Kurz ist ein Jahr, lang ist ein Jahr.
Die Arbeitsjahre mit ihrem Mann zusammen waren Sophia Christine
verrauscht wie ein schönes Lied, das erste Jahr des Einsamseins hatte
endlose Tage, schlummerlose Nächte, es kroch dahin wie eine Schnecke
im Staub. Stunde um Stunde, Tag um Tag flogen die Gedanken zu Mann, zu
Kind. Wie ging es beiden? Wer hütete der kleinen Louison junge Seele?
Wer war um sie, wer schützte ihre Lieben?
Das Laub wechselte seine Farbe, Blatt um Blatt fiel erst sacht zu
Boden, bis es ein Sturmwind von den Ästen riß. Über das Tal wehte der
Schnee; weiß Dächer und Mauern, weiß im Rauhreif Bäume und Sträucher,
der Bach von einem Eisband gebunden. Noch tiefere Stille als sonst
im Tal. Weihnachtstraum; erste Frühlingsstürme; Sonnenschein. Der
Schnee schwand, in Bäume und Sträucher quoll der junge Saft bis in
das äußerste Spitzchen, sie schimmerten rötlich, gelbgrün, hingen
sich grüne Spinnewebe über, wieder Schnee auf den Bäumen, aber jede
Flocke eine hauchzarte Blüte, in die die Bienen summend vor Lust sich
hineinschmiegten. Die Vögel kehrten heim, bauten Nester, die Felder
begannen zu wogen und in Sophia Christinens Herzen zitterte heißer die
Sehnsucht; nun bald, nun balde kam das Wiedersehen.
Doch die Linden blühten und verblühten, Kornblumen, Rittersporn und
Mohn säumten die Ränder der Felder, auf den Wiesen duftete das Heu, es
wurde eingefahren und die kornschweren Ähren erzitterten eines Tages,
nun sang auch ihnen morgen die Sense das Sterbelied.
Goldene Hügel wurden geschichtet, die Scheunen füllten sich, der
Rabenvater stand auf dem Hof und sagte: »Ein gesegnetes Jahr!« Und
als er Anthoine müßig auf dem Brunnenrand sitzen sah, sagte er: »Ins
Faulenzerland gehört er niche mehr. Der Junker könnte schon helfen,
itze braucht die gnädige Frau Mutter jede Hilfe.«
Da schoß Anthoine das Blut ins Gesicht. Er sprang auf und rannte davon,
lief auf das Feld und seine Bubenhände griffen Bündel um Bündel. Heißa,
das ging, ihn sollte niemand einen aus dem Faulenzerland schelten.
Eines Tages blies der Sturm über Stoppelfelder, peitschte schwarze
Wolken ins Tal, und auf dem Gut Pösen flüsterten die Leute scheu: »Der
Herr ist nicht heimgekommen.«
Sophia Christine ging blaß und still einher, sie trug einen Brief auf
dem Herzen, in dem stand, Anthoine de Charreard würde erst im Frühling
heimkehren, die Herzogin Marie könne sich von dem schönen Paris nicht
trennen. Ganz unten stand das Wort: »Wenn es doch erst Frühling wäre!«
Der Winter mit seinen langen, langen dunklen Nächten lag noch
dazwischen.
Es war nicht allein für die Kinder gut, es war auch eine Wohltat für
die Hausfrau selbst, daß der Magister Albertinus im Hause lebte.
Anthoine und Jeannettchen liebten den gütigen, weisen Mann, liebten
selbst seine Schwäche, in jedem unschuldigen Wort einen fremden
Eindringling zu wittern. Ein Fremdwort war ihm eine Art Gespenst, gegen
das er zornig losging. Zuerst verleidete er den Kindern jegliche Lust
an der französischen Sprache. Aus einem Anthoine wurde Anton, der eine
Johanna zur Schwester hatte. Die Kinder nahmen des Alten Grille heiter
hin, sie verstanden nicht, daß er zu weit in seinem Haß gegen alles
Fremde ging, und Frau Sophia Christine war froh, die Kinder in guter
Hut zu wissen. Sie hatte genug zu tun, um Sorgen und Sehnsucht mit der
großen Arbeitslast zu vereinen, und wenn in seltenen Feierstunden
der Magister ankündigte: »Nun wird ein Kriegszug gemacht,« und die
unschuldigsten Wörter seltsam genug verdeutscht wurden, da lächelte
sie nur dazu, hörte kaum hin und freute sich allein an ihrer Kinder
Frohsinn.
Abends, wenn sie müde in dem hohen Stuhl saß, in dem ihr Mann sonst
gesessen hatte, schlug der Magister einen anderen Ton an. Dann zerrte
und zog er nicht fremde Unkräutlein aus der deutschen Muttersprache,
dann las er die feinen, frommen Worte Johann Arnds vor, oder er schlug
die Trutznachtigall des milden Friedrich Spee auf. Manchmal las er
auch, um ein Lächeln auf das Gesicht der jungen Frau zu locken, etwas
aus den sinnreichen Heldenbriefen des Herrn von Hoffmannswaldau, der
einst mit dem Vater der Herzogin Marie Deutschland durchreist hatte.
Von diesem fürstlichen Herrn hatte Anthoine de Charreard die Bücher als
besonderes Ehrengeschenk erhalten, er ahnte damals nicht, als er sie in
Pösen auspackte, daß ihre gespreizte Sprache das verlorene Lachen auf
das Gesicht seiner lieblichen Frau locken sollte. --
Der Winter verging und das uralte, ewig anmutige Spiel, das der
einziehende Frühling aufführt, begann von neuem. Wieder gab es blühende
Bäume, Vogelsang und Bienensummen, Sonnenschein und warme weiche Luft.
Wieder eine unendliche Schöne.
Herr de Charreard kam nicht.
In diesem Frühling erlitten alle in dem stillen Tal einen großen
Verlust. Der Rabenvater starb. Er verlöschte eines Tages still ohne
Klage, und seine alte verrunzelte kleine Frau saß mit einem seltsam
stillen, frohen Lächeln an seinem Sterbebett. »Ich folg' dir balde.«
Sie hielt Wort. Vier Wochen lang ging sie noch mit einem schönen
fremden Glanz in den Augen herum, dann starb auch sie.
Die Rabenbrüder, die in großer Eintracht lebten, tauschten Haus und
Hof. Christian zog nach Zimmritz auf den Hof, den der Bruder gekauft,
dort wohnte seine Braut, und der heimgekehrte Kriegsmann nahm den
Rabenhof in Besitz. Da hatten Anthoine und Jeannette ihren guten Freund
wieder nahe, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht mitsammen
ein Wiedersehen feierten.
Nikolaus Rabe war ganz der gleichen Ansicht wie sein Vater, ein Bube in
Anthoines Alter mußte zugreifen, und da es die Mutter im Hause schwer
bekam, denn die alte Röse begann zu kränkeln, half auch Jeannettchen
mit.
Die Linden blühten wieder.
Sophia Christine hatte es aufgegeben, immer wieder den Weg entlang zu
schauen, auf dem ihr Mann kommen mußte. Er blieb noch immer aus, und
seit vielen vielen Wochen waren auch seine Briefe ausgeblieben.
Es sah darum niemand den Buchaschen Hohlweg entlang, als Herr Anthoine
de Charreard ihn eines Tages in einem herzoglichen Wagen daher fuhr.
Müde, verdrossen, angewidert von so vielem, was er gesehen, war der
Mann heimgekehrt. Er hatte sein Kind Louison mitnehmen wollen, doch die
Herzogin Marie hatte eigensinnig darauf bestanden, es müßte in Jena
bleiben.
In Bucha liefen die wenigen Leute, die nicht auf Arbeit waren, herbei,
um den Herrn zu begrüßen. Es waren aber scheue verlegene Grüße, der
blasse Mann da im Wagen war ihnen allen fremd geworden. Am liebsten
hätte Herr Anthoine gefragt: wie geht es meiner Frau, wie meinen
Kindern? Doch das Fragen kam ihm nicht über die Lippen, er tat, als
wüßte er alles und war doch ein halbes Jahr ohne Nachricht gewesen.
Da wo die Pösener Gemarkung anfing, schafften an diesem Tag zwei mit
heißem Eifer. Der Niklas Rabe, der es inzwischen gelernt hatte, ein so
rechter Bauer zu werden, wie er ein Kriegsmann gewesen war, hatte von
einem Regen zum Abend gesprochen. Das Heu müsse herein. »Dann hilf du
mir, Johanna,« sagte der Junker.
Anthoine, der nun wirklich nur noch Anton genannt wurde, fand,
Heueinfahren wäre eine rechte Arbeit für ein Fräulein de Charreard.
Also werkten die beiden Geschwister auf der höchstgelegenen Wiese und
wollten gerade mit einem kleinen Handwagen zu Tale fahren, als sie die
herzogliche Kutsche kommen sahen.
In den zwei Jahren war nur einmal die alte Base Sabine, die um der
Silberleuchter willen nun eine besondere Zuneigung zu der Nichte
empfand, auf dem Wege dahergefahren, sonst niemand. Den Kindern schlug
das Herz, war es --
»Der Herr Vater, der Herr Vater!« Die jungen Stimmen gellten so heftig
auf, daß weniger schlafsüchtige Gäule entschieden scheu geworden wären.
Die abgestanden müden Tiere aus dem herzoglichen Stall entschieden sich
für das Stehenbleiben. Mit einem Ruck hielt der Wagen, und am offenen
Fenster tauchten zwei heiße sonnenbraune Gesichter auf. Bub und Mädel,
Bauernkinder -- oder?
Herr Anthoine de Charreard sah ziemlich verdutzt seine Kinder an.
Jeannettchen, die feine kleine Blonde, schulterte jetzt einen Rechen
über die Schulter, in Anthoines Haar hing Heu, wie vornehm erzogene
Herrschaftskinder sahen alle beide nicht aus.
»=Mon Dieu=, was tut ihr?«
»Wir fahren Heu ein, Herr Vater,« schrie Anthoine, als wäre sein Vater
in den beiden Jahren stocktaub geworden. Gleich aber überkam eine
heftige Verlegenheit den Buben vor dem feinen, blassen Herrn, war es
wirklich sein Vater?
»Er ist's gar nicht, Anton!« Jeannettchen zerrte den Buben am
Jackenzipfel. Und schon rannte sie davon. Auch der Bruder dachte an ein
Davonlaufen, aber da streckte sich eine weiße, ringgeschmückte Hand aus
dem Wagen, und es war doch des Vaters Stimme, die sagte: »Anthoine,
ich bin es wirklich -- wie geht es der Mama?«
»Die Frau Mutter wäscht,« platzte Anthoine heraus.
»Wä--äscht,« Madame de Charreard stand am Waschzuber!
Der Bube sah treuherzig und altklug zu seinem Vater auf. »Röse ist doch
krank, die Frau Mutter hat's schon schwer.«
»Jeannette, wo ist Jeannette?«
Ja, wo war die Kleine? Die war, von einer unbestimmten Angst getrieben,
abwärts gelaufen, sie rannte über den Hof in die seitwärts liegende
Waschküche und schrie in Qualm und Brodem hinein: »Es kommt einer und
Anton sagt, es wäre der Herr Vater.«
Frau Sophia Christine goß die Seifenlauge in das Spülwasser, kümmerte
sich nicht um das angerichtete Unheil, sondern ging todblaß mit
wankenden Schritten dem Hause zu.
Unter den blühenden Linden wird sie stehen, dachte der Mann. Aber seine
Frau stand still und aufrecht an der Haustüre, es sah gar nicht aus,
als freue sie sich so besonders der Heimkehr ihres Mannes. Daß sie nur
keinen Schritt weiter tun konnte, daß die Bäume, die Landstraße, alles
vor ihren Augen wogte und schwankte, ahnte Herr de Charreard nicht. Er
hatte eine andere Freude erwartet. --
Es wurde kein rechter Freudentag.
Der Gutsherr war reisemüde und mißmutig. Wohin er sah, sah er
Arbeit. Er sah alle Hände sich regen, sah seine Kinder schaffen wie
Bauernkinder, wußte, seine Frau hatte am Waschfaß gestanden, und er kam
wirklich aus dem Faulenzerland. Zwei Jahre hatte er nichts getan, wie
einmal ein paar Briefe für seine Herzogin geschrieben, sonst Besuche
gemacht, Besuche empfangen, er war zu Bällen und Komödien gefahren,
seine Unterhaltung war leichtes Geplänkel, lockeres Scherzen gewesen,
und als er am Tisch seines Hauses saß, faltete die Hausfrau fromm die
Hände und sagte: »Sprich das Gebet, Anton!«
Sie dankten alle in ernster Andacht für das tägliche Brot, er hatte
zwei Jahre lang sinnlose Verschwendung, unerhörten Luxus gesehen. Und
dann das Fragen, dies bange Fragen der Mutter nach ihrem Kind. »Wie ist
Louison?«
»Beinahe eine kleine Dame. =Adorable=, ich muß es sagen!«
»Betet sie auch noch immer abends? Hat sie uns nicht vergessen?«
Herr de Charreard hing sich an die zweite Frage. Nein, vergessen hatte
Louison Mutter und Geschwister nicht, in vier Wochen würde sie kommen.
»Für immer?«
»Nicht doch, =ma chère=. Sie ist die Gespielin der Prinzessin und
bleibt natürlich am Hofe.«
Sophia Christine seufzte tief, aber sie schwieg.
Anthoine aber murmelte halblaut, nur Jeannettchen sollte es hören:
»Gut, daß kein Prinz da ist.«
»Was sagst du da, mein Sohn? Flüstern ist unschicklich.«
Herr de Charreard runzelte leicht die Stirn. Unglaublich, wie die
Kinder verbauert waren.
Da hob Anthoine das hübsche Knabengesicht zu ihm auf und rief hell,
wie Fanfarenklang tönte es: »Ich bin froh, daß kein Prinz in Jena ist,
sonst müßte ich zu Hofe.«
»So, und wäre das meinem Sohn nicht =agréable=? Ich
=persuardire=, es würde ihm gefallen.«
»Nein,« rief Anthoine, »ich möchte nur hier bleiben, hier in Pösen oder
--«
»Nun, was oder!«
»Ein Offizier werden. Doch dann weint die Frau Mutter und --«
Der Bubenkopf sank tief herab, ganz tief. Sophia Christine lächelte
sanft. »Ist recht, du bleibst in der Heimat.« Sie sagte das Wort ohne
Schärfe, sie dachte dabei nur an den Sohn.
»Seine Heimat ist Frankreich!«
Herrn de Charreards Stimme klang gereizt, aber die Falte schärfte
sich, als er sah, daß sein Bube ein wenig trotzig den Kopf schüttelte.
»=Parbleu=, was soll das?«
In Anthoines Gesicht schoß eine tiefe Glut. Er hatte doch wirklich den
Vater nicht kränken wollen, aber als der noch einmal sagte: »Deine
Heimat ist Frankreich,« schwieg er mit zusammengekniffenen Lippen.
»Dankt und geht hinaus!« Sophia Christine sah erschrocken, wie tief die
Kluft zwischen dem Heimgekehrten und ihrem Leben war.
Die Kinder standen auf, falteten die Hände, beteten still und dann
kamen sie beide, küßten ihr die Hände und sagten: »Vielen Dank, Frau
Mutter!«
»Ihr müßt eurem Herrn Vater danken.«
Die ehrlichen offenen Kinderaugen blickten maßlos verwundert drein. Der
Magister hatte sie gelehrt, daß der Mutter rastlose Arbeit ihnen das
tägliche Brot verschaffe, und sie nächst Gott ihr zu danken hätten. In
seinem harmlosen Sinn war es dem Magister nie eingefallen, daß seine
Erziehung die Kinder dem fernen Vater entfremde, nun erschrak auch er
und er sagte streng: »Sobald der Herr Vater da ist, ist ihm -- und der
Frau Mutter zu danken.«
Anthoine de Charreard fühlte da auf einmal die weichen Kinderlippen auf
seiner Hand, er sah in die offenen unschuldigen Gesichter, und ganz jäh
legte er seinen Arm um beide: »=Mes enfants!=«
Hätte er gesagt: »meine Kinder,« es wäre wohl ein warmes Hinüberfließen
von Herz zu Herzen geworden; das fremde Wort klang fremd an die Ohren
der beiden. Ihr Anschmiegen an den Vater schien Pflicht; Wärme
und Freude fehlten, und Sophia Christine empfand wieder mit heißem
Schrecken die Fremdheit des Heimgekehrten.
Sie suchte mit sanften Worten, heiteren Fragen leichte Brücken von
Kluft zu Kluft zu schlagen. Sie entfaltete alle Anmut ihres Wesens und
Herr de Charreard empfand dies dankbar, aber seine Verstimmung wich
nicht. Und als er sah, wieviel auf der Frau gelastet hatte, als er den
schlichten Bericht von ihrem Tun hörte, wuchs sein Unbehagen. Weil er
der Frau nicht grollen konnte und doch jemand haben mußte, auf den er
seine Bitterkeit laden konnte, wurde er heftig gegen den guten, alten
Magister, als der harmlos am Abendtisch die Kinder Anton und Johanna
nannte.
»Meine Kinder haben keine deutschen Namen,« rief er ärgerlich, und
als der Magister eine etwas umständliche Erklärung gegen den Gebrauch
fremder Wörter und Namen beginnen wollte, unterbrach ihn Herr de
Charreard kurz. Sehr hochmütig redete er zu dem alten Mann: Darin
würden sie sich nie verstehen, übrigens könne der Herr Magister ja nun
wieder nach Jena ziehen; seine Arbeit, für die er ihm danke, sei zu
Ende. Er würde nun selbst wieder die Erziehung leiten.
Der alte, gute Freund entlassen!
Das war das Ende des so sehnsüchtig erwarteten Heimkehrtages.