Das Wirtshaus »Zum schwarzen Michel« war wieder offen, aber es war
nur die Kellnerin Mariedl da mit ihrem »Was schaffens, Bier oder
Wein?« Frau Apollonia war mit der Tochter Helenerl einen Tag vorher,
als noch nichts bekannt, nach Sandwiesen gefahren auf Besuch zu einer
Verwandten. Die wirtschaftlichen Arbeiten wickelten sich durch den
Hausknecht, Oberknecht und die übrigen Dienstboten wie gewöhnlich ab.
Der Michel war nirgends zu erspähen.
Zuerst war er in seiner Stube geblieben und hatte gewartet von Stunde
zu Stunde auf die Unschuld der so furchtbar angeschuldigten Söhne
seines Freundes. Als aber nichts Ähnliches kam, als vielmehr ein neuer
Argwohn nach dem andern auftauchte, bis durch das Geständnis die
Vermutung zur Gewißheit wurde, da konnte der Michel in der Enge einer
Kammer nicht mehr bleiben. Wie als ob er selbst ein Mitverbrecher wäre,
schlich er an der Zaunecke hinauf in den Wald und eilte durch denselben
weglos über Böschung und Graben in das Forsthaus.
Das Forsthaus lag da an der rauschenden Ach wie ausgestorben. Waren
doch alle fort, die Richter und die Sünder, die Lebenden und die
Toten. Einer, der noch dalag in seiner Stube, war nicht lebend und
nicht tot.
Schluchzend, mit vor Weinen verschwollenen Augen wies die alte Sali den
Wirt in die Stube. Im Bette lag der Förster. Er war es doch? So grau
das dünne Haar, so wüst der Bart, so fahl und verfallen das Gesicht.
Die Augen halb zugesunken, er schlummerte wohl. Die eine Hand im weißen
Hemdärmel lag außen über der Decke.
Der Michel stand vor dem Bette, lautlos und lange.
»Mein heiliger Gott,« flüsterte die Haushälterin, »eine Nacht wie die
heutige möcht ich nimmer derleben. Und hat -- hat sich wollen ...« Das
erstickte im Schluchzen. »Seit morgens liegt er so dahin.«
Was sonst geschehen, das berührte sie mit keinem Worte. Dann ging sie
hinaus.
Der Michel stand da und blickte auf den Schlummernden, wie man auf eine
Leiche blickt. Vielleicht weiß er von nichts, vielleicht hat ihm Gott
in seinem Haupte die Welt schon ausgelöscht ... So dachte der Wirt.
Da bewegte der Förster ein wenig die Hand, ohne die Augen aufzutun,
sagte er mit fremder Stimme: »Ja, mein Freund!« Dann war es, als
schlummere er wieder.
Der Michel berührte leicht seine Hand, sie war kühl. »Paul!« sagte er.
Nach einer Weile murmelte Rufmann, immer mit geschlossenen Augen: »Hast
du sie noch einmal gesehen? Sie sind schon fortgebracht worden.« Fast
ruhig sagte er es.
Der Michel rückte einen Stuhl und setzte sich ans Bett und faßte die
Hand des Freundes und hielt sie fest. Und arbeitete mit sich, um die
grabende Gewalt seines Innern niederzuhalten.
Dann hub er an, ganz leichthin so zu sprechen: »Jetzt hör einmal,
Rufmann. Das ist lange nicht so schlimm als es aussieht. Du wirst es
sehen. Wieviel hundertmal ist es schon geschehen, daß unglückliche
Zufälle einen Verdacht aufgebracht haben und hat sich alles wieder
gelöst. Ein weiterer Zufall und es klärt sich auf. Daß sie unschuldig
sind, meine Hand ins Feuer! Daß er eingestanden hat! Natürlich hat er
›Ja‹ gesagt, wenn sie ihm einmal so zusetzen, da weiß der Mensch ja
nimmer, was er spricht. Schade, daß ich nit bin dabei gewesen. Ich
wollt’s ihnen gezeigt haben, denen Herren, wie weit’s erlaubt ist, daß
sie gehen dürfen bei so einem Verhör. Und ich fahr’ noch heut nacht
nach Löwenburg und geh’ zum Präsidenten.«
Ein trauriges Lächeln hat gezuckt um die Lippen des alten Mannes. »Ich
danke dir, Freund. Aber was du jetzt gesagt hast, du glaubst es selber
nicht.«
»Deine Verwirrung ist ja begreiflich, Paul. Aber schau, nur nit krank
werden darfst uns. In ein paar Tagen kann alles anders sein; wir werden
noch oft singen miteinand.«
Der Förster war wieder ganz bewegungslos ein Weilchen. Plötzlich sagte
er: »Ich will jetzt aufstehen.«
Langsam hob er sich aus dem Bette und zog sich an und ging zum
Waschbecken. Er war plötzlich ganz aufrecht.
»Michel, du könntest so gut sein und mir etwas Wasser holen beim
Brunnen. Ich habe mich heute noch nicht gewaschen.«
»Wasser ist wohl im Becken.«
»Will ein frisches.«
Während der Wirt in die Küche hinausrief nach der Sali, sie möge Wasser
bringen, war der Förster rasch in die Nebenstube geeilt. Der Michel
konnte ihm noch in die Arme fallen, als er das Schußgewehr von der Wand
reißen wollte.
»Das brauchst du jetzt nit, Rufmann, das brauchst du jetzt nit!«
Sie rangen miteinander, der Förster ward entwaffnet und das Gewehr zur
Tür hinausgeworfen.
Dann setzte er sich an die Wandbank, atmete heftig und blickte unstet
um sich. Als er ruhiger geworden war, reichte er dem Freunde die Hand:
»Ich danke dir. Will’s versuchen, ob es so geht. ’s hat manch andern
auch schreckbar Unglück getroffen -- und ist stehengeblieben. -- Gott
-- nein!« schrie er wieder auf, »mein lieber Mensch, ich danke dir für
alles, aber ich kann’s nicht! Ich kann’s nicht! Seine Kinder _so_ zu
verlieren!«
Er brach nieder, daß der Kopf an den Tisch schlug, und stöhnte.
Weil er nur weint, dachte der Michel. Aber der Förster zuckte auf. In
seinem Gesicht lag eine starre Entschlossenheit. Und sah der Wirt, daß
in dem unglücklichen Manne nicht ein Funke Hoffnung war, so wenig als
in ihm selbst, trotz alles trostreichen Redens vorher. »Viere kunnt
man hängen mit diesen Beweisen,« sagen sie in Eustachen. Alles, was da
gesagt werden konnte -- nichts als öder Betrug. Betrug seiner selbst
und des andern. Betrug, Betrug, wie das ganze Menschenleben ...
Er sann auf irgendwelche Zerstreuung. Wein? Das ist nichts. Laute? Das
ist auch nichts. Am besten, glaubte er, mache es die Sali, als sie mit
einer Schale heißen Kaffees kam. Aber der heiße Kaffee blieb stehen
auf dem Tisch, so lange bis er kalt war, dann trug ihn die Sali wieder
hinaus.
Der Michel hatte ein alltägliches Gespräch begonnen.
Rufmann lehnte in der Wandbank und ließ den Freund reden, was er
redete. Eine Weile lang. Er war jetzt in einer Art Betäubung. Aber nun
hob er die Hand, als ob in der Luft etwas zu fassen wäre. Und plötzlich
rief er aus: »Michelwirt!« Und noch einmal rief er: »Michelwirt! Wecke
mich auf! Ich habe einen unerträglichen Traum und kann nicht wach
werden. Meine Buben! Die hätten einen Reisenden umgebracht! Rüttle mich
fest, gib mir eines auf den Schädel mit dem Gewehrkolben. ’s ist ja
ganz dumm, daß ich es nicht aus dem Kopf bringen kann!«
»Was?« fiel der Michel lebhaft ein, »Rufmann, dir geht’s auch so? Das
ist doch merkwürdig. Schon in früherer Zeit hat’s mich immer einmal
gepackt, aber nie lang angehalten. Jetzt kommt’s öfter und bleibt
länger. Und kommt’s mir zu Sinn, als ob alles miteinand nix tät sein!
Sag, Paul, geht’s dir nit auch manchmal so für? Die ganze Welt und die
Lebenszeit und der Mensch -- alles nix. ’s kommt einem nur so für, als
ob was wär, wie’s im Traum fürgeht. Man sieht’s und hört’s und greift’s
und erlebt’s und ist nix wie ein Traum.«
»Aufwecken! Aufwecken!« rief der Förster in klagendem Tone.
»Wenn’s aber kein Aufwecken gibt, mein Paul. Erwachst am Morgen aus dem
einen Traum und verfällst in den andern.«
Rufmann schaute stier drein und schaute drein. Der Michel aber dachte:
Jetzt red’ ich weiter, vielleicht kommt er auf andere Gedanken. »Wir
sehen’s ja,« sagte er, »wir werden ja alle Tag überzeugt davon. Du
schläfst am Abend ein, da ist alles aus, kein Wald, kein Haus, kein
Kind. Wachest nimmer auf, so weißt nit, daß du was gehabt, was verloren
hast. Und träumst bei der Nacht, singst im Traum, oder erschrickst,
hast Angst, hast Leid -- alles nur Einbildung. In der Früh wachst du
auf, aus einer Einbildung in die andere. Singst wieder, hast wieder
Freud und wieder Leid und in zwölf Stunden ist wieder alles nix.
Freund, ich verspür’s, aber kann’s nit sagen, wie’s mir fürkommt.
Himmel und Erden, Mensch und Leben, es ist nit wirklich. Ist nur
Einbildung. Dir hat geträumt, ein Forstmann wärest gewest, zwei Söhne
hättest gehabt. Und sie wären ins Elend gekommen. Aber die Söhne wissen
nix davon, verspüren kein Elend, weil sie gar nit sind.«
»Was hilft das Reden!« fuhr jetzt der Förster auf. »Wenn’s weh tut!
Wenn’s weh tut!«
Das hat den Dorfphilosophen zum Schweigen gebracht. »Wenn’s weh tut!«
Wenn alles sonst Einbildung ist, der Schmerz ist wirklich, er überfällt
uns bei Tag und Nacht. Wenn das Leiden wirklich ist, dann ist’s
gleichgültig, ob der Anlaß dazu wirklich ist oder Einbildung. -- Wenn’s
weh tut! Wenn’s gar nimmer tät aufhören weh zu tun! O, Herr Jesus,
erlöse uns von Wirklichkeit und Traum, gib uns die ewige Ruh! --
So ist dem Michel Schwarzaug, dieweilen er mit seinen Darlegungen
den Freund hatte beruhigen wollen, selber ein Entsetzen gekommen.
Sein dreister Gedanke war ans Geheimnis der Ewigkeit gestreift -- da
schaudert den Menschen.
»Laß ihn zu den Vätern gehen!«
Der Ortsvorstand Martin Gerhalt schritt mit seinem Stecken durch das
Dorf und beging gesetzwidrige Handlungen.
Wo mehrere beisammenstanden und über das Ereignis tuschelten, da fuhr
er drein und fluchte ihnen ein paar Kanaillen an den Kopf oder hob
den Stock zum Zuschlagen. Er wußte nicht, gegen wen seine Wut größer
war, gegen die beispiellose Freveltat der Försterbuben oder gegen die
Leute, die daran ihre heimliche Freude hatten und zu der schrecklichen
Wahrheit noch schrecklichere Lügen ersannen. Vor kurzem erst,
gelegentlich einer Dienstbotenprämiierung hatte der Bezirkshauptmann
Eustachen eine musterhafte Gemeinde genannt. Außer ein paar Wilddieben
hatte dieses Dorf seit vielen Jahren nichts mehr vors Gericht
geschickt, und jetzt zwei Galgenstricke auf einmal.
Nun kam es dem Gerhalt bei, daß der Fürsteher sich auch um den
unglücklichen Vater zu kümmern habe. In dem seiner Haut möchte er jetzt
nicht stecken. Aber hineindenken kann sich der Mensch. Der Gerhalt hat
ja auch Söhne. Wen Gott verläßt! Kein Mensch kann’s wissen. Was kann
ein alter Mann dafür! Der Rufmann hat’s an nichts fehlen lassen. Den
einen in die Realschule, nachher zur Arbeit tüchtig angehalten, den
anderen in die geistliche Studie. Selbst ein gutes Vorbild in der
Sittsamkeit. Vielleicht, daß er zu nachgiebig ist gewesen, an Strenge
mag’s schon gefehlt haben. Wo ist ein Vater, der seinen mutterlosen
Kindern nicht auch die Mutterliebe ersetzen möchte! Ein wenig weich
ist er ohnehin, der Rufmann, so gut er auch schelten kann. Arg leid
tut’s ihm jetzt, dem Gerhalt, daß er des Sägewerks wegen mit dem Manne
so übers Kreuz gekommen ist. Ganz dumm so was. Vom Förster ist die
Sache doch nicht ausgegangen; der muß tun, was ihm seine Herrschaft
vorschreibt. Diese Einsicht war dem Bauer jetzt gekommen im Schrecken
des Unglücks.
Nun ging er hinauf ins Hochtal, um zu sehen, ob auch wer bei ihm ist.
So hat er ihn getroffen, in Gesellschaft des Michelwirts. Langsam trat
der schrötige Mann vor ihn, hielt ihm die Hand hin: »Rufmann, wenn ich
Sie beleidigt hab, tuns mir verzeihen. Wenn Sie was von mir sollten
brauchen, oder sonst einen Beistand -- oder was immer --«
Der Förster schaute ihn mit großen starren Augen an, als ob er solche
Red nicht verstünde. Und er selbst fand es ungeschickt genug. Was jetzt
diesen Mann eine Feindschaft oder eine Freundschaft kümmern könne. Oder
ein Beistand, oder sonst was. Da war ja alles ganz gleichgültig. Hier
ist Menschentrost am Ende. Lieb wie Haß kehrt unverrichteter Dinge
um ...
Beim Fortgehen winkte er den Michel für einige Augenblicke mit zur
Tür hinaus: »Mir ist’s lieb, Michel, daß du bei ihm bist. Wenn’s dir
möglich ist, bleib in diesen Tagen bei ihm, du bist ihm noch am besten.
Was wir noch mit ihm machen werden, das weiß Gott. Mir kommt er nit
recht für. Gib acht auf ihn, Michel, laß ihn nit aus den Augen. In
deine Obhut ist ein Vertrau, leicht kannst ihn doch bissel mit was
zerstreuen. Hast was auszurichten daheim? Sonst will ich jetzt auf den
Ringstein.«
Als der Michel wieder zurückkehrte in die Stube, war Rufmann nicht da.
Durch das Kanzleizimmer war er in das Vorhaus gelangt und rasch die
Treppe hinaufgeeilt zur Schlafstube seiner Söhne. Sie war verschlossen
und versiegelt. Er huschte die zweite Stiege hinauf in den Dachboden,
wo altes Gerät und Gerümpel war. Dort verhielt er sich still, so daß
die Suchenden ihn nicht sollten entdecken. Als der Michel ihn fand,
schleuderte er eine Spinnradschnur in die dunkle Ecke.
Der Michel wollte ihm Vorwürfe machen, sie mißlangen ganz. »Mein armer,
mein liebster Mensch, tu uns _das_ nit an! Ich bitt dich tausendmal, tu
uns _das_ nit an! Auch deinen Kindern nit. Willst denn noch mehr auf
sie laden! Willst ihnen auch dich noch aufs Gewissen legen? Daß sie
gar müßten verzweifeln. Weißt, wie wir zwei einmal haben gesprochen
von dieser Sach, vor etlichen Monaten erst. Daß einer so was kunnt
ausführen, hast du gesagt, ’s wär nit zu begreifen. Und ’s wär nit zu
verantworten. Schau, und jetzt wolltest es selber --«
»O Jesus Christus! Wenn’s nit zu ertragen ist!« schrie der alte Mann
grell auf. »’s kann ja keinem Menschen auf der ganzen Welt so ums Herz
gewesen sein wie mir! Ihr könnt es ja nicht begreifen, ihr könnt es
nicht, ihr könnt es nicht! -- Michel, alter Freund!« sagte er zärtlich
und ergriff mit Heftigkeit seine Hand, seine beiden Hände: »Sei gut mit
mir! Laß mich gehen. Du bist mein Freund gewesen, mein treuester, die
vielen Jahre! Dich habe ich lieb gehabt. In keiner Freud und in keiner
Not hast du mich verlassen -- hilf mir auch in der letzten. Wohl ein
Gedanke ist mir gekommen, aber nein, das nicht, das nicht. Mein Lebtag
hab ich mich selbst bedient. Nur fünf Minuten Zeit -- schenke sie mir,
du guter Mensch, habe Erbarmen und gönne mir den Frieden!«
»Paul! jetzt denkst ganz an dich allein. Das ist sonst nit deine Art.
Du hast auf andere auch noch zu denken. Wie es ihnen auch mag gehen.
Könntest du sie denn voreh verlassen, ohne ihnen was zu sagen! Sollten
sie _ohne_ deine Verzeihung!«
»Das ist schon gemacht, das ist schon gemacht!« sagte Rufmann. »Der
Brief ist in der Schreibtischlade. Überbringe ihn meinen Söhnen,
Michel, das ist an dich meine letzte Bitte.«
Sie gingen hinab in die Stube.
Es ist der Abend gekommen, die Sali will Licht bringen, der Alte winkt
ab. »Wir brauchen kein Licht.« Der Michel weicht nicht einen Augenblick
von der Seite des Freundes. Dieser ist wieder dumpf und stumpf. Der
Michel redet von schönen Zeiten und wer weiß, ob sie nicht wieder
kommen könnten mit einem besonders glückseligen Tag. »Paß auf, Rufmann,
es wird noch einmal sein, daß es dir zu früh kommt, das Sterben. -- Und
unsern Herrgott, tust ihn denn ganz vergessen! Schau, Paul, wir haben
miteinander so oft gesungen --« Er nimmt die Laute vom Nagel: »Ich weiß
ein Lied von der himmlischen Freud.«
Da springt Rufmann auf und ruft in hellem Zorn: »Mensch, weißt du denn
nicht, was meine Buben getan haben! Glaubst du, daß ich warten werde
drauf, was mit ihnen geschieht?! Kannst du mich jetzt nimmer verstehen?«
Der Michel suchte ihn zu beruhigen: »Ich versteh dich ja, du mein
allerliebster Kamerad, mein Reden ist ja dumm, ganz dumm. Wir wollen
was anderes tun, wir fahren nach Löwenburg. Zu Land oder zu Wasser, wie
es am schnellsten geht.«
Ein Weilchen schwieg der Förster, dann sagte er: »Michel, wir fahren zu
Wasser.«
Von außen klopft es ans Fenster. Ein Holzknecht, der vorbeigeht, ruft
hinein, sie sollten doch das schöne Feuer anschauen.
»Das Sonnwendfeuer!« sagte der Michel. »Komm, Rufmann!«
Beide eilen aus dem Hause. Kühle Nacht, nur die Ach rauscht wie immer
und immer. Und dort auf der Zinne des Ringsteines steht der rote Stern.
In stiller, lohender Glut und darüber aufwirbelt der rote Qualm.
»’s ist schön anzuschauen!« sagt der Michel leise. »Die Vorfahren
-- hundertmal sind sie in den Gräbern schon vermodert und wieder
aufgestanden und wieder vermodert -- aber was sie in uralten Zeiten
sind gewesen, das rufen sie lebendig zu uns herüber in diesem Feuer.
Wie es so langsam und friedsam hinaufsteigt in den Himmel ... es ist
schön anzuschauen!«
Rufmann steht neben ihm, auch sein Gesicht ist dem Feuer zugekehrt,
aber er schweigt.
Und der Michel -- dieweilen er diese heilige Glut betrachtet, die dort
auf dem Berge wie ein Mahnzeichen hinleuchtet über die deutsche Heimat
-- denkt an den, der neben ihm steht.
Wenn einer im Herzen die Todeswunde hat, da gibt’s für ihn nichts
weiter mehr, keine Heimat, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Da
trifft’s zu, daß alles versunken ist in das abgrundtiefe Weh. Da ist
nichts und gar nichts mehr vorhanden als das Weh, das Weh allein. Und
wenn es so ist, warum will ich ihn denn nicht hingehen lassen in die
Ruh? Wo er mich so herzinnig drum hat gebeten. Wenn ich schon selber
hab gesagt, daß alles nur Einbildung ist und außer ihr alles nichts
und nichts, warum will ich ihn denn nicht hinabgehen lassen? Etwan
weil ich den Freund nicht möchte verlieren? Daß er mir noch länger
sollt Gesellschaft leisten, er mit seiner Todeswunde! -- Was wartet
denn noch seiner? Alter, Verlassenheit, beständiger Vorwurf. Überall
zwecklos, gemieden, im Mitleid noch verachtet. Im besten Fall ein
umtrübter Geist, das dumpfe Elend eines Halbtoten. Ich wollt mich dafür
bedanken. Mein widerwärtigster Feind, der mich festhalten wollte in
dieser Hölle! -- So sinnt der Michel Schwarzaug. Alle Gedanken münden
immer in den einen aus: Laß ihn gewähren, erweise ihm den letzten
Freundschaftsdienst, den es für ihn noch geben kann ... Halte ihn nicht
auf.
Unbeweglich steht der Dorfwirt da, während in ihm die Empfindungen
gegeneinander streiten. Er schaut nicht nach links und nicht nach
rechts, schaut unverwandt auf das Feuer hin. Als ob in dieser
Flammenschrift die Ahnen zu ihm sprächen. Sein Sinnen löst sich sachte
in Wehmut auf, in eine unsäglich süße Empfindung der Liebe zu seinem
Freunde. Die feierlich aufsteigende Riesenflamme dort hält sein Auge
gebannt. Und ist es wie ein Mahnen: Laß ihn zu den Vätern gehen! -- So
ist er mit Absicht gestanden eine lange Weile und traumhaft. -- Und war
es nicht gewesen, als ob ein Bienenschwarm vorübergeklungen hätte? Ein
verlorner, heimloser Bienenschwarm! ’s hat just so gesummt in der Luft.
-- -- Gib acht, Michel, gib acht, in deine Obhut ist ein Vertrau! --
Er wendet sich rasch. Hat nicht der Gerhalt zu ihm gesprochen? -- Er
erwacht aus seiner Versunkenheit und besinnt sich und sieht nach dem
Freunde. --
Der steht nicht mehr neben ihm, ist nicht da.
Der Michel erschrickt heftig. »Rufmann!« sagt er, fast stockt der
Atem. Er eilt an das Haus, er eilt zur Baumgruppe. »Rufmann!« Kein
Mensch da. -- Das Wasser rauscht wie immer und immer. Der Michel eilt
wegshin gegen die Brücke. »Rufmann,« schreit er schrill. Im Schimmer
der Sternennacht glaubt er dort mitten auf der Brücke am Geländer eine
dunkle Gestalt zu sehen. Er läuft hin, auf Zehenspitzen läuft er. Da
schwingt die Gestalt sich aufs Geländer und -- war nimmermehr zu sehen.
Im nächtigen Dunkel branden die Wogen und rauschen und rauschen. Kein
Haupt taucht auf, kein Arm, in den Alpenfluten begraben, ausgelöscht
ist ein wüster Traum.