Schneeweiße Jugendlust

Es würde nicht genug Schnee sein, hatten die Burschen von Eustachen

besorgt, als der Förster-Friedl sie damals eingeladen zum Rodeln. Aber

es war jetzt zu viel Schnee. Es schneite wie mitten im Winter.

In den Mittagsstunden, als sie zusammenkamen vor dem Forsthause bei

der Kapelle und als sie die Siebentaler-Leiten in Angriff nahmen,

ging es noch recht gut. Da stapften sie, jeder seinen leichten,

selbstgezimmerten Rodelschlitten auf dem Rücken, munter bergan.

Der Friedl voraus, hinter ihm die Kameraden, zwei Gerhaltsöhne aus

Eustachen, die Richterbuben, wie sie genannt wurden, weil ihr Vater,

der Gerhalt, seit vielen Jahren Dorfvorsteher war. Sie schleppten

gemeinsam einen dreisitzigen Schlitten. Neben ihnen strampften die

Säbelbeine des kaiser-königlichen Straßenschotterers Kruspel, der

an diesem Tage, obschon Sonntag war, eigentlich kaiser-königlicher

Schneeschaufler sein sollte, wenn ihm nicht das Rodeln mehr Vergnügen

machte. Er bestand auf seiner »Sonntagsruhe«, bei der er sich

anstrengte, wie sonst die ganze Woche nicht. Dann noch ein paar

Holzknechtbuben und hinterdrein Elias, der keinen Schlitten hatte, weil

er als Patient vom Vater nicht die Erlaubnis bekommen, mitzutun.

Unter allen Umständen dabei sein wollte er doch, so hatte die Sali

ihn vom Kopf bis über den Bauch hinab mit Tüchern eingewickelt wie

eine Mumie. Als der Junge in dieser Tracht vom Hause so weit entfernt

war, daß er im Schneegestöber nicht mehr gesehen werden konnte, riß

er sich die Tücher vom Leibe, eines nach dem anderen, warf sie in die

Kapelle und stapfte in seinem gewöhnlichen Rocke den anderen nach, die

steile Leiten hinan. Hatten die Burschen doch ihre Jacken aufgeknöpft;

es war gar nicht kalt. Elias bekam, wie die anderen, rote Wangen, das

erste Mal, seit er aus der Stadt gekommen war. Und je schärfer die

Schneeflocken ihn anflogen, je glühender wurde sein Gesicht. Nach

einer Weile wurde die Leiten (Berglehne) ein wenig flacher, um dann

neuerdings steil anzusteigen bis zu den Felsgruppen, die, so licht

sie zur Sommerszeit ins Tal schimmern mochten, heute grau sich über

dem weißen Schnee erhoben. Länger als eine halbe Stunde hatten sie zu

stapfen gehabt, dann waren sie oben bei diesen Wänden und das Abfahren

begann.

Jeder setzte sich auf seinen Schlitten, lehnte sich rücklings, streckte

die Beine hoch und glitt davon. Fast lautlos geschah alles; sie nahmen

sich nicht Zeit zum Sprechen, noch weniger zum Singen und Jauchzen, die

Gier nach dem Abfahren war zu groß. Und zu köstlich, wie sie nun durch

den scharf schneidenden Wind flogen, in einem Meere von Weiß, still und

zart, als schwebten, sausten sie in den freien Lüften. Das Feuer einer

großen Lust glühte auf allen Gesichtern.

Elias stand oben und blickte ihnen nach, wie sie davonschliffen, immer

rascher und tiefer hinab, bis sie im Gestöber, Nebel und aufgewirbelten

Schneestaub verschwanden. -- Was wird er jetzt tun? Er schaute ungewiß

in die stöbernde Luft auf. Sein Bruder hatte ihn noch geneckt, er

solle doch warten, bis sie wieder heraufkämen, und nicht gleichwie sein

hebräischer Namensheiliger in den Himmel hineinrodeln auf feurigem

Schlitten. Das hatte der Junge einstweilen auch gar nicht im Sinne.

Vielmehr trachtete er sich irdisch zu beschäftigen und Geschöpfe

zu formen nach Gottes Ebenbilde. Als sie nach einer Stunde wieder

herausgekommen waren, lachend und keuchend, da war ein stattlicher

Schneemann fertig, der auch schon Arme hatte und sie ausstreckte,

entweder um die Welt zu segnen oder sich sein gutes Teil von ihr zu

nehmen.

Mittlerweile war das Schneegestöber so dicht geworden, daß es keine

Flocken mehr waren, nur ein unendliches Gestäube, das nicht fünfzehn

Schritt weit sehen ließ. Noch einmal hatten sie es mit dem Abfahren

versucht; die Kufen kamen in dem tiefen, feuchtflaumigen Schnee nicht

recht vorwärts. Aber das gab keine weitere Verlegenheit. Lustig

begannen sie Schneemänner zu bauen, Schneebären, Schneehirschen,

Ungetüme mit drei Hörnern, mit zwei Köpfen, mit aufgespreiteten Rachen,

ein wüstes Geschlecht, das mitten in dem Gejohle der Väter lautlos

dastand. Nun fiel plötzlich einem der Schneemänner der Kopf vom Leibe

und kugelte sachte weiter, bis er liegen blieb.

»Oho, Köpfel!« rief der Friedl, »wenn man einmal was angeht, muß

man nit faul werden und liegen bleiben. Weiter!« Er begann den

Ballen weiter zu wälzen und der wurde mit jeder Umdrehung größer,

jetzt wie ein Zuber, jetzt wie ein Faß, jetzt wie eine Heufuhr --

und da wollte er liegen bleiben, denn es war der Boden flach. Hei,

wie die Jungen dranstürmten, wie zehn Hände hoben und schoben, um

die Wucht weiterzuwälzen. Träge und schwer schlug sie über, einmal,

zweimal, zuerst langsam wachsend, immer wachsend, breiter und höher,

ein massiger Riesenklumpen, wie ein Haus so groß, wie einer jener

Felsklumpen, die sich bisweilen im Gewände loslösen, hinabdonnern, um

unten auf grüner Wiese jahrtausendelang als ein Denkmal des Schreckens

liegen zu bleiben. Nun kam das weiße, sich mit jedem Augenblicke vom

Boden mächtiger mästende Ungeheuer an die Stelle, wo der Hang steiler

wird, und nun wirbelte es hinab -- hinab -- und verschwand im Gestöber.

Durch das stille Schneien drang ein dumpfes Dröhnen herauf.

»Jesus, das Haus!« schrie grell die Stimme des Elias. »Das Haus ist

hin!«

»Das Forsthaus!«

»Schnurgrad drauf los!« rief der Kruspel mit kreischendem Lachen. »Beim

Kugelschieben muß auch der Kegel fallen, mein Lieber!«

Dünn zitterte die Luft. Wie ein hohles Branden aus der Tiefe, so kam es

herauf, dann ein gedämpfter Knall, als ob etwas geplatzt wäre, und dann

Stille. -- Der weiße, unermeßliche Schleier sank lautlos vom Himmel.

Als ob die warmlebigen Burschen selbst Schneemänner geworden wären, so

starr standen sie da, schwer erschrocken auch der boshafte Kruspel.

Friedl und Elias waren totenblaß. Der Vater ist zu Hause gewesen ...

Endlich huben sie an, mit zitternden Beinen talwärts zu gehen. Der

Friedl versuchte vergeblich den Schlitten. Der Schnee reichte bis an

die Knie. Rasch und rascher kamen sie trotzdem zur Tiefe. Schon hörten

sie die Ach rauschen, alles übrige verdeckte noch der schneiende

Nebel. Der Friedl blieb stehen, legte die Hand aufs Herz und sagte:

»Elias, ich kann nimmer weiter!«

»Komm, Bruder! Unser Herrgott! Vertrauen wir!«

Er zog ihn mit sich. Beider Augen wie Spieße in die Nebel stechend.

Jetzt -- dort -- ein dunkler Streifen. Die Tauernach. Höher hin eine

dunkle Fläche, als ob blauer Rauch stünde. Das ist der Lärchenwald

hinter dem Hause. Alles andere grau in grau. Siehst du? Ist dort nicht?

Das ist die Tanne, die hinter dem Garten steht. Und wieder verschwimmt

alles im blassen Schneewirbel.

»Wenn er nicht mehr ist, Friedl?« sagte Elias stockend, »wenn er nicht

mehr ist?«

»Ich hab’s getan!« sprach der Friedl vor sich hin.

»Sei nicht dumm. Gott hat’s getan und niemand anderer.«

»Dort steht es ja!« jauchzte Friedl hell auf.

Jenseits des Baches stand klar das dunkle Viereck des Forsthauses.

Doch als sie dann zum Hause hin wollten, über die Brücke, war diese

verschüttet von einer wüsten Schneewucht. Da lag der zerschellte Ball.

Es war nichts geschehen, auch die Brücke stand.

»Aber mir kommt’s doch anders vor wie sonst. Wo ist denn die Kapelle?«

»Die Kapelle ist nicht mehr da. Sie liegt unter dem Schnee.«

Die Burschen aus Eustachen haben sich sachte verzogen. Die beiden

Brüder kletterten über den Schneehügel auf die Brücke und gingen

zögernd dem Hause zu, das im Schleier der sinkenden Flocken stille

dastand. An der Türe sind sie eine Weile verblieben. Der Friedl legte

seine Hand an die Klinke und drückte doch nicht nieder.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 9 / 55 题