Das Nichts der Welt

Auf einen behördlichen telegraphischen Bericht nach Frankfurt und die

Anfrage, was zu geschehen habe, kam der Bescheid zurück, daß Professor

Nathan Böhme dort schon seit längerer Zeit abwesend, weder Verwandte

noch Vermögen zurückgelassen habe; man ersuche, die Leiche des

Genannten ortsüblich zu bestatten.

Von der Absicht, die Mörder dem Leichnam gegenüberzustellen, wurde

Umgang genommen. So wurde er am nächsten Frühmorgen nach Ruppersbach

gebracht und in aller Stille begraben. Ortsüblich war das zwar nicht,

doch man wollte den Volksauflauf vermeiden, ebenso auch die Frage wegen

eines kirchlichen Begängnisses. Es mußte angenommen werden, daß der

Mann nicht zur katholischen Kirche gehörte.

Aber in den beiden Dörfern herrschte ein wahrer Aufruhr.

War der Mord in dieser Gegend schon an sich ein schreckliches Ereignis!

Daß die jungen Söhne des Försters, die überall gerne gesehen waren,

der eine wegen seiner harmlosen Lustigkeit, der andere wegen seiner

Bescheidenheit und treuherzigen Frömmigkeit, daß diese Burschen den

Mord begangen hatten -- das war unerhört, unfaßbar -- einfach gräßlich.

Das war so niederschmetternd, daß der Ruppersbacher Lehrer, bei dem sie

in die Schule gegangen, sagte: »Man wird wahnsinnig vor Entsetzen.«

Aber die Leute waren schon bemüht, diese Burschen so herzurichten, daß

sie für die grause Tat paßten. Kein Aprilwetter schlägt so rasch um als

die Stimmung der Menge.

»Ein Mord aus Fanatismus ist es also!« rief der Krämer.

»Laß dich nicht anplauschen,« rief der Gerber, »wenn der den Herrn des

heiligen Glaubens wegen ersticht, da wird er ihm erst noch Uhr und Geld

wegnehmen -- vielleicht auch des Glaubens wegen. Ein gemeiner Raubmord

war’s, und dafür sind so viele Beweise, daß man bequem damit viere

hängen könnt.«

Und unter diesen Dörflern gab es Leute, deren sittliche Entrüstung so

groß war, daß sie mit Vergnügen jeden zweimal hätten hängen sehen.

Gegen die Mittagsstunde war der Wagen mit den Gerichtspersonen

durchgefahren vom Forsthause gegen Löwenburg.

Nun hatten sich die Leute aufgestellt zu beiden Seiten der Straße.

Viele vertrieben sich die Zeit mit Plaudern über Wetter und Wirtschaft.

Andere machten Witze, derbe Späße und lachten dazu. Der nicht fehlende

Wegmachersbub wurde angestiegen darauf hin, daß ein kaiser-königlicher

Straßenschotterer gewiß sehr notwendig dabei zu sein habe, bei solchen

Begebenheiten. Worauf derselbe seine großen Kinnbacken warf und

versicherte, daß er auch schon sein Teil wisse. Die Försterbuben seien

eben zu viel verhätschelt worden überall. Nichts als immer die lustigen

Försterbuben, die braven Försterbuben! Die schönen Försterbuben!

Dieweilen andere, wirklich brave Leute, so viel als gar nichts

gegolten. Gut, gut, jetzt würden sie bald anrucken, die braven, die

lustigen, die schönen Försterbuben!

Es war fast des Zuhörens wert, als er, auf einem Schotterhaufen

stehend, im Predigerton seiner Umgebung auseinandersetzte, wie der

Mensch durch Lobhudelung, durch Leichtsinn und Schuldenmachen, durch

Blauschen und Schwatzen, Leutanschmieren und Mädelverführen endlich

zum Verbrecher werden könne. Nun würde es wohl auch die gelbhaarige

Wirtstochter wissen, wem man Ohrfeigen geben solle und wem nicht! In

einen so hitzigen Eifer geriet der »Kaiser-königliche«, daß unter

seinen strampfenden Beinen der Schotterhaufen nachgab und er zu Boden

rutschte.

»Jetzt hast ihrer genug, Kruspel, wenn du Steine werfen willst,« rief

der Nachbar. Da fuhr Bewegung in die Leute, die Gespräche verstummten,

nur hie und da ein Ausruf: »Sie kommen!«

Drei Gendarmen und zwischen ihnen die Försterbuben.

Sie gingen so nahe nebeneinander, daß es zuerst schien, als wären sie

zusammengebunden. Der Friedl in seinem lodenen, grün ausgeschlagenen

Halbfeiertaggewand, den Hut in die Stirn gedrückt. Elias in

seinem dunkeln Studentengewand. Beiden die Hände über der Brust

aneinandergebunden. Der Friedl suchte die Stahlfessel unter der Jacke

zu verbergen. Elias trug die seine ohne weiteres zur Schau. Der Friedl

hielt die Augen zu Boden geschlagen. Nur ein paarmal zuckten sie kurz

auf; so beim Michelwirtshause. Elias schaute stumpf drein, worüber

etliche Zuschauer sich entrüsteten. Schimpfrufe wurden laut.

Als der kleine Zug vorüber war -- er marschierte soldatisch fix

-- trabten die Leute hinten drein und etliche drängten sich so

dicht an die Gefangenen, daß der Gendarm mit dem Gewehrkolben

sie zurückstieß. Da wurde der Pöbel fast toll. Und ein schrilles

Schimpf- und Schmachgeheul begleitete die jungen Missetäter durch ihr

Heimatsdörflein hinaus.

»Die Försterbuben! Die Mörderbuben! Die Galgenbuben!« so schrie es da

und dort auf. »Die Mörderbuben! Die Mörderbuben!« so lärmte es hin und

hin. Einer jedoch war dabei, der sagte zum Nachbar ganz gemütlich:

»Du, paß auf! Die sind unschuldig! Merk dir’s, was ich sag, sie sind

unschuldig!« Der Mann wurde niedergeschimpft, bis er’s zugab: »Na ja,

’s kann ja sein. ’s mag ja sein ...«

Die beiden Brüder trabten zwischen den Häschern rüstig fürbaß, der eine

halb trotzig, halb neugierig, was jetzt werden soll. Der andere in sich

verloren.

Endlich hatten sie die zwei Dörfer hinter sich.

Einmal unterwegs hatte der Friedl die Worte gesagt: »Was wollen sie

denn mit uns?«

Da hatte ihm Elias einen Blick zugeworfen, einen unheimlich wirren

Blick -- wie Zorn, wie die allertiefste Verachtung und dann wie eine

grenzenlose Betrübnis. So sagte der Friedl nichts mehr. Hungrig war er

schon geworden und durstig, aber sie trabten an den Wirtshäusern vorbei.

Ehe sie gegen Abend nach Löwenburg kamen, in die Gerichtsstadt,

blickte der Friedl noch einmal auf, in die weite, sonnige Gegend hin

und zum Himmel mit seinen lichten Sommerwölklein. Im nahen Kornfeld,

auf welchem roter Mohn und blaue Kornblumen prangten, schlug eine

Wachtel. Die Bauern zählten den Wachtelschlag, um den Kornpreis des

nächsten Jahres zu erfahren. Was wollen _wir_ wissen? Trotz des

Marschierens zählte der Bursche das helle »Ziziwitt«. Drei-, vier-,

fünfmal und weiter. Ununterbrochen bis zwanzig schmettert der Vogel

sein »Ziziwitt«. Zwanzig Jahre! Ade, du schöne Welt! -- Wie soll man

sich denn helfen, wenn alles dagegen ist? Alles! Alles! -- »Nur nit

verzagen,« sagte er dann wieder zu sich selbst. »Vielleicht ist der

ganze Spuk nix als ein Schligerwitzrausch.«

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 36 / 55 题