»Das ist nit die Hand, mein Lieber, das ist der Schnaps.«
»Junger Herr!« lispelte der Krauthas, und um die Mundwinkel spielten
zuckend die Halbringe. »Du mir mein Schligerwitz nicht schmachen! Der
ist wohl ein gar guter Kamerad, muß ich dir verraten. Hast eh kein
Schneid! Sauf Schligerwitz!«
Und mit dem Kopfe den Takt wiegend, trällerte er grinsend:
»Der Schligerwitz, der Schligerwitz,
Der is a guater Spatzenschütz,
Der macht a Schneid und gibt a Hitz,
Der Schligerwitz!«
»Halt’s und bring was z’ trinken! Hast kein’ andern?«
»Wisset, bedenket, meine Herren,« bekannte nun der Köhler, »dasmal ist
er nit recht g’raten. Sechs Jahr bin ich Soldat g’west. Und dennoch
gehen’s auf mich los wie die Hund. Weil ein armes Leut nix haben darf.
Verboten haben’s mir das Brennen. Heimlich muß ich’s tun -- bei der
Nacht. Da muß mir was in den Kessel sein g’fallen oder was immer. Ich
kenn’s eh selber, er hat ein Gruchen.«
»Larifari. Brennt hast was Schlechtes. Soll ich dir sagen, was d’
brennt hast?«
Beim Jackenflügel faßte der Köhler den Gerhaltbuben, der so gefragt
hatte, zerrte ihn abseits, als ob’s die andern nicht sollten hören
dürfen, und flüsterte: »Ein guten Weiberleutfanger hätt ich.«
Der junge Gerhalt verstand das nicht. Der Kruspel aber, der gelauert
hatte, verstand es.
»Her damit, Krauthas!« kreischte er.
Da begann der Köhler mit Umständlichkeit an dem Riedheu herumzutun, das
dort im Winkel gehäuft war, und es kam ein Fäßchen zum Vorschein. Roter
Schnaps, süß und süffig. Von dem da, so berichtete her Köhler, täten
die Holzknechtburschen im Sommer, wenn sie auf die Alm gehen zu den
Schwaigerinnen, gerne mitnehmen. »Zum Drankriegen.«
Der schon, der tat’s.
»Gelt!« sagte der Krauthas, strich dabei an den Friedl und fragte, ihn
vertraulich angrinsend, ob ihm nichts wäre?
»Was soll mir denn sein?«
»Na ja -- hab halt g’meint. -- Was sagt ihr zu dem da?«
Ein Büschel Spielkarten warf er auf den Tisch.
»Die sollst erst einmal ins Bad schicken,« spottete der Friedl.
»Geh, meinst?« entgegnete der Krauthas pfiffig. »Kunntst dich ja von
der Herzdam nit trennen!«
»Wer, ich?«
»Tragst sie eh Tag und Nacht an deiner schneeweißen Brust.«
»Ich? Wen? Die Herzdam?«
»Wettst was, du tragst auch jetzt die Herzdam unterm Brustfleck?«
»Die wird wohl bei ihren Kameraden liegen,« sprach ein Gerhaltssohn und
suchte im Kartenbüschel nach der Herzdame.
»Selm wirst sie nit finden,« gixte der Köhler, »die duckt sich jetzt an
des jungen Herrn Fridolin Rufmann sein heißes Herz.«
Der Friedl konnte nicht einmal lachen, so schlecht war der Witz.
»Was wettest?«
»Was du willst, Narr.«
»Ein Fassel Rosoli.«
»Wegen meiner!«
»Alsdann nachher greif halt einmal eini,« sagte der Krauthas gemütlich.
Der Friedl tastet in seinem halboffenen Westenlatz herum. »Teuxel, was
ist denn das da drinnen?« Und wie er die Hand hervorzieht, hat er die
Herzdame.
Gelächter, Geschrei. Mit einem heiteren Fluche schleudert er das
schmutzige Blatt in den Winkel. Und jetzt bezahlt der Friedl allen
Rosoli, der heute getrunken wird. Von dem konnte man schon mehr
hinabtun, der kratzte nicht, der schmeichelte.
Plötzlich ging der Kruspel auf den Kohlenbrenner los: »Du, sag mir
einmal, wo hast es denn? Wo hast es denn versteckt heut?«
»Was versteckt?«
»’s Menschl!«
»Ah, das meinst. Das ist jetzt in Löwenburg unten. Der Fratz hat Glück.
Ist eine Stadtdam worden. Na, ich glaub’s, daß sie sich dorten besser
steht wie in der Bärenstuben.«
Der Kruspel zog seinen langen Kinnbacken auf und nieder und sagte:
»Geh, schwarzer Ganggerl, tu uns den Gefallen und tausch mit ihr.
Nachher werden wir uns auch besser stehen.«
»Gib du lieber Achting, Kruspel, daß dir dein Kinnbacken nit abfallt!«
lachte ein anderer.
»Keine Amtsbeleidigung! Ich versteh kein’ Spaß, mein Lieber!«
»Aber ich bitte dich, Kaiser-königlicher, das sieht man ja.«
»Wisset, was dem gesund wär?« sagte der Gerhaltsohn, dem Kruspel lustig
die Hand auf den Buckel schlagend. »Dem sollt’ man einmal einen Schuß
Sauborsten in die Haut kitzeln.«
Der Schotterer nahm das für eine Auszeichnung und grinste.
Derweil hub der Krauthas an, seinen schlangenlangen Leib zu wiegen wie
eine kokette Tänzerin und gewisse Liedln zum besten zu geben.
»Ih hon, ih hon an olt’n Wetzstoa,
Mei Muada sogg, ich sult’n wektoa,
Mei Voda sogg, ich sult’n g’holtn --«
»Halt’s Maul!« fuhr ihn einer an, dem der folgende Vers nur allzugut
bekannt war.
Daraufhin stellte sich der Försterfriedl zu den Gerhaltbuben und sie
sangen hell und frisch den »Dreispannigen«, einen dreistimmigen Jodler,
der die heiseren Ausgelassenheiten des Kohlenbrenners überjauchzte.
Aber sie mußten abbrechen, denn plötzlich krümmte der Krauthas sich
zusammen und begann zu wimmern: »Magenweh! So viel Magenweh! Weiß der
Teuxel, es muß mir was Unrechtes drin liegen!«
»Ja, deine Schweinereien!« sagte der Gerhalt.
»Sei so gut, Gerhalt, zieh mir das Bandel außer!« jammerte der Köhler
kläglich. Das Ende eines blauen Bandes stand ihm aus dem Munde hervor.
»Ein Schürzenbandl hat er g’schluckt!« lachte der Gerhaltsohn, »aber
beiß mich nit!« Faßte das Band und zog an. Dieses kam aus dem Munde
hervor, es war lang, es kam immer und immer heraus, es brach nicht
ab und endete nicht. Schon ellenlang schlängelte das Band sich auf
dem Fußboden und immer noch spann es der junge Gerhalt hervor. »Dem
Krauthasen sein Bandwurm!« Unbändig lachten sie, bis endlich doch die
Sache zu Ende war. Der Köhler bedankte sich gar drollig, versicherte,
jetzt sei ihm wohl, und schickte sich an, noch andere »Zaubereien« zum
besten zu geben, um seine lustigen Gäste noch lustiger zu machen.
»Trinkt’s, Buben, morgen sein mer eh in der Höll!« rief übermütig der
Friedl und schenkte die Gläser voll.
Da klirrten die Fenster.
Sie stutzten.
»Was ist denn das?«
»Was ist denn das jetzt g’wesen?« --
»Schon wieder!«
»Die Lahnen! Die Lahnen!«
Sie stürzten vor die Tür.
An den Hängen hallten die Donner. An mehreren Stellen sah man es über
den Waldwipfeln hoch aufstäuben. Dort drinnen über die weiße Fläche der
Wildwiesen herab glitt scheinbar langsam und schwer eine Masse, hinter
sich einen breiten, dunklen Streifen lassend. Aber fast gleichzeitig
brach es auch vom nahen Berghang herab, daß der Boden schütterte.
Der Köhler faßte seinen Kopf mit beiden Händen, eilte in die Hütte
zurück und wimmerte. Das war ein anderes Wimmern als vorher um das
Magenweh. Ein Stöhnen der Angst war’s jetzt, ein wahrhaftiges. Und als
der Friedl hineinlief, um seinen Hut zu holen, umschlang der Köhler ihm
die Beine und wimmerte: »Bleib! Bleib da! Mein liebster Herr Friedl,
bleib da bei mir. ’s ist der jüngste Tag.«
»Der ist noch lang nit, schwarzer Kohlenbrenner! Morgen kriegst das
Geld für den Rosoli.«
Und haben ihn allein gelassen in seiner Armensünderangst.
Gegen Abend, als der Schnee fror und es in den Bergen wieder ruhig
geworden war, gewann der Krauthas auch seinen Mut. Als er die
Gläserreste auf den Erdboden goß und Ordnung machte, sah er auf dem
Tisch etwas Glänzendes liegen -- ein schönes Zeuglein. Er beguckte es
von allen Seiten, kniff die Lippen ein: »Schau, schau, da hat mir einer
ein Präsentel gemacht. Das ist gescheit.«
Und schob es in seine Hosentasche.
Eine himmlische und eine irdische Jungfrau.
Die Burschen ulkten heimwärts. Wo es Schnee gab, da bewarfen sie
sich mit Ballen. Wo ein Tümpel war, da suchte einer den anderen
hineinzuleichen, und der Kruspel mußte wiederholt wegen Beleidigung
einer Amtsperson vorstellig werden.
Als sie durch den Hals hinauskamen und das Forsthaus nahe war, wurden
sie anständiger. Ihre Rauchzeuge zündeten sie an. Der Friedl hatte
keine Zigarren mehr. So wollte er sich ein Haselstöcklein schneiden, um
etwas in der Hand zu haben zum Spielen. Er langte mit der rechten Hand
in den Sack, dann langte er mit der linken Hand in den anderen Sack,
dann wandte er sich um und schaute auf den Weg zurück und dann brach er
den Holzzweig mit der Hand ab. Nun hatte er etwas zum Fuchteln, das ist
anstatt der Zigarre.
Im Forsthause angelangt, vernahm Friedl, daß Gäste da seien. Der
Michelwirt mit seiner Tochter. Der Steirerwagen stand in dem
Holzschuppen.
Der Bursche wurde bei dieser Wahrnehmung fast nüchtern. Aber er wagte
sich nicht ins Haus, warum, das wußte er nicht recht. Er führte seine
Kameraden auf die Kugelbahn, die oben am Waldrande war. Doch keiner
traf etwas, die Amtsperson traf nicht einmal den Laden und warf weich.
Da sangen sie spottend: »Der Schligerwitz, der Schligerwitz!«
In der guten Stube des Forsthauses war es schon seit frühem Nachmittage
hoch hergegangen. Ja, der Michel war wieder einmal da. Der Förster
hatte seine Klampfen, wie er die Laute nannte, vom Wandnagel genommen,
und so konnten sie sich wieder einmal satt singen miteinander.
Schade, daß der schöne Einklang dieser Stimmen von niemandem weiter
gehört werden konnte als von der Helenerl, die in ihrem dunkelgrünen
Sonntagsgewand auf der breiten Ofenbank saß und mit innerem Behagen an
einem feinen Strümpflein strickte; und von der Sali, die heimlich ihr
Ohr ans Schlüsselloch hielt; und von dem Waldl im Hof, der gerührt über
den lieblichen Sang heulen mußte.
Weil es in der tiefsten Fastenzeit war, so wählten sie fromme Lieder.
Michels Kehle hatte dafür einen weichen Mollton. Der geheimen
Horcherin, die eine besondere Marienverehrerin war, zur Freude sangen
sie die süßinnige Weise vom armen Dienstmägdelein.
»Es war ein armes Dienstmägdelein,
Gar keusch und rein im Leben.
Das ging wohl alle Tage in Wald
Und fand sie eine Bildnus bald,
Sie tragt’s mit großen Freuden.
Die Bildnus war all verwüst und wild,
Die Bildnus war wohl zu bekleiden;
Sie tat es zieren wunderfein
All Tag mit einem Blümelein,
Wie s’ stunden auf der Heiden.
Es stund wohl an sechs Wochen lang,
Da ward das Mägdlein tödlich krank,
Sie wollt’ zu Haus nit bleiben;
Zwei Priester zogen wohl durch das Land
Und über dieselbige Heiden.
Der Weg war ihnen unbekannt,
Zwei Straßen taten sich scheiden.
Sie setzten sich nieder ganz müd und matt,
Der erste, der einschlafen tat,
Der andere tat umschauen.
Da sahen sie ziehen eine ganze Schar
Der schönesten Jungfrauen,
Und in der Mitt’ die Helferin,
Maria, die Himmelskönigin,
Noch schöner anzuschauen.
Der Priester fallt nieder auf die Knie,
Er tat sie so schön fragen,
Wo sie wollte gehen hin.
Die hohe Himmelskönigin
Maria tat ihm’s sagen:
Sie sagt es ihm gar herzlich fein,
Wohl zu dem armen Dienstmägdelein,
Wie sich’s hat zugetragen.
So gingen sie der Heiden zu
Und nach dem Mägdlein fragen.
Sie gingen wohl ins Haus hinein,
Da sahen sie das arme Dienstmägdelein
In großen Schmerzen liegen,
Maria stund ihr wohl zur Seit’
Und tat sie so schön küssen.
Da rufen’s die Priester zur selbigen Stund,
Das Wunder, das geschehen:
Jetzt fallt’s nur nieder auf die Knie,
Jetzt ist die Mutter Gottes hie!
Da haben sie’s nimmermehr g’sehen.
Um so viel eh haben das Wunder wohl
Die Priester aufgeschrieben,
Dem höchsten Gott zu Lob und Ehr’
Dem Menschen auch zu seiner Lehr’:
Maria allzeit lieben.«
Während die zwei bärtigen Männer in der Stube dieses liebliche Lied
gesungen, hatte die Sali hinter der Tür schon wieder was zu greinen:
»Jetzt glaub ich ihnen gar nix mehr! Sie mögen noch so viel schelten
und fluchen -- fromm sinds! Sie mögen den höllischen Ganggerl anrufen,
so oft sie wollen, in Himmel kommens. Wer unserer lieben Frau so schön
tut singen, den verlaßt sie nit.«
Nun hatten die Sänger noch einen anderen Zuhörer, den sie in allen
Weiten des Waldes glaubten an diesem schönen Sonntagsnachmittag. Elias
lag oben in der Schlafstube zu allerlängst auf dem Boden. Er hatte ganz
leise den Holzschuber aufgemacht, der dazu bestimmt war, des Abends
die Ofenwärme der großen Stube in die Schlafkammer zu leiten. Heute
strömte durch die Öffnung süße Maienluft hinauf, im Liedesklang von der
heiligen Jungfrau Maria.
Der Junge hatte Angst, sie würden das Lied unterbrechen, wenn sie sein
Schluchzen hörten. Die Jungfrau Maria war ja seine heimliche Liebe,
von der er niemand was sagte. Seit die Sali ihm als kleinem Knaben
die Marienlegenden erzählt, war dieses himmlische Anbild in ihm. Als
Kind hatte er in Marien die Mutter verehrt, als Jüngling liebte er in
ihr die Jungfrau. Von einem Rosenkranze umgeben, von Engeln umkreist,
im schneeweißen Gewand, auf dem Haupte die Krone der Himmelskönigin,
ganz wie im Liede, so steht sie vor ihm, wenn er betet oder wenn er
aufwacht in stiller Nachtstunde. Ernst und gütig, so schaut sie auf ihn
herab, und aus den milden Händen, die sie über ihn hält, gehen lichte
Strahlen nieder auf sein Haupt: Die heilige Inbrunst seines Herzens,
die er nimmer konnte herausbeten, die ihm fast weh tat -- in der
wundersamen Melodie dieses Liedes löste sie sich selig. Darum mußte der
Junge so schluchzen.
Die Sänger stimmten ihre Saiten und räusperten sich für was anderes.
Da schlich Elias hinaus, das Marienlied wollte er sich durch keinen
anderen Klang aus dem Ohre scheuchen lassen.
Die Sali hatte sich auch zurückziehen müssen von ihrem Horcherwinkel,
um den Kaffeetisch zu besorgen. Milch und Sahne, Weißbrot und Butter
waren schon lange erwogen und bereitet. Kaffee, die feinste Art, wie
man sie in Eustachen nicht kriegt, die man draußen beim Kaufmann in
Ruppersbach holen muß. Nun steht alles auf dem zierlich gedeckten
Tische bereit; aus der Tasse dampft heiß herzerfreuender Geruch -- und
nun dankt der Michelwirt freundlich und sagt, Kaffee trinke er nicht.
Anfangs ist die Sali sprachlos. Allmählich kommt sie zu ihren Kräften.
Mit umflorter Stimme, der schier das Weinen nahe, in dumpfem Ernste
fragt sie ihn, weshalb er denn eigentlich die Einladung zum Kaffee
angenommen habe, wenn er keinen Kaffee trinke?!
Dieser Mensch ist so leichtsinnig, daß er lachen kann. Wegen eines
Essens sei er nicht gekommen, das habe er zu Hause auch. Er nähme am
Nachmittag überhaupt nichts. Zum Plaudern und Singen sei er da und zu
sonst nichts. Und ließ die Schale klappfest stehen, bis sie eine Haut
hatte. Und saß munter am Tische und strich mit beiden Händen seinen
Bart. Dieser lange, schwarze Bart! Nie noch war dieser Bart der kleinen
Alten so zuwider gewesen als jetzt, da der Mensch ihr den Kaffee
verschmäht. Die Helenerl konnte nach Herzenslust und mit noch so feinem
Schick ihr Butterbrötlein streichen und aus der weißen Schale schlürfen
-- der Sali Freude war dahin. Belebte sich auch nicht mehr, als der
Michelwirt mit schmatzendem Behagen Honigbrot aß und alles, was da war,
überschwänglich lobte.
Mit drolliger Beklommenheit steckte es ihm dann der Förster: »Ist nicht
wieder gutzumachen, Freund, es ist nie wieder gutzumachen! Du kannst
sie als Ehebrecherin oder als Leichenschänderin verleumden, sie wird
dir verzeihen. Aber daß du ihren Kaffee verschmäht hast, das verzeiht
sie nimmer.«
Nach dem Kaffee ging die Helenerl einmal ins Freie, um sich noch vor
dem Abenddunkel die kleine Wirtschaft anzusehen.
Sie begegnete dem Studenten, neben dem sie ein Weilchen einherschritt.
Er redete aber nicht viel.
Obschon auch sie auf das Reden nicht eingeschlossen war, zu dem möchte
sie doch was sagen. Wenn sie nur wüßte, was man mit so einem kleinen
Studenten spricht. Ihre gegenseitige Verlegenheit kam ihr übrigens ganz
lustig vor. Ja wahrlich, sie könnte ihn fragen fürs erste, ob er nicht
einen Kaffee wollte trinken gehen, fürs zweite, ob er schon ein wenig
Messe lesen könne? Überlegte sich’s aber, ob das eine, das Bemuttern,
sich bei so einem jungen Stadtherrn wohl schicke, und ob er das andere
nicht etwa für ein Gespötte halten könne.
Er ließ sie rechts gehen, blieb ihr aber zwei Schritte im Abstand. So
gingen sie nebeneinander bis zur Brücke und über dieselbe. Und auf
derselben sagte sie: »Das Wasser tut so stark rauschen, daß man kein
Wort versteht.«
»Ja,« antwortete er und zog das Wort in die Länge, daß es zur
Not auch für zwei gelten konnte. Er hatte also doch verstanden,
trotz des Wasserrauschens, und war wieder das ganze Gespräch vom
Nichtverstehen überflüssig gewesen. Jenseits der Brücke lagen noch
Schneereste und dabei die Bretter, teils entzweigebrochen, teils noch
aneinanderhängend. Der zerstörte Brunnen quoll irgendwo aus der Erde
und sumpfte den Boden.
»Da soll ja die Kapelle gestanden sein,« sagte sie.
»Ja. Da ist sie gestanden.«
Nach einer Weile wieder sie: »Ist’s wahr, daß sie eine Schneelahn hat
umgeschmissen?«
»Ja, ’s selb ist so. Eine Schneelahn.«
Und wieder nach einer Weile: »Um die Kapelle wird Ihnen wohl recht leid
sein, Herr Elias Rufmann?«
»Eh na. Ist ein alter Scherben gewesen.« So er und nichts weiter.
Da dachte sie, jetzt laß ich’s bleiben. Und war froh, daß der andere
kam.
Auf der Kugelbahn hatte der Friedl, während er just die Kugel
hinausgeschoben, bemerkt, daß Michelwirts Helenerl dort mit seinem
Bruder Elias ging.
Alle neune konnten fallen, seinetwegen! Er guckte nicht weiter danach,
er eilte hinab und über die Brücke.
»Du bist ja nicht artig, Elias!« rief er lustig, nahm unter schöner
Verbeugung den Arm des Dirndels und hing ihn in den seinen. Dabei
lehnte er sich gleich etwas zu stark an, so daß sie leicht zurückwich.
»O, verzeih!« sagte er lachend, »weißt, wenn einer den ganzen Tag auf
dem Steinhaufen herumgekugelt ist, da tut’s wohl auf dem Blumenbeetel.«
»Sehen Sie, Herr Elias!« redete sie über die Achsel gegen den Studenten
hin, gleichsam: Daran nehmen Sie sich ein Beispiel, so muß man’s
machen, wenn man mit einem Mädel geht!
Dann erzählte der Friedl, wie er den Tag über mit bösen Buben
umgegangen sei, so daß Gefahr bestehe, er könne auch selber einer
werden, wenn er nicht noch knapp vor Abend sich an ein liebes Mädel
mache.
»Bedank mich schön!« antwortete die Helenerl, was freilich ein Spott
war, aber ein solcher, für den sie wünschte, daß er nicht übelgenommen
werde. Übelgenommen? Nein, das wurde er durchaus nicht. Im Gegenteil,
der Bursche gesellte sich noch traulicher, plauderte ihr so nahe ins
Gesicht hinein, daß es ein paarmal knapp daran war, sein Mund könne
ihre Wange berühren. Die Wirtstochter machte sich nicht viel daraus,
sie kannte schon vom Wirtshaus her die Art junger Männer, die etwas
unbedacht getrunken haben. Sie hielt ihr Gesichtchen nur ein wenig
gegen die andere Seite.
»Aber gar so neidisch sein, Helenerl!« scherzte er. »Laß mich doch
deine Äugerln anschauen, wird eh bald finster!«
Sie wendete ihr blondes Köpfchen und ließ sie ihn wirklich anschauen.
Er tat das schier gründlich und sie schauten sich treuherzig in die
Augen.
So waren sie wieder zurück über die Brücke gegangen. Hinter ihnen drein
Elias. Das war ihm einmal etwas Neues. Hatte er schon früher keine
Worte gefunden, jetzt fand er auch keine Gedanken. Er war verblüfft.
Zum Hause gekommen, nahm die Helenerl rasch ihren Arm an sich und
ließ den Friedl allein stehen. Er schaute ihr nach und schnalzte mit
der Zunge. Zum Fenster rief die Sali heraus, wo sie denn alleweil
herumgäulen täten, die Buben? Ob sie den Kaffee das drittemal aufwärmen
solle?
Während die beiden Alten in der großen Stube bei der angezündeten
Lampe und beim Glase Wein noch frohgemut beisammensaßen, plauderten,
erzählten, dann wieder eins sangen, gingen die Brüder noch einmal
über die Brücke und drüben auf der Straße gegen die Schlucht hinein.
Es dunkelte schon stark. Sie hatten eine Unterredung. Der Friedl
hatte erzählt, daß aus dem Schneekugeltreiben auf der Wildwiesen
nichts geworden war, weil die Lahnen gingen, daß es hingegen aber
um so lustiger beim Krauthasen hergegangen. Das wäre ein närrischer
Kauz, dieser Krauthas, und was er für Kunststückeln mache mit den
Spielkarten, mit Bandeln und anderen Sachen. Feuerfressen könne er
auch. Etwas unsauber, aber komisch. Ein kohlschwarzer Zauberer, den
müsse der Elias doch einmal anschauen gehen.
»Ich muß morgen wieder hinauf zu ihm; willst mit?«
Elias sagte rundweg nein.
»Na ja, ’s ist auch noch ein zu kalter Wind für dich in der
Bärenstuben. Später einmal gehen wir miteinander hinauf. Mußt dir doch
auch einmal den Holzschlag anschauen, wo ich meine Arbeit hab. Und
nachher gehen wir wieder einmal miteinander auf die Seealm. Weißt, wie
dazumal.«
»Laß mich aus mit der Alm!«
»Weil du damals noch ein Fratz bist gewest. Wenn man groß ist, schaut’s
auf einem hohen Berg ganz anders aus. Da mußt einmal mit.«
»Ja, vielleicht geh ich einmal mit.«
Auf das Klappern oben am Waldrande sagte der Friedl: »Haben die Bären
sich immer noch nit genug Kugel geschoben! Man sieht ja nix mehr.
Die Gerhaltischen sind solche Kegelfresser. -- Elias, du bist ein
Musterbruder!«
Da er seinen Arm zärtlich um den Nacken des Studenten legte, so fragte
dieser gelassen: »Willst was von mir?«
»Bloß zehn Kronen, aber die muß ich haben.«
»Und die soll ich dir borgen?«
»Na, gerade das verlange ich nit,« lachte der Friedl, »kannst mir sie
auch schenken.«
»Und wenn ich nichts habe?«
»Ich bitte dich, du hast immer was.«
»Und warum hast denn du nichts? Kriegst mehr als ich im Monat,
verdienst dir auch was, ich verdiene mir nichts.«
»Und brauchst auch nix. Weil du ein braver Junge bist.«
»Und du?«
»Ich? Ein Lump. Das heißt, nein, noch bin ich keiner. Daß ich halt
alleweil so viel aufg’legt bin zu allem, was lustig ist. Und daß alles
Geld kostet, was lustig ist, ich kann nix dafür. Ist so weit ja nix
Schlechtes. Aber wenn man was verspricht und nit hält, dann ist man ein
Lump. Und so einer bin ich schon morgen, wenn ich die zehn Kronen nicht
hab.«
Elias machte ein strenges Gesicht. An seinen Professoren hatte er es
gesehen, wie man die Stirn runzelt und die Augensterne zurückzieht,
tief in die Knochen hinein. »Friedl,« sagte er, »weil wir schon von
Lumpen reden, wie heißt denn ein Mensch, der was verspricht und weiß,
daß er’s nicht halten kann?«
»Das hab ich nit gewußt heute drinnen beim Krauthasen. Auch dich hätte
er so gefangen.« Dann erzählte er die Geschichte von der Herzdam, von
der Wette und vom Rosoli. »Es ist eine Spielschuld, mein Lieber!« sagte
er, um die ganze Größe der Angelegenheit darzutun. »Und jetzt, ob ich
morgen ein Lump bin oder nit, das kommt auf dich an.«
»Hörst du, das ist eine Erpressung!«
»Wer ist schuld als du, wenn du nit hergibst!« sagte der Friedl lustig.
»Gut, aber zu Ostern mußt du mir meine Sache zurückgeben.«
»Elias,« sagte der Friedl, »zurückgeben, das kann ich nit versprechen.
Damit du siehst, daß ich kein Lump bin.«
»Nun, dann muß ich freilich.«
Der Junge zog aus dem Hosensacke sein Geldtäschchen, es war nichts drin
als ein einziger sorgfältig zusammengefalteter Zehnkronenschein.
»Aber das ist das letztemal. Du mußt dich bekehren. Nimm dir ein
Beispiel an unserem Vater.«
»Wär mir nit zuwider. Vormittag beim Michelwirt Wein trinken und
nachmittag zu Haus Wein trinken. Geh, schau nit so grantig. Will mich
ja bessern. Seh’s eh ein, daß es so nit kann fortgehen. Es ist halt
just einmal zu lustig auf der Welt.«