Der verkrachte Weltverbesserer

»Habens vielleicht was zu waschen, Herr Böhm?« fragte die Kellnerin

Mariedl, während sie die Stube aufräumte, den Fremden, der am Fenster

lehnte und hinaussah.

»Ich? Zu waschen? Nein. Ich habe niemals zu waschen. Da draußen in

-- Ruppoldsbach, oder wie’s heißt, habe ich erst frische Wäsche

eingekauft. Was ich abwerfe, das können Sie dem Alten geben, der da

draußen bei der Bienenhütte sitzt.«

Er hatte tatsächlich ein frisches Wollenhemd am Leibe.

»Sagen Sie ’mal, Mamsell, um wie viel vor dem Auszug aus Ägypten muß

man denn hier das Logis kündigen?«

»Was sagens? -- Ja so. Werns a weil kündigen. Wenns gehen wolln,

gengens halt.«

»Mich dünkt, es hat niemand was dagegen.«

»Der Herr Böhm sind keinem Menschen im Weg gewesen. Heut werdens aber

doch noch da bleiben. Heut wird g’sungen nachmittag.«

Ja, da wollte er doch. Dieses Singen der beiden alternden Männer

kam ihm so wunderlich und drollig vor und -- er gestand sich’s --

anheimelnd, herzwärmend.

Und als die Stunde kam, bedeutete die Kellnerin dem Fremden, wenn er

zuhören wolle, so möge er nun in die Gaststube kommen, sie seien gerade

beisammen allzwei und eingeheizt sei auch. Damit meinte sie, daß die

Sänger schon Wein getrunken hätten.

Sie saßen am Tischchen beim Uhrkasten, und der Wirt stimmte die Zither.

Der Fremde saß am Nebentisch und wartete, was da wieder Schönes kommen

würde.

»Gut ist’s,« sagte der Förster, sich bereit erklärend. »Also Michel,

schlag an was Feines!«

Klim klim!

»Ich geh’ herum in weiter Welt,

Such’ meinen Raub zusammen

Und nimm hinweg, was mir gefällt --«

»Du singst ja ein Totenlied!« rief lachend der Förster.

»Bei meiner Treu, da hab’ ich ein Totenlied erwischt. Wie man sich

schon immer einmal vergreift.«

»Ein Totenlied?« fragte Herr Böhme auf. »Die Herren werden ihr Programm

haben. Aber ein Totenlied? Singen denn die Toten Lieder? Mich wollte es

gelüsten, so etwas zu hören.«

»Wenn’s dem Herrn gelüstet,« sagte der Förster. »Mir ist alles eins.

Gesungen ist gesungen.«

»Ist recht,« sagte der Michel, »dann nehmen wir das schönere.«

Und in einer Melodie voll düsterer Schwermut huben sie an, zweistimmig

so zu singen:

»Ihr lieben Christen insgemein,

All Reiche, Arme, groß und klein,

Nun höret zu mit Traurigkeit,

Der jüngste Tag ist nimmer weit.

An diesem gar erschrecklichen Tag

Da fallen die Stern vom Himmel herab,

Die Morgenröt verkehret sich,

Die Allmacht Gottes schrecket mich.

Die Sonn’ lischt aus, o großer Gott,

Die Welt voll Feuer, Graus und Not.

Der Engel Heer Posaunenschall

Weckt auf die Toten überall.

Was lang und lang verborgen war,

Das wird jetzt alles offenbar.

Von Jesus hohem Richterthron

Der Sünder Straf’, der Frommen Lohn.

Zu allen Bösen er sich wend’t:

Geht hin ins Feur, das ewig brennt,

Kein Schreiber kann’s genugsam b’schreib’n,

Was der Verdammte in der Höll’ muß leid’n.

Und zu den Frommen insgemein

Spricht Gott: Ihr seid die Kinder mein,

Kommt all in meines Vaters Reich,

Dort werd’t ihr haben ewig’ Freud’.

O Ewigkeit, du festes Haus,

Man kommt hinein und nimmer heraus,

Drum, liebe Christen, lebet fromm,

Damit ihr einst in Himmel kommt.«

Als dieses Lied verklungen war, saß Böhme ein Weilchen nachdenklich da.

Endlich murmelte er: »Kein Schreiber kann’s genugsam beschreiben, was

der Verdammte in der Hölle muß leiden. -- Und damit,« rief er laut,

»damit tröstet euch eure Religion? Eine Menschenfreundin erster Güte,

das muß man gestehen.«

Gegen diesen Hohn wollte Rufmann sich erheben, als im Vorhause Lärm

entstand. Auch in der Küche hörte man einen heiseren Schrei. Wenn Frau

Apollonia einmal aufschreit, was muß es da geben?

Zur Stubentür lief der lahme Wenzel herein -- denn es gibt Augenblicke,

da innere Nötigung alles Gebrest besiegt -- und schrie: »Die Beindel,

die Beindel!«

Der Michel sprang von seinem Sitze auf und eilte hinaus. Die Bienen!

Die Bienen schwärmen!

Aus dem einen Korbe ist der junge Schwarm ausgeflogen. Surrend

höhenwärts wie ein dunkles Wölkchen. Aber die wachsamen Augen des

Pfründners haben den Schwarm nicht verloren, und während der Alte zwei

blecherne Hafendeckeln aneinanderschlägt, daß es schrillt, und dabei um

Hilfe schreit, läßt der Schwarm sich nieder auf dem Ahornbaum, hoch an

einer äußersten Nebenkrone. Nun sitzt er fest, nun ist Zeit, daß der

Wächter ins Haus läuft, um es zu verkünden, und nun erhebt sich im und

um das Wirtshaus eine Katzenmusik.

Auch aus der Nachbarschaft sind Leute zusammengelaufen, mit

Blechdeckeln und Pfannen, Kuhschellen, Töpfen, Kübeln und anderem

Geräte, dem greller Schall zu entlocken ist, arbeiten sie im Garten,

damit das junge Königreich der Bienen nicht davonziehen soll.

»Was bedeutet denn dieses schaudervolle Lärmen?« fragte Herr Böhme.

»Weil sonst die Beindel taten fortfliegen. Wenn sie so scheppern hören,

nachher bleiben sie da. Weil’s halt auch gern musizieren tun hören.«

»Das ist ja ein Unsinn!« rief Herr Böhme, »was weiß die Biene von

Musik! Diese Leute haben keine Ahnung von Immerei!«

Bald erschien im Garten der Wirt mit einer Stange, an deren oberem

Ende ein aufgespannter Sack war. Damit wollte er den Schwarm, der am

Ahornast wie eine schwarze Riesentraube hing, einfangen.

»Man wird Sie totstechen, Wirt!« warnte Böhme, »Sie müssen sich Gesicht

und Hände schützen.«

»Lächerbar!« rief der Hausknecht, der eine verrostete Blechtafel

schüttelte, »wann hat unseren Herrn ein Beindel gestochen? Dem tun sie

nix.«

Während schon ein bereiteter Korb aufgemacht wurde, überlegte der

Michel, wie er dem alten Riesenbaum beikomme. Unten hinauf eine Leiter,

sie war schon zur Stelle. Dann schaute er sich den Weg aus, den er

innerhalb des Gezweiges nehmen wollte, bis zu dem großen Seitenast dort

oben. An demselben ein paar Klafter hinaus, dann muß die Stange langen.

»Es geht nicht, Michel,« sagte der Förster, »soviel ich sehe, der Ast

ist angemorscht!«

»Ei wo! Sonst kann man ihnen ja nit bei.«

»Wie der Will, am Ast laß ich dich nicht hinaus, er ist morsch, er

trägt dich nicht.«

»Was sagst zum Abschneiden?«

»Hilft nichts. Damit verscheucht man sie.«

»Ja, du lieber Gott, ich kann doch den Schwarm nit im Stich lassen!«

rief der Wirt. »Ein so schöner, großer Schwarm!«

Unter stetem Lärm der Instrumente überlegten sie, wie ihm beizukommen

wäre. Da sah man, wie die Traube sich zu lockern begann, die Tierchen

kreisten, lösten sich immer mehr, und unter Klagegeschrei der

Zuschauer schwebte das schwarze Wölklein himmelwärts, dem Waldhange zu.

»Hin ist er!« rief der Michel, »ist er einmal im Wald, nachher hat man

ihn das letztemal gesehen. Ewig schad drum! Ein so großer, schöner

Schwarm!«

Am traurigsten war der alte Wenzel. Das Viertelein Rotwein bekam er

freilich, aber die Beindel, die Beindel! die er so sorgfältig gehütet

hatte, wie die Mutter das Kind in der Wiege. Und jetzt, wie die Brut

flügge wird -- auf und davon. »Ich sag’s Ihnen, Herr Förster, mit der

lieben Jugend ist wohl ein Kreuz!«

Nach und nach verzogen sich die Leute, auch unsere Genossen gingen

wieder in die Stube, mit dem Singen jedoch war es aus.

»Wie’s mir um diesen Schwarm leidtut!« wiederholte der Michel immer

noch.

Frau Apollonia nahm es leicht. Sie hätten an den fünf Körben genug.

Wenn ihrer zu viele wären, gediehen sie ohnehin nicht mehr.

»’s wird dem Herrn nit grad deswegen sein,« meinte der alte Wenzel.

»Weil’s halt ein schlechtes Vorbedeuten ist, wenn ein Schwarm

fortfliegt.«

Dem Nathan Böhme wurde langweilig.

Die Leute konnte er nun einmal gar nicht begreifen. Dieser Wirt, da

renommiert er mit seinem ewigen Nichts, wie der Kerl sagt, und singt

dabei solche Lieder. Es scheint, er glaubt weder an das eine noch an

das andere. Das schreckliche Lied vom Weltgerichte! Wie weggeblasen war

es, als die Bienen summten. So leicht nehmen diese Leute ihren Glauben.

Und es ist ein Glück. Wenn sie sich hingeben wollten dem Schauder des

letzten Tages und wenn sie sich sagten: Einmal kommt er! Er kommt

gewiß und wir werden dabei sein! Und es ist die größte Gefahr, daß wir

ins ewige Feuer geworfen werden! Wie wäre das auszuhalten! Sie nehmen’s

nicht ernst, und wie man des Abends in den Schlummer sinkt, möchte

er hinüberträumen ins ewige Nichts! Und gleich darauf will er dieses

Nichts wieder ausstaffieren mit Gericht, Himmel und Hölle. Selbst das

höllische Feuer ist ihnen noch lieber als das Nichts. Was du auch

redest, Wirt, der Mensch kann alles ertragen, nur das Leichteste nicht,

das Nichts.

»Ist der Herr schläferig worden?« Mit dieser Ansprache weckte ihn der

Wirt aus seinem Nachdenken.

Da sprang der Fremde über: »Ihr guten Leute, bei euch ist es nicht mehr

auszuhalten. Ich will es den Bienen nachmachen.«

»Fort? Herr Böhme, doch nit fort?« fragte der Wirt lebhaft, und teils

aus Höflichkeit, teils berufshalber setzte er bei: »Im Sommer wär’s bei

uns auch schön.«

»Möchte einmal wissen,« fragte Böhme, »wie weit man rechnet über das

Tauerngebirge bis ins Kulmtal?«

»Wollens doch hinüber? Über den Rauhruck? Neun Stunden, wenns gut gehen

und den Weg wissen; ’s wird sich so ausgehen. Zwei Stunden bis in

die Bärenstuben, eine starke dort hinauf bis auf die Seealm; nachher

zwei Stunden bis auf das Rauhruckjoch -- sind fünf Stunden. Vom Joch

dermachen Sie’s in vier Stunden bis Arlach im Kulmtal.«

»Morgen früh heißt’s marschieren!«

»Wollens denn allein gehen? Übers Gebirg?« fragte der Michelwirt

bedenklich. »Herr Böhme, das möcht’ ich wohl nit raten. ’s gibt noch

Schnee da drinnen, stellenweise ist der Fußsteig hart zu treffen. Der

Lahnengang soll auch noch nit vorbei sein.«

»Sie meinen, daß es gefährlich wäre?«

»Gefährlich? Wie man’s nimmt. Für den Einheimischen grad nit, wer sich

auskennt. Im Sommer ist’s gar recht schön zu gehn; jedes Frauenzimmer

kommt hinüber. Aber halt, wer fremd ist -- und jach der Nebel einfallt!

Vor ein paar Jahren erst ist einer verloren gangen im Rauhruckgebirg.

Na, Herr, allein solltens jetzt wohl nit gehen.«

»Und schon gar, wenn Sie noch nie im Hochgebirg sind gewesen,« bemerkte

der Förster.

»Ich noch nie im Hochgebirge?« lachte Böhme. »Fragen Sie mal den

Bergführer Partenoner in Trafoi, das ist in Tirol. Vielleicht kann

Ihnen der Mann etwas erzählen. Aber in eurem Mittelgebirge hier bin ich

gewohnt, allein zu marschieren.«

»Wie der Will,« sagte der Michel, »da hinüber im Frühjahr -- raten

möcht ich’s nit. Na, das sollens nit tun.«

»Also gut, dankbar für Ihre Sorge. Dann, Herr Wirt, hätten Sie

vielleicht die Gefälligkeit, mir einen Führer zu besorgen?«

»Ist auch so eine Sach mit einem Führer jetzt. Die Leut sind noch im

Anbauen. ’s wird niemand recht Zeit haben.«

»Es verdient sich einer ja etwas.«

»Macht nix. So lang der Bauer sein Feld nit fertig hat, nimmt er sich

zu nix Zeit. Am Sonntag, da kriegens schon wen.«

»Am Sonntag. Ich fürchte, daß das Wetter nicht halten wird.«

»Lange bleibt es nicht mehr so,« redete nun wieder der Förster Rufmann

dazu. »Seit gestern geht der Landwind. Die Ameisenhaufen sind auch

nicht recht lebendig, schon seit ein paar Tagen nicht mehr. Ich möchte

raten, daß der Herr über Sandau geht und über den Sandaupaß ins

Kulmtal. Fahrstraße, kinderleicht.«

»Und um eine Tagereise länger,« wendete Böhme ein. »Sandaupaß

ausgeschlossen. Ich wage es morgen mit dem Rauhruck.«

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 27 / 55 题