Das Heimkommen des Nikolaus Rabe brachte das stille Tal in Aufregung.
Vom Gutshaus aus lief noch am gleichen Tage eine Magd nach Bucha, eine
nach Schorba, und die alte Rose beneidete fast den Knecht Klaus, der
die Kunde in die weitere Umgegend tragen sollte.
Am nächsten Tag in aller Morgenfrühe erschienen vor dem Bauernhaus
schon Besucher, aber den Nikolaus bekamen sie noch nicht zu sehen, der
war schon nach Pösen gegangen, um dem Gutsherrn selbst seine Erlebnisse
zu erzählen, und die alte Mutter hatte ihn begleitet. Ein wunderlich
verworrenes Leben hatte der Bauernjunge in der Welt draußen geführt,
ehe er wieder heimgefunden hatte. Noch ehe er aber zu erzählen begann,
fragte Sophia Christine zaghaft: »Und die Mädchen?«
Da neigte die alte Bäuerin still den Kopf auf die gefalteten Hände
und sagte fromm: »Ich harrete des Herrn und er neigte sich zu mir und
hörete mein Schreien.« Der Nikolaus aber erzählte. »Ein Hauptmann, der
doch ein linschen Erbarmen noch mit den verschleppten Kindern hatte,
schützte die Mädchen vor der Roheit seiner Soldaten. Sie mußten neben
seinem Pferd gehen. Ich aber wußt wohl, lang kann er sie nit hüten; und
wie wir bei Rotenstein drunten an die Saale kamen, sehe ich, wie mich
die Anne Margarete ansieht. Ganz ruhig, als wollte sie sagen: >Niklas,
sei tapfer.< Sie war unsere Älteste. Sie hielt die kleine Kathrine an
der Hand und hat lang gemerkt, daß ein paar Kerle sie dem Hauptmann
haben fortreißen wollen. Wüste Kerle!
Auf einmal hör' ich Geschrei, sehe, wie alle zur Saale rennen. Da
sind die Mädchen, ehe die Kerle sie greifen konnten, in ihrer Angst
hineingesprungen. Ich habe sie nit mehr gesehen, denn das Wasser ging
hoch in dieser Nacht, sie sind wohl gleich untergegangen.
»Gott sei gelobt,« flüsterte die alte Bäuerin, »daß sie niche
untergegangen sin in der Welt draußen. Das Saalewasser ist reine.«
Und dann erzählte der Heimgekehrte weiter von seinem unsteten
Wanderleben. Nach Schweden hatten sie ihn mitgenommen. Er wäre nicht
ungern dort im Lande geblieben, aber sein Hauptmann hatte sich von den
Generalstaaten anwerben lassen; er hatte zur See gegen die Engländer
gekämpft, dann wieder im schwedischen Heere, er war dann mit gegen den
König Ludwig von Frankreich ins Feld gezogen. Nach dem Aachener Frieden
hatte ihn aber eine heftige Sehnsucht befallen, doch die Heimat seiner
Jugend wiederzusehen. Er wußte freilich nicht recht, wo eigentlich
das kleine Haus lag, dem er entstammte. Hatte er in der Welt draußen
die Namen Bucha, Pösen, Schorba genannt, dann hatten ihn die Menschen
ausgelacht. Bis einer ihn mal frug, wie denn der Fluß hieße, in dem
seine Schwestern ertrunken wären. Nikolaus hatte lange nachdenken
müssen, schließlich war ihm doch der Name eingefallen, und da war
er das Saaletal von Franken herwärts gezogen. Bis zu dem Städtchen
Kahla war ihm alles ganz fremd erschienen, dort hatte er auf einmal
die Leuchtenburg auf ihrem runden Kegel gesehen und nun den Heimweg
gefunden.
»Aber vielleicht wärst du doch falsch geritten, wenn du uns nicht
gesehen hättest,« erklang da zutraulich Louisons Stimmchen. Sie
schmiegte ihre kleine Hand in die Kriegsmannsfaust, tat es zu einer
langen Freundschaft.
Anthoine und seine Schwestern waren bald des Nikolaus unzertrennliche
Kameraden. Ihnen mußte er immer wieder von seinen bunten Weltfahrten
erzählen, und immer, wenn er es tat, flehte Louison: »Geh nicht wieder
weg. Gelt, nun bleibst du hier?«
Ach, die kleine Louison ahnte gar nicht, welch treues Herz sie
gewonnen hatte. Ans Weggehen dachte der Nikolaus auch gar nicht. Ans
Daheimbleiben und Heiraten viel mehr. Doch ehe er, der ein hübsches
Geldchen mitgebracht hatte, zu einem Weib und einem Hof gelangte,
wendete sich das Schicksal der kleinen Louison, es riß sie heraus aus
dem heiteren Leben im stillen Tal, trennte sie von der Heimat.
Schöne Sommerwochen vergingen.
Im Tälchen hatten sie noch immer vom Nikolaus und seinen Fahrten
zu reden, als eines Morgens in der Frühe, als noch ein zarter
Dunstschleier über Wiesen und Wald hing, ein Bote von Jena in das Tal
einritt. Er meldete den Besuch der Herzogin Marie an, die mit der
kleinen Prinzessin Elisabeth Marie kommen wollte.
Beim ersten Blick auf das liebenswürdig gnädige Handschreiben wußte es
Sophia Christine: das bringt mir Unheil. Ihr Herz tat einen so schweren
Schlag wie noch nie, seit dem Tode des kleinen Gaston. Sie preßte die
Hände zusammen, als ihr Mann ein wenig aufgeregt von der Bewirtung
sprach.
Diesmal war die Speisekammer nicht leer auf Pösen, Frau Sophia
Christine war wirklich ein Bienchen geworden, das eintrug für
Wintersnot, so viel es nur gab. Nur ein paar Helferinnen fehlten,
dazu mußten die Kinder flink nach Bucha laufen und einen weiblichen
Küchenrat aufbieten. Das Verhältnis mit den dortigen Bauern war durch
der Frau von Charreard immergleiche Freundlichkeit ein sehr gutes,
Dorf und Gut nahmen Anteil eins an des andern Ergehen. Es kamen auch
flink ein paar Helferinnen, und da es seit zwei Jahren eine junge
Pfarrersfrau gab, kam die auch zur Hilfe mit.
Herr Anthoine sah zufrieden, wie im Hause alles rüstig und lebendig
an der Arbeit war, er sah das ohnehin blitzsaubere Saalzimmer noch
blitzsauberer werden, und er sah mit Bewunderung seine zierliche
Hausfrau als häuslichen Generalfeldmarschall alles anordnen. Wirklich,
er war ein reicher und glücklicher Mann! Reichtum und Glück, beides
waren für ihn Weib und Kinder, und es trieb ihn, dies Sophia Christine
zu sagen, aber gerade als er es tun wollte, kamen ein paar Mägde
angelaufen mit einer dringlichen Küchenfrage, da ließ er das gute Wort
ungesprochen. Es sollte ihn noch bitter reuen.
[Illustration]
Die Herzogin kam, die kleine Prinzessin Elisabeth Marie mit ihr, ein
paar Hofdamen, zwei Kammerherren begleiteten sie. Und die Herzogin war
von besonderer Freundlichkeit, sie ließ sich die Kinder vorstellen,
und die kleine Louison, die braunes, lockiges Haar und die großen
strahlenden Augen der Mutter hatte, schien ihr ganz besonders zu
gefallen. Sie tat die freundliche Frage: »Möchtest du an den Hof
kommen, schöne Kleider tragen und mit meinem kleinen Fräulein spielen?«
Ach, höfisches Wesen hatte Frau Sophia Christine ihren Kindern nicht
beigebracht. Louison hob das Näslein keck, sah die kleine blasse,
seltsam verträumt ausschauende Prinzessin an und antwortete zum
grenzenlosen Entsetzen ihres Vaters und zur ganz heimlich lachenden
Freude der Mutter: »Nein, das möchte ich nicht. Ich will den Adrian
heiraten und auf der Leuchtenburg wohnen. Vielleicht auch den Niklas
Rabe, wenn er keine Frau findet. Oder alle beide.«
»Ei, =ma petite= sieht sich früh nach einer Mariage um. Und gleich
zwei Freier. Wer ist denn Adrian und wer Niklas?«
»Kindergeschwätz,« sagte Herr de Charreard ärgerlich.
Doch die Herzogin, die ihres einstigen Freundes Verlegensein wohl
bemerkte, hielt Louison fest und fragte nach den beiden Freiern.
Und Louison gab Antwort, unbekümmert um des Vaters gefurchte Stirn,
unbekümmert um das verhaltene Kichern der Hofdamen. Von Adrian Rudolf
sagte sie nur den Namen, ihren neuesten Freund Nikolaus Rabe aber
beschrieb sie sehr lebendig, beschrieb ihn mit zärtlicher Bewunderung.
»=Fi donc=, einen Landsknecht!«
»Kindergeschwätz!« rief der Vater nochmals unwirsch, aber da sagte
plötzlich in das allgemein verhaltene Lachen hinein die Prinzessin
ganz ernsthaft: »Ach, der Niklas muß schön sein, den möchte ich auch
heiraten.«
Nun lachten alle. Selbst die Herzogin lachte mit. Sie strich leicht
über ihres Kindes Wange und sagte kühl: »Du heiratest einen großen
Prinzen.«
Doch die kleine Elisabeth Marie, der es ganz besonders gut auf Pösen
gefiel, rief: »Ach nein, ich möchte dann lieber den Anthoine, der
gefällt mir.« Und sie streckte dem dunkellockigen Buben das Händchen
hin, da war auch für ein Leben eine Freundschaft geschlossen.
Die Herzogin brach das Gespräch ab. An dem stillen Jeannettchen sah
sie vorbei. Und dann war sie liebenswürdig und herablassend, und Frau
Sophia Christine wußte doch, sie will unser Glück stören. Zeitig am
Nachmittag brachen die Gäste wieder auf, und schon im Wagen sitzend,
sagte die Herzogin: »Louison kann mein kleines Fräulein begleiten.
Monsieur de Charreard wird uns doch auch den Weg weisen.«
Sophia Christine erblaßte tief. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als
sie das Kind selbst in den Wagen hob. »Sie wird mir genommen,« schrie
es in ihr, und sie strich mit der Hand segnend über das liebliche
Gesicht. »Gott schütze dich!«
Louison hörte nicht der Mutter Herz weinen. Die Fahrt in dem schönen
Wagen neben dem blassen Prinzeßchen kam ihr sehr vergnüglich vor. Sie
breitete ordentlich wie eine kleine Dame ihr Kleid aus, als wäre das
Leinenkleid von Brokat, und ihr strahlendes Gesichtchen war das letzte,
was die Mutter für lange Zeit von ihrem Kinde sah.
Monsieur de Charreard gab seiner fürstlichen Landsmännin das Geleite.
Er hoffte, sie würde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die
Herzogin nicht. Sie sah ihn lächelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei
dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er
nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas
verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzählte
sie ihm, sie würde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu
ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwählt, er käme auf diese Weise
einmal in sein Vaterland, und König Ludwig, dessen Höflichkeit gegen
Damen bekannt sei, würde nichts tun, was ihren Begleiter kränken könne,
wenn er auch ein Flüchtling wäre.
Nach Frankreich zurückkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!
Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der
Gutsherr von Pösen, sein stilles Glück im Tal vergessen; er sagte
ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem
Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch über
ihn gekommen, er duldete es, daß die Herzogin selbst noch ein Brieflein
an die zurückgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie höhnisch von dem
großen Glück schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblüht
sei. »Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, daß ich
nicht nein sagen kann,« dachte der Mann.
Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter
und den Geschwistern war groß, aber niemand kümmerte sich um dieses
junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzählte ihr von den schönen
Kleidern, die sie bekommen würde. Aber was kümmerte sich das Landkind
um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte
zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: »Der Niklas holt mich schon
heim, der tut es gewiß.«
Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an
die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger
Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde
von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen.
Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glühenden Farben, er redete
sich heiß, und Herr Anthoine übersah dabei die freche Zudringlichkeit
des jungen Herrn, der an einem deutschen Fürstenhof über die Deutschen
spottete, der nur ein Land in der Welt gelten ließ, Frankreich.
In Pösen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und
Kind. Sie saß einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der
Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glänzte daran. Aber die
Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die
Hände, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was
über ihre Lippen kam. »Gott, lieber Herre Gott hilf!« Und dabei wußte
sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur
die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.
Und wie sie so saß, ganz eingehüllt in den Frieden der warmen hellen
Nacht, hörte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern.
»Anthoine!« Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es müsse der Gatte
sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte:
ob hier das Kirchlehen Pösen, der Besitz des Monsieur de Charreard
liege?
[Illustration]
Es war gut, daß die alte Röse in gleicher Herzensangst vor kommendem
Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages
lief die Alte doch wie ein Wiesel und plötzlich stand sie, eine Laterne
in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu
verbergen: »Was will Er?«
Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmütig Bescheid. Er
legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und
diese wußte, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber
aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als
er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen:
»Röse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.«
Der Bursche knickte zusammen, wurde höflich und untertänig. Er dachte
ärgerlich bei sich, des Herrn de Charreards Hausfrau täte so vornehm
wie die Frau Herzogin selbst, aber als er in das nun vom Laternenschein
erhellte bleiche Gesicht sah, rutschte in seiner Meinung die Frau
Herzogin sogar ein Stückchen abwärts. Die hatte ihr böses Lächeln um
die schmalen Lippen gehabt, als sie ihm selbst den Brief übergeben.
Die Frau de Charreard sah aus wie eine Heilige, fein und fromm, und
darum verneigte sich der Bote, nachdem er getrunken und Röses Zehrbrot
in seine Satteltasche gesteckt hatte, fast noch tiefer als vor der
Herzogin selbst.
Hinter ihm blieb es still. Sophia Christine hielt den Brief in der
Hand, er brannte sie wie Feuer und doch wagte sie kaum, das Siegel
zu lösen. Endlich tat sie es doch. Röses kleine Laterne warf einen
zitternden Schein darauf. Einmal las die junge Frau den Brief, noch
einmal, dann brach sie mit einem Wehlaut zusammen. Sie lag unter der
Linde wie ein Bäumchen, das der Blitz zersplittert hat, lag da und
weinte, und die alte Röse stand stumm dabei. Sie, die schon so viel
Kummer gesehen hatte, konnte nicht sprechen, sie wußte, hier weint ein
ganz großes Herzeleid.
Am nächsten Tag ritt der Gutsherr von Pösen heim. Der Rausch der
fürstlichen Gunst trübte nicht mehr seinen klaren Blick. Frankreich,
das Land seiner Jugend, lockte, aber als er an dem Buchaer Hohlweg
anlangte und in das Tal hinabschaute, wußte er, das Fortgehen war ein
Losreißen von seinem Glück. Er ritt unter den Linden dahin, sie waren
verblüht, die Bienen summten nicht mehr durch das Blättergewirr, aber
jene, die damals gesagt hatte, so wolle sie werden, hatte ihr Wort
gehalten.
Und wieder, wie nach seinem ersten Ritt nach Jena, war Stille und
Schweigen um das Haus. Es war wieder ein Sonnabend, wieder war morgen
Gottesdienst in der Hauskapelle, wieder stand die Türe offen und
wieder fand Anthoine de Charreard den Altar mit Malven geschmückt
und sein Weib in der Kapelle. Aber diesmal strahlte ihm kein seliges
Glück aus ihren Augen entgegen. Gramfalten gruben sich um den sonst so
lachlustigen Mund und ein ganz tiefes Weh lag in den Augen.
Sophia Christine streckte die Arme aus und rief: »Mein Kind! Meine
Louison!«
»Es bleibt bei dem Vater, soll Frankreich sehen, seine eigentliche
Heimat. Sophia Christine -- es ist nur auf ein Jahr.«
»In einem Jahr kann man sich sehr fremd werden,« flüsterte die Frau.
»Wir nicht!« Herr de Charreard rief es aus tiefstem Herzen heraus, denn
er fühlte in diesem Augenblick so wie noch nie: Wo diese Frau war,
war seine Heimat. Und sacht neigte er sich über sie und sprach gut zu
ihr. Er tat das, so viel er konnte, in den wenigen Tagen, die ihm noch
blieben, sein Haus zu bestellen. --
Den Bewohnern von Gutshof und Dörfern war es schier unbegreiflich, daß
der Herr eine so weite Reise tun wollte. Und unmerklich erst, aber
bald ihm fühlbar, schob sich etwas Fremdes zwischen ihn und die Leute.
Auch die Kinder waren plötzlich scheu geworden. Sie sehnten sich nach
der Schwester, vermißten der Mutter Lachen, und Jeannettchen sagte
ganz ernsthaft zu ihrem welterfahrenen Freund: »Niklas, du mußt unsere
Louison zurückrauben. Gelt, das tust du?«
»Das Dunderwetter ja, ich tät's schon, aber wenn doch der hochmögende
Herr Vater selbst mit auf die Reise gehen. Jeannettchen, den kann ich
nit raube. =Parbleu=, das geht nit!«
Es ging wohl wirklich nicht. Freilich, Abschied nehmen hätte Louison
doch können, sie warteten alle darauf. Aber die Frau Herzogin
schrieb in einem Brief, das Fräulein de Charreard würde den Abschied
unterlassen. Herr Anthoine brauste auf, das durfte nicht sein, er
wollte auf der Stelle nach Jena reisen und Louison holen.
»Und sie wieder hinbringen!« Frau Sophia Christine schüttelte leise den
Kopf. »Ich weiß, du hast dein Wort gegeben, das mußt du halten, darum
mag es bleiben wie es ist.«
Und weil der Mann fühlte, sie hatte recht, und ihr doch gern etwas
zu Liebe getan hätte, fragte er: »Hast du noch einen Wunsch, Sophia
Christine?«
Die Frau sah ein paar Augenblicke still zum Fenster hinaus. Unten
rannten Anthoine und die Buben Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von
Dracksdorf ein wenig wild über den Hof, Jeannettchen lief schreiend
davon, sie mußte einmal wieder die verfolgte Gräfin spielen. Anthoine
brüllte wie ein heiserer Werwolf, und die Mutter dachte: werde ich den
Jungen auch zügeln können? Und ganz jäh kam ihr der Gedanke an den
einzigen Freund, der ihr in Jena lebte, und sie bat: »Schicke mir den
Magister Albertinus als Hofmeister her. »Bitte ihn, er tut es schon, er
ist gern hier draußen. An ihm werde ich eine Stütze haben -- wenn ich
allein bin.«
Sonst hätte der Herr de Charreard sicher sehr viel an dem Magister
auszusetzen gehabt als Hofmeister für seinen Sohn. Denn des Magisters
Steckenpferd war die Reinigung der lieben deutschen Muttersprache von
dem überflüssigen Fremdwörtergewimmel. Er ging darin ein wenig über die
Grenzen und riß ganz anmutige wohlklingende Sprachblüten mit Stumpf
und Stiel aus. Doch war der alte Herr ein treuer zuverlässiger Mensch;
und Zeit, lange zu wägen und zu wählen war nicht mehr. Auch war es dem
Gutsherrn selber eine Beruhigung, den anhänglichen, alten Freund im
Hause zu wissen, er sagte darum ein Ja und hing keine Ermahnung daran,
sondern versprach alles zu tun, um den Magister zum Hinauskommen zu
bewegen.
Dann war noch der Abschied zu überstehen.
Vor dem fürchtete sich der fürstliche Reisebegleiter mehr als vor
allen Gefahren der Reise selbst. Und dann stand Frau Sophia Christine
aufrecht, ohne auch nur eine Träne zu vergießen am Wagen. Hieß die
Kinder den Vater umarmen, ließ alles Gesinde freundlich heran und sagte
selbst nur einfach: »Gott schütze dich und unser Kind.«
Herr de Charreard war über diesen Abschied etwas gekränkt. So keine
Träne zu weinen, das ging doch zu weit. Ach, er hörte nicht die vielen,
vielen Tränen im Herzen der Frau rinnen, Tränen, die wie eine Flut den
Ausgang suchten und ihn fanden, als der Reisewagen hinter den Linden
verschwunden war. Da brach die Frau zusammen. Sie schwankte, wäre
gesunken, aber da standen auf einmal die alte Röse und die Rabenmutter
neben ihr und führten sie in ihr Zimmer. Und der Freund Niklas reichte
Anthoine und Jeannettchen die Hände und sagte: »Kommt, ich erzähl' euch
von Frankreich, wohin der Vater fährt, oder von Flandern. Da haben wir
uns blutige Köpfe geholt. =Parbleu=, war eine elende Kampanje.«
»Nicht so was Grausliches,« bat Jeannettchen.
»Nix Grausliches, bewahr mich der T...« Nikolaus redete den Satz nicht
zu Ende, aber dann saß er mit den Kindern am Bachrand und erzählte
ihnen von dem schönen Lande Schweden, von einem friedsamen Tal, in dem
er gewohnt.
»Ich denke, die Schweden sind so böse?« Jeannettchen schmiegte sich
zutraulich an den rauhen Freund. Der strich ihr sanft über die Locken.
»Im Krieg werden die Menschen wohl alle böse. Na und was damals
Schweden hieß, das waren meist keine echten mehr. Die echten, kleines
Fräulein, die taugen schon etwas, vor denen brauchst du dich nicht zu
fürchten.«