Eine schwankende Christenseele

Die alte Sali behauptete geradezu, der Student werde das Nervenfieber

bekommen. Mit eingefallenen Wangen, in sich zusammengesunken, saß er

beim Abendessen, genoß aber kaum ein paar Löffel Suppe. Er redete

nichts, auf Fragen seines Vaters gab er nur halbe Antworten. So saß er

da, war traumhaft und erschrak, wenn die Tür ging. Und ganz jäh schrie

er auf: »Solche Leute sollten nicht leben!«

»_Wer_ sollte nicht leben?« fragte der Förster.

»Solche Leute sollte Gott von der Erde nehmen. Nicht in die Hölle,

nein, in die Hölle nicht. Nur von der Erde weg. Weil sie ein Unglück

sind!«

Was das heißen solle?

Dann hat der Junge sich ausgesprochen, wie dieser fremde Mensch, der

beim Michelwirt wohnt, in der Gegend umherstreiche und Leute verführe.

Von den Protestanten einer.

»Den Glauben bricht er ab!«

Einen Glauben hätten doch auch die Protestanten, meinte der Förster.

»Aber einen falschen. Einen, der keiner ist. Nicht, weil sie was

Unrichtiges glauben, sondern weil sie gar nichts glauben. Sie tun nur

so. Erst werfen sie ein Stück Glauben weg, wie man den Überrock abtut,

wenn’s warm ist; dann werfen sie den Unterrock ab, dann die Weste und

so fort, bis sie nackend dastehen. Dann sagen sie: Da schaut her, das

ist die Wahrheit.«

Da erinnerte der Vater: »Der Glaube ist kein Gewand, der Glaube ist

inwendig. Wer einen Glauben hat, den man ausziehen kann, der soll ihn

nur gleich ausziehen; es ist ehrlicher, wenn er ihn auszieht, als wenn

er ihn anbehält.«

Diese Bemerkung des Vaters gab dem Jungen die ganze Nacht zu schaffen.

War ihm doch selber schon zumute gewesen, man könnte ihm seinen Glauben

vom Leibe reißen wie einen Rock. Wenn das möglich ist, dann kann’s ja

der rechte Glaube nicht sein, dann ist es ehrlich, ihn auszuziehen. Der

rechte Glaube ist inwendig. -- Und jetzt kam es ihm vor, als wenn er

zweierlei Glauben hätte, einen inwendigen, der angeboren ist, und einen

auswendigen, der angelernt wurde. Und der Fremde, hat er nicht an dem

auswendigen gezerrt, der ohnehin schon ein paarmal vom Leibe fallen

wollte? -- Den inwendigen Glauben mit seinem Gewissen aber fühlte er in

diesen Stunden sehr lebhaft. Denn dieser fragte ihn hart: Hast du dem

Böhme nicht unrecht getan? Wie kannst du sagen, morgen würde er auch

nicht mehr an Gott glauben? Wer kann, wer darf denn so reden, wer kann

es entscheiden? Unser Pfarrer hat einmal gesagt, daß auch der Irrlehrer

ein gutes Werk tut, wenn er nur glaubt, die Wahrheit zu lehren, weil

alles auf den guten Willen ankommt.

So setzte sich Elias ins Unrecht, leistete dem Fremden im Geiste

Abbitte und betete gleichzeitig zu unserer lieben Frau, sie möchte

machen, daß dieser Mensch aus der Gegend fortkomme, besser heute als

morgen. »Sonst muß ich fort, du liebe Jungfrau Maria, daß ich meinen

heiligen Glauben vor ihm mag retten.«

An einem der nächsten Tage begegnete der Student auf dem Talsträßlein

dem Pfarrer von Ruppersbach, der von einem Krankenbesuch zurückkehrte.

»Ja, Elias, was ist’s denn mit uns zweien?« fragte der Pfarrer

freundlich.

Hierin empfand der Junge gleich einen Vorwurf. Er hatte schon lange

nicht mehr vorgesprochen bei seinem Gönner, durch dessen Vermittlung er

ins Seminar gekommen war. Die Unsicherheit mit sich selber! Solange er

da nicht im Reinen war, mochte er dem Herrn nicht gern vor die Augen

treten. Und jetzt stand er auf einmal vor ihm.

Dem Pfarrer mußte jemand geplaudert haben, denn geradehin fragte er:

»Sage mir einmal, Elias, kennst du den Fremden, der sich jetzt in

Eustachen aufhält? Jakob Böhme oder wie er heißt.«

»Nathan Böhme heißt er.«

»Du kennst ihn also.«

»Den kenne ich freilich.«

»Was hältst du von ihm?«

Der Junge gestand es und erzählte. Er sei ein gebildeter, sicherlich

viel gereister Herr. Aber irrgläubig!

»Wenn den jemand bekehren könnte!«

»Den Mann bekehren?« fragte der Pfarrer, der gar klug war, seinen

jungen Theologen in- wie auswendig kannte und ihn nun doch wieder

einmal loten wollte. »O mein, wenn es ein gebildeter, viel gereister

Herr ist, so wird er sich ja umgesehen und sich das ausgesucht haben,

was für ihn am besten paßt. Obschon ich diesen Nathan nicht für Nathan

den Weisen halte. Was sagt er denn?«

»Zum Beispiel gegen die Mutter Gottes hat er’s und ein Lutherischer ist

er.«

»Nun, wenn er meint, unsere Mutter Gottes entbehren zu können, und wenn

er an die heiligen Sakramente nicht glauben kann, so werden sie ihm

auch nichts helfen. Denkst du nicht, Elias, daß solche Leute trotzdem

gute Menschen sein können und auch ihre religiösen Schätze haben, die

wieder wir nicht kennen und nicht verstehen? Wir können für die Irr-

und Ungläubigen nur beten und sollen sie in Ruh’ lassen, solange sie

uns in Ruh’ lassen. Und wenn sie uns angreifen, so sollen wir nicht

gleich zurückschlagen, sondern uns gutmütig verteidigen und durch

ein vorbildliches Leben ihnen zu verstehen geben, daß wohl wir den

richtigen Glauben haben. Denkst du nicht auch so, Elias?«

Auf dieses Priesterwort jubelte des Knaben kindliche Seele und es war

ihm gewiß: wer so kann sprechen, der hat den wahren Glauben. Und der

unduldsame Fremde soll mir nimmer gefährlich werden.

»Nur das eine, Elias, laß dir gesagt sein,« setzte der Pfarrer noch

bei, »lasse dich mit solchen Leuten nie in ein Gespräch ein über Kirche

und Religion. Sie sind schwer zu widerlegen. Die weltliche Vernunft ist

brutal. Fliehe die Gefahr und lasse jene ihre Wege gehen.«

»Ich habe es ja getan, Herr Pfarrer, aber er geht mir nach!«

»Ich sage dir noch einmal, schweige mit der Zunge, antworte mit den

Beinen und fliehe.«

Elias nahm es sich vor. Doch als er wieder allein war, fiel ihm ein:

wie kann das ein Mensch? Wenn er seinen Menschenbruder auf dem Irrwege

sieht und er weist ihn nicht auf den richtigen Weg? Das ist ja

lieblos, das ist ja schlecht!

Und an demselben Abende las er lange in einem seiner Religionsbücher.

Er las von den Aposteln, die in die weite Welt zogen, um Juden

und Heiden zu bekehren; von den Märtyrern, die den Weisen und den

Königen trotzten, um den Gekreuzigten zu verkündigen. Er las von den

heldenhaften Missionären, die heute noch in ferne Länder ziehen, um

fremden Völkern das Christentum zu bringen. Er las von der Inquisition,

durch welche die Kirche arme Verirrte mit liebender Gewalt auf den

rechten Weg geführt und den Teufel mit Feuer und Schwert aus der

Menschenseele vertrieben hat. -- Und da sagt der Pfarrer, man solle

sie in Ruh’ lassen! Lassen die Ketzer uns in Ruh? Geht dieser Mensch

nicht herum wie ein brüllender Löwe, zu sehen, wen er verschlinge? --

Endlich entschied Elias dahin: Die eigene Seele steht einem näher als

die fremde. Dem Preußen ausweichen so weit als möglich. Wenn er aber

wieder zudringlich werden sollte, dann laufen; und wenn er nachläuft,

dann sich wehren, und sollt’s ums Leben gehen!

Kaum war dieser Zwiespalt ein wenig verbraust, so gab’s für Elias

schon einen andern. Am nächsten Tage, als der Friedl vom Holzschlag

heimgekehrt war, ward dieser zutunlich mit dem Bruder, nahm ihn Arm in

Arm, zerrte ihn zum Waldrain hinauf und ging ihn um Geld an. Nicht mit

schalkhaften Worten wie sonst, sondern kurz und herb.

»Elias, ich muß zwanzig Kronen Geld haben!«

Hierauf antwortete der Student in aller Ruhe: »Du weißt es, Friedl, daß

ich dich gern habe, und ich nehme mir vor, alles zu tun, was dir gut

ist. Ich sage dir aber, du kannst machen, was du willst, Geld gebe ich

dir keines mehr, auch wenn ich eins hätte.«

Er hatte auf diesen Bescheid ein derbes Wort erwartet, aber der Friedl

schritt, seine Hände in den Hosentaschen, am Waldrande dahin und

schwieg.

Das war dem Elias doch wieder ungut und er fragte:

»Wozu brauchst denn so viel Geld?«

»Wenn du mir keins gibst, sollst es auch nit wissen.«

»Gut, so will ich’s auch nicht wissen.«

»Natürlich! Der junge Pfaff ist ja auch einer, der mich erziehen

will. Jetzt will mich ja alles erziehen, weil ich zu wenig fromm bin,

ein Lump bin! Weil ich um zwei Heller würfeln tu und weil ich junge

Weibsbilder lieber hab’ wie Kirchenfahnen. Hast es schon gehört, der

Gerhalt will mich ja nächst Wochen auf die Bank legen lassen.«

»Den bring ich um!« kreischte der Student auf, wie er sein Lebtag nicht

aufgekreischt hatte. Dann mußte er lachen.

»Was das für ein dummes Wort ist,« sagte er. »Weil es so viele rohe

Leute gibt da im Gebirg, so gewöhnt man sich das an. Für mich ist’s

Zeit, daß ich wieder in mein Seminar komme. Und du sollst die Leute

reden lassen und dir nichts draus machen. Wirst schon noch drauf

kommen, daß Unrecht leiden immer zum Guten ausfällt. Was bedeutet denn

alles miteinander? In ein paar Jährlein ist’s vorbei und wir haben den

Lohn bei Gott im Himmel.«

»Bissel ein Vorschuß, wenn er mir wollt schicken.«

»Tu nicht immer so freveln, Bruder. Denk doch dran, daß wir Vorschuß

genug haben von Gott. -- Jungheit, Gesundheit, einen guten Vater und so

viel noch, was andere nicht haben. Sollst nicht so unzufrieden sein,

du, mit deinem schönen Namen Fridolin.«

»Kommt auf dich an, du, mit deinem schönen Namen Elias. Leih mir

zwanzig Kronen.«

»Also, wozu brauchst du jetzt so viel Geld?«

»Hau, ich werd der Narr sein und dir’s stecken. Daß du mir noch

weniger was gibst. Natürlich ist’s wieder eine Lumperei! Daß man einen

Wettermantel braucht im Holzschlag, oder eine Taschenuhr! Kommst um

eine Viertelstund zu spät, schimpft der Meisterknecht. Und nächsten

Monat, wenn mich der Vater auf die Seealm geben will -- soll ich mich

da leicht hinausstellen auf die Weid und schauen, wann mein Schatten

auf Zwölfe zeigt?«

»Eine Uhr! Was sagst denn das nicht gleich! Wenn mir der Vater

nächstens ins Seminar Taschengeld mitgibt, so sollst was haben. Aber

zwanzig, das übersteigt! Und nachher, Bruder, sollst du dir auch

abgewöhnen, vom Geld _leihen_ zu reden. Bleib doch bei der Wahrheit und

sag _schenken_.«

»Ein guter Kerl bist!« rief der Friedl gerührt aus, legte seinen Arm um

Elias’ Nacken, dieser den seinen auf des Bruders -- so gingen sie am

Raine hin und her.

»Wir sind zu wenig beieinander, Elias. Weil du so fromm bist und ich so

gottlos.«

»Geh, hör mir auf! Du gottlos!« rief Elias.

»Und möchten doch einander nit schaden. Nächstens, sagt der Vater, muß

ich auf die Seealm nachschauen. Bruder, da mußt du mitkommen, wer

weiß, ob wir noch lang beieinander sind.«

»Ja, Friedl, auf die Alm will ich mit.«

Darauf dieser: »Ich geh nachher auch mit dir. Im Ernst, Elias, was ich

mir schon ausgedacht hab. Wenn du wieder fortgehst, gehe ich auch. Mich

gefreut’s nimmer daheim. Ich gehe nach Amerika.«

Der Student lachte zu dem Spaß.

»Willst mit? Dort kannst recht Heiden bekehren.«

»Ich will niemand bekehren, bin froh, wenn man mich in Ruhe läßt.«

»Herr Bruder,« rief der Friedl lachend, »ich gratulier! Wir werden alle

Tag gescheiter.«

So trieben es die Brüder miteinander. Aus jedem Zwiste der beiden

verschiedenen Naturen fanden sie sich vermöge Friedls Humor und Elias’

Sanftmut wieder zurecht. Manchmal aber strich wie ein flüchtiges Wehen

die Ahnung über sie hin, als stünde ihnen etwas Besonderes zu, um

Streit und Treue.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 26 / 55 题