Von der »Fahne mit dem sauberen Weibsbild«

Förster Rufmann war in übelster Laune. Je seltener das vorkam, um

so tiefer griff es. Mit dem »Fürstand« von Eustachen hatte er einen

Auftritt gehabt.

Der Dorfvorsteher Martin Gerhalt besaß die einzige Brettersäge in

der Gegend. Sie stand an der Tauernach, dort, wo das Hochtal in den

Murboden mündet. Seit Menschengedenken hatte diese Säge zum Gerhalthof

gehört, und alle Bretter, aus denen in Eustachen, Ruppersbach und

weiterum die Heuhütten gezimmert, die Fußböden gelegt, die Dächer

gedeckt wurden, waren aus dieser Brettersäge. Die Schneidblöcher

hatten entweder die Bauern selber herbeigeführt aus ihren Wäldern oder

wurden vom fürstlichen Forstamte geliefert, altherkömmlich um mäßigen

Preis. Für jeden geschnittenen Laden ein Reinertrag fiel dem Gerhalt

in den Sack, und sein Wohlstand beruhte zum großen Teil aus dieser

Brettersäge, die oft nicht mehr als einen Mann beschäftigte und täglich

mehrere Dutzend Läden auswarf.

Und nun baut die fürstliche Verwaltung einen Kilometer weiter oben

ein großes Sägewerk mit zwei Rotierern und allen neuen Einrichtungen,

ein Ungeheuer, das in wenigen Wochen ganze Wälder zu verspeisen

imstande ist. Sie sollte nicht allein Bretter schneiden, sondern auch

Zimmerholz, Tischlerholz aller Art, und zwar unvergleichlich billiger,

als es die alten langsam auf- und niederfahrenden Blattsägen leisten

konnten.

Als nun eines Morgens Deichgräber anhuben, für den neuen Bau an der Ach

Erde auszuheben, kam der Gerhalt zum Förster und fragte zuerst ganz

höflich an, was er ihm, dem Rufmann, nur getan habe, daß er ihn jetzt

wolle zugrunde richten.

Der Förster stellte dem Bauer vor, daß er in dieser Sache nichts

sei als der Diener seines Herrn. Fürstliche Ingenieure hätten alles

angeordnet und davon habe das Forstamt nur ganz weniges auszuführen.

Der Gerhalt ließ sich nicht beruhigen, wurde nur heftiger, erklärte,

daß die hohen Herren dem kleinen Mann nichts gönnen, daß sie alles

unter ihren Hut und alles in ihren Sack bringen möchten. Daß es wohl

noch dazu kommen werde, wie alte Leute geweissagt hätten! zum großen

Herren-Erschlagen ... vom Förster aufwärts!

Ganz wohlmeinend hatte Rufmann dem Bauer zugehört, nun aber, beim

»Herren-Erschlagen«, erwachte sein Zorn. Er unterbrach den Mann und

wies ihm die Tür.

Im Vorsteher kochte die Wut, doch er rang nach Würde.

»Herr Förster,« sagte er, »den Werksmann haben Sie abgewiesen, aber

der Fürstand tritt wieder herbei.« Neuerdings stieg er die drei

Antrittsstufen hinauf. »Denn er hat ein paar Worte zu sprechen mit dem

Papa des jungen Herrn Fridolin?«

»Was ist’s mit dem, was habt Ihr?«

»Ja, was ist’s mit dem?!« sagte der Gerhalt nach. »Ich hätt leicht gar

nix gesagt, wenn nit schon die Leut davon taten reden. Ihr Herr Sohn.

Bei der Fronleichnamsprozession hätte er sollen die Aloisiusfahne

tragen wie in früheren Jahren. Wissen Sie, was er gesagt hat? Wenn

ein sauberes Weibsbild dran wär, wollt er die Fahne schon tragen. Der

heilige Aloisius ginge ihn nichts mehr an!«

Darauf der Förster: »Hat er’s gesagt, so hat er’s im Spaß gesagt,

der dumme Bub. Er schwätzt immer so. Wenn man alles für ernst halten

wollte, was der sagt -- herrje!«

»Jawohl, herrje! Und während der Prozession hockt er hinter der Kapelle

im Busch und tut mit ein paar Zigeunerbuben würfeln. Um Geld! An solch

einem Tag, während des Gottesdienstes! Die Leut wissen schon davon,

auch der Herr Pfarrer. Und alles sagt: So was dürft nit einreißen in

unserer Gemein! Einen gesalzenen Schülling auf der Abachseiten! Vor

Zuschauern zur Abschreckung!«

Der Förster, wie ein gereizter Löwe fuhr er drein: »Wer hat das Recht,

meine Kinder zuschanden zu machen? Wenn eins in Schuld ist, so werd

ich’s schon selber zu strafen wissen. Und jetzt will ich Ruh haben in

meinem Haus! Himmelkreuz verflucht noch einmal!«

Mit gehobenen Armen drang er auf den Gerhalt ein. Dieser wendete sich

und ging mit scheinbarer Gelassenheit davon.

Dann war’s am Abend, als der Friedl heimkam vom Holzschlag. Am Brunnen,

der im Hof des Forsthauses aus einer Röhre in den Trog sprudelte, wusch

er sich den harzigen Waldstaub von den Händen.

Trat der Förster zu ihm und sprach: »Du wirst dich lange waschen

müssen, mein lieber Friedl!«

Der Bursche tat nicht viel desgleichen. Es rauschte das Wasser.

Der Förster dachte, ich will ihn erst sein Abendbrot essen lassen,

später könnte es ihm nicht schmecken. Nahrung braucht er ja doch auf

das harte Tagewerk.

Nach dem Abendessen rief er ihn in die Kanzlei, wo sonst nur

Geschäftssachen mit Fremden abgetan wurden. Elias brauchte von der

Geschichte nichts zu wissen; die Sali noch weniger. Der Förster setzte

sich nicht in den Lehnstuhl, sondern blieb aufrecht, fast strammer

aufrecht, als er sonst war, stehen und fragte den Burschen: »Sag mir

einmal, Friedl, wo bist du am Fronleichnamstage gewesen während der

Prozession?«

Der Friedl stutzte einen Augenblick, dann zuckte er ein wenig die

Achseln und entgegnete: »Wo werde ich denn gewesen sein? Halt mit.«

»Wo _mit_? Bei dem Umzug? Ich habe dich nicht gesehen. Hast du nicht

deine Fahne wieder getragen?«

Auch hierauf die trotzige Antwort: »Soll sie einmal ein anderer tragen.

Ich bin kein Kirchenwaschel mehr.«

»So. Zu gering ist dir das. Und beim Faschingbegraben hast du die

Ludersstange vorausgetragen. Das war dir nicht zu gering.«

Der Bursche schupfte wieder die Achseln.

»Du sollst gesagt haben, wenn ein Weibsbild dran wär, dann wolltest sie

schon tragen. -- Hast du diese abscheulichen Worte gesagt?«

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 23 / 55 题