Daß Reiboldt auch in den Kreisen der Leipziger Bürgerschaft verkehrt

hat, geht aus den Einträgen von Christoph Gottlob _Breitkopf_ (dem

schon erwähnten »_Bruder Gottlob_«) sowie seiner Schwester Konstantia

(von ihren näheren Bekannten meist »_Stenzel_« genannt) hervor.

Stenzel hatte seiner Zeit Goethes Vertraute bei seinem Liebeshandel

mit Kätchen (Annette) Schönkopf gespielt und ist von ihm in der »Laune

des Verliebten« verewigt worden, denn hinter den Schäfernamen dieses

Stückes steckt niemand anders als auf der einen Seite Goethe selbst

in seiner leidenschaftlichen Laune und das von ihm geplagte Kätchen,

und auf der anderen Seite die muntere Stenzel und Goethes übermütiger

Freund Horn. Stenzel hat sich im Jahre 1774 mit dem Dresdner Arzte

Dr. Oehme verheiratet[4]. Reiboldt, der sie offenbar noch von Leipzig

her kannte, hat sie, wie aus ihrem Eintrage hervorgeht, im Jahre 1776

in Dresden besucht. Dies und andere Umstände deuten darauf hin, daß

der Verkehr Reiboldts im Breitkopfschen Hause sich nicht bloß auf

gelegentliche Besuche beschränkt hat. Daß es auch damals noch lebhaft

im Hause Breitkopf zuging, berichtet der Musikschriftsteller Reichardt

im Jahre 1772:

»Das ansehnliche Breitkopfische Haus war ein sehr gastfreies, und

mancher Abend wurde da unter frohen Spielen und lebhafter, witziger

Unterhaltung durchlebt, bald mit Musik, bald mit sinnreichen und

lustigen Aufführungen dramatisierter Sprichwörter. Man erzählte damals

noch oft davon, wie Goethe wenige Jahre vorher in diesen Spielen

geglänzt habe.« –

Ob Reiboldt ein Autographenjäger gewesen ist? Fast könnte man es

vermuten, wenn man in seinem Stammbuch Einträge von _Lessing_,

_Goethe_ und _Ramler_ findet. Billigerweise werden wir uns aber sagen

müssen, daß die Bitte um einen Stammbucheintrag damals wohl auch dem

Fernerstehenden nicht unbedingt verdacht wurde. Lessing hat sich am

20. Februar 1775 eingezeichnet. Er hat damals auf einer Reise von

Berlin nach Wien in Leipzig Halt gemacht. Goethes Eintrag ist vom

31. März 1776. Er war damals von Weimar aus auf reichlich eine Woche

herübergekommen, um sein geliebtes Leipzig nach der Studentenzeit zum

ersten Male wiederzusehen. Wie dringlich es ihm mit diesem Besuche

gewesen ist, geht daraus hervor, daß er erst seit dem 7. November 1775

in Weimar weilte! Ramlers Eintrag ist vom 22. Juni 1776. Ramler (damals

Professor an der Kadettenanstalt in Berlin) galt als der Mann, der die

deutsche Sprache am besten beherrschte. Trotzdem hat er nichts Eigenes,

sondern einen Vers von Logau eingetragen. Lessings Eintrag ist ziemlich

farblos. Er lautet ins Deutsche übersetzt: »Besser keinen Freund als

einen oberflächlichen!« Viel bedeutsamer ist Goethes Eintrag: »Wer gern

zu tun hat, dem gibt Gott zu schaffen!«

Daß Reiboldt zu dem Goetheschen Eintrage durch die Familie Breitkopf

gekommen ist, halte ich nicht für unwahrscheinlich, denn Goethe hat bei

seinem Besuche in Leipzig den oft gegangenen Weg zum »Silbernen Bären«

sicherlich wiedergefunden. Die Einträge von Lessing und Ramler sind

vielleicht durch Weiße vermittelt worden.

* * * * *

Nach alledem werden wir annehmen dürfen, daß Christian Ferdinand von

Reiboldt am geistigen Leben seiner Tage einen mehr als gewöhnlichen

Anteil genommen hat. Er scheint aber auch ein Mann von gutem Geschmack

gewesen zu sein, wenn anders wir aus der _Gestaltung des Buches_ einen

Rückschluß auf die Gesinnung des Besitzers ziehen dürfen.

[Illustration: Abb. 1 =Titelblatt=]

Auf jeden Fall spricht das Buch für den hohen Stand, den das

Buchbinderhandwerk damals eingenommen hat. Solid und dabei doch

gefällig ist schon das lederüberzogene, zum Auseinanderziehen und

Ineinanderschieben eingerichtete Behältnis. Der Rücken dieses

Futterales trägt die Aufschrift »Stammbuch« und ist im übrigen so

gestaltet, wie es bei den gedruckten Büchern der damaligen Zeit üblich

war, so daß man das Stammbuch nicht nur auf den Tisch legen (wie

wir es mit dem sogenannten »Album« zu tun pflegen), sondern auch –

wohlverwahrt gegen Staub und Schmutz – in die Bibliothek neben andern

Büchern einstellen konnte. Und nun das Buch selbst. Der Einband besteht

aus rot und schwarz marmoriertem Pergament, dem reizvolle Goldornamente

aufgepreßt sind, aus denen auf der Vorderseite die Anfangsbuchstaben

des Namens, auf der Rückseite die Jahreszahl deutlich, wennschon nicht

aufdringlich, hervortreten. Klappen wir den Deckel auf, so finden wir

auf den beiden ersten Seiten an Stelle des Vorsatzpapieres einen Bezug

von zartblauer Seide. Dann folgt auf den beiden nächsten Seiten links

das Reiboldtsche Wappen, rechts der oben angeführte Titel, dessen

zierliche in lichtroter Farbe gehaltene Umrahmung mit den blauweißen

Wappenfarben gut zusammengeht.

[Illustration: Abb. 2 =Reiboldtsches Wappen=]

[Illustration: Abb. 3 =Allegorisches Wappen=]

Nun folgen dreihundertachtundfünfzig Seiten, von denen über dreihundert

beschrieben oder bemalt sind. Wenn die Einzeichner adligen Standes

waren, so ist auf der gegenüberliegenden Seite das _Wappen_ in bunten

Farben wiedergegeben. Ein Teil der Wappen ist von ebenderselben Hand

gemalt, die auch das Titelblatt hergestellt hat. Diese Wappen zeichnen

sich dadurch aus, daß sie in geschickter Weise in gekreuzte Palmen- und

Lorbeerzweige gebettet sind, die rechts und links um das Wappenschild

bis etwa zur halben Höhe herumgreifen; ein Schmuckgedanke, der sich bei

den Wappenabbildungen im achtzehnten Jahrhundert öfters vorfindet. Der

Maler, dem wir die Ausschmückung des Stammbuches verdanken, hat sich

auf einem der letzten Blätter eingetragen. Unter seinem Künstlerwappen

mit der Göttin Minerva, die eine Fahne in der Hand hält, stehen die

Worte:

Plauen, am 3. des Hornung 1774.

Auf gnädigen Befehl des Hochwohlg. Herrn Besitzers habe dieses

beifügen und mich zu Gnaden empfehlen wollen.

Christian Friedrich Zimmermann, Kunst- und Portraitmaler.

Unter den übrigen _Bildern_ zeichnen sich mehrere durch ihren

allegorischen (sinnbildlichen) Inhalt aus. Eines von ihnen soll

offenbar den göttlichen Schutz darstellen. Eine weibliche Gestalt

weist mit der ausgestreckten Rechten, in der sich ein Kreuz befindet,

einen neben ihr sitzenden Mann auf einen im Hintergrund stehenden

Tempel hin. Über dem Manne schwebt eine andere weibliche Gestalt,

die mit einem Schild einen aus den Wolken zuckenden Blitz auffängt.

Auf einem andern Bilde sieht man Herkules, der die Erdkugel an einem

Band über die Schultern gehängt hat und am Stamme einer Palme in die

Höhe klettert. Oben auf den Zweigen der Palme ruht eine zweite Kugel,

vielleicht die Himmelskugel. Auf der Rückseite finden sich die Worte:

»~Dat gloria vires~«, zu deutsch: »Der Ruhm verleiht Kräfte« oder

in diesem Zusammenhange: »Der Erfolg spornt uns an, immer höheren

Zielen zuzustreben«. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hinter diesen

Bildern freimaurerische Gedanken verborgen sind. Bis zum Erscheinen der

»Zauberflöte« waren nur noch einundeinhalb bis zwei Jahrzehnte.

* * * * *

Den Beschluß bildet ein vom Besitzer mit großer Gewissenhaftigkeit

angelegtes _alphabetisches Verzeichnis_ der Einzeichner. Man sieht,

welchen Wert er dem Buche beigemessen hat. Daß er sich auch in späteren

Jahren noch mit seinem Stammbuche zu beschäftigen pflegte, geht aus

vielen _Randbemerkungen_ hervor, in denen er sich über den Charakter

oder das Lebensschicksal des Einzeichners ausspricht. Da heißt es zum

Beispiel:

An ihm verlor Deutschland eines seiner seltensten

Originalgenies und ich einen wahren Freund; er starb an den

Blattern am ...

oder

starb in erbärmlichen Umständen und von jedermann verlassen im

Jahre 1797; allen Hagestolzen zum abschreckenden Beispiel.

Zu dem Eintrage Lessings hat der Besitzer vermerkt:

† den 15. Febr. 1781 im 52. Jahr zu Wolfenbüttel, wo ihm ein

Monument errichtet wurde, welches ich am 28. Sept. 1787 sah

und des großen Gegenstandes nicht würdig fand.

* * * * *

[Illustration: Abb. 4 =Allegorisches Bild=]

Von den zweihundertsechsundsechzig Einträgen sind

einhundertsechsunddreißig in deutscher und einhundertdreißig in

_fremder Sprache_ gehalten (also eine knappe Mehrheit für deutsch!),

und zwar sechzig in französischer, neunundfünfzig in lateinischer,

sechs in englischer, vier in italienischer und einer in griechischer

Sprache. Die sechs englischen Einträge weisen darauf hin, daß gerade

damals die englische Dichtkunst auf das geistige Leben Deutschlands

einzuwirken begann, nachdem bis dahin die klassischen Schriftsteller

und die Franzosen fast unumschränkte Herrscher gewesen waren. Die

französischen Einträge stammen in der überwiegenden Mehrzahl von

Personen adligen Standes (achtunddreißig); soweit dies nicht der

Fall ist (zweiundzwanzig), sind die Einzeichner meist weiblichen

Geschlechtes. Bemerkenswert ist, wie die Familie des Superintendenten

Dr. _Strantz_ in Plauen sich eingetragen hat. Der Herr Superintendent,

der den Besitzer des Buches getauft hat und sich als sein Beichtvater

bezeichnet, schreibt ein Psalmwort (Psalm 37, Vers 37). Dann folgt

seine Ehefrau Eleonora Charlotta Strantzin geb. Kleinhemplin mit einem

Verse in deutscher Sprache (von Brockes). Der älteste Sohn schreibt

einen lateinischen Vers (aus der Medea des Seneca); die beiden ältesten

Demoisellen Töchter schreiben französische Sprüche; dann folgt ein

jüngerer Sohn mit einem griechischen und die jüngste (der Schrift nach

kaum herangewachsene) Tochter mit einem deutschen Verse.

[Illustration: Abb. 5 =Eintrag Lessings=]

* * * * *

Die Einträge – es handelt sich meist um Verse, zum Teil aber auch um

Sinnsprüche in ungebundener Rede – stellen sich in der Hauptsache

als Zitate dar. Der Einzeichner hat den Eintrag also nicht selbst

entworfen, sondern von anderen Leuten erdachte und bereits

veröffentlichte Aussprüche benutzt. Als Quelle und Verfasser werden

unter anderen angegeben: Die _Bibel_, _Theognis_, _Cicero_, _Horaz_,

_Livius_, _Tibull_, _Seneca_, _Logau_, _Weise_, _Canitz_, _Brockes_,

_Haller_, _Friedrich der Große_, _Kleist_, _Gellert_ (von ihm findet

sich ziemlich viel), _Gleim_, _Uz_, _Zachariä_, _Giesecke_, _Cronegk_

(auch dieser wird öfters angeführt), _Wieland_, _Clodius_, _Jacobi_,

_Boileau_, _Voltaire_, _Young_, _Thompson_, _Pope_. _Klopstock_ ist

niemals als Verfasser ausdrücklich genannt. Ich nehme aber an, daß

verschiedene in seinem Geiste gehaltene Verse sich bei genauem Suchen

auf ihn zurückführen lassen.

Von besonderem Reiz ist es, den Grundgedanken nachzugehen, die in den

Einträgen zum Ausdrucke kommen. Wir gewinnen dadurch ein Spiegelbild

vom Seelenleben der damaligen Zeit.

_Lebensweisheit_ – zuweilen in etwas nüchterner Form – thront an erster

Stelle. Der Vater widmet seinem Sohne folgenden Eintrag:

Im Glücke niemals stolz, im Unglück edelmütig,

Den Freunden immer treu und gegen Feinde gütig,

Auch denken, was man sagt, und sagen, was man denkt,

Ist was ein treuer Sohn dem treuen Vater schenkt.

Ein alter kurfürstlicher Geheimer Rat, Carl Friedrich von Beust,

hält dem jungen Eigentümer des Buches folgenden Spiegel der

Kavalierstugenden vor:

~Les vertus nécessaires pour la perfection d’un gentilhomme

sont la prudence qui l’éclaire, la tempérance qui le rend

victorieux de la volupté, la vaillance qui lui fait mépriser

les périls, où il se faut exposer pour faire de belles actions

et enfin la justice pour lui faire rendre à un chacun ce qui

lui appartient et l’unir par ce nœud sacré avec les autres

hommes dans la société civile. C’est d’être~:

~Vir quadratus sine vituperio.~

Kürzer und einfacher sind folgende Lebensregeln:

Ein wahrer Menschenfreund bleibt weise, wenn er lacht, und

heiter, wenn er weint.

(Cronegk)

Wir wollen, Pilgrime der Erden,

Der kurzen Wallfahrt uns erfreun,

In unserer Jugend weise sein,

Um einstens im Alter recht fröhlich zu werden.

Einen alten Bekannten werden viele in den Gellertschen Zeilen finden:

Lebe, wie du, wenn du stirbst,

Wünschen wirst, gelebt zu haben.

Güter, die du hier erwirbst,

Güter, die dir Menschen gaben,

Nichts kann dich im Tod erfreun.

Diese Güter sind nicht dein.

Überhaupt bestätigt sich, daß _Gellert_ den überragenden Einfluß auf

die sittliche Bildung des Zeitalters behauptet.

Naturgemäß findet auch _Gottesfurcht_ verschiedentlich ihren Ausdruck.

Aber auch das Religiöse bewegt sich meist im Gedankenkreise der

Aufklärung. Von Herrnhuter Einfluß ist nichts zu finden. Von den

sogenannten »Pietisten« wird nur _Canitz_ (aus dem Freundeskreise

Speners) angeführt:

Hilf, daß ich wandeln mag, als brächt’ ein frommes Leben

Mir hier in dieser schon die Schätze jener Welt;

Dabei, Herr, wolltest du mir solchen Glauben geben,

Der sein Verdienst vor nichts und dich vor alles hält!

(Canitz)

Recht nüchtern muten uns auch die Verse an, in denen das Lob der

_Tugend_ gesungen wird:

Wird sie geliebt, so liebt sie wieder,

Erfreut den Geist, belebt die Glieder,

Bringt wahren Ruhm, versöhnt die Feinde,

Genießt das Glück der treusten Freunde,

Verjüngt das Alter, schmückt die Jugend:

die edle Tugend. –

Durch dich, o göttliche Tugend, durch dich nur können wir freudig

Das Meer des Lebens durchschiffen. Laßt diesen Pharus uns leuchten,

So sehn wir den Hafen des Glücks trotz Ungewitter des Zufalls,

Trotz aller Leidenschaft Sturm, der nur den Einlauf befördert,

So wird die Vorsicht uns weise, der Himmel uns gnädig bedünken.

(Kleist)

Neben den Altären der Tugend rauchen die Altäre der _Freundschaft_.

Ist doch das ganze Buch der Freundschaft gewidmet. Deshalb hat man ihm

folgenden Vers vorangesetzt:

Mensch, lerne doch dein Leben dir versüßen,

Und laß dein Herz von Freundschaft überfließen,

Der süßen Quelle für den Geist!

Sie quillt nicht bloß für diese kurzen Zeiten,

Sie wird ein Bach, der sich in Ewigkeiten

Erquickend durch die Seel’ ergeußt.

(Gellert.)

Mehr in der Tonart der »Empfindsamkeit« gehalten sind folgende Verse,

die zwar auch der Freundschaft gelten, in denen aber der Modeausdruck

»Sympathie« in erster Linie gebraucht wird:

Wen erhabene Sympathie,

Durch dein Band verbunden,

Deine Zauberstimme nie

Froh in Abendstunden

Hand in Hand und Brust an Brust,

Mit Empfindung grüßet,

Wem sie mit der reinsten Lust

Nicht die Zeit versüßet:

Der hat nur aus Eitelkeit

Musen Treu’ geschworen

Und von deiner Zärtlichkeit,

Freundschaft, viel verloren. –

Durch Sympathie will ich mit Dir

Das Glück der wahren Freundschaft singen,

Empfinden – und so wollen wir

Uns einst als Greise noch umschlingen.

Im scharfen Gegensatze hierzu steht die Äußerung eines bitteren

Spötters:

Maler, male mir den Jüngling, dessen Herz von Freundschaft glüht

Und gefühlvoll an den Busen seines einz’gen Lieblings flieht,

Wie er noch in späten Jahren dieses Feuer nährt! –

Du staunst und sprichst, dies sei original? –

Gut! _mal_ ihn mir einmal!

So wird mein Wunsch mir doch _gemalt_ gewährt.

Maler, male!

Den Ausgleich bildet der von Lessing geschriebene Spruch:

~Satius amicum habere nullum quam levem.~

Nach dem hohen Liede der Freundschaft erwarten wir das hohe Lied der

Liebe. Doch von Liebe ist bezeichnenderweise wenig die Rede, um so mehr

von _Empfindung_, damals gleichfalls ein Modeausdruck. Es heißt da zum

Beispiel:

Ein empfindungsvolles Herz und eine weisheitsbegierige Seele –

beides eine Welt voll Glück und Unglück! –

Stiller Freuden sich bewußt,

Mancher edlen Tat:

Dies sind Güter einer Brust,

Die Empfindung hat. –

Holder Zärtlichkeiten

Hohe Seligkeiten

Sind ganz ungemein.

Ihre schönsten Stunden

Wollen nur empfunden,

Nicht beschrieben sein. –

Freund, ein einziger Blick von einer Seele begeistert,

Die von der süßen Gewalt ihrer Empfindungen bebt,

Und ein Seufzer mit vollem Verlangen, mit voller Entzückung

Ausgedrückt auf einen zitternden, blühenden Mund,

Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge

Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert.

Etwas weniger klar ist der Ausspruch:

Empfindsamkeit ist das Genie zur Tugend.

Natürlich kann es im Zeitalter der Schäferspiele und Einsiedlerhütten

nicht an Sprüchen fehlen, welche die _Schönheit des ländlichen_, in

idyllischer Zurückgezogenheit verbrachten _Lebens_ preisen:

Nur der ist ein Liebling des Himmels, der fern vom Getümmel

der Toren

Am Bache schlummert, erwachet und singt. Ihm malet die Sonne

Den Ost mit Purpur, ihm haucht die Wiese, die Nachtigall singt ihm.

Ihm folget die Reue nicht nach, nicht durch die wallenden Saaten,

Nicht unter die Herden im Tal, nicht an sein Traubengeländer.

Mit Arbeit würzt er die Kost. Sein Blut ist leicht wie der Äther.

Sein Schlaf verfliegt mit der Dämm’rung, ein Morgenlüftchen

verweht ihn.

(Kleist.)

An klassische Vorbilder gemahnt:

Glücklich ist der, der, fern vom Altar der feilen Chikane,

Richter und Anwalt nicht kennt und seinen ruhigen Morgen

In dem Gefolge der Musen, von Würden verschonet, dahinlebt.

(Zachariä.)

Denselben Gedanken, nur ein bißchen mehr ins Spießbürgerliche

übertragen, bringt folgender, gleichfalls von Zachariä verfaßter Vers

zum Ausdruck:

Oh, wie beglückt ist der, der seinen Morgen braucht,

Und früh beim klugen Buch sein sichres Pfeifchen raucht,

Der Tee des Nachmittags, Kaffee des Morgens trinket

Und früh sein Mädchen sieht, wenn sie sich nicht geschminket!

Doch bald werden wir wieder zu höheren Schichten erhoben:

So wie ein Silberbach hinfließt,

Den keine Welle schlägt,

Wenn er sich sanft ins Tal ergießt,

Von keinem Sturm bewegt,

So sanft fließe auch deine Zeit

Durchs Tal des Lebens hin.

Mit Blumen sei dein Weg bestreut,

Stets fröhlich sei dein Sinn!

Der Naturbetrachtung ist ein Vers von Brockes gewidmet, der uns schon

wieder ins Gebiet des nüchternen Rationalismus führt:

Sag, o Mensch, auf welche Weise

Kann sich zu des Schöpfers Preise

Uns’re Seele schöner schmücken,

Als wenn wir von seinen Werken

Dadurch, daß wir sie bemerken

In den Geist ihr Bildnis drücken!

Aber gleich darauf kommen Verse, die Sonnenschein, Friede und süße

Lieder atmen:

Dein Leben gleiche dem Liede

Der Musen im Myrtenhain,

Es tanze dahin wie jugendlicher Friede

Im heitern Sonnenschein! –

Oh, laß beim Klange süßer Lieder

Uns lächelnd durch das Leben gehn

Und, sinkt die lange Nacht hernieder,

Mit diesem Lächeln stille stehn!

(Jacobi.)

Einen begeisterten Hymnus auf die _Musik_ stimmt der Organist Ernst

Friedrich Rösler in Plauen an. (Vielleicht hat er den jungen Herrn in

der Kunst des Flötenspieles unterrichtet):

Die Tonkunst macht die Freuden süße.

Sie kann die Schwermut selbst erfreun.

Sie macht entzückender die Küsse,

Den Scherz belebt und süß den Wein.

Das Gastmahl fliehn die Fröhlichkeiten,

Dem Freiheit und Musik gebricht,

Und bei dem Klange sanfter Saiten

Hört man der Narren Plaudern nicht.

Ein anderer wieder schätzt die Musik im Rahmen heiterer Lebenslust:

Ein fühlbar Lied, das Heinriettchen singt,

Hat mich oft zärtlich eingenommen.

Doch wenn mein Trinkglas dazu klingt,

So ist erst die Musik vollkommen.

Den _hübschen Kindern_ gilt mancher Vers:

Freund, wider eines Mädchens Reiz

Hilft weder Fürstenhut noch Kreuz. –

Wer glücklich leben will, der lebe so wie ich.

Ich lieb’ ein hübsches Kind

Und bleibe doch vor mich.

Ein Offizier schreibt:

Hübsche Mädchen sind erschaffen

Für Soldaten, nicht für Pfaffen.

Drum erwählt ich diesen Orden

Und bin ein Soldat geworden.

Ein weiterer Eintrag beweist, daß Logaus Vers

Wie kannst du weiße Lilien

Zu roten Rosen machen?

Küß’ eine weiße Galathee;

Sie wird errötend lachen

nicht erst durch Kellers »Sinngedicht« weiteren Kreisen bekannt

geworden ist. – An anderer Stelle finden wir ein eigenartiges Rezept

für die Behandlung heranwachsender Töchter:

Soll ein Mädchen lüstern sein,

Gebt ihr einen Wächter:

Die verbotne Frucht allein,

Reizet Evens Töchter.

Honigsüß wird der Genuß,

Wenn die Väter dräuen.

Und im Winkel schmeckt ein Kuß

Besser als im Freien!

Ein Studiengenosse streift das Gebiet der Eindeutigkeiten:

Ein schwarzes Auge, dessen Nacht

Nicht List noch Schalkheit fehlen.

Ein Mund für deinen Kuß gemacht,

Den Lieb und Scherz beseelen.

Ein Busen, halb dem Auge bloß,

Erobernde Gebärden,

Ein Körper – –

Hier überlasse ich Ihnen, welche Schönheiten usw.

Aber es gibt auch strenger Denkende:

Ein Stammbuch, Freund, soll, wie ich denke,

Ein heiliger Ort und keine Schänke,

Kein Sammelplatz von Zot und Wahnsinn sein.

Die Freundschaft stiftet sich hier Tempel und Altäre,

Nur reiner Weihrauch füllt der Göttin Atmosphäre,

Der Freund ätzt hier sein Bild in reinstem Marmor ein,

Und so wie dieses Bild muß seine Freundschaft sein.

Man frägt sich unwillkürlich, ob bestimmte Einträge im Stammbuch dem

Einzeichner Anlaß zu dieser Ermahnung gegeben haben. Im allgemeinen

war man ja damals nicht übermäßig prüde. Ich habe ein anderes

Stammbuch aus derselben Zeit gesehen, das wesentlich derbere Einträge

enthielt. Und dieses Stammbuch gehörte einem Theologen! Vielleicht

aber haben Einträge im Reiboldtschen Stammbuch gestanden, die über

das, was damals als zulässig galt, hinausgingen, und der Besitzer

hat diese Seiten nachträglich entfernt. Hierfür würde der Umstand

sprechen, daß mehrere Seiten fehlen, die – nach der Seitenbezeichnung

zu schließen – ursprünglich darin waren. Andererseits könnten es auch

leere Blätter gewesen sein, denn auch der jetzige Bestand weist eine

Anzahl unbeschriebene Seiten auf. Und hier erhebt sich die weitere

Frage, warum das Stammbuch vom Jahre 1778 an nicht mehr benutzt worden

ist. Erschien dem Besitzer nach seiner Rückkehr ins Philisterium die

Umwelt so öde und nüchtern, daß es ihn nicht verlockte, seinem neuen

Bekanntenkreise ein bleibendes Andenken zu sichern? Oder sollte er sich

grollend vor den Erscheinungen der neuen Zeit zurückgezogen haben? Der

Inhalt der Randvermerke spricht dagegen. Aus anderen Quellen habe ich

über sein späteres Leben nichts erfahren können, als daß er sich mit

Henriette Eleonore Sophie von Watzdorf vermählt hat und im Jahre 1799

als Amtshauptmann des Vogtländischen Kreises unter Hinterlassung von

sechs Kindern in Taltitz gestorben ist. –

Kehren wir zum Buche zurück! Es ist bezeichnend für den Geist des

Zeitalters, daß von Liebe zur Heimat oder von Begeisterung für das

Vaterland so gut wie niemals die Rede ist. Aber auch _Weltbürgertum_

wird nur einmal, und zwar in dem kurzen Wahlspruche »~Patria est,

ubi bene est~« (zu deutsch: Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland)

gepredigt. Hingegen findet das Ideal der _Freiheit_, das anderthalb

Jahrzehnte später so gewaltige Umwälzungen hervorrufen sollte, in

einigen der Einträge einen, wenn auch nur vorsichtigen Ausdruck:

Wer den Wert der Freiheit kennt,

Nimmt aus ihr die Lehre,

Daß, was die Natur vergönnt,

Unser Wohl vermehre.

Rückt das Ende nun heran,

Oh, so wird ein freier Mann

Andrer Welten Ehre. –

Der Wahrheit echter Freund haßt Stolz und Heuchelei.

Denkt von der Gottheit groß, von Menschen gut doch frei,

Traut nie zu kühn dem oft sich täuschenden Verstande

Und trägt auch nicht als Knecht des Aberglaubens Bande.

(Clodius.)

Im Gegensatz hierzu steht der Eintrag des Schwagers Heinrich Christian

August von Tümpling, der sich an das _Altüberlieferte_ hält:

Wir Kinder wollen’s so wie unsre Väter halten;

Treu, redlich, ohne Falsch, so hielten ’s auch die Alten.

Nüchterner Rationalismus und schwärmerische Sentimentalität hielten

sich – das geht auch aus unseren Einträgen hervor – im Zeitalter

des Rokoko die Wage. Aber es hatte sich auch schon ein drittes

gemeldet. Friedrich der Große hatte an die Pforten der Zeit geklopft.

_Mannesmut_, _Ehre_, _tätiges Leben_ wurden nun wieder erstrebenswert.

Auch dies hat seinen Niederschlag im Stammbuch gefunden:

Die Ehre kennt keinen Obern. Wer ihr zum Nachteil was gebeut,

Den fürchte nicht, wenn dich dein Leben zum Schutz der Ehre

nicht gereut.

(Logau.)

Das Genie ist ein mutig Pferd, geht immer seinen stolzen,

sichern Gang vor sich hin, sprengt weg über alles, was ihm im

Wege steht, über Gräben und Hügel, Felder und Gebüsch – wohl

ihm, wenn es nie zu kurz faßt! –

Wer gern zu tun hat, dem gibt Gott zu schaffen.

(Eintrag Goethes.)

Wer groß im kleinen ist, wird größer sein im großen.

(Haller.)

* * * * *

Wir haben uns bis jetzt in der Hauptsache mit dem Kern der Einträge

beschäftigt, mit den Aussprüchen in gebundener oder ungebundener

Rede, die der Einzeichner dem Besitzer des Buches als Geleitwort zum

bleibenden Andenken mit auf den Weg gab. Dazu kam die eigenhändige

Unterschrift und, wie wir gesehen haben, in einigen Fällen das Wappen.

Oft aber war auch noch anderes _Beiwerk_ vorhanden.

[Illustration: Abb. 6 =Eintrag Goethes=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 11-12 · 第 3 / 7 段