eingetragen. »_Der Aspig am Rodelande_« sagt der Volksmund und
weckt damit Bilder der vergangenen Tage. Aber Aspig? Ist Aspe =
Espe = Zitterpappel? Dr. Schoof schreibt 1917 in den »Deutschen
Geschichtsblättern«: »Es steht heute fest, daß die große Zahl von
Bäumen (wie Erle, Esche, Espe, Buche, Eiche, Hasel, Ulme), die
scheinbar in den Flur- und Ortsnamen enthalten sind, erst später durch
Volksetymologie eingedeutet worden sind, daß es unsern Vorfahren bei
der ersten Besitzergreifung und Besiedelung des Bodens ferngelegen hat,
denselben nach rein zufälligen, äußeren Merkmalen zu benennen. Für sie
war die Verwertung des Bodens als Acker-, Trift-, Wiesen-, Heide-,
Waldboden und die Art seiner rechtlichen Ausnutzung allein maßgebend.«
Und an anderer Stelle[12] schreibt er: »Erkennungsmerkmale für die
Umdeutung bieten meist noch die zweiten Kompositionsteile, ferner
die Tatsache, daß alte Flurnamen _nie nach Zufälligkeiten_, sondern
nach tiefeingreifenden, _dauernden_ Lebensverhältnissen (Ackerbau,
Jagd, Viehzucht) benannt und erst später bei veränderter Kultur nach
zufälligen Ereignissen willkürlich oder unwillkürlich umgedeutet worden
sind. Hierfür bietet die systematische Flurnamenforschung immer neue
Belege, und sie räumt mit den alten märchenhaften Deutungsversuchen
(Mythologie, Keltentum) auf«.
[Illustration: _Schullwitz_
(_Nach dem Kroki von 1835_)
_Die Straße 3 = Dreßnische Str. = Stolpischer Weg = Alte Str. = (Alte)
Hornstr. = (Alte) Poststr. = Hohe Str. = Alte (Hohe) Dresdner Str._
_a_ _Mühlweg (Weißig)_
_b_ _Apothekerweg = Mühlweg_
_c_ _Fußsteig_
_1_ _Bautzner Straße_
_2_ _Klinkenweg_
_3_ _Die Straße_
_4_ _Sandweg_
_5_ _Pfeiferweg_
_6_ _Viebigweg_
_7_ _Eschdorfer Weg_
_8_ _Markt-(Quer)weg_
_9_ _Aspigstrasse_
_10_ _Reitzendorfer Weg_
Oskar Merker
]
Machen wir uns diese Gedankengänge zu eigen, dann müssen wir für
»Aspig« eine dementsprechende Erklärung suchen. Oesterley[13] bringt in
seinem Wörterbuche den württembergischen Ort
Allmerspann und fügt hinzu: 1090 Almaresbiunt.
Also, so können wir wohl unbedenklich folgern, ist »pann« = biunt
– biunda, beunde. Grimm bringt eine Reihe von Belegen, aus denen
hervorgeht, daß es sich dabei um ein umzäuntes Stück Land gehandelt
hat, aber außerhalb der Allmende, nur für eine beschränkte Zahl von
Bevorrechteten. Und »es«? Aß, Eß ist der Stamm zu unserm Verb »essen« –
Eß die Weide, der Weideplatz.
Ein neuer Zug im Geschichtsbilde: neben die Gemeinde, die Gemeinschaft
Gleichberechtigter, tritt ein Bevorrechteter. Wer ist es gewesen?
Vielleicht der Locator, der spätere Erbrichter? Schullwitz hat doch
aber kein Erbgericht! Doch das scheint nur so. Das Gut Nr. 1 – in der
Nähe des Nixenteiches – ist das alte Erbgericht, sein Besitzer heißt
heute noch im Volksmunde der Erbrichter. Und in Urkunden wird ja des
öfteren »das Schullwitzer _Erbgericht_« erwähnt.
Nun liegt aber dieser »Aspig« an der Grenze der Schönfelder Flur; die
»Aspigstraße« führt nach Schönfeld, sie kommt von Schönfeld – von
dem Orte, in dessen Abhängigkeit Schullwitz sehr bald geraten war.
Feststellen, urkundlich feststellen läßt es sich freilich nicht, ob der
Bevorrechtete nicht doch der Schönfelder Gutsherr gewesen ist.
Wer waren seine Schullwitzer Gutsuntertanen? Waren es Deutsche oder
waren es Slawen? Zweierlei kann uns Antwort geben. Zunächst die
Größe der Flur. Das Stück, das wir bis jetzt betrachtet haben, also
nach Osten zu bis zum »Viebig«, dieses Stück ist etwa die Hälfte der
Gesamtfläche, also etwa zweihundertvierzig Hektar, da die Schullwitzer
Gesamtflur vierhundertsechsundsiebzig Hektar beträgt[14]. Ich vermute,
daß dieses Stück die ursprünglich gerodete Fläche darstellt, daß
sich erst später das Bedürfnis herausgestellt hat, weiter zu roden,
die Siedlung weiter ostwärts vorzuschieben. Dort hat sich ja auch
der Wald am längsten gehalten, und auch in jenem Teile, nicht hier
haben wir den Flurnamen »die Folge«, auf den ich noch einzugehen
habe. Zweihundertvierzig Hektar sind nun nach den Untersuchungen von
Meitzen[15], Markgraf[16], Langer[17] eine Fläche, die weit über das
Höchstmaß slawischer Siedlungen hinausgeht.
Meitzen für Meißen: Hundertsiebenundsechzig Hektar
Markgraf für Leipzig: Hundertdreiundsiebzig Hektar
Langer – allgemein Mindestmaß deutscher Siedlungen
zweihundertfünfundzwanzig Hektar.
Und das Zweite sind wieder Flurnamen. Humelius hat auf seinem
Risse[18], der ältesten kartographischen Darstellung der Gegend, an
der Stelle des Ameisenberges »_der Schullwitzer Puschel_«; südlich
der Alten Straße gibt es einen »_Heidehübel_«; südlich des Dorfes ein
»_Gründel_«; im östlichen Teil der Flur ein »_Seegründel_«; Oeder[19]
trägt ein: »_Flößl_« – es ist der Grenzfluß zwischen Schullwitz und
Weißig. Also eine Reihe von Wörtern mit der Endung »el«; die aber
erzählt von oberdeutschem Einschlage. Münchner Kindl, nicht: Münchner
Kindchen! Diese Endung »chen« haben erst neuerdings ortsfremde
Schreiber mehrfach gebraucht. Sie haben auch hier nicht geahnt, daß sie
damit einen charakteristischen Zug der Gegend verwischen!
In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, daß sämtliche Dörfer der
Hochfläche, übrigens auch die nördlich anschließenden, von _Ober-_ und
_Niederdorf_ sprechen, nicht von Unterdorf. Professor Dr. Meiche hat in
seiner bekannten Arbeit über diese Frage den Beweis geführt, daß dieses
»Nieder« thüringische Siedler voraussetzt[20].
Und nun ein Wort zu dem Flurnamen »_die Folge_«. Müller-Fraureuth
sagt in seinem »Wörterbuche der obersächsischen und erzgebirgischen
Mundarten«: »Folge, die Folgen, Feldstücke, die für sich – auf früherer
Waldfläche – fern vom übrigen Besitz der Bauern liegen.« Das trifft
hier zu, erklärt aber nicht den Namen. Knothe[21] hat versucht, den
Begriff »Folge« zu erfassen. Er sagt: »Es trat gar bald der Fall
ein, daß ein Bauer zu dem ihm zugemessenen Hufengute von der Hufe
eines anderen oder von dem noch nicht aufgeteilten Gemeindelande noch
ein Stück erblich hinzuerwarb. Dieses Stück lag nicht »in den vier
Rainen« seines Gutes, gehörte aber zum Hauptgute als integrierender
Bestandteil, wurde also mit diesem vererbt und verkauft. Den Übergang
eines Besitztums in den Besitz eines andern bezeichnete man im
Mittelalter mit dem Ausdruck »folgen«. Folge, mittelalterlich –
lateinisch ~vollunga~, also ein Pertinenzstück«.
Mit Knothe hat sich Dr. Seeliger in der »Festschrift der Stadt Löbau«
auseinandergesetzt[22]. Eine Widerlegung der Knothischen Bestimmung
kann ich in seiner Arbeit aber nicht erblicken. Ohne Bedeutung für die
Frage ist seine Feststellung der Lage der Löbauer Folge. Da ist mir
denn doch die Feststellung Knothes wertvoller, daß der Ausdruck »Folge«
in den deutsch angelegten oder nach deutscher Weise umgestalteten
Dörfern, und _nur_ in solchen, nicht in altwendisch verbliebenen,
vorkommt. Trifft das zu, so müssen die Orte mit dem Flurnamen der
»Folge« auch der Größe nach deutsche Orte sein, also über der bereits
erwähnten Höchstgrenze liegen. Das trifft mit verschwindend wenigen
Ausnahmen denn auch bei den bis jetzt bearbeiteten sächsischen
Gemeinden zu. Neben etwa fünfundsechzig großen stehen folgende kleine
Fluren:
In der Amtshauptmannschaft Dresden-Altst.: Liebau 161 Hektar
In der Amtshauptmannschaft Birkigt 86 Hektar
In der Amtshauptmannschaft Pirna: Prossen 109 Hektar
In der Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde: Paulsdorf 161 Hektar
In der Amtshauptmannschaft Flöha: Braunsdorf 193 Hektar
In der Amtshauptmannschaft Zittau: Zittel 135 Hektar
Davon könnte sogar noch Braunsdorf ausscheiden. Liebau und Paulsdorf
liegen auch hart an der Grenze Meitzens! Es wäre lohnend, dem Gedanken
weiter nachzugehen[23]!
Nördlich der Straße heißt die Flur »_In Boden_«. Buck schreibt in
seinem »Oberdeutschen Flurnamenbuche« zu »beunt«, »biunda«, daß daraus
im Allgäu »Bunk«, in Franken aber »Both« geworden sei. L. Gerbing hat:
»Unter der Bullerleite – Im Boden«; mundartlich: »uff der Butterweide«;
Anmerkung: Die Generalkarte hat »Bullerleite«, das Meßtischblatt
»Butterleiste«. Öder: »Der Butterweck«, 1669: »Der Butterweck vfn
Herrenberge«; »Butterweck«, mundartlich: »Boderweck«. Wesentlich ist,
daß von Guttenberg[24] unter den vielen Verwitterungsformen des Wortes
»Peunt« auch die Form »boten« nachweist, und zwar _nur_ in Oberfranken!
Wir erinnern uns: biunda = eingezäuntes Privatgrundstück. Hier:
Entwickelungsreihe bis hin zu »Butter«. Was sagen dazu unsere
sächsischen »Butterberge«? Ein besonders lehrreiches Beispiel dürfte
der Bischofswerdaer Butterberg sein. In einer Skizze über den Stadtwald
schreibt Wustmann[25] betr. des Butterberges: »Ein großer Teil des
Butterbergreviers zeigte zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in
floristischer Beziehung ein ganz anderes Gepräge als heute, da sich an
dem Abhange des Berges Weideflächen hinaufzogen, die eine Triftflora
beherbergten. Als aber im Jahre 1835 das Rittergut Pickau, zu dem ein
Teil des Butterbergreviers gehört, seitens der Stadt Bischofswerda
nicht mehr verpachtet wurde, waren die Schafhutungen überflüssig«.
Hier also außerhalb der Flur liegendes Gelände – niederdeutsch heißt
außen, außerhalb »buten«; dann: Besitz eines Rittergutes, nicht der
Allgemeinheit – biunda! Unter den Gothaischen Beispielen fanden
wir bereits: »1669 der Butterweck vfn Herrenberge«! Hierher gehört
sicher auch das bekannte »Buttertöppel« Frauensteins in der Nähe des
weltberühmten »Weißen Steines«, das auf ehemaligem Rittergutsgebiete
liegt. Und der Schullwitzer »Boden« hat auch – noch bis vor kurzer Zeit
– dem »Erbrichter« gehört!
»In Boden« und »Ameisenberg«,
»Aspig« und »Alke« –
in unserer Flur also »Biunda« und »Allmende« zweimal nebeneinander,
eine Tatsache, die sich auch sonst bestätigt findet, die also für die
Ortsgeschichte ein Mittel sein kann, das eine zu finden, wenn das
andere bereits bekannt ist!
Fassen wir zusammen, so kommen wir zu folgendem Ergebnisse:
_Schullwitz ist eine deutsche Siedlung – trotz des slawisch
klingenden Ortsnamens. Sie ist entstanden in der Zeit der
ostdeutschen Kolonisation: Hufeneinteilung der Flur, Dorfanlage
(Zeilendorf) beweisen das, ebenso das Vorhandensein des
Erbrichters; besonders überzeugend die Flurgröße. Die Siedler
sind Oberdeutsche und Thüringer gewesen – vermutlich haben
Schönfeld und andere westwärts gelegene Orte überschüssige
Kräfte abgegeben._
Ich habe versucht zu zeigen, welch wertvolle Dienste die Flurnamen
der Ortsgeschichte leisten können. Im kommenden Sommer wird mancher
in einem stillen Dörfchen unsrer sächsischen Heimat Erholung suchen.
Möchte er dabei nicht mit sammeln helfen?
Fußnoten:
[5] H. St. A. Loc. 4333.
[6] Oberreitscher Landesatlas von Sachsen, Blatt 10.
[7] Vgl. »Der Rossendorfer Schenkhübel. Zugleich ein Beitrag
zur Geschichte der »Bautzner Straße«« in der Zeitschrift
»Über Berg und Tal« 1924, 2! (Beitrag vom Verfasser.)
[8] »Korrespondenzblatt d. Gesamtv. d. dtsch. Gesch.- u.
Altertumsv.« 1917 (u. in vielen anderen Schriften, die
mir Herr Oberstaatsarchivar Dr. Beschorner zur Verfügung
gestellt hat, wofür ich auch an dieser Stelle meinen
verbindlichsten Dank aussprechen möchte.
[9] L. Gerbing, »Flurnamen des Herzogtums Gotha.«
[10] Vgl. das von mir bearbeitete Flurnamenverzeichnis! (H. St.
A.)
[11] Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 1872.
[12] Hessenland, 1913, 12, 13.
[13] Oesterley, Historisch-geographisches Wörterbuch des
deutschen Mittelalters, Perthes, Gotha 1883. (Hinweis bei
Dr. Schoof.)
[14] »Zeitschrift des Kgl. Sächs. Statist. Bureaus« 1901.
[15] Neues Archiv f. Sächs. Geschichte, Bd. 42, S. 207.
[16] Mitteilungen des Vereins f. Sächs. Volkskunde, Bd. 5, 3
(S. 76).
[17] Neues Archiv f. Sächs. Geschichte, Bd. 42, S. 207.
[18] H. St. A.
[19] Riß (etwa 1600) im H. St. A.
[20] Meiche, »Herkunft der deutschen Siedler«. O. Philipp, »Die
Besiedlung des südwestl. Sachsens – –«.
[21] Neues Lausitzer Magazin 1893.
[22] Seeliger, Geschichte der Stadt Löbau und ihrer Umgebung.
Anhang: Die Löbauer Folge. (S. 164 ff.).
[23] Klein-Erkmannsdorf bei Radeberg hat ungefähr
achtundsechzig Hektar Fläche. Daß es trotzdem _keine_
slawische Siedlung ist, werde ich an anderer Stelle
nachweisen!
[24] Frh. v. Guttenberg, Würzburg, »Germanische Grenzfluren«.
Archiv für Anthropologie, Neue Folge VIII (1909), S. 218 b.
[25] E. Wustmann, Bischofswerda, »Der Stadtwald von
Bischofswerda und seine Flora«.
War sich a Kuh kaafn will, muß erscht in Schtall hom!
Erzählung aus dem Erzgebirge von _Paul Meile_, Lugau (Erzgeb.)
In einem jener kleinen, aber volkreichen Industriedörfer des
Erzgebirges, dessen Spielwaren auf dem Weihnachtstische das Entzücken
der Kinder bilden und die in alle Welt hinausgesandt werden, gleich wie
das heilige Evangelium, stand etwas abseits ein kleines Häuschen. Seine
Mauern und Giebel zeichneten sich scharf von den dahinterliegenden
weißen Schneeflächen ab. Friedlich lag es im Mondscheine da und sah,
wie ein altes Großmütterchen, müde und schläfrig aus mit seiner
Schlafmütze aus weißen Schneeflocken, die von einer wundersamen
Garnitur glitzernder Eiszapfen umgeben war. Es war vollständig
eingeschneit und von Schneewehen verhüllt, so daß nur, gleich zwei
verschlafenen Äuglein, die erleuchteten Fensterchen hervorblinzelten.
Die Stakete des Gartenzaunes aber hatten weiße Mützen bekommen, so
daß sie in dem flimmernden, bleichen Mondlicht wie ein Glied Soldaten
erschienen, dem der davorstehende Brunnenständer »Stillgestanden!«
kommandiert hat. Und er hatte in jener Nacht wirklich ein Gesicht
bekommen, der Brunnenständer, ein martialisches, verdrießliches
Gesicht, mit einem weißen Schneebarte. Aus seinem langgestreckten
Arme rieselte schon längst kein Wasser mehr und ein langer Eiszapfen
hing wie ein blanker Säbel daran herunter. Er zeigte mit dem Arme
sehnsüchtig nach den beiden hellstrahlenden Fenstern hin, hinter
denen es hübsch warm war, wie in einer richtigen, erzgebirgischen
Stube. Drinnen auf dem Lehnstuhle saß ein alter grauhaariger Mann mit
einem Paar fröhlich blinkender Augen. Der Tisch vor ihm sah wie ein
Schlachtfeld aus, wenn man sich den Pulverdampf und das vergossene Blut
hinzudenkt. Hier lag ein ganzer Haufen herrenloser Arme und Beine, dort
einsame Köpfe ohne Besitzer, oben in der Ecke verstreut Flinten und
Säbel, daneben eine Menge Krieger, die ganz und gar den Kopf verloren
hatten und etwas davon entfernt ein Glied vollständig gerüsteter
Musketiere, welche des Kampfes zu harren schienen, kurz es war ein
richtiges Motiv für einen Schlachtenmaler. Und davor saß, unentwegt von
all den Greueln, Meister Berthold mit dem Leimtiegel und fügte, wie
weiland Wodan in Walhall, die getrennten Gliedmaßen an die Leiber der
Helden.
Die alte Wanduhr hatte eben ausgeholt, die Stunde zu schlagen und zwei
Augen blickten, wie erschreckt, auf ihr Zifferblatt. Ein Paar blaue,
zärtliche Augen waren es, mit feuchtem Glanz und einer stummen Bitte,
als wollten sie die alte Wanduhr ermahnen, sich nicht so anzustrengen
und fein langsam vorzuschreiten, man merkte ja an dem Knarren und
Rasseln, wie schwer es ihr wurde. – Ob sie dem alten Berthold gehörten?
– Behüte der Himmel, wie könnt ihr so etwas denken! Es waren junge,
kaum achtzehnjährige Augen und sie gehörten seinem Töchterlein, der
Liesel, welche neben dem Tisch am Klöppelsacke saß. Sie hatte die
fleißigen Hände in den Schoß gelegt und blickte verstohlen in das
Halbdunkel, wo die Ofenbank stand. Nicht etwa, daß der alte Ofen so
besonders merkwürdig gewesen wäre oder die alte Ofenbank etwa irgend
etwas Interessantes geboten hätte, durchaus nicht. Übrigens waren das
auch alte Bekannte, deren allerinnersten Herzensgeheimnisse sie schon
wußte. Das war es also nicht. Aber es saß dort jemand, dem fortwährend
die Pfeife ausging und der jeden Abend in notwendigen Geschäften zum
alten Berthold herüberkam. Bald mußte er im Kalender etwas nachsehen,
bald ein wenig Vogelfutter für den Grünitz holen, bald etwas fragen
oder etwas ausrichten, er wurde gar nicht mehr fertig. Und dann setzte
er sich noch ein wenig auf die Ofenbank, natürlich nur der Unterhaltung
wegen und sagte kein Wort mehr. Das tat, außer dem Alten, überhaupt
niemand, nur der graue Kater schnurrte gravitätisch, denn er hatte
sich in die zu Boden gefallene Pelzmütze gesetzt, in deren riesigen
Dimensionen es ihm außerordentlich behagte. Höchstens flüsterte noch
das Rotkehlchen auf der Trockenstange am Ofen einmal vor sich hin, weil
es vom Frühling träumte und vom grünen Wald. –
Also, die Uhr hatte ausgeschlagen und ächzte noch ein wenig hintennach
von der Anstrengung. Ein verstohlenes Lächeln flog über das
wettergebräunte Gesicht des Alten, denn in demselben Augenblicke waren
zwei leise Seufzer hörbar, die das Bedauern zweier Anwesenden über den
so schnell verflossenen Abend ausdrücken sollten. – Ich hoffe, ich
brauche nicht erst zu erklären, daß nicht der Kater und das Rotkehlchen
es waren, die auf diese Art ihren Gefühlen Luft machten.
»Du wolltst uns doch noch a Geschicht erzehln, Vater!« sprach plötzlich
die Kleine und wurde feuerrot über ihre Kriegslist. Dabei klöppelte sie
vor Verlegenheit so eifrig, daß der Klöppelsack diesmal dem Kater den
Vorrang ablief, was musikalische Leistung anbetraf. »Aber bitt schie,
kaa sette grusliche, sinst kaa m’r net eischlof’n.«
Der erzgebirgische Dialekt klang prächtig von diesen roten Lippen und
das Dirnlein selber sah dabei aus wie eine Moosbeerenblüte droben vom
Gebirgskamm.
»Iech denk m’r när, du kast öftersch net eischlof’n un’ denkst an
Geschpenster, freilich warn se für dich net grod zum Fürchtn sei.«
Nein, es war nicht hübsch von dem Alten, daß er das gleich so frei
heraussagte, und so behäbig dabei schmunzelte und die Verlegenheit der
Kleinen noch ärger machte! Vom Ofen her kamen jetzt dichte Dampfwolken,
als wenn frisch eingeheizt würde. Die Klöppel flogen durcheinander
und ich möchte gerade nicht behaupten, daß immer jeder Schlag richtig
war. Die wassergefüllte Glaskugel über dem Klöppelsacke warf ihr
flimmerndes Licht auf ein Paar feine, zitternde Hände, die offenbar
nicht recht wußten, was sie taten, während ein liebes Gesichtchen
sich tief herabbeugte, ohne zu bedenken, wie schädlich das für die
erwähnten blauen Augen sein mußte. Aber die Kleine hatte einen wackeren
Bundesgenossen, der ihr zur rechten Zeit zu Hilfe kam. Der Kater hatte
sich von seiner etwas ungewöhnlichen Lagerstätte erhoben. Pflichtgefühl
und Tatendrang regten sich plötzlich in ihm, er stand eine Zeitlang
erwartungsvoll da, jeder Zoll ein Held, dann plötzlich ein Satz, ein
Schlag, ein stolzes Murren und er hatte die fetteste Maus beim Kragen,
den berüchtigten Einbruchsdieb in Rotkehlchens Bauer und Liesels
Küchenrevier.
»Hot mich doch de Miez do gleich of in Gedank’n gebracht,« lachte der
alte Berthold, »’s is’ freilich schie a bis’l schpät, obr iech muß eich
die Geschicht doch noch erzehln, wie m’r a Maus ze män Glück v’rholf’n
hot.«
Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, schmunzelte pfiffig und erzählte:
’s is’ freilich schie a hübsch paar Gahr har, do bie ich a mol vun
män Schatz kumme, Gott hob se salig, un do is’ m’r ’s Harz asu schwar
gewasn, daß ich net wu aus un ei wußt. Iech war dazemol a gung’s
Bärsch’l un ho miech gerod asu durchgebracht in dar schlacht’n Zeit.
Mei Schatz aber war ’s aanzige Kind a’gesass’ner Leit. Un wie uns dar
ihr Vater aanistogs unner d’r Haustür ertappt hot, kloppet ’r mir asu
ganz ruhig of de Achsel, lachet a weng un saaht: »Bartholdgust, war
sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« Drauf ging ’r fort
und iech schtand mutterseelnalaa do, denn mei Schatz war schu lang über
alle Barg.
»War sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« Mir wollt’n
die Wort net wieder aus’n Kopp un schwar ful m’rsch of’s Harz, wos
f’r a armer Teifel iech war. Über dann Sinniern war ich aus’n Dorf
nauskumme, immer wätter un wätter lief ich, bis in de Baarnbach naus,
wu iech mich unner in Haselnußschtrauch hieleget un ze simeliern
aafing. ’s war a wunnerschiener Harbsttoog. De Lärng gubeliert’n drum
am Himmel, d’r Buch’wald sah fei rut und gahl aus un de liebe Sunn
lachet asu freundlich, als wollt se ne Abschied vun Summer noch racht
schwar mach’n. Iech soß dort’ un tat su racht wehmütig an mei Elend
denk’n, an mein Vater un an mei alt’s gut’s Mutterle, die drüm of’n
Gottsacker lieng, schie seit langer, langer Zeit. Wie se sich aa hatt’n
plong müss’n, bis se endlich aa hiegange sei, wu m’r net wieder kimmt
un endlich sei Ruh hot. Iech dacht dra, wie m’rsch aa asu gieh söllt,
wie iech mich aa asu durchschlepp’n müßt, uhne Fraad, när in Armut un
Harzelaad. Mir kam ’s Wasser in die Aang un ich hatt’s Gesicht in’s
Moos gedrückt, dos mit sän rut’n Schpitzeln aus’n Aarzbudn vorgucket.
Drum im Busch zankt’n sich de Nusser, d’r Wind fuhr durch’s treiche
Laab vum Wald rüber. A klaans goldigs Kaaferle kletterte im Moos rim,
sinst war alles ruhig un mir warsch, als söllt iech aa miet eischlof’n,
wenn d’r Winter käm, wie das Kaaferle un jedes Pflanz’l un Kreitich,
dos iech d’rnooch aa mei Ruh hätt’.
Wie iech asu dolog, här iech of aamol was wispern, iech richt mich in
de Höh’ un sah’ a wunnerschiene Haselmaus of in alt’n Schtrunk sitz’n,
a Nuß zwisch’n de Pfötle an dar’sch draarim knapperet un guckt miech
su racht harzlich aa. ’s war a klaans erbersch Ding’l un blinzlet mit
sän halln Äugle lustig har, als wollts song: »När net v’rzoong, dei
Pack’l, wos du ze troong hast, is noch lang net’s schwarste!« Wie
iech mich noch übersch Tierl freu’ rauscht’s of aamol in d’r Luft un
a grußmachtiger Grimmer prellt of dan Haselnußschtrauch, verfitzt
sich drinne, reißt sich wieder lus un macht Gagd of das Tierl. Iech
ob’r besinn mich net lang, greif nong erscht’n, best’n Schtaa un warf
d’rnooch, sudoß ’r d’rschrackt wieder auf un d’rzu fliegt.
»Bist aa asu aan’r dar’ne arme Leit’n nischt gönnt’«, schrier iech
d’rbußt un war ganz wutig worn. D’rauf setzt iech mich wieder hie
un simeliert wätter. De Nusser zanktn sich noch immer drüm im de
Buchecker, ’ne Kräh’ flug langsam übern Wald und tat laut krachzn, d’r
Wind raschlet noch immer im Laab wie zevor un mir warsch ganz dumm un
deebrig im Kopp worn, wie zum Eischloofn. Wie lang iech asu do gelang
hob, waß iech net. Nooch ’ner klänn Weil här iech awos rasch’ln un of
aamol schtieht a klaans Mannl v’r mir mit gruß’n Schtief’ln, lange
graue Bart, in gruß’n Maul, des vun än Ohr bis zum annern gieht, – na
ihr wards nooch’r noch härn, wie’s vull’ns aussooch.
»Grüß Gott, Bartholdgust,« saht’s ganz freundlich un lachet miech aa.
»Hob när schinn dank, doß de m’r geholf’n hast, ’s wär m’r dißmol,
Gott schtraf mich, an Krong gange.« Iech war ganz deebrig, rieb m’r
v’rwunnert de Aang un wußt net, ob iech wach war oder traamet. »Ja,
ja,« sooget’s un nicket mit sänn Köpp’l, doß de gruß’n Zäh’ när asu
klappert’n, »’s war d’r Tannegeist drüm vun d’r Eberleith, v’r dann
iech amool de Holzweib’le in Schutz genumme hob, d’rseit hoot’r sänn
Bittern of miech.«
Iech war asu d’rschrockn, doß iech kaa Wört’l rausbränge kunnt. Endlich
d’rmahnet iech mich ob’r doch wieder un freeget, mit wen iech aangtlich
de Ehr’ hätt. »Kennst miech wuhl net?« schpricht’r, »iech bie doch ’s
Nußknackerle vun Baarnbach. Schau, de ganz’n Haselschträucher immedim
sei mei, drinne wuhn iech mit män Haselgeisterle un mei richtiger Name
is’ Alraun vun Baarnbach.«
’r zug a klaa Pfeif’l aus d’r Tasch, mit ’ner Haselnußschool als Kopp,
schtoppet’s mit treing Blütenträub’le un schlug mit zwee Nüss’n Feuer.
»Iech hob diech oft schu gesaah mit dänn Schatz dohauß’n. Waßt’s noch,
do drüm biste’s erschte mol mit’r gesaßn.«
»Ach Gott, Harr Alraun,« lametirt iech, »des is itze alles v’rbei! ihr
Vater« –
»Waß schie, kenn de ganze Geschicht, un wos willste dä nu aafange?«
»Schtarm möcht ich!« schrier iech un heult’, doß miech d’r Bock
schtieß, iech kunnt mir net half’n.
»Schaam dich, asu wos ze soong, ze wos haste dä deine Händ. Biste net
d’r beste Holzdreher im ganz’n Gebirg?«
»»War sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtoll hom,« hoot ehr
Vater ze mir gesaaht un wie sell iech’s aafange bei dan schlacht’n
V’rdienst?«
»Schau Gust’l,« saaht ’r racht bedächtig, »iech will d’r half’n, weil
de m’r vorhin asu brav beigeschtand’n hast.«
»Half’n, wenn ’r des’ wollt un könnt, ob’r wie?«
»Nu,« schpricht ’r drauf, »do könnt iech d’r zum Beischpiel dan machtig
gruß’n Topp vull Dukatn weiß’n, dann de Schwed’n gleich do drüm
v’rgroom ham.« –
»Dukatn? un än ganz’n Topp?«
»Freilich,« nicket ’r un feixet asu racht hamisch, »galle, des wär wos?
oder ne Otterkönig sei gold’n’s Krönl’, dos alle Wünsch d’rfüllt?«
»Ach Gott, Harr Alraun ...«
»Odr sell iech d’r soong, wu die gruße Aarzod’r ze Toog tritt, die do
drunt’n schtreicht? richtig raans Rutgültig! ...«
»Lieber Gott, Harr Alraun,« schrier iech mit gefalt’n Händ’n un knie’et
v’r dan klän Mannl nied’r, »mir is’ aans asu lieb wie’s annere, song
Se’s när fix.« –