An dem Baue des fürstlichen Sägewerks wurde tüchtig gearbeitet.
Die Grundmauern waren größtenteils fertig, Zimmerleute hackten große
Stämme aus, um auf dem Mauerwerke die Zimmerung zu beginnen. An dreißig
Männer waren beschäftigt.
Dazwischen ging der junge Student hin und her und sah den Leuten
bei ihrer Arbeit zu. Das Rasenstechen der böhmischen Deichgräber,
wo die Ach ihren Fluderarm bekommen sollte; das Behauen der rohen
Granitblöcke, aus denen die festgekittete, so hübsch geradlinige Mauer
entstand; das Aushacken des klingenden Holzes, das Ineinanderschroten
der viereckigen Stämme an den Ecken, und wie sicher und behäbig die
Leute daran arbeiteten, das mutete ihn an. Er empfand die Freude, etwas
werden zu sehen. Wenn aber die deutschen Zimmerleute mit den welschen
Maurern und den böhmischen Deichgräbern haderten, das wollte ihm nicht
gefallen. Da suchte er zu beschwichtigen, hin- und herschießenden
Spott und Hohn ins Harmlose zu lenken, wofür er schließlich von
allen drei Nationen ausgelacht wurde. Daraus machte Elias sich zwar
nichts, seine Mission als Friedenstifter machte ihn hochgemut, und der
Zimmermeister Josef meinte, wenn das ein Pfäffel werden wolle, so müsse
es sich natürlich schon frühzeitig üben im Friedenstiften und im --
Ausgelachtwerden.
An diesem Tage erschien auf dem Bauplatz noch ein zweiter, den sie Lust
hatten auszulachen. Taten es aber nicht, denn er war sehr zutunlich und
offenherzig. Der Fremde war’s, den sie den Nathan hießen, oder auch
den Preußen, der in seinem schwarzen Anzug, mit den Feldblumen auf dem
Hute, immer so herumging, ohne daß jemand wußte, weshalb.
Nathan Böhme beglückwünschte die Leute, daß sie hier ein modernes
Sägewerk bekommen sollten, worauf einer der Arbeiter entgegnete: »Was
geht uns das Sägewerk an, Lohnerhöhung möchten wir haben.«
Gegen die Mittagszeit bildeten sich drei Herde, wo gekocht wurde.
Als ein Zimmermannsjunge für seinen Herd ein paar alte Bretter
hernehmen wollte, die von der Ach angeschwemmt worden waren, machte
ihn ein Kamerad aufmerksam, daß die Bretter gewißlich von der
Eustachkapelle herrührten, die der Schneeball zerstört hat. Sie waren
noch so zusammengenagelt und von dem Spruche standen noch die Worte:
»In Ewigkeit Amen« drauf.
»Wirst aus dem geweihten Holz doch nit Sterz kochen wollen?«
Da legte der Zimmermannsjunge die Bretter wieder ehrerbietig an
das steile Flußufer, wo sie über die runden Kieselsteine ein wenig
niederwärts glitten. Es war anderes Brennholz genug vorhanden auf dem
Zimmerplatz.
Und dann begannen die drei Völker sich auszuleben. Die Böhmen kochten
Powidl, die Italiener Polenta, die Deutschen Brennsterz. Darüber war
Nathan Böhme vergnügt, und er wollte es als Beispiel geben, daß Kraft
und Macht der Völker aus der Einigkeit und aus der vegetarischen
Nahrung komme.
Dann setzten sie sich in drei Gruppen zusammen, die Böhmen an die
Weiden der Ach, die Welschen auf einen sonnigen Steinhaufen, die
Deutschen in den Schatten einer breitästigen Fichte, die auf der
Matte stand. Dann huben sie an, aus riesigen Pfannen zu essen; die
Deichgräber packten und zerrissen ihre Kuchen mit den Fingern und
schoben die großen Brocken in den Mund. Die Maurer stachen ihren
Polenta hastig mit breiten Gabeln auf, und die Zimmerleute huben ihren
Sterz mit großen Löffeln aus, langsam und wuchtig.
Nathan, der sich ein wenig abseits auf den Rasen gesetzt hatte,
bewunderte die Eigenheit und Tüchtigkeit dieser Leute, die auch im
Essen hervortrat.
Elias wollte just sein Überröcklein nehmen, das er an den Baum gehangen
hatte, um ins Forsthaus zu gehen, stand aber jählings still und
horchte. Dann trat er einige Schritte hintan, zog sein Hütlein vom
Haupte, faltete die Hände und betete.
Von Ruppersbach herauf kamen durch die Luft geschwommen die Klänge der
Mittagsglocke. Böhme betrachtete wieder den in Andacht versunkenen
Jungen, wie er es am Fronleichnamstage getan. Heute möchte er gerne mit
ihm anbinden.
Als der Zimmermeister Josef das Beispiel des Studenten sah, stellte
er sein Sterzschaufeln ein und sagte: »Läuten tun’s. Wir wollen den
englischen Gruß beten.« Da standen sie schwerfällig auf, zogen ihre
Hüte ab und beteten laut und einstimmig: »Der Engel des Herrn brachte
Maria die Botschaft, daß sie empfangen hat vom heiligen Geist.
Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, du
bist gebenedeit unter den Weibern --«
Als das Gebet vorüber war und sie wieder aßen, trat der Fremde näher
zur Gruppe.
»Wollens mithalten?« lud ihn der Zimmermeister ein und suchte nach
einem frischen Löffel.
Nathan Böhme ging nicht darauf ein. Sein Auge hatte ein scharfes Feuer,
sein Schnurrbart schien sich zu spießen.
»Jammerschade!« rief er aus, »jammerschade um dieses brave Volk! --
Männer, warum habt ihr gerade dieses Gebet gebetet, das die Kirche
diktiert hat, warum nicht das vom Herrn Jesus; wie er sagt, so sollt
ihr beten: Vater unser, der du bist im Himmel! -- Ihr solltet euch doch
mehr ans Evangelium halten.«
»Wir haben den englischen Gruß gebetet,« antwortete der Zimmermeister,
»und mir scheint, der steht wohl auch im Evangeli.«
»Allerdings, aber die Kirche hat etwas anderes daraus gemacht.«
»Was lauter!« lachte ein Zimmerer, »beim Fronleichnamsumgang haben wir
eine ganze Stund lang: ›Gegrüßt seist du, Maria‹ gebetet.«
»Ja, ja, euer Fronleichnamsfest! Gewiß, hat mir sehr gut gefallen.
Festaufzug! Sehenswert. Wenn ihr aber glaubt, es wäre ein christlicher
Gottesdienst?!«
»Jesseles, Jesseles, die Ewigkeit ist ins Wasser gefallen!« rief
jählings der Zimmerjunge aus; er hatte gesehen, wie das Kapellenbrett
mit dem Spruchteil umgeschlagen hatte, in die Ach gerutscht und in
derselben verschwunden war.
Allsogleich knüpfte der Preuße wieder an: »Was sagt der Junge? Die
Ewigkeit ist ins Wasser gefallen? Komisch! Aber es kann euch schon
passieren, Leute. Das kann übrigens uns allen passieren. Vielleicht
sprechen wir einmal davon. Ist es euch recht, so kommen wir Sonntags
einmal zusammen. Wollen uns jemütlich unterhalten. Der Preuße weiß
Neuigkeiten!«
Die Zimmerleute schauten den Sprecher verwundert an, hörten ihm zu und
aßen weiter.
Böhme redete noch mancherlei durcheinander, entwickelte dann seine
Ansichten über das Heidentum der Kirche und über das Evangelium
des Sohnes Gottes. Er sprach von dem großen Religionsreiniger
Martin Luther. Der wahre Christ habe zu glauben an die Gnade durch
die Erlösung Jesu Christi; die Heiligenanbetung, die kirchliche
Prachtentfaltung sei nichts als Heidentum. Die Kirche gehe nur auf
Macht, die Geistlichkeit auf Geld, man sehe es überall. Jesus habe es
mit den Armen gehalten, seine Lehre wäre nicht die Ausbeutung gewesen,
sondern die Nächstenliebe, und der Weg zum Himmel gehe nicht durch
allerlei Sakramente, vielmehr durch ein sittenreines Leben.
Als er in solcher Weise sich hervorgetan, da nickte der eine und der
andere beistimmend mit dem Kopf, es sei eh wahr, es werde eh so sein!
»Jetzt ist eine Zeit der Veränderung,« sagte Böhme, »überall traten
die Leute zum evangelischen Glauben über, wollet nicht auch ihr einmal
darüber nachdenken? Bei dem Mauteinnehmer in Löwenburg kann man die
Schriften bekommen, ganz umsonst, wer sich unterrichten will.«
»Mit dem Mauteinnehmer wollen wir nichts zu tun haben!« rief einer.
Und ein anderer sagte fröhlich: »Wenn die Lutherischen nit müssen
mautzahlen, werde ich auf der Stelle lutherisch!«
»Abscheulich, wer so redet!« schrie Böhme. »Wer nicht aus Überzeugung
übertritt, der soll bleiben, was er ist!«
»Wir bleiben Zimmerleut und jetzt wollen wir’s wieder angehen.« So der
Meister, und damit war das unerquickliche Gespräch abgeschnitten und
die Tafel aufgehoben.
Wer bei den Ausführungen des Fremden den Studenten beobachtet hätte!
Der stand hinter dem Baum, horchte zu, und dabei begann sich sein
blasses Gesichtlein zu verzerren, als ob er einen Schmerz hätte. --
Also, das ist so einer! Ein Seelenfänger! dachte Elias. Wenn sie sich
beschwatzen lassen und wenn sie ihm ihr Wort geben wollen, da werde
ich schreien, soviel meine Brust kann, schreien und sie auf den Knien
beschwören, daß sie ihrem alten Glauben treu bleiben. Als er sah, daß
die Arbeiter ohne weiteres an ihre Zimmerei gingen, beruhigte er sich
und nahm seinen Weg über Matten und Wiesen, dem Forsthause zu.
Nathan Böhme ging ihm nach.
Als Elias es bemerkte, wollten seine Beine eilend werden, dann aber
sagte er sich: Vor _dem_ davonlaufen!
Der Fremde holte ihn ein. »Der junge Rufmann, nicht wahr, der
Studiosus!«
Ohne stehen zu bleiben, grüßte Elias kühl und schweigend.
»Der Zufall ist gut,« sagte Nathan Böhme. »Ich habe dir schon lange
nachgesetzt, junger Rufmann. Weißt du wohl, daß du ein rührender Mensch
bist? Den Götzendienst hast du zwar auch mitgebracht, aber wenn ich
damals Herrgott gewesen wär -- direktemang auf die Arme hätte ich dich
genommen und in den Himmel getragen.«
Also, ohne alle Einleitung, wie gewohnt, hatte er den Jungen angepackt,
gleich mit dem vertraulichen Du.
Aber Elias zuckte trotzig mit den Augenwimpern.
»Um das kindliche Glauben ist’s ja was Köstliches,« redete Böhme
weiter. »Aber merke dir, Junge, es bleibt nicht lange. Wie ich höre,
bist du Schüler in einem Priesterseminar. Na, Prost die Mahlzeit! Da
möchte ich jerade in paar Jahren wieder nachsehen, ob du die Monstranze
noch so engelhaft anbetest als jetzt. Mit äußerer Miene vielleicht, im
Inneren nicht -- dafür werden deine Lehrer mit ihrem Unterricht sorgen.
Den Kopf wirst du eines Tages voll Theorien und Dogmen haben -- und das
Herz voll Gleichgültigkeit oder Bitterkeit. Eine Weile wirst du dich
abquälen um deinen Kindheitsglauben, dann gibst du es auf. Schließlich
kommt’s so: Das, was du erst bei der Fronleichnamsdemonstration fromm
angebetet hast, ist ein dünnes Mehlbrötchen geworden, so du der
Gemeinde aufstellen sollst als wahren Gott und Menschen.«
Elias war stehen geblieben, über sein Gesicht flammten rote Flecken.
Aber sanftmütig sagte er: »Was wollen Sie denn von mir, lieber Herr?«
»Ja gewiß, gewiß, so wird es sein,« rief der Fremde lebhaft. »Aber
ich will dich behüten, lieber Knabe. Du sollst kein heuchlerischer
Götzendiener werden.«
Elias war erschrocken, aber nicht von der rücksichtslosen Rede, sondern
deshalb, weil der wunde Punkt in ihm berührt worden. Seine quälende
Ahnung war hier plump ausgesprochen. Aber er antwortete immer noch
gelassen: »Wenn ich Rat bedarf, so wende ich mich an meinen Gott.«
»An deinen Beichtvater, willst du sagen. Da bist du schon am richtigen.
Nee, nee, Junge, du darfst nicht katholischer Priester werden. Du weißt
nicht, was dir bevorsteht. Ich weiß es. Ein einsames, glückloses Leben
wartet deiner, ein elendes Knechteleben, ohne Freiheit und Freude,
ohne Freund und Familie. Ganz das Werkzeug fremder unfaßbarer Mächte.
Merke auf: kein Mensch, nur Werkzeug, um die Menschheit vom Erdenglück
loszureißen und ihr Phantome dafür zu bieten. Und was du tust, das wird
nicht etwa ein Irrtum sein, sondern Betrug, denn du wirst sagen, was
du nicht glaubst. -- Junger Freund, noch ist es Zeit, rette dich zum
Evangelium.«
Da sagte Elias schon unsicher: »Ich bete jeden Tag zum göttlichen
Heiland um Erleuchtung.«
»Was heißt göttlicher Heiland!« rief Nathan Böhme barsch. »Das ist ein
Ausdruck der Kirche. Glaube an den einzigen Gott, _das_ steht in der
Schrift. Zu Gott mußt du beten, nicht zu Jesus, der selbst bloß Mensch
gewesen ist.«
»_Was_ haben Sie jetzt gesagt?« fuhr der Student auf. »Jesus bloß ein
Mensch?«
»Die Wahrheit über alles.«
»Die Wahrheit? Wo Sie vorher eben gelogen haben!« Mit Heftigkeit rief
es Elias: »Haben Sie nicht gerade früher zu den Leuten anders geredet?
Haben Sie ihnen nicht gesagt von der Erlösung durch Jesum Christum? --
Die Heiligen, ja, die haben Sie schon dort an der Ach weggeworfen. Die
Mutter Gottes haben Sie auch weggeworfen. Jetzt werfen Sie den Heiland
weg und sagen, Sie glaubten allein an Gott. Und morgen werfen Sie Gott
weg.«
»Morgen werfe ich Gott weg, meinst du?« versetzte der Fremde,
seinerseits nun sanftmütig geworden: »Ja, mein Kind, dafür kann man
natürlich nicht garantieren, daß unsere Anschauung die gleiche bleibt.
Sie ändert sich mit unseren Erfahrungen, mit unseren Fortschritten in
der Wissenschaft. Und wenn die Wissenschaft uns mal dahin belehrt, daß
wir Menschen animalische Wesen sind, nichts weiter, jeder einzelne
aus dem Nichts gekommen und in das Nichts versinkend, wie jenes Stück
Holz dort im Wasser versank -- so müssen wir uns eben beugen vor der
Wahrheit. So schwer es uns werden mag, so viel sogenanntes Seelenglück
dabei verloren gehen mag. Der heiligen Wahrheit seine Seele, seinen
Heiland, seine Ewigkeit opfern -- _das_ ist das göttliche Opfer, _das_
ist das allerheiligste Sakrament, welches du einmal ebenso fromm und
demütig anbeten wirst als jenes am Fronleichnamstage.«
Während dieser Worte war der Mann dem eilenden Studenten stets auf der
Ferse gefolgt, bis Elias sich plötzlich umkehrte und ihm wütend das
Wort ins Gesicht schleuderte: »Geh hinter mich! Du bist ein Teufel!«
Mit beiden Fäusten hieb Elias in die Luft hinein und sprang in weiten
Schritten dem Forsthause zu, das schon nahe war.
Böhme starrte verblüfft drein. Was hatte er denn nur gesagt, daß der
Junge sich so entsetzte?
Rasse hat er, dachte er dem Studenten nach, ob sie aus dem nicht noch
einen Kirchenheiligen machen!