6. Kapitel.

Das Heimkommen des Nikolaus Rabe brachte das stille Tal in Aufregung.

Vom Gutshaus aus lief noch am gleichen Tage eine Magd nach Bucha, eine

nach Schorba, und die alte Rose beneidete fast den Knecht Klaus, der

die Kunde in die weitere Umgegend tragen sollte.

Am nächsten Tag in aller Morgenfrühe erschienen vor dem Bauernhaus

schon Besucher, aber den Nikolaus bekamen sie noch nicht zu sehen, der

war schon nach Pösen gegangen, um dem Gutsherrn selbst seine Erlebnisse

zu erzählen, und die alte Mutter hatte ihn begleitet. Ein wunderlich

verworrenes Leben hatte der Bauernjunge in der Welt draußen geführt,

ehe er wieder heimgefunden hatte. Noch ehe er aber zu erzählen begann,

fragte Sophia Christine zaghaft: »Und die Mädchen?«

Da neigte die alte Bäuerin still den Kopf auf die gefalteten Hände

und sagte fromm: »Ich harrete des Herrn und er neigte sich zu mir und

hörete mein Schreien.« Der Nikolaus aber erzählte. »Ein Hauptmann, der

doch ein linschen Erbarmen noch mit den verschleppten Kindern hatte,

schützte die Mädchen vor der Roheit seiner Soldaten. Sie mußten neben

seinem Pferd gehen. Ich aber wußt wohl, lang kann er sie nit hüten; und

wie wir bei Rotenstein drunten an die Saale kamen, sehe ich, wie mich

die Anne Margarete ansieht. Ganz ruhig, als wollte sie sagen: >Niklas,

sei tapfer.< Sie war unsere Älteste. Sie hielt die kleine Kathrine an

der Hand und hat lang gemerkt, daß ein paar Kerle sie dem Hauptmann

haben fortreißen wollen. Wüste Kerle!

Auf einmal hör' ich Geschrei, sehe, wie alle zur Saale rennen. Da

sind die Mädchen, ehe die Kerle sie greifen konnten, in ihrer Angst

hineingesprungen. Ich habe sie nit mehr gesehen, denn das Wasser ging

hoch in dieser Nacht, sie sind wohl gleich untergegangen.

»Gott sei gelobt,« flüsterte die alte Bäuerin, »daß sie niche

untergegangen sin in der Welt draußen. Das Saalewasser ist reine.«

Und dann erzählte der Heimgekehrte weiter von seinem unsteten

Wanderleben. Nach Schweden hatten sie ihn mitgenommen. Er wäre nicht

ungern dort im Lande geblieben, aber sein Hauptmann hatte sich von den

Generalstaaten anwerben lassen; er hatte zur See gegen die Engländer

gekämpft, dann wieder im schwedischen Heere, er war dann mit gegen den

König Ludwig von Frankreich ins Feld gezogen. Nach dem Aachener Frieden

hatte ihn aber eine heftige Sehnsucht befallen, doch die Heimat seiner

Jugend wiederzusehen. Er wußte freilich nicht recht, wo eigentlich

das kleine Haus lag, dem er entstammte. Hatte er in der Welt draußen

die Namen Bucha, Pösen, Schorba genannt, dann hatten ihn die Menschen

ausgelacht. Bis einer ihn mal frug, wie denn der Fluß hieße, in dem

seine Schwestern ertrunken wären. Nikolaus hatte lange nachdenken

müssen, schließlich war ihm doch der Name eingefallen, und da war

er das Saaletal von Franken herwärts gezogen. Bis zu dem Städtchen

Kahla war ihm alles ganz fremd erschienen, dort hatte er auf einmal

die Leuchtenburg auf ihrem runden Kegel gesehen und nun den Heimweg

gefunden.

»Aber vielleicht wärst du doch falsch geritten, wenn du uns nicht

gesehen hättest,« erklang da zutraulich Louisons Stimmchen. Sie

schmiegte ihre kleine Hand in die Kriegsmannsfaust, tat es zu einer

langen Freundschaft.

Anthoine und seine Schwestern waren bald des Nikolaus unzertrennliche

Kameraden. Ihnen mußte er immer wieder von seinen bunten Weltfahrten

erzählen, und immer, wenn er es tat, flehte Louison: »Geh nicht wieder

weg. Gelt, nun bleibst du hier?«

Ach, die kleine Louison ahnte gar nicht, welch treues Herz sie

gewonnen hatte. Ans Weggehen dachte der Nikolaus auch gar nicht. Ans

Daheimbleiben und Heiraten viel mehr. Doch ehe er, der ein hübsches

Geldchen mitgebracht hatte, zu einem Weib und einem Hof gelangte,

wendete sich das Schicksal der kleinen Louison, es riß sie heraus aus

dem heiteren Leben im stillen Tal, trennte sie von der Heimat.

Schöne Sommerwochen vergingen.

Im Tälchen hatten sie noch immer vom Nikolaus und seinen Fahrten

zu reden, als eines Morgens in der Frühe, als noch ein zarter

Dunstschleier über Wiesen und Wald hing, ein Bote von Jena in das Tal

einritt. Er meldete den Besuch der Herzogin Marie an, die mit der

kleinen Prinzessin Elisabeth Marie kommen wollte.

Beim ersten Blick auf das liebenswürdig gnädige Handschreiben wußte es

Sophia Christine: das bringt mir Unheil. Ihr Herz tat einen so schweren

Schlag wie noch nie, seit dem Tode des kleinen Gaston. Sie preßte die

Hände zusammen, als ihr Mann ein wenig aufgeregt von der Bewirtung

sprach.

Diesmal war die Speisekammer nicht leer auf Pösen, Frau Sophia

Christine war wirklich ein Bienchen geworden, das eintrug für

Wintersnot, so viel es nur gab. Nur ein paar Helferinnen fehlten,

dazu mußten die Kinder flink nach Bucha laufen und einen weiblichen

Küchenrat aufbieten. Das Verhältnis mit den dortigen Bauern war durch

der Frau von Charreard immergleiche Freundlichkeit ein sehr gutes,

Dorf und Gut nahmen Anteil eins an des andern Ergehen. Es kamen auch

flink ein paar Helferinnen, und da es seit zwei Jahren eine junge

Pfarrersfrau gab, kam die auch zur Hilfe mit.

Herr Anthoine sah zufrieden, wie im Hause alles rüstig und lebendig

an der Arbeit war, er sah das ohnehin blitzsaubere Saalzimmer noch

blitzsauberer werden, und er sah mit Bewunderung seine zierliche

Hausfrau als häuslichen Generalfeldmarschall alles anordnen. Wirklich,

er war ein reicher und glücklicher Mann! Reichtum und Glück, beides

waren für ihn Weib und Kinder, und es trieb ihn, dies Sophia Christine

zu sagen, aber gerade als er es tun wollte, kamen ein paar Mägde

angelaufen mit einer dringlichen Küchenfrage, da ließ er das gute Wort

ungesprochen. Es sollte ihn noch bitter reuen.

[Illustration]

Die Herzogin kam, die kleine Prinzessin Elisabeth Marie mit ihr, ein

paar Hofdamen, zwei Kammerherren begleiteten sie. Und die Herzogin war

von besonderer Freundlichkeit, sie ließ sich die Kinder vorstellen,

und die kleine Louison, die braunes, lockiges Haar und die großen

strahlenden Augen der Mutter hatte, schien ihr ganz besonders zu

gefallen. Sie tat die freundliche Frage: »Möchtest du an den Hof

kommen, schöne Kleider tragen und mit meinem kleinen Fräulein spielen?«

Ach, höfisches Wesen hatte Frau Sophia Christine ihren Kindern nicht

beigebracht. Louison hob das Näslein keck, sah die kleine blasse,

seltsam verträumt ausschauende Prinzessin an und antwortete zum

grenzenlosen Entsetzen ihres Vaters und zur ganz heimlich lachenden

Freude der Mutter: »Nein, das möchte ich nicht. Ich will den Adrian

heiraten und auf der Leuchtenburg wohnen. Vielleicht auch den Niklas

Rabe, wenn er keine Frau findet. Oder alle beide.«

»Ei, =ma petite= sieht sich früh nach einer Mariage um. Und gleich

zwei Freier. Wer ist denn Adrian und wer Niklas?«

»Kindergeschwätz,« sagte Herr de Charreard ärgerlich.

Doch die Herzogin, die ihres einstigen Freundes Verlegensein wohl

bemerkte, hielt Louison fest und fragte nach den beiden Freiern.

Und Louison gab Antwort, unbekümmert um des Vaters gefurchte Stirn,

unbekümmert um das verhaltene Kichern der Hofdamen. Von Adrian Rudolf

sagte sie nur den Namen, ihren neuesten Freund Nikolaus Rabe aber

beschrieb sie sehr lebendig, beschrieb ihn mit zärtlicher Bewunderung.

»=Fi donc=, einen Landsknecht!«

»Kindergeschwätz!« rief der Vater nochmals unwirsch, aber da sagte

plötzlich in das allgemein verhaltene Lachen hinein die Prinzessin

ganz ernsthaft: »Ach, der Niklas muß schön sein, den möchte ich auch

heiraten.«

Nun lachten alle. Selbst die Herzogin lachte mit. Sie strich leicht

über ihres Kindes Wange und sagte kühl: »Du heiratest einen großen

Prinzen.«

Doch die kleine Elisabeth Marie, der es ganz besonders gut auf Pösen

gefiel, rief: »Ach nein, ich möchte dann lieber den Anthoine, der

gefällt mir.« Und sie streckte dem dunkellockigen Buben das Händchen

hin, da war auch für ein Leben eine Freundschaft geschlossen.

Die Herzogin brach das Gespräch ab. An dem stillen Jeannettchen sah

sie vorbei. Und dann war sie liebenswürdig und herablassend, und Frau

Sophia Christine wußte doch, sie will unser Glück stören. Zeitig am

Nachmittag brachen die Gäste wieder auf, und schon im Wagen sitzend,

sagte die Herzogin: »Louison kann mein kleines Fräulein begleiten.

Monsieur de Charreard wird uns doch auch den Weg weisen.«

Sophia Christine erblaßte tief. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als

sie das Kind selbst in den Wagen hob. »Sie wird mir genommen,« schrie

es in ihr, und sie strich mit der Hand segnend über das liebliche

Gesicht. »Gott schütze dich!«

Louison hörte nicht der Mutter Herz weinen. Die Fahrt in dem schönen

Wagen neben dem blassen Prinzeßchen kam ihr sehr vergnüglich vor. Sie

breitete ordentlich wie eine kleine Dame ihr Kleid aus, als wäre das

Leinenkleid von Brokat, und ihr strahlendes Gesichtchen war das letzte,

was die Mutter für lange Zeit von ihrem Kinde sah.

Monsieur de Charreard gab seiner fürstlichen Landsmännin das Geleite.

Er hoffte, sie würde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die

Herzogin nicht. Sie sah ihn lächelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei

dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er

nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas

verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzählte

sie ihm, sie würde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu

ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwählt, er käme auf diese Weise

einmal in sein Vaterland, und König Ludwig, dessen Höflichkeit gegen

Damen bekannt sei, würde nichts tun, was ihren Begleiter kränken könne,

wenn er auch ein Flüchtling wäre.

Nach Frankreich zurückkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!

Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der

Gutsherr von Pösen, sein stilles Glück im Tal vergessen; er sagte

ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem

Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch über

ihn gekommen, er duldete es, daß die Herzogin selbst noch ein Brieflein

an die zurückgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie höhnisch von dem

großen Glück schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblüht

sei. »Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, daß ich

nicht nein sagen kann,« dachte der Mann.

Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter

und den Geschwistern war groß, aber niemand kümmerte sich um dieses

junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzählte ihr von den schönen

Kleidern, die sie bekommen würde. Aber was kümmerte sich das Landkind

um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte

zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: »Der Niklas holt mich schon

heim, der tut es gewiß.«

Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an

die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger

Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde

von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen.

Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glühenden Farben, er redete

sich heiß, und Herr Anthoine übersah dabei die freche Zudringlichkeit

des jungen Herrn, der an einem deutschen Fürstenhof über die Deutschen

spottete, der nur ein Land in der Welt gelten ließ, Frankreich.

In Pösen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und

Kind. Sie saß einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der

Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glänzte daran. Aber die

Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die

Hände, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was

über ihre Lippen kam. »Gott, lieber Herre Gott hilf!« Und dabei wußte

sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur

die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.

Und wie sie so saß, ganz eingehüllt in den Frieden der warmen hellen

Nacht, hörte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern.

»Anthoine!« Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es müsse der Gatte

sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte:

ob hier das Kirchlehen Pösen, der Besitz des Monsieur de Charreard

liege?

[Illustration]

Es war gut, daß die alte Röse in gleicher Herzensangst vor kommendem

Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages

lief die Alte doch wie ein Wiesel und plötzlich stand sie, eine Laterne

in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu

verbergen: »Was will Er?«

Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmütig Bescheid. Er

legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und

diese wußte, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber

aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als

er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen:

»Röse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.«

Der Bursche knickte zusammen, wurde höflich und untertänig. Er dachte

ärgerlich bei sich, des Herrn de Charreards Hausfrau täte so vornehm

wie die Frau Herzogin selbst, aber als er in das nun vom Laternenschein

erhellte bleiche Gesicht sah, rutschte in seiner Meinung die Frau

Herzogin sogar ein Stückchen abwärts. Die hatte ihr böses Lächeln um

die schmalen Lippen gehabt, als sie ihm selbst den Brief übergeben.

Die Frau de Charreard sah aus wie eine Heilige, fein und fromm, und

darum verneigte sich der Bote, nachdem er getrunken und Röses Zehrbrot

in seine Satteltasche gesteckt hatte, fast noch tiefer als vor der

Herzogin selbst.

Hinter ihm blieb es still. Sophia Christine hielt den Brief in der

Hand, er brannte sie wie Feuer und doch wagte sie kaum, das Siegel

zu lösen. Endlich tat sie es doch. Röses kleine Laterne warf einen

zitternden Schein darauf. Einmal las die junge Frau den Brief, noch

einmal, dann brach sie mit einem Wehlaut zusammen. Sie lag unter der

Linde wie ein Bäumchen, das der Blitz zersplittert hat, lag da und

weinte, und die alte Röse stand stumm dabei. Sie, die schon so viel

Kummer gesehen hatte, konnte nicht sprechen, sie wußte, hier weint ein

ganz großes Herzeleid.

Am nächsten Tag ritt der Gutsherr von Pösen heim. Der Rausch der

fürstlichen Gunst trübte nicht mehr seinen klaren Blick. Frankreich,

das Land seiner Jugend, lockte, aber als er an dem Buchaer Hohlweg

anlangte und in das Tal hinabschaute, wußte er, das Fortgehen war ein

Losreißen von seinem Glück. Er ritt unter den Linden dahin, sie waren

verblüht, die Bienen summten nicht mehr durch das Blättergewirr, aber

jene, die damals gesagt hatte, so wolle sie werden, hatte ihr Wort

gehalten.

Und wieder, wie nach seinem ersten Ritt nach Jena, war Stille und

Schweigen um das Haus. Es war wieder ein Sonnabend, wieder war morgen

Gottesdienst in der Hauskapelle, wieder stand die Türe offen und

wieder fand Anthoine de Charreard den Altar mit Malven geschmückt

und sein Weib in der Kapelle. Aber diesmal strahlte ihm kein seliges

Glück aus ihren Augen entgegen. Gramfalten gruben sich um den sonst so

lachlustigen Mund und ein ganz tiefes Weh lag in den Augen.

Sophia Christine streckte die Arme aus und rief: »Mein Kind! Meine

Louison!«

»Es bleibt bei dem Vater, soll Frankreich sehen, seine eigentliche

Heimat. Sophia Christine -- es ist nur auf ein Jahr.«

»In einem Jahr kann man sich sehr fremd werden,« flüsterte die Frau.

»Wir nicht!« Herr de Charreard rief es aus tiefstem Herzen heraus, denn

er fühlte in diesem Augenblick so wie noch nie: Wo diese Frau war,

war seine Heimat. Und sacht neigte er sich über sie und sprach gut zu

ihr. Er tat das, so viel er konnte, in den wenigen Tagen, die ihm noch

blieben, sein Haus zu bestellen. --

Den Bewohnern von Gutshof und Dörfern war es schier unbegreiflich, daß

der Herr eine so weite Reise tun wollte. Und unmerklich erst, aber

bald ihm fühlbar, schob sich etwas Fremdes zwischen ihn und die Leute.

Auch die Kinder waren plötzlich scheu geworden. Sie sehnten sich nach

der Schwester, vermißten der Mutter Lachen, und Jeannettchen sagte

ganz ernsthaft zu ihrem welterfahrenen Freund: »Niklas, du mußt unsere

Louison zurückrauben. Gelt, das tust du?«

»Das Dunderwetter ja, ich tät's schon, aber wenn doch der hochmögende

Herr Vater selbst mit auf die Reise gehen. Jeannettchen, den kann ich

nit raube. =Parbleu=, das geht nit!«

Es ging wohl wirklich nicht. Freilich, Abschied nehmen hätte Louison

doch können, sie warteten alle darauf. Aber die Frau Herzogin

schrieb in einem Brief, das Fräulein de Charreard würde den Abschied

unterlassen. Herr Anthoine brauste auf, das durfte nicht sein, er

wollte auf der Stelle nach Jena reisen und Louison holen.

»Und sie wieder hinbringen!« Frau Sophia Christine schüttelte leise den

Kopf. »Ich weiß, du hast dein Wort gegeben, das mußt du halten, darum

mag es bleiben wie es ist.«

Und weil der Mann fühlte, sie hatte recht, und ihr doch gern etwas

zu Liebe getan hätte, fragte er: »Hast du noch einen Wunsch, Sophia

Christine?«

Die Frau sah ein paar Augenblicke still zum Fenster hinaus. Unten

rannten Anthoine und die Buben Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von

Dracksdorf ein wenig wild über den Hof, Jeannettchen lief schreiend

davon, sie mußte einmal wieder die verfolgte Gräfin spielen. Anthoine

brüllte wie ein heiserer Werwolf, und die Mutter dachte: werde ich den

Jungen auch zügeln können? Und ganz jäh kam ihr der Gedanke an den

einzigen Freund, der ihr in Jena lebte, und sie bat: »Schicke mir den

Magister Albertinus als Hofmeister her. »Bitte ihn, er tut es schon, er

ist gern hier draußen. An ihm werde ich eine Stütze haben -- wenn ich

allein bin.«

Sonst hätte der Herr de Charreard sicher sehr viel an dem Magister

auszusetzen gehabt als Hofmeister für seinen Sohn. Denn des Magisters

Steckenpferd war die Reinigung der lieben deutschen Muttersprache von

dem überflüssigen Fremdwörtergewimmel. Er ging darin ein wenig über die

Grenzen und riß ganz anmutige wohlklingende Sprachblüten mit Stumpf

und Stiel aus. Doch war der alte Herr ein treuer zuverlässiger Mensch;

und Zeit, lange zu wägen und zu wählen war nicht mehr. Auch war es dem

Gutsherrn selber eine Beruhigung, den anhänglichen, alten Freund im

Hause zu wissen, er sagte darum ein Ja und hing keine Ermahnung daran,

sondern versprach alles zu tun, um den Magister zum Hinauskommen zu

bewegen.

Dann war noch der Abschied zu überstehen.

Vor dem fürchtete sich der fürstliche Reisebegleiter mehr als vor

allen Gefahren der Reise selbst. Und dann stand Frau Sophia Christine

aufrecht, ohne auch nur eine Träne zu vergießen am Wagen. Hieß die

Kinder den Vater umarmen, ließ alles Gesinde freundlich heran und sagte

selbst nur einfach: »Gott schütze dich und unser Kind.«

Herr de Charreard war über diesen Abschied etwas gekränkt. So keine

Träne zu weinen, das ging doch zu weit. Ach, er hörte nicht die vielen,

vielen Tränen im Herzen der Frau rinnen, Tränen, die wie eine Flut den

Ausgang suchten und ihn fanden, als der Reisewagen hinter den Linden

verschwunden war. Da brach die Frau zusammen. Sie schwankte, wäre

gesunken, aber da standen auf einmal die alte Röse und die Rabenmutter

neben ihr und führten sie in ihr Zimmer. Und der Freund Niklas reichte

Anthoine und Jeannettchen die Hände und sagte: »Kommt, ich erzähl' euch

von Frankreich, wohin der Vater fährt, oder von Flandern. Da haben wir

uns blutige Köpfe geholt. =Parbleu=, war eine elende Kampanje.«

»Nicht so was Grausliches,« bat Jeannettchen.

»Nix Grausliches, bewahr mich der T...« Nikolaus redete den Satz nicht

zu Ende, aber dann saß er mit den Kindern am Bachrand und erzählte

ihnen von dem schönen Lande Schweden, von einem friedsamen Tal, in dem

er gewohnt.

»Ich denke, die Schweden sind so böse?« Jeannettchen schmiegte sich

zutraulich an den rauhen Freund. Der strich ihr sanft über die Locken.

»Im Krieg werden die Menschen wohl alle böse. Na und was damals

Schweden hieß, das waren meist keine echten mehr. Die echten, kleines

Fräulein, die taugen schon etwas, vor denen brauchst du dich nicht zu

fürchten.«

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 14 / 28 题