»Können Sie das mit Bestimmtheit sagen?«
»Es ist das Taschenmesser meines Bruders.«
Der Gerichtsrat blickte den Studenten eine Weile an, und dann sagte er
mit leiser Stimme: »Dieses Messer ist im Rauhruckkar gefunden worden
-- an der Leiche des Ermordeten. Wie Sie sehen können, das Messer hat
Blutflecken.«
Elias stand aufrecht und wankte nicht. Sein fahles Gesicht begann sich
zu verzerren, die Oberlippe zuckte heftig -- einmal, zweimal. Das
Furchtbare, was in ihm vorging, er verbarg es vergeblich.
»Wie glauben Sie, Rufmann, daß Ihres Bruders Messer an die Leiche kam?«
Elias stand starr und schwieg.
»Rufmann, gestehen Sie nun ein, was Sie wissen! Denn was Sie früher
angegeben, das ist nicht wahr. Wenn Ihr Bruder den Herrn ins
Rauhruckkar begleitet, bis an die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde,
so kann er nicht in vierzig Minuten nach Abgang von der Seealmhütte
wieder dort gewesen sein. Dazu würde der geübteste Geher mindestens
doppelt so lange brauchen.«
Elias schwieg.
»Da diese Angabe also nachgewiesenermaßen unwahr ist, so werden auch
Ihre übrigen Angaben, die Sie uns gestern gemacht, unwahr sein. Sie
wissen mehr, als Sie sagen wollen. Sie wissen, daß Nathan Böhme von
Ihrem Bruder ermordet worden ist!«
»Nein!« schrie Elias auf, »mein Bruder hat das nicht getan!«
»-- Und daß Sie ihm wahrscheinlich dabei geholfen haben!«
»Ich? Ich meinem Bruder geholfen?« Er zuckte ab. Stumpf und still stand
er da, wie geistesabwesend, und gab auf mehrere Fragen keine Antwort.
-- -- Jählings rief er laut: »Ich hab’ es selbst getan, ganz allein.
Ich habe den Herrn umgebracht! ...«
Ein wilder, gellender Schrei war es gewesen. Mit vorgestrecktem
Haupt, die Fäuste halb gehoben, hatte er es den Männern ins Gesicht
geschleudert. »Ich hab’s getan, ich allein!«
Mehrere der Männer waren vor Erregung aufgesprungen. Der Gerichtsrat
selbst brauchte eine Weile, um sich fassen zu können. Dieser Knabe,
dieses kränkliche, weichmütige Bürschchen, soll die furchtbare Tat
begangen haben? Allerdings, die dreistruhige Art, in der er tags zuvor
die Aussagen geleistet, stimmt nicht zu der schwärmerisch-pietistischen
Eigenheit, die ihm an dem Burschen geschildert wurde. Und nun, nach dem
Eingeständnisse, stand er wieder gerade so trotzig verschlossen da als
vorher, ohne Zeichen von Reue.
»Elias Rufmann!« so begann endlich und mit heiserer Stimme der
Gerichtsrat wieder. »Sie sind sich bewußt, was Sie gesagt haben? Wir
wollen heute bloß noch wissen, ob Ihr Bruder daran beteiligt war.«
»Nein!«
»Er war nicht beteiligt, aber er wußte darum?«
»Nein!«
»So hat also nicht Ihr Bruder Fridolin den Herrn von der Seealmhütte
bis ins Rauhruckkar begleitet, sondern Sie haben es getan?«
»Ja!«
»Wie kam das mit Ihres Bruders Messer?«
»Das hab’ ich öfters so im Sack gehabt.«
»Also dazumal auch?«
»Ja.«
»Sie haben die Tat begangen, um den Herrn zu berauben?«
»Nein.«
Jetzt entstand eine Pause. Der Gerichtsrat lehnte sich vor, stützte
sich mit der Miene einer großen Behaglichkeit auf den Tisch und sagte:
»Elias Rufmann! Durch Ihr Geständnis sind Sie zu uns in das Verhältnis
des Vertrauens getreten. Wir sind nicht Ihr Feind. Wir haben nichts zu
üben als Gerechtigkeit, und diese kann sowohl _für_ als _gegen_ Sie
eintreten. Erzählen Sie uns nun freimütig die Ursache und den Hergang
dieser Tat.«
Elias fuhr sich mit dem Ärmling über die Stirn. Dann antwortete er:
»Ja, ich -- es wird so gewesen sein, es wird schon so gewesen sein.«
»Aber warum, Rufmann, _warum_ haben Sie die Tat verübt?«
Sprach Elias laut und bestimmt: »Weil er die Leute vom Glauben hat
abbringen wollen!«
»Das stimmt, das stimmt!« murmelten die Männer durcheinander. »Schon
früher soll er mit dem Fremden zusammengeraten sein dieser Sache halber
und soll mehr als einmal gesagt haben: der Mensch wär’ ein Unglück und
der Herrgott sollt’ ihn fortnehmen aus der Welt. Nun also hat er dem
Herrgott dabei Handlangerdienste geleistet.«