sogenannten »Symbols«; wir würden »Wahlspruch« sagen. Meist sind es
kurze Stichworte: »~toujours sincère~« (immer aufrichtig), »~toujours
le même~« und »~semper idem~« (beides: immer derselbe), »Sympathie«,
»Alles um Liebe«. Nur zweimal finden sich als Wahlspruch _Verse_:
Nicht immer Weise,
Nicht immer ein Tor!
und
~Poor is the friendless master of a world.
A world in purchase of a friend is gain.~
(~Young~)
(zu deutsch:
Arm ist der freundlose Herr einer Welt.
Eine Welt als Kaufpreis für einen Freund ist Gewinn.)
Sodann die _Höflichkeits-Bindesätze_: So wie wir es noch jetzt für
unschicklich halten, unter unsere Briefe schlankweg unsern Namen zu
setzen, so glaubten damals viele – besonders scheinen es die älteren
Leute gewesen zu sein – einen Verstoß gegen die Regeln des guten Tones
zu begehen, wenn sie ihre Unterschrift mit dem eigentlichen Eintrage
nicht durch einen Schwall von Höflichkeitsfloskeln verbanden. So heißt
es zum Beispiel:
Mein Herr! Ich hatte das schätzbare Glück, mit unter die
Zahl Ihrer Freunde aufgenommen zu werden, und da ich itzt
Sie verlassen muß, so tue ich es mit dem Wunsch, daß Sie
mich fernerhin Ihrer schätzbaren Freundschaft und geneigten
Andenkens würdigen mögen.
Noch schöner machen sich solche Redensarten auf französisch:
~Monsieur – La permission que Vous m’avez donnée de mettre
mon nom dans ce livre d’amis me fait espérer l’exaucement de
ma prière que j’adresse par ceci à Vous en Vous conjurant de
me conserver toujours la même amitié dont Vous m’avez honoré
jusqu’ici, qui je suis – Monsieur – Votre~ – usw.
Herzlicher klingen die Worte:
Teuerster, schätzbarster Freund! Erinnern Sie sich bei diesen
wenigen Worten Ihres Freundes, der Sie auch in der Entfernung
so lieben und hochschätzen wird, wie es Ihr vortrefflicher
Charakter verdient.
Aber die Zeitenwende zeigt sich auch auf diesem Gebiete. Die
verbindenden Worte werden kürzer. Goethe schreibt nur »Zur Erinnerung«;
andere setzen den nackten Namen darunter.
Eigenartig sind die nicht seltenen Vermerke, durch welche zum Ausdrucke
kommt, daß zwei Personen, die sich hintereinander eingetragen haben,
durch Bande der Freundschaft verknüpft sind. Meist geschieht dies
durch die über zwei Seiten hinwegreichenden Worte: ~Haec pagina~ ||
~jungit amicos~ oder ~Quos junxit amicitia~ || ~junguntur pagina~
(der Papierbogen verbindet die Inschriften von Freunden). An anderer
Stelle heißt es kürzer; ~Amici~ || ~tia~ (Freundschaft). Auch der
Abschiedsgruß »Adieu mein || liebster Freund« ist offenbar aus
demselben Gedanken erwachsen. Noch schlichter und zu Herzen gehender
wird der Gedanke durch die Worte ausgedrückt: »Ich suchte || dich,
Freund.«
* * * * *
Je mehr man sich in das Buch vertieft, um so stärker wird man
gefesselt. Die Umwelt des Christian Ferdinand von Reiboldt und das
Zeitalter des ausgehenden Rokokos treten greifbar vor unsere Seele.
Aber auch das Buch selbst erhält Leben, wird ein selbständiges Wesen,
dem man seine Liebe dadurch bezeugen möchte, daß man kosend mit der
Hand über den Einband hinfährt.
Unwillkürlich zieht es uns zu Vergleichen. Man denkt daran, was unsere
– angeblich so hochentwickelte – Zeit aus den Stammbüchern gemacht hat.
Sie führen gar nicht mehr den ehrlichen Namen »Stammbuch«. Bestenfalls
heißt es »Album«, ein Wort, das so gut wie gar nichts sagt. Aber es
kommt noch schlimmer. Denn »Poesie« leuchtets in Golddruck von dem
schäbigen Einband. Aber was darin steht, ist vielfach barbarische
Unkultur, und der abgedroschene Witz, auf die letzte Seite des Buches
den Vers zu schreiben:
Wer dich lieber hat als ich,
Der schreibe sich nur hinter mich!
gehört immer noch zu den besseren Einfällen.
Doch wir wollen gerecht sein. Die Stammbücher spielen bei uns auch
nicht entfernt die Rolle, die ihnen in früheren Jahrhunderten zukam. In
der Hauptsache stammen die Einträge ja doch nur von Kindern und jungen
Leuten, die noch nicht recht flügge geworden sind, allenfalls von
Lehrern und Geistlichen, die in Erfüllung einer Art von Berufspflicht
den Eintrag bewirkten. Wer einmal in hundert Jahren die Stammbücher
aus dem letzten Drittel des neunzehnten und dem ersten Viertel des
zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, der täte uns Unrecht, wenn er
unsern Kulturgrad nach diesen Büchern beurteilen wollte. Ganz so tief
sind wir im großen und ganzen denn doch nicht gesunken!
Fußnoten:
[2] Vergleiche die von Oskar von Hase verfaßte Denkschrift
»Breitkopf u. Härtel«, Verlag Breitkopf u. Härtel, I. Band,
S. 116.
[3] Vergleiche Band XIII, Heft 1/2, Seite 9 ff. der
Mitteilungen des Heimatschutzes.
[4] Näheres über Gottlob und Stenzel in der schon erwähnten
Denkschrift »Breitkopf u. Härtel«, I. Band, Seite 115 ff.
Unsere alte Linde
Von _Marianne Bieber_
In dem kleinen Orte Kleinolbersdorf bei Chemnitz fiel im Sommer 1923
die tausendjährige Linde am Kirchhof einem Sturme zum Opfer. Die
Pfarrerstochter, die im Schatten des Baumes aufgewachsen ist, widmet
dem untergegangenen Naturdenkmal ein Gedenkblatt.
Schon seit frühesten Kindheitstagen war sie uns eine liebe Freundin
– unsere alte Kirchhofslinde! Außerhalb des Friedhofes stand sie,
an der Umfassungsmauer und ihr Stamm bildete, völlig krumm gebogen,
– ob durch Alter oder durch Blitzschlag, war nicht zu ermitteln –
einen natürlichen Torbogen zum Friedhofseingange. Ihr Alter war nicht
festzustellen, die ältesten Dorfchroniken, die bis ins fünfzehnte
Jahrhundert zurückreichen, erwähnen schon ihr Vorhandensein, aber nie
ist darin der Tag ihrer Einpflanzung genannt. So zogen Jahrhunderte an
ihr vorüber, sie sah Geschlechter kommen und vergehen und blieb immer
die alte. Wenn an linden Sommerabenden die Dämmerung ihre zartvioletten
Schleier über die heimatlichen Fluren breitete und süßer Heuduft das
Tal durchwehte, dann huschten wir Geschwister oft zur alten Mauer.
Auf weichem Moospolster eng beisammenhockend, lehnten wir uns an den
breiten Stamm unserer alten Linde – drei Männer konnten ihn kaum
umfassen – und wenn unser Auge verträumt den goldenen Reflexen folgte,
die der letzte Schein der Abendsonne in die Fenster unseres Kirchleins
zauberte, lauschten wir dem Blättergesäusel. Oh, wir verstanden so
gut, was uns unsere alte Freundin erzählte. Führten doch der Anfang
und das Ende eines jeden Lebensweges durch den Bogen der alten Linde,
zum Anfang, wenn der zarte Täufling durchs Tor getragen ward, um im
Kirchlein durch die heilige Taufe ein junger Christ zu werden und am
Ende, wenn der müde Erdenpilger seine letzte Reise antrat.
Doch auch sonst war die alte Linde der Mittelpunkt des Dorflebens. Um
ihren Stamm tummelten sich die Dorfkinder mit Haschen und Versteckspiel
in frohem, jugendlichem Übermut und sorgloser Heiterkeit. Die
Konfirmanden schritten in feierlichem Zuge hindurch, um als erwachsene
Christen eingesegnet zu werden, um Kraft zu finden für den beginnenden
Ernst des Lebens. Aus den Kindern, die sich einst am Fuße der alten
Linde geneckt und gezaust hatten, wurden Leute und manchem erblühte nun
in ihrem Schatten beim silbernen Schein des Mondes das selige Glück der
ersten Liebe, und hatten sich zwei junge Herzen fürs Leben gefunden,
so schritten gar bald zwei Glückliche Hand in Hand unter der Linde
hindurch, um den Bund der Herzen im trauten Kirchlein durch Gottes
Segen zu weihen.
[Illustration: Dem Sturme zum Opfer gefallene tausendjährige Linde am
Kirchhof in Kleinolbersdorf bei Chemnitz]
So folgte ein Abschnitt des Lebens auf den anderen, bis dann der
letzte Weg herannahte. Manch ernster, stiller Zug ging durch das Tor,
tränenden Auges folgten wehe Herzen in verzweifeltem Schmerz dem Sarge,
der das Liebste für immer entführte zur letzten Ruhestätte. Die greise
Mutter, deren einziges Kind, die Stütze ihres Alters, der unerbittliche
Tod genommen, der gebeugte Witwer, der mit seinen jammernden Kleinen
das Grab der treuen Kameradin aufsuchte, die verzweifelte Braut, deren
blühendes Liebesglück des Todes eisige Faust unbarmherzig zerstörte:
sie alle gingen den Weg durch das Tor des treuen Baumes.
Als die schweren Kriegsjahre kamen, gingen tiefbewegte Menschen durchs
Lindentor, um im Gotteshause Schutz und Hilfe für teure Angehörige
zu erbitten, und in der folgenden Zeit ward mancher Kranz mit
Ehrenschleife hindurchgetragen, um der Nachwelt als Erinnerungszeichen
das Angedenken Eines wachzuhalten, der für das Vaterland sein Leben
dahingegeben. Es kam der Tag, an dem unsere liebe Glocke in früher
Morgenstunde ihren letzten Gruß durchs Dörflein hallen ließ. Groß und
klein stand unter der Linde, und manche stille Träne rann.
So teilte unsere alte Linde mit uns Freud und Leid; sie war uns allen
ans Herz gewachsen. Sie gehörte zu uns. Wie stolz waren wir, wenn
Schüler und Touristen auf der Wanderung unsern lieben Baum, das seltene
Naturgebilde, anstaunten und abzeichneten.
Längst schon bestand er nur noch aus geborstener Rinde, und es war ein
Wunder, daß er sich dennoch frisch erhielt, weiter grünte und blühte.
Sorgsam stützten wir den Hauptast, als sich Altersschwäche bemerkbar
machte, durch einen Pfeiler, und doch sollte der Tag kommen, an dem
unser treuer Baum, der fast ein Jahrtausend allen Stürmen getrotzt
hatte, morsch in sich zusammenfiel. Ein heftiger Wirbelwind knickte
eines Abends den Bogen, so daß nur noch ein trauriger Stumpf stehen
blieb, der wohl oder übel entfernt werden mußte. Wie groß war die
Bestürzung, als diese Botschaft durchs Dorf lief. Manches Auge wurde
feucht.
So ist mit unserm lieben Baum ein Zeuge vergangener Jahrhunderte
dahingesunken; aber in unseren Herzen wird das Gedenken an unsere treue
Lebensfreundin fortleben; Kindern und Kindeskindern werden wir noch
dankbar und stolz erzählen von unserer alten Linde.
Leineweber-Weihnachten auf der Neusorge vor fünfzig Jahren
Von _William Bergmann_, Sebnitz
Als ich im Jahre 1866 auf der Neusorge das Licht der Welt erblickte,
war _Sebnitz_ ein armes Weberstädtchen. Von seinen Weihnachtsfeiern
will ich erzählen.
Wenn der liebe Herbst herankam, die Abern – Kartoffeln klang fremd
– im Keller lagen, finstere Nächte begannen, die Erde in Dunkel zu
hüllen, dann leuchteten aus der Ferne die ersten Strahlen des kommenden
Weihnachtssternes in die Nacht. Jetzt begann die Zeit der seligen
Weihnachtsträume. Jeder Tag und jede Nacht wurden gezählt.
Die Anfangsvorbereitungen galten der Christmette, welche den Glanzpunkt
des Festes bildete. Wochenlang vorher fing man an, die Lichter zu
kaufen, die man zur Mette brauchte. »Pfenglichtel« hieß man sie damals,
die man nur nach und nach kaufen konnte, denn es gab weniger Pfennige
als heute. Die meisten Kinder – auch Erwachsene – hatten jedes einen
langen Nagel am Fenstergewändel, an welchem die Lichter aufgehängt
wurden, und zwar so, daß man sie durchs Fenster von außen sehen konnte.
Es wurde gewetteifert, soviel als möglich Lichtel zusammenzubringen,
und man war stolz und glücklich, wenn sich die »Globbe« vermehrte. Nun
ging es in die Nachbarschaft gucken. Siehe da: Der _Hillemann Emil_
hatte schon zwölf, ich erst acht, der _Schwach Karle_ hatte noch mehr,
aber der _Just Elwin_ hatte wieder weniger, das war ein Trost.
Die weiteren Vorboten kamen in Gestalt der _Zimmermann Karoline_,
_Funkhähnel Male_, _Adler Mine_ und _Pate Biesold_ seiner Mutter,
welche mit Pfefferkuchen in allen möglichen Farben, Figuren und Formen
hausieren gingen. Damit zu Weihnachten der nötige Vorrat da war, wurden
immer einige Stück gekauft und hingelegt.
Die Ausstellungen hatten begonnen. Man besichtigte bei Henkbäcken,
Hillbäcken, Krachbäcken, Heymannbäcken, Endlerbäcken, Laubnerbäcken,
Giebnerbäcken, Hochbäcken, wo ich Pfefferkuchen mit malen durfte, weil
seine Frau die Gruhnert Guste von der Neusorge war, mit Bewunderung
die Fenster mit den ausgestellten Männern, Frauen, Reitern usw. Die
schönsten Pfefferkuchen hatte der Güntherbäcke ...
Sorgenvolle Stunden bereitete die Ruprechtzeit. – Ob er heute
kommen wird? ... Da plötzlich schlug die Rute unbarmherzig an die
Fensterläden. – Der Ruprecht kommt! der Ruprecht kommt! – Vor Schreck
schleunigst alle unter die Leineweberstühle gekrochen und gebetet. –
Die Äpfel und Nüsse mußten in allen Ecken und Winkeln zusammengesucht
werden und wurden sofort verspult. Aus den leeren Nußschalen wurden
Schnepperchen gemacht, Zwirnsfäden drumgebunden und Holzspänel
hineingesteckt. Damit wurde bis Weihnachten geschneppert.
_Haufens_ Großer parierte immer nicht. Den hat der Ruprecht in den Sack
gesteckt und mitgenommen. Der hat aber gezappelt und gegorgelt ...
Das Ausschneiden der Modellierbogen spielte eine große Rolle. Es
entstanden Kirchen, Häuser, Burgen, deren Fenster mit buntem Papier
überzogen, durch Lichtel erleuchtet, einen herrlichen Anblick boten.
Zum Kammerfenster wurde jeden Morgen hinausgeguckt. Oh, es hat
geschneit! Diese himmlische Freude! Von diesem Tag an mußten alle
Pferde auf den Straßen Glockengeläut tragen, und dieser Klang läutete
in unsere Herzen die seligmachende, gnadenbringende Weihnachtszeit ein.
Während der Adventszeit erfüllte die Leineweberstube täglich der Gesang
der Weihnachtslieder: »Ehre sei Gott in der Höhe«, »O Tannenbaum, o
Tannenbaum«, »Ihr Kinderlein kommet« oder »Stille Nacht, heilige Nacht«
usw.
Der Vater ging jeden Sonntag in die Kirche und offenbarte zu Hause in
der Familie die Weihnachtsbotschaft, die er durch die Predigt vernommen
hatte.
Nicht unerwähnt soll bleiben, daß in den letzten Wochen in vielen
Geschäften die bunten Wachsstöckel in allen Größen ausgestellt waren,
welche hauptsächlich ein Geschenk für die Kundschaft bildeten. Große
Bewunderung riefen die Spielsachen bei Buchbinder Schuberts und bei
Eckböhmens hervor. Stundenlang wurden sie angestaunt.
Was nun den finanziellen Teil der Leineweber betraf, so konnte von
Reichtümern keine Rede sein. Der _dicke Haufe_, bekannt als der
fleißigste Leineweber von der Neusorge und Retschine, machte jede Woche
eine Werfte ab und verdiente fünf Taler. Die übrigen Leineweber, wie
mein Vater, brauchten ziemlich zwei Wochen dazu. Vor dem Abmachen mußte
gewöhnlich eine Nacht durchgearbeitet werden; denn Montag war öfters
blauer Montag. Die Woche vor dem Fest ging es natürlich feste Tag und
Nacht, damit Geld ins Haus kam. Als der heilige Abend herangekommen
war, gingen Vater und Mutter – Mutter mit dem Tragkorbe – in die Stadt
einkaufen. Der geheimnisvolle Bescherungsakt ließ dann nicht mehr
lange auf sich warten. Beim Onkel _Adolf_ horchten wir ungeduldig auf
das Zeichen. In Blitzesgeschwindigkeit war der Gabentisch gestürmt.
Nun wurde bewundert, probiert, gekostet, und es wurden die Häuflein
kritisch betrachtet, daß ja nicht eins mehr hatte als das andre.
Das Christgeschenk erhielt seinen Platz auf dem Längertüchel, das
nur Sonntags und Festtags den Leineweberstuhl zierte, oder auf der
Sitzebank.
Ins Bette wollte niemand gehen. Die Glocken tönten, die Mette wurde
eingeläutet. Der Höhepunkt war da. Alle Lichtel und Wachsstöckel wurden
mitgenommen und in langen Reihen aufgestellt. Tausende von Lichtern
erglänzten, und ein köstlicher Duft durchströmte die Kirche. Die alte,
in Fleisch und Blut übergegangene Bergsche Motette, das Mettelied,
verfehlte nicht ihre Wirkung und erfüllte alle Herzen mit heiligem
Zauber. Umfangen von reinster und seligster Weihnachtsstimmung gings
nach Hause.
Aus vielen Häusern leuchtete Kerzenglanz.
Im eisernen Ofen in der Mitte der Stube wurde Feuer gemacht und sich
drumgesetzt. Die Schmauserei ging los mit beneidenswertem Appetite so
lange, bis alles weg war.
Vom ersten Feiertag bis zum Hohen Neujahr zog alle Welt durch die
Stadt, um die Schattenspiele, Hirtenhäuser, Pyramiden, Sterne und
Christbäume – letztere waren damals noch nicht so Mode wie heute – in
Augenschein zu nehmen. Die Fensterläden waren natürlich alle offen. Bei
_Bauer Stohbachs_ war ein Krippel mit Springbrunnen aufgestellt, ein
Wunderwerk der ganzen Umgegend. Scharenweise standen die Leute vor dem
Fenster.
Wir zu Hause hatten das unbeschreibliche Glück, auch ein Krippel
zu besitzen, beweglich mit Handbetrieb. Alle Kinder der Neusorge
kamen und wollten die Leier leiern. Außer Joseph und Maria, die das
Christkindlein bischte, sah man die Weisen aus dem Morgenlande, Hirten
und Schafe. Auf zwei beweglichen Bahnen liefen durch die Häuserreihen
Figuren, deren jede einen Sebnitzer Namen bekommen hatte. – Achtung!
Jetzt kommt die _Hampel Hanne_, die _Bockmale_, die _Kahlguste_, die
_Krausenguste_, der _Franz vom Hofe_, der _Postelbatz_, der _dicke
Vollmann_, der _Bergmann Emil_, der _Lautevetter_, der _Hundehenke_,
der _Trampelhenke_, der _Bäumelhenke_, der _Nasenhenke_, der
_blecherne Hantzsch_, der _eiserne Hantzsch_, der _Kullrübentürke_,
der _Gückelpeschke_, der alte _Schleifer Hartmann_, der _Kätzrichter_,
_Budäus_ genannt, _Kacheltopp_, der _alte Knöfel_, der _alte
Mäuerschneiders Kitzwauwau_, _Türmelwirt_ und _Finkenritter_ usw.
So feierte man Weihnachten vor fünfzig Jahren.
Flurnamen im Dienste der Ortsgeschichte
Von _Oskar Merker_, Dresden
Lamprecht schreibt im dritten Bande seiner »Deutschen Geschichte«:
»Weit mehr als die Eroberung der Slawenländer im zwölften und
dreizehnten Jahrhundert erscheint ihre Germanisation als ein wahrhaft
erstaunlicher Vorgang: es ist _die_ Großtat unseres Volkes während
des Mittelalters.« Aber gerade diese Zeit ist noch voller ungelöster
Rätsel, vor allem deshalb, weil das wichtigste Mittel geschichtlicher
Forschung, die Urkunde, gerade für jene Zeit uns so gut wie im Stich
läßt. Und doch sind wir nicht so verlassen, wie es zunächst aussieht!
Meitzen sagt in seinem Werke über »Siedelung und Agrarwesen der West-
und Ostgermanen«: »In der Tat wandeln wir in jedem Dorfe gewissermaßen
in den Ruinen der Vorzeit, und zwar in Ruinen, die an Alter die
romantischen Trümmer der mittelalterlichen Burgen und Stadtmauern
weit hinter sich lassen. Bei jedem Schritt, überall in Hof und Feld
können wir Spuren der ältesten Anlage begegnen, und das Kartenbild der
Besitzungen ist eine eigenartige Schrift, die uns Ideen und Absichten
der Gründer wie in Hieroglyphen lesbar übermittelt«.
Diesen Gedanken wollen wir heute etwas nachgehen, und zwar vor allem
unter Berücksichtigung der Flur Schullwitz (östlich Dresden, südlich
Radeberg).
Schullwitz liegt am Schullwitzbache, einem rechten Nebenflüßchen der
Wesenitz. Die Gehöfte liegen auf der Höhe rechts und links des Baches.
Die Fluren ziehen sich in langen Streifen von jedem Gehöft nord- bzw.
südwärts. Also das typische Bild des mit Waldhufen ausgestatteten
Zeilendorfes – also: eine Gründung der Kolonisationszeit! Das Jahr der
Gründung nennt uns keine Urkunde. 1378 ist die älteste bis jetzt durch
das »Zinsregister von 1378« bekannte Jahreszahl[5].
Die Hufen mit der Richtung nach Süden enden am _Landraine_. Er
bildet nach Oberreit[6] die Grenze zwischen dem Amte Dresden, zu dem
Schullwitz gehörte, und dem Amte Lohmen. Parallel zu ihm, aber im
Norden durchzieht »die Straße« die Dorfflur. Nicht die Dorfstraße war
also die eigentliche Verkehrsstraße; schon daß die Dorfstraße mit dem
Dorf im Osten eigentlich aufhört, beweist dies. Die Straße im Norden
– noch heute wird sie nicht selten schlechthin »die« Straße genannt –
hat eine gar reiche Geschichte. Ich brauche nur die Namen aufzuzählen,
die sie im Laufe der Jahrhunderte geführt hat, um sie zu beleben: die
_Dreßnische Strasse_ – _Stolpischer Weg_ – _Hornstraße_ – _Poststraße_
– _Hohe Straße_ – aber auch: _alte Dresdner Straße_ – _alte Hornstraße_
– _alte Poststraße_ – _alte Hohe Dresdner Straße_: der Verkehr ist
abgelenkt auf die jenseits der Höhen geführte Bautzner Straße[7]!
Auf der Skizze habe ich nördlich der »Straße« den Namen »_Ameisenberg_«
eingetragen, zugleich die Dorfstraße mit diesem Ameisenberge verbunden.
Diese Verbindung führt nun heute noch den Namen _Viebig_, Viehweg. Die
Zeiten werden wieder lebendig, wo das Vieh zur Weide hinausgetrieben
wurde, hinaus zu dem der Allgemeinheit gehörenden Besitze, der
Allmende. Knothe sagt einmal, daß dieses Wort in der Lausitz nicht
festzustellen sei. Dr. Schoof hat sich nun mit diesem Wort eingehend
beschäftigt[8]. Er kommt zu dem Ergebnisse, daß das Wort »Ameisenberg«
unter volksetymologischer Anlehnung an mundartliche Formen für Ameise
aus jenem »Allmende« entstanden ist. Dann kennt aber auch die Lausitz
dieses Wort.
Ich habe nun auch das Sammelwerk der Luise Gerbing[9] durchgearbeitet.
Leider ist diese fleißige Sammlerin vollständig voraussetzungslos an
ihre Aufgabe herangetreten. Trotzdem wären wir glücklich, wenn wir
recht viele solcher Flurnamensammlungen hätten! Auch Sachsen braucht
noch viele Helfer!! – Aus der Sammlung der Luise Gerbing einige
Beispiele zu unserer Frage: Wie hat sich das Wort »Allmende« gewandelt?
In der Flur Emleben heißen Wiesen »die krummen Alken«, mundartlich »die
krummen Alten«, urkundlich 1453 »bie der krummen Almten, Almpten«; 1469
»in der krummen Almoten«; 1479 »in der krummen almeit«; 1492 »in der
almeth«; 1641 »in der krummen Alten«. Dazu steht die Bemerkung: »Eines
der seltenen Beispiele von Erhaltung des Almende-Namens im Gebiet. Die
betreffenden Flurstücke sind Gemeindewiesen.« In _einer andern Flur_:
»Die Alten oder Alken«, mundartlich die Alten, 1641 »uf der Alten«.
– Anmerkung: »Früher Gemeindeland.« Einer der wenigen im Gothaischen
erhaltenen Anklänge an »die Almende«. Noch ein drittes Beispiel: »Am
Falkenrode«; mundartlich »Dalkenrode«; »Wüstung«? Schade, daß die
Sammlerin nicht auch hierin das Wort Alke (D – alken – rode!) – erkannt
hat, sie hätte dann sicherlich wie bei so vielen ähnlichen Beispielen
»Gemeindeland« hinzufügen müssen. Und das ist das Wesentliche, daß
alle diese Fluren Gemeindeland sind oder doch gewesen sind. Auch für
unsere Flur Schullwitz trifft das zu. Der »Ameisenberg« liegt ja auch
an der Grenze des Gebietes, im ansteigenden, hügeligen Gelände. Den
entgegengesetzten Abhang besitzt die Gemeinde Weißig. Diese kennt nun
zwar anschließend an unsern »Ameisenberg« diesen Namen nicht, sie
spricht dafür aber von »Hutung vom Dorfe nach dem Gemeindebusche«[10].
Also auch hier wieder: Verbindung von Gemeindeland und Viebig, Viehweg!
Wenn wir nun in Schullwitzer Flur den Namen »_Alke_« lesen, so wird
wohl niemand mehr an die Dohle denken, die nach Lexer[11] und andern
mittelhochdeutsch alke geheißen hat, wir werden vielmehr sagen:
_Alke_ = _Ameisenberg_ = _Allmende_.
Und damit erweitert sich ungesucht der Gemeindebesitz im Grenzgebiete
der Flur! Daß noch das Kroki von 1835 Waldreste auch hier zeigt,
ergänzt diese Gedankenreihe.