7. Kapitel.

Kurz ist ein Jahr, lang ist ein Jahr.

Die Arbeitsjahre mit ihrem Mann zusammen waren Sophia Christine

verrauscht wie ein schönes Lied, das erste Jahr des Einsamseins hatte

endlose Tage, schlummerlose Nächte, es kroch dahin wie eine Schnecke

im Staub. Stunde um Stunde, Tag um Tag flogen die Gedanken zu Mann, zu

Kind. Wie ging es beiden? Wer hütete der kleinen Louison junge Seele?

Wer war um sie, wer schützte ihre Lieben?

Das Laub wechselte seine Farbe, Blatt um Blatt fiel erst sacht zu

Boden, bis es ein Sturmwind von den Ästen riß. Über das Tal wehte der

Schnee; weiß Dächer und Mauern, weiß im Rauhreif Bäume und Sträucher,

der Bach von einem Eisband gebunden. Noch tiefere Stille als sonst

im Tal. Weihnachtstraum; erste Frühlingsstürme; Sonnenschein. Der

Schnee schwand, in Bäume und Sträucher quoll der junge Saft bis in

das äußerste Spitzchen, sie schimmerten rötlich, gelbgrün, hingen

sich grüne Spinnewebe über, wieder Schnee auf den Bäumen, aber jede

Flocke eine hauchzarte Blüte, in die die Bienen summend vor Lust sich

hineinschmiegten. Die Vögel kehrten heim, bauten Nester, die Felder

begannen zu wogen und in Sophia Christinens Herzen zitterte heißer die

Sehnsucht; nun bald, nun balde kam das Wiedersehen.

Doch die Linden blühten und verblühten, Kornblumen, Rittersporn und

Mohn säumten die Ränder der Felder, auf den Wiesen duftete das Heu, es

wurde eingefahren und die kornschweren Ähren erzitterten eines Tages,

nun sang auch ihnen morgen die Sense das Sterbelied.

Goldene Hügel wurden geschichtet, die Scheunen füllten sich, der

Rabenvater stand auf dem Hof und sagte: »Ein gesegnetes Jahr!« Und

als er Anthoine müßig auf dem Brunnenrand sitzen sah, sagte er: »Ins

Faulenzerland gehört er niche mehr. Der Junker könnte schon helfen,

itze braucht die gnädige Frau Mutter jede Hilfe.«

Da schoß Anthoine das Blut ins Gesicht. Er sprang auf und rannte davon,

lief auf das Feld und seine Bubenhände griffen Bündel um Bündel. Heißa,

das ging, ihn sollte niemand einen aus dem Faulenzerland schelten.

Eines Tages blies der Sturm über Stoppelfelder, peitschte schwarze

Wolken ins Tal, und auf dem Gut Pösen flüsterten die Leute scheu: »Der

Herr ist nicht heimgekommen.«

Sophia Christine ging blaß und still einher, sie trug einen Brief auf

dem Herzen, in dem stand, Anthoine de Charreard würde erst im Frühling

heimkehren, die Herzogin Marie könne sich von dem schönen Paris nicht

trennen. Ganz unten stand das Wort: »Wenn es doch erst Frühling wäre!«

Der Winter mit seinen langen, langen dunklen Nächten lag noch

dazwischen.

Es war nicht allein für die Kinder gut, es war auch eine Wohltat für

die Hausfrau selbst, daß der Magister Albertinus im Hause lebte.

Anthoine und Jeannettchen liebten den gütigen, weisen Mann, liebten

selbst seine Schwäche, in jedem unschuldigen Wort einen fremden

Eindringling zu wittern. Ein Fremdwort war ihm eine Art Gespenst, gegen

das er zornig losging. Zuerst verleidete er den Kindern jegliche Lust

an der französischen Sprache. Aus einem Anthoine wurde Anton, der eine

Johanna zur Schwester hatte. Die Kinder nahmen des Alten Grille heiter

hin, sie verstanden nicht, daß er zu weit in seinem Haß gegen alles

Fremde ging, und Frau Sophia Christine war froh, die Kinder in guter

Hut zu wissen. Sie hatte genug zu tun, um Sorgen und Sehnsucht mit der

großen Arbeitslast zu vereinen, und wenn in seltenen Feierstunden

der Magister ankündigte: »Nun wird ein Kriegszug gemacht,« und die

unschuldigsten Wörter seltsam genug verdeutscht wurden, da lächelte

sie nur dazu, hörte kaum hin und freute sich allein an ihrer Kinder

Frohsinn.

Abends, wenn sie müde in dem hohen Stuhl saß, in dem ihr Mann sonst

gesessen hatte, schlug der Magister einen anderen Ton an. Dann zerrte

und zog er nicht fremde Unkräutlein aus der deutschen Muttersprache,

dann las er die feinen, frommen Worte Johann Arnds vor, oder er schlug

die Trutznachtigall des milden Friedrich Spee auf. Manchmal las er

auch, um ein Lächeln auf das Gesicht der jungen Frau zu locken, etwas

aus den sinnreichen Heldenbriefen des Herrn von Hoffmannswaldau, der

einst mit dem Vater der Herzogin Marie Deutschland durchreist hatte.

Von diesem fürstlichen Herrn hatte Anthoine de Charreard die Bücher als

besonderes Ehrengeschenk erhalten, er ahnte damals nicht, als er sie in

Pösen auspackte, daß ihre gespreizte Sprache das verlorene Lachen auf

das Gesicht seiner lieblichen Frau locken sollte. --

Der Winter verging und das uralte, ewig anmutige Spiel, das der

einziehende Frühling aufführt, begann von neuem. Wieder gab es blühende

Bäume, Vogelsang und Bienensummen, Sonnenschein und warme weiche Luft.

Wieder eine unendliche Schöne.

Herr de Charreard kam nicht.

In diesem Frühling erlitten alle in dem stillen Tal einen großen

Verlust. Der Rabenvater starb. Er verlöschte eines Tages still ohne

Klage, und seine alte verrunzelte kleine Frau saß mit einem seltsam

stillen, frohen Lächeln an seinem Sterbebett. »Ich folg' dir balde.«

Sie hielt Wort. Vier Wochen lang ging sie noch mit einem schönen

fremden Glanz in den Augen herum, dann starb auch sie.

Die Rabenbrüder, die in großer Eintracht lebten, tauschten Haus und

Hof. Christian zog nach Zimmritz auf den Hof, den der Bruder gekauft,

dort wohnte seine Braut, und der heimgekehrte Kriegsmann nahm den

Rabenhof in Besitz. Da hatten Anthoine und Jeannette ihren guten Freund

wieder nahe, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht mitsammen

ein Wiedersehen feierten.

Nikolaus Rabe war ganz der gleichen Ansicht wie sein Vater, ein Bube in

Anthoines Alter mußte zugreifen, und da es die Mutter im Hause schwer

bekam, denn die alte Röse begann zu kränkeln, half auch Jeannettchen

mit.

Die Linden blühten wieder.

Sophia Christine hatte es aufgegeben, immer wieder den Weg entlang zu

schauen, auf dem ihr Mann kommen mußte. Er blieb noch immer aus, und

seit vielen vielen Wochen waren auch seine Briefe ausgeblieben.

Es sah darum niemand den Buchaschen Hohlweg entlang, als Herr Anthoine

de Charreard ihn eines Tages in einem herzoglichen Wagen daher fuhr.

Müde, verdrossen, angewidert von so vielem, was er gesehen, war der

Mann heimgekehrt. Er hatte sein Kind Louison mitnehmen wollen, doch die

Herzogin Marie hatte eigensinnig darauf bestanden, es müßte in Jena

bleiben.

In Bucha liefen die wenigen Leute, die nicht auf Arbeit waren, herbei,

um den Herrn zu begrüßen. Es waren aber scheue verlegene Grüße, der

blasse Mann da im Wagen war ihnen allen fremd geworden. Am liebsten

hätte Herr Anthoine gefragt: wie geht es meiner Frau, wie meinen

Kindern? Doch das Fragen kam ihm nicht über die Lippen, er tat, als

wüßte er alles und war doch ein halbes Jahr ohne Nachricht gewesen.

Da wo die Pösener Gemarkung anfing, schafften an diesem Tag zwei mit

heißem Eifer. Der Niklas Rabe, der es inzwischen gelernt hatte, ein so

rechter Bauer zu werden, wie er ein Kriegsmann gewesen war, hatte von

einem Regen zum Abend gesprochen. Das Heu müsse herein. »Dann hilf du

mir, Johanna,« sagte der Junker.

Anthoine, der nun wirklich nur noch Anton genannt wurde, fand,

Heueinfahren wäre eine rechte Arbeit für ein Fräulein de Charreard.

Also werkten die beiden Geschwister auf der höchstgelegenen Wiese und

wollten gerade mit einem kleinen Handwagen zu Tale fahren, als sie die

herzogliche Kutsche kommen sahen.

In den zwei Jahren war nur einmal die alte Base Sabine, die um der

Silberleuchter willen nun eine besondere Zuneigung zu der Nichte

empfand, auf dem Wege dahergefahren, sonst niemand. Den Kindern schlug

das Herz, war es --

»Der Herr Vater, der Herr Vater!« Die jungen Stimmen gellten so heftig

auf, daß weniger schlafsüchtige Gäule entschieden scheu geworden wären.

Die abgestanden müden Tiere aus dem herzoglichen Stall entschieden sich

für das Stehenbleiben. Mit einem Ruck hielt der Wagen, und am offenen

Fenster tauchten zwei heiße sonnenbraune Gesichter auf. Bub und Mädel,

Bauernkinder -- oder?

Herr Anthoine de Charreard sah ziemlich verdutzt seine Kinder an.

Jeannettchen, die feine kleine Blonde, schulterte jetzt einen Rechen

über die Schulter, in Anthoines Haar hing Heu, wie vornehm erzogene

Herrschaftskinder sahen alle beide nicht aus.

»=Mon Dieu=, was tut ihr?«

»Wir fahren Heu ein, Herr Vater,« schrie Anthoine, als wäre sein Vater

in den beiden Jahren stocktaub geworden. Gleich aber überkam eine

heftige Verlegenheit den Buben vor dem feinen, blassen Herrn, war es

wirklich sein Vater?

»Er ist's gar nicht, Anton!« Jeannettchen zerrte den Buben am

Jackenzipfel. Und schon rannte sie davon. Auch der Bruder dachte an ein

Davonlaufen, aber da streckte sich eine weiße, ringgeschmückte Hand aus

dem Wagen, und es war doch des Vaters Stimme, die sagte: »Anthoine,

ich bin es wirklich -- wie geht es der Mama?«

»Die Frau Mutter wäscht,« platzte Anthoine heraus.

»Wä--äscht,« Madame de Charreard stand am Waschzuber!

Der Bube sah treuherzig und altklug zu seinem Vater auf. »Röse ist doch

krank, die Frau Mutter hat's schon schwer.«

»Jeannette, wo ist Jeannette?«

Ja, wo war die Kleine? Die war, von einer unbestimmten Angst getrieben,

abwärts gelaufen, sie rannte über den Hof in die seitwärts liegende

Waschküche und schrie in Qualm und Brodem hinein: »Es kommt einer und

Anton sagt, es wäre der Herr Vater.«

Frau Sophia Christine goß die Seifenlauge in das Spülwasser, kümmerte

sich nicht um das angerichtete Unheil, sondern ging todblaß mit

wankenden Schritten dem Hause zu.

Unter den blühenden Linden wird sie stehen, dachte der Mann. Aber seine

Frau stand still und aufrecht an der Haustüre, es sah gar nicht aus,

als freue sie sich so besonders der Heimkehr ihres Mannes. Daß sie nur

keinen Schritt weiter tun konnte, daß die Bäume, die Landstraße, alles

vor ihren Augen wogte und schwankte, ahnte Herr de Charreard nicht. Er

hatte eine andere Freude erwartet. --

Es wurde kein rechter Freudentag.

Der Gutsherr war reisemüde und mißmutig. Wohin er sah, sah er

Arbeit. Er sah alle Hände sich regen, sah seine Kinder schaffen wie

Bauernkinder, wußte, seine Frau hatte am Waschfaß gestanden, und er kam

wirklich aus dem Faulenzerland. Zwei Jahre hatte er nichts getan, wie

einmal ein paar Briefe für seine Herzogin geschrieben, sonst Besuche

gemacht, Besuche empfangen, er war zu Bällen und Komödien gefahren,

seine Unterhaltung war leichtes Geplänkel, lockeres Scherzen gewesen,

und als er am Tisch seines Hauses saß, faltete die Hausfrau fromm die

Hände und sagte: »Sprich das Gebet, Anton!«

Sie dankten alle in ernster Andacht für das tägliche Brot, er hatte

zwei Jahre lang sinnlose Verschwendung, unerhörten Luxus gesehen. Und

dann das Fragen, dies bange Fragen der Mutter nach ihrem Kind. »Wie ist

Louison?«

»Beinahe eine kleine Dame. =Adorable=, ich muß es sagen!«

»Betet sie auch noch immer abends? Hat sie uns nicht vergessen?«

Herr de Charreard hing sich an die zweite Frage. Nein, vergessen hatte

Louison Mutter und Geschwister nicht, in vier Wochen würde sie kommen.

»Für immer?«

»Nicht doch, =ma chère=. Sie ist die Gespielin der Prinzessin und

bleibt natürlich am Hofe.«

Sophia Christine seufzte tief, aber sie schwieg.

Anthoine aber murmelte halblaut, nur Jeannettchen sollte es hören:

»Gut, daß kein Prinz da ist.«

»Was sagst du da, mein Sohn? Flüstern ist unschicklich.«

Herr de Charreard runzelte leicht die Stirn. Unglaublich, wie die

Kinder verbauert waren.

Da hob Anthoine das hübsche Knabengesicht zu ihm auf und rief hell,

wie Fanfarenklang tönte es: »Ich bin froh, daß kein Prinz in Jena ist,

sonst müßte ich zu Hofe.«

»So, und wäre das meinem Sohn nicht =agréable=? Ich

=persuardire=, es würde ihm gefallen.«

»Nein,« rief Anthoine, »ich möchte nur hier bleiben, hier in Pösen oder

--«

»Nun, was oder!«

»Ein Offizier werden. Doch dann weint die Frau Mutter und --«

Der Bubenkopf sank tief herab, ganz tief. Sophia Christine lächelte

sanft. »Ist recht, du bleibst in der Heimat.« Sie sagte das Wort ohne

Schärfe, sie dachte dabei nur an den Sohn.

»Seine Heimat ist Frankreich!«

Herrn de Charreards Stimme klang gereizt, aber die Falte schärfte

sich, als er sah, daß sein Bube ein wenig trotzig den Kopf schüttelte.

»=Parbleu=, was soll das?«

In Anthoines Gesicht schoß eine tiefe Glut. Er hatte doch wirklich den

Vater nicht kränken wollen, aber als der noch einmal sagte: »Deine

Heimat ist Frankreich,« schwieg er mit zusammengekniffenen Lippen.

»Dankt und geht hinaus!« Sophia Christine sah erschrocken, wie tief die

Kluft zwischen dem Heimgekehrten und ihrem Leben war.

Die Kinder standen auf, falteten die Hände, beteten still und dann

kamen sie beide, küßten ihr die Hände und sagten: »Vielen Dank, Frau

Mutter!«

»Ihr müßt eurem Herrn Vater danken.«

Die ehrlichen offenen Kinderaugen blickten maßlos verwundert drein. Der

Magister hatte sie gelehrt, daß der Mutter rastlose Arbeit ihnen das

tägliche Brot verschaffe, und sie nächst Gott ihr zu danken hätten. In

seinem harmlosen Sinn war es dem Magister nie eingefallen, daß seine

Erziehung die Kinder dem fernen Vater entfremde, nun erschrak auch er

und er sagte streng: »Sobald der Herr Vater da ist, ist ihm -- und der

Frau Mutter zu danken.«

Anthoine de Charreard fühlte da auf einmal die weichen Kinderlippen auf

seiner Hand, er sah in die offenen unschuldigen Gesichter, und ganz jäh

legte er seinen Arm um beide: »=Mes enfants!=«

Hätte er gesagt: »meine Kinder,« es wäre wohl ein warmes Hinüberfließen

von Herz zu Herzen geworden; das fremde Wort klang fremd an die Ohren

der beiden. Ihr Anschmiegen an den Vater schien Pflicht; Wärme

und Freude fehlten, und Sophia Christine empfand wieder mit heißem

Schrecken die Fremdheit des Heimgekehrten.

Sie suchte mit sanften Worten, heiteren Fragen leichte Brücken von

Kluft zu Kluft zu schlagen. Sie entfaltete alle Anmut ihres Wesens und

Herr de Charreard empfand dies dankbar, aber seine Verstimmung wich

nicht. Und als er sah, wieviel auf der Frau gelastet hatte, als er den

schlichten Bericht von ihrem Tun hörte, wuchs sein Unbehagen. Weil er

der Frau nicht grollen konnte und doch jemand haben mußte, auf den er

seine Bitterkeit laden konnte, wurde er heftig gegen den guten, alten

Magister, als der harmlos am Abendtisch die Kinder Anton und Johanna

nannte.

»Meine Kinder haben keine deutschen Namen,« rief er ärgerlich, und

als der Magister eine etwas umständliche Erklärung gegen den Gebrauch

fremder Wörter und Namen beginnen wollte, unterbrach ihn Herr de

Charreard kurz. Sehr hochmütig redete er zu dem alten Mann: Darin

würden sie sich nie verstehen, übrigens könne der Herr Magister ja nun

wieder nach Jena ziehen; seine Arbeit, für die er ihm danke, sei zu

Ende. Er würde nun selbst wieder die Erziehung leiten.

Der alte, gute Freund entlassen!

Das war das Ende des so sehnsüchtig erwarteten Heimkehrtages.

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 15 / 28 题