Elias sagte: »Gelt, Bruder, wir wollen nimmer übermütig sein!«

Der Friedl nickte bedenklich mit dem Kopfe: »Wenn uns heut’ der Alte

karabatscht!«

Der Alte tat nichts, er wußte es ja auch nicht, welcher Spatz die

»Schneelawine« veranlaßt hatte. Aber die Sali! Die machte kein

schlechtes Wetter, als sie den ohnehin immer kränkelnden Studenten

durch das Schneegestöber herankommen sah. Und zwar ohne Überrock

und ohne alle jene Umwicklungen, mit denen sie ihn mittags unter

Einschärfung strengster Obacht entlassen hatte.

Das Beängstigende zuerst war, daß sie nicht greinte, daß sie schwieg.

Dann fuhr sie sich verstohlen mit ihrer Schürze über das Gesicht und

endlich sagte sie ganz gedämpft: »Mit den Kindern ist wohl ein rechtes

Kreuz!«

Dann fragte sie den Jungen: »Ja so sag mir doch um Gottes willen, seit

wann ist’s denn, daß der Mensch sich selber darf umbringen!«

Aber die Betrachtungen dauerten nicht lange. In drohendem Zorn befahl

sie dem Elias, sich ganz augenblicklich auszuziehen und ins Bett zu

legen. Dieweilen brüllte im großen Ofen der Schlafstube auch schon das

Feuer. Die Sali wärmte an demselben schleunigst die Bettdecken und warf

sie über den Jungen. Alle Decken und Kotzen und Kissen, die im Hause zu

finden, trug sie herbei und schichtete sie über den armen Elias, daß

er kaum Atem holen konnte. Solange er noch zu sprechen vermocht, hatte

er beteuert, daß ihm ganz und gar wohl sei, daß er sich gewiß nicht

erkältet habe. Sie wies nur auf sein nasses Gewand, und es half ihm

nichts, er wurde lebendig begraben.

Mittlerweile tat die Hilfsmagd schon spanischen Tee kochen, den er heiß

verschlucken mußte. Ferner bekam er für die Nacht an den Füßen noch

einen heißen Backstein und heiße Hafendeckeln über den Magen.

Der Junge benützte die Lockerung der Hüllen, um immer wieder

auszurufen: »Aber Sali, mir fehlt ja nichts. Ich bin ja ganz gesund.«

»Macht nix. Du wirst schwitzen.«

Das tat er im Übermaß.

Gegen Mitternacht, als er buchstäblich in Schweiß gebadet war,

versorgte sie ihn mit frischer, durchwärmter Wäsche, trug dem Friedl

auf, alle halbe Stunden nachzusehen, ob der Bruder gut zugedeckt sei,

fühlte ihm noch den Puls, ob nicht doch das Fieber da wäre, zog dann

mit dem rechten Daumen über sein Gesicht ein Kreuz, und endlich ging

sie beruhigt in ihre Kammer.

Am nächsten Morgen war der Student frisch und munter. Die Sali sprach

nichts mehr von der Sache, gehabte sich aber den ganzen Tag in jener

getragenen Stimmung, die der Mensch nach einer großen Tat empfindet.

Sie hatte ja dem lieben »Geistlerbuben« das Leben gerettet!

Der Schligerwitz, der Schligerwitz, der ist ein guter Spatzenschütz!

Seit dem Rodeln und dem bedenklichen Schneeballen auf der

Siebentaler-Leiten waren kaum drei Tage vergangen, als der

Försterfriedl fand: »A Hetz ist’s g’west!« Den Eustacher Kameraden ließ

er durch einen Baumrindenführer kund und zu wissen tun, sie sollten

am Palmsonntag in die Bärenstuben hinaufkommen zu einem ordentlichen

Schneeballwälzen.

Drei Büchsenschuß weit hinter dem Forsthause, beim sogenannten Hals,

wo das Tal sich engt und die Tauernach, neben ihr das Sträßlein sich

windet, zweigt rechter Hand ein Graben ab. Ein steiniger Weg, der

sich immer mit einem ungebärdigen Bächlein verflicht, führt hinein zu

einem Talkessel. An den Lehnen Wald; Holzschläge und, steile Matten.

Der Talboden ist eine Schutt- und Sandhalde, auf deren geschützteren

Stellen Erlengebüsch wuchert. An die Berglehne gebaut ist eine ganze

Stadt von Scheiterstößen, und davor eine Köhlerei mit rauchenden

Meilern. Dieser hochgelegene Talkessel heißt die Bärenstuben. Von Zeit

zu Zeit geht das Gerede um, daß dort in unzugänglichen Höhlen noch

Bären hausen, die in die Ziegenherde der Holzknechte brächen und sogar

die Almkühe nicht verschonten. Es heißt, man finde wirklich bisweilen

zerrissene Körperteile einer Ziege oder eines anderen Tieres; den Bär

will auch mancher gesehen haben. Wenn der Förster der Sache aber näher

auf den Grund geht, verflüchtigt sich alles und bleibt nichts zurück

als die Bärenstuben mit den Holzknechten und dem Krauthasen.

Der Krauthas, das ist der Kohlenbrenner, den wir schon einen

Augenblick gesehen haben, und zwar bei jenem Faschingbegraben mit

der Siebenschellenkappe, dererwegen die Leut ihn mit dem Rufe

»Schellsiebener« gefeiert haben. Eine größere Ehre ist diesem Manne

sein Lebtag nie widerfahren.

In den Gruben und schattigen Mulden waren zurzeit noch Schneeaugen. Die

Berghänge im Hintergrunde des Kessels blinkten in der Sonne blendend

weiß, als ob dort der Schnee überglast wäre.

An der Köhlerei war es, wo die Burschen zusammenkamen. Der Friedl wußte

in diesen Gegenden Bescheid. Da mußte er sich die Woche über plagen

im Holzschlag, da durfte es Sonntag wohl einmal auch eine Lustbarkeit

setzen. Elias war nicht mitgekommen. Er habe an dem Schneeballen auf

der Siebentaler-Leiten gerade genug gehabt.

Den Krauthasen fanden sie hoch auf einem der runden, rauchenden Meiler

stehen und mit einer Krücke die Lösche festpracken an Stellen, wo

Feuer zum Vorschein kommen wollte. Der Köhler, ein schlanker, hagerer

Mann, war über und über schwarz. Die schlotternde Zwilchhose, mit

einem Strick festgebunden, war einmal grau gewesen. Die gestrickte

Wollenjacke des Oberkörpers war einmal rot gewesen. Die Tuchmütze auf

dem Kopfe war einmal blau gewesen. Jetzt alles schwarz. Im verrußten

Gesichte das Weiß und die roten Ränder der Augen, da guckte aus dem

Teufel der Mensch hervor.

»Krauthas, steig herab und gib uns ein Schligerwitz!« rief der Friedl

dem Köhler zu.

Der torkelte gleich vom Meiler.

»Junge, saubere Herren da? Muß man wohl, muß man wohl gleich!«

Ein dünnes, fistelndes Stimmlein. Den Kopf neigte er schelmisch

lauernd vor; das seine gewöhnliche Haltung, denn der Krauthas war

»gnackbucklig«.

Sie gingen in die Hütte. Die war dunkel, aber geräumig. Drei kleine,

niedrige Fenster ließen wohl so viel Tag in das Blockhaus, daß auch

ungeübte Augen imstande waren, die Einrichtung zu unterscheiden. An

der Ecke ein roh gemauerter Herd mit glosenden Kohlen, daneben eine

Bretterpritsche mit Stroh und einem alten Lodenmantel. Dann eine Truhe,

als Vorratskammer verwendet. An der anderen Wand mehrere ungefügig

gezimmerte Brettertische. In früherer Zeit war noch ein zweites Bett

dagewesen, in dem das Weib und das Töchterl beieinander geschlafen.

Seitdem aber das Weib durchgegangen und das Töchterl »in Diensten«

verreist war, wie der Krauthas sagte, konnte aus der Bettstatt ein

Tisch gebaut werden für Gäste. Holzknechte sprachen gerne zu, auch

Rinden- und Kohlenführer, im Sommer auch Halter, denn der Krauthas

schenkte einen Fusel, den er »Schligerwitz« nannte.

Nun stellte er -- »wieviel seid Ihrer denn? Siebene?« -- sieben

Stengelgläschen zurecht, hob aus der Truhe einen irdenen Plutzer und

ließ mit feierlicher Gebärde das gelbliche Brünnlein rinnen.

»Packt ihn an, Prinzen!«

Das kratzte einmal, so daß die Buben mit scharfen Atemstößen aus der

Brust ihre Kehlen ausfegen mußten. Der Friedl warf eine Krone auf den

Tisch, sie drollerte eine Weile und blieb endlich liegen. Das ist für

alle.

»Wir müssen anrucken.«

»Wohin wollt ihr denn?« fistelte der Köhler.

»Auf die Wildwiesen, Schneekugel treiben.«

Der Krauthas drehte den Kopf schief, schielte so in die Krume.

»Schneekugel treiben? Auf der Wildwiesen? -- Teuxelsbuben seid ihr.

Darf ich nachkommen mit einem Plutzerl?«

»Gilt schon! Komm nach!«

»Schau, schau!« pipste der Köhler, »auf der Wildwiesen, da werden s’

dir aber nit schlecht herabteuxeln!«

»Schaden tun können s’ nit da drinnen,« sagte der Friedl.

»Wenn s’ kein’ Bären treffen. Sonst nit. Na, alsdann, meine Herren, ich

komm nach!«

Dann voran durch das Hochtal. Weg und Wasser hatten im Sande sich

verloren, die Burschen gingen, sprangen, hüpften über das Steinwerk so

dahin.

Blieb auf einmal einer der Gerhaltsöhne stehen, schaute himmelwärts und

sagte: »Das ist g’spaßig. Nit ein Fetzerl Gewölk, und mir ist’s gewest,

als hätt’s gedonnert.«

Weiter drinnen begegnete ihnen ein alter Holzknecht. »Wo denn hin,

Buben?« fragte er.

»Auf die Wildwiesen.«

»Auf die Wildwiesen?«

»Tut’s der Schnee? Wir wollen Schneekugel treiben.«

Der Alte schaute mit Staunen den Friedl an.

»Und der Försterische will auch mit? Der sollt’s doch wissen.

Schneekugel treiben, jetzt im Frühjahr, wo die Lahnen abgehen! Seit

gestern fahren sie. Man kann’s eh hören. -- Buben, da ist’s nix mit dem

G’spiel!«

Sie schauten einander an und berieten sich. Es war dumm. So weit herein

und umsonst. Die einen wollten doch hinauf. Aber der Friedl war jetzt

für die Umkehr.

»Ich hab’s halt nicht gewußt, Kameraden, daß der Teufel schon jetzt

roglig wird. Die Lahnen heben doch sonst erst nach Ostern an.«

»Ganz nach dem Wetter,« sagte der Holzknecht. »Jetzt gehn’s halt einmal

ab. Laßt sich nix machen. Na, tut wie ihr wollt, g’sagt hab ich’s

euch.« Und ging mit geknickten Knien weit ausschreitend seines Weges.

In den Bergen war wieder ein dumpfer Donnerhall.

»Wißt was, Buben,« schlug der Friedl vor, »gehn wir zurück. Kehren wir

beim Krauthasen ein auf ein Schligerwitz.«

So haben sie es auch gehalten und ist’s gar lustig geworden in der

dämmerhaften Kohlenbrennerhütte.

Der Krauthas gestand, er habe sich wohl gedacht, daß sie ehzeit wieder

zurückkommen täten. Und er war bereit. Vom Gesicht hatte er sich den

Kohlenstaub gewaschen, daß es nun beinahe menschlich aussah. Der Mann

war jünger, als er auf seine geknickte Körperhaltung hin geschätzt

wurde. Das Gesicht war mager und wies doch keine rechten Knochen. Um

die Mundwinkel hatte es Halbringe. War auch glatt rasiert. Nicht ein

Härchen im ganzen Gesichte. Schier wie ein ältlicher Dorfschulmeister.

Aber nur, solange er den Mund nicht auftat. Sonst kamen bisweilen

unschöne Dinge hervor. Seine Sprücheln und Liedeln, da mußte einer

schon mehr als ein Glasel Schligerwitz getrunken haben, wenn sie ihm

Spaß machten. Er wartete auch weislich die Zeit ab. Unterhielt die

Gäste mit kleinen Taschenspielerkünsten. Gar bedächtig und ehrbar

setzte er seine Rede, bis er merkte, daß der Ofen geheizt war. Dann

begann er vorsichtig loszulegen und sachte kam es immer dicker und

dicker. Dabei das ernsthafteste Gesicht von der Welt.

Nun huben sie einmal an und steckten Pfeifen in Brand. Der Friedl hatte

eine Zigarre und zwickte ihr mit dem neuen Taschenmesser die Spitze ab.

»Zwicken tät’s gut, aber Stoppelzieher hat’s keinen.«

Sie standen und lehnten so herum. Es war noch nicht viel los.

Den Burschen tat der Branntwein nicht recht schmecken. Und der

kaiser-königliche Straßenschotterer wollte der klügste sein. Er goß

einige Tropfen Schnaps auf die hohle Hand, rieb sie mit beiden Händen

ein und roch. Dann hielt er die Hand dem Nachbar hin: »Riech einmal!«

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 10 / 55 题