz Kalbsfell, was ist das Fräuleinchen
fein!«
Doch einer, der sie bewunderte, einer, der die kleine Louison noch
lieb hatte! War es der eine nur? Ach nein, auf einmal sah Louison de
Charreard lauter vergnügte fröhliche Gesichter um sich, und sie vergaß
das Monsieursagen und alle Geschraubtheit und war wieder wie einst die
alte Louison, die Lust zu jedem törichten Streich hatte.
In der Mitte des Gartens war ein kleines, mit Tropfstein eingefaßtes
Wasserbecken. Um das herum auf die Steinbrüstung setzten sich die
Charreards, ihre Gäste und Nikolaus Rabe. Und weil der kleinen
Prinzessin dieser Sitz nicht gefiel, nahm Nikolaus sie auf den Schoß
und Elisabeth Marie klatschte vergnügt in die Hände. War das lustig in
Pösen!
[Illustration]
»=Fi donc!=« sagte ein paar Minuten später die Herzogin, die
von weitem das Bild erblickte. »=Mon Dieu=, das ist ja gar ein
schwedischer Kriegsgesell, der da mein kleines Fräulein auf dem Arm
hat.« Und sie rief laut und herrisch die Namen der Kinder, und ganz jäh
wurde aus der lustigen Louison wieder die gespreizte, kleine Dame, die
zum Abschied allen nur die Fingerspitzen reichte.
Die Herzogin drängte zu einem schnellen Aufbruch. Ihr Blick zürnte und
Louison zitterte. Sie sah sich um, sah die Freunde stehen, Niklas und
dann die Mutter, und da verließ das Kind alle anerzogene Geziertheit,
laut aufweinend umschlang Louison die Mutter und flehte: »Ich will bei
Ihnen bleiben, Frau Mama!«
»Louison!« Der Herzogin Stimme schrillte.
Sophia Christine sah flehend zu ihrem Mann hinüber und sah, wie der
sich auf die Lippen biß. Herr Anthoine de Charreard hatte mancherlei
Schulden von der Herzogin bezahlt bekommen, und er hatte ihr dafür
schriftlich gelobt, nie das Kind Louison zurückzufordern und überhaupt
keinem Schritt Louisons, den die Herzogin billige, zu widersprechen. Er
hatte sich jeglicher Vaterrechte begeben, und darum wich er dem Blick
seiner Frau aus.
»Ich will hierbleiben.« Louison weinte heftig und wild und die Herzogin
beugte sich zu ihr herab, zischte ihr etwas in die Ohren, da erblaßte
die kleine Louison, und ein angstvolles Flehen blieb in den Augen.
Es konnte ihr niemand helfen. Herr de Charreard, der Louisons
Aufenthalt am Hofe immer als ein besonderes Glück angesehen hatte,
spürte es erst in dieser Stunde: er hatte sein Kind ganz verloren.
Doch wurde Louison eine unerwartete Hilfe. Die kleine Prinzessin
Elisabeth Marie weinte bitterlich und flehte ihre Mutter an, Louison
dazulassen, flehte so lange, bis die Herzogin versprach, Louison dürfe,
wenn sie jetzt brav sei, ihre Eltern zweimal jährlich besuchen, sie
solle auch keine Strafe heute erhalten.
Louison schwieg ganz still. Der Herzogin Strafen waren hart, aber
sie wußte, die kleine Prinzessin würde ihr beistehen. Still ließ sie
sich nach vielen Verbeugungen in den Wagen heben, dann traten die
Geschwister und Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf noch
einmal heran, und Anthoine de Charreard benahm sich zur Verwunderung
seines Vaters wie ein rechter, kleiner Hofherr, er küßte der Prinzessin
die Hand und dabei sagte er kurz, aber aus ehrlichem Herzen heraus:
»Vielen Dank.«
Herr de Charreard gab seinen Gästen wieder das Geleite. Louison saß
steif und sehr blaß im Wagen und Sophia Christines Augen waren voll
Tränen. Sie fühlte es tiefer als je, man nahm ihr ihres Kindes Herz.
Oben am Hohlweg über dem Rabenhof stand Nikolaus so, als stünde er auf
Wache im Felde. Seine Augen waren finster, als die Wagen daherrollten,
sein Gruß mürrisch, und nur eine bekam einen guten Blick, die kleine
Louison. Nun schleppten sie das Kind wieder weg, und der Bauer grollte
im Herzen: Wie mich damals die Schweden fortgeschleppt haben, just
so ist es. Dann kriegt man andere Gedanken, wird anders in der Welt
draußen, lernt anders reden, und wenn man heimkommt, merkt man erst,
was man verloren hat. Und nach dieser langen Rede mit seinem Herzen
stapfte er den Berg hinab und suchte den alten Magister Albertinus auf,
um mit dem von des Lebens wunderlichen Wirrsalen zu reden.